Das Kloster war einst wunderschön gewesen. Selbst jetzt, trotz jahrelanger Vernachlässigung, ist seine verblasste Pracht erhalten geblieben. Rissige Marmorböden reflektierten Streifen blassen Sonnenlichts, die durch zerbrochene Buntglasfenster fielen. Ivy kroch über alte Steinmauern und holte sich zurück, was die Zeit verlassen hatte.
Serafina stand mit klopfendem Herzen in der Mitte der zerstörten Kapelle.
„Das ist es“, flüsterte sie. Chloe sah sich nervös um.
„Ich mag diesen Ort nicht.
„Es fühlt sich an...“
„Falsch?“ Serafina nickte.
„Als ob uns jemand hier nicht haben möchte.“ Die alte Karte zitterte leicht in ihren Händen. Antonios blauer Kreis endete am Altar. Sie ging darauf zu und ihre Schritte hallten durch das leere Kloster. Nichts. Nur verwitterter Stein. Staub. Schweigen.
„Da muss doch etwas sein“, murmelte sie. Sie kniete nieder und ließ ihre Finger über den Sockel des Altars gleiten. Kalter Stein. Raue Kanten. Dann klicken Sie. Einer der Steine bewegte sich unter ihrer Berührung.
„Chloe.“
„Was?“
„Ich habe etwas gefunden.“ Gemeinsam schoben sie den losen Stein beiseite. Im Hohlraum versteckt war eine kleine Holzkiste, die in ausgeblichenes Tuch gewickelt war. Sein Messingschloss war längst verrostet. Serafina hob vorsichtig den Deckel.
Darin lag ein weiterer Umschlag. Ihr stockte der Atem. Auf der Vorderseite standen in Antonios unverkennbarer Handschrift nur drei Worte. Für meine Fina. Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Er wusste...“
„Er wusste, dass ich hierherkommen würde.“ Sie entfaltete den Brief.
„Meine liebste Fina“
„Wenn Sie dies lesen, ist meine größte Angst Wirklichkeit geworden. Ich wünschte, ich könnte alles erklären, aber die Wahrheit ist zu gefährlich, um sie aufzuschreiben. Vertraue dem Schlüssel. Beschütze ihn mit deinem Leben. Was auch immer passiert, lass dich von niemandem überreden, ihn dir auszuhändigen. Und denk daran ... "Nicht jeder, der ein Lächeln trägt, ist dein Freund, und nicht jeder Mann, den die Leute fürchten, ist dein Feind.“
„Verzeih mir.“
„Liebe immer“
„Papà.“ Ein Kloß bildete sich in Serafinas Hals. Bevor sie etwas sagen konnte, hallte ein lautes Krachen durch das Kloster. Die alten Holztüren wurden zugeschlagen.
Chloe wirbelte herum.
„Hast du das gehört?“ Schwere Schritte. Mehr als eine Person. Wir kommen näher. Serafina faltete den Brief schnell zusammen und steckte ihn neben dem Messingschlüssel in ihre Jacke.
„Da ist jemand.“ Vier maskierte Männer betraten die Kapelle. Ihre Stiefel knirschten über Glasscherben. Der Größte sprach zuerst.
„Schrei nicht.“ Chloe bewegte sich instinktiv vor Serafina.
„Was willst du?“
„Das Mädchen.“ Serafinas Puls beschleunigte sich.
„Du hast die falsche Person.“
„Nein.“ Sein Blick blieb in ihrer Tasche hängen.
„Wir haben genau das Richtige.“ Ein anderer Mann lächelte kalt.
„Der Schlüssel.“ Serafinas Finger schlossen sich instinktiv darum.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst.“
„Durchsuchen Sie sie.“ Alles geschah auf einmal.
„Lauf!“, rief Chloe. Serafina ergriff Chloes Hand und sie sprinteten durch einen Seitenkorridor. Hinter ihnen entstehen stampfende Schritte. Die Verfolgungsjagd hallte durch das verlassene Kloster. Sie rasten an zerbrochenen Statuen und eingestürzten Torbögen vorbei. Steinstaub erfüllte die Luft.
„Links!“, rief Chloe. Sie drehten sich scharf um. Eine umgestürzte Säule blockierte den halben Flur. Sie drängten sich gerade daran vorbei, als einer der maskierten Männer nach Serafinas Ärmel griff. Seine Finger berührten den Stoff. Sie drehte sich frei.
„Mach weiter!“, rief Chloe. Der Korridor öffnete sich zu einem alten, mit wildem Gras bewachsenen Hof. Einen hoffnungsvollen Moment lang glaubte Serafina, sie wären entkommen. Dann stellten sich ihnen zwei weitere maskierte Gestalten in den Weg. Sie waren umzingelt worden. Ein Mann stürzte sich auf Chloe. Sie stieß ihn so stark an, dass er rückwärts stolperte. Ein anderer packt Serafinas Handgelenk. Sie kämpfte mit allem, was sie hatte.
„Knie still!“, bellte er.
„Nein!“ Sie drückte ihren Absatz auf seinen Fuß. Er fluchte und lockerte seinen Griff. Sie zog sich zurück, aber eine andere Hand packte sie an der Schulter und warf sie gegen eine Steinsäule. Der Schmerz explodierte in ihrem Rücken. Der Messingschlüssel rutschte aus ihrer Tasche. Mit metallischem Klirren schlug es auf dem Boden auf und glitt über die abgenutzten Steine. Jedes Auge folgte ihm.
„Da!“, rief einer der Männer. Er stürzte daraufhin zu. Bevor er die Hand um den Schlüssel schließen konnte, ertönte eine ruhige Stimme durch den Hof.
„Lass es.“ Das einzelne Wort hatte eine so stille Autorität, dass alle innehielten. Ein großer Mann stand unter dem kaputten Torbogen. Perfekt geschnittener schwarzer Anzug. Dunkler Mantel. Stahlgraue Augen, die nichts verraten.
Hinter ihm verteilten sich mehrere gleichermaßen gelassene Männer und versperrten schweigend jeden Ausgang. Der maskierte Anführer runzelte die Stirn.
„Und wer bist du?“ Der Fremde antwortete nicht. Sein Blick wanderte zu Serafina. Sie war blass, atmete schwer und hatte eine Hand gegen die Steinmauer gedrückt, um sich zu stabilisieren. Erst dann blickte er wieder auf den Entführer.
„Du hast einen Fehler gemacht.“ Der Anführer lachte.
„Ich sehe einen Mann.“ Ein schwaches Lächeln huschte über das Gesicht des Fremden.
„Du hättest hinter mich schauen sollen.“ Endlich bemerkten die Entführer die anderen. Zu spät. Der Hof war umstellt worden. Einen Herzschlag lang rührte sich niemand. Dann brach das Chaos aus. Die maskierten Männer zerstreuten sich in verschiedene Richtungen und versuchten, die Linie zu durchbrechen. Dantes Sicherheitsteam fing sie mit disziplinierter Präzision ab. Innerhalb weniger Augenblicke erkannten die Angreifer, dass sie gefangen waren.
„Zurückweichen!“, rief ihr Anführer. Eine Rauchflasche klapperte über den Boden. Grauer Rauch waberte durch den Hof. Als die Sache klar wurde, waren die Entführer verschwunden. Es blieb nur Stille. Serafina starrte den Fremden an. Er ging auf den Messingschlüssel zu, bückte sich und hob ihn auf. Für einen kurzen Moment flackerte etwas über sein Gesicht.
Erkennung. Keine Überraschung. Erkennung. Er schloss seine Hand um den Schlüssel, bevor er auf sie zuging.
„Das hast du fallen lassen.“ Sie nahm es vorsichtig entgegen. Ihre Finger berührten sich. Seine Hand war trotz der kalten Luft warm.
„Wer bist du?“ fragte sie. Er hielt ihrem Blick stand. Einen langen Moment lang sagte er nichts. Dann antwortete er mit ruhiger, fester Stimme:
„Ich bin ein Mann, der deinem Vater etwas schuldet.
„Bevor sie eine weitere Frage stellen konnte, blickte er zum Klostereingang.
„Sie werden zurückkommen. „Seine Miene verhärtete sich.
„Und das nächste Mal werden sie dich nicht unterschätzen. „Serafina umklammerte den Messingschlüssel fester. Sie hat einen Hinweis gefunden. Stattdessen hatte sie einen Mann gefunden, der ihren Vater kannte … und Feinde, die bereit waren, sie zu entführen, um an einen Schlüssel zu gelangen, den sie immer noch nicht verstand. Der Wind trug die letzten Rauchspuren durch den zerstörten Hof.
Ein paar Sekunden lang bewegte sich niemand. Serafinas Puls donnerte immer noch in ihren Ohren. Sie konnte den Blick nicht von dem Mann abwenden, der vor ihr stand. Er war angekommen, als wüsste er bereits, wo er sie finden konnte. Als hätte er das erwartet. Chloe eilte an Serafinas Seite und nahm sanft ihren Arm.
„Bist du verletzt? "
„Mir geht es gut. "
„Du siehst nicht gut aus. "
„Mein Rücken tut weh…“ Sie zwang sich zu einem schwachen Lächeln.
„... aber ich werde überleben. "
Erst dann sprach der Fremde erneut.
„Du blutest. „Serafina berührte instinktiv die Seite ihrer Stirn. Ihre Fingerspitzen waren blutbefleckt. Sie hatte den Schnitt nicht einmal bemerkt. Einer der Männer hinter dem Fremden trat mit einem weißen Taschentuch vor. Bevor er es anbieten konnte, streckte der Fremde sein eigenes aus.
„Benutze das. " Sie zögerte. Alles an ihm warnte sie, vorsichtig zu sein. Sein teurer Anzug. Seine perfekt kontrollierte Stimme. Die Männer, die ihm ohne Fragen gehorchten. Nichts an ihm fühlte sich gewöhnlich an.
„Ich komme zurecht. „Sein Gesichtsausdruck verändert sich nicht.
„Ich habe nicht gefragt. „Aus irgendeinem Grund ärgerte sie das. Sie nahm trotzdem das Taschentuch.
„Danke. „Ein schwaches Lächeln erschien fast auf Chloes Gesicht. Zumindest hatte er Manieren. Der scharfe Blick des Fremden schweifte über den Hof.
„Sie waren keine Amateure. "
„Wissen Sie, wer Sie waren? ", fragte Serafina.
„Nein. "
„Aber ich weiß, was sie wollen. „Sein Blick wanderte kurz zu dem Messingschlüssel, den sie immer noch in der Hand hielt.
„Der Schlüssel. „Serafinas Griff wurde fester.
„Du hast es erkannt. „Stille.
„Das hast du“, wiederholte sie.
„Ich erkenne viele Dinge.
"
„Dann sag mir, was das öffnet. "
„Ich kann nicht. "
„Oder du nicht? " Ihre Blicke trafen sich. Keiner von beiden schaute weg. Luca beobachtete den Austausch mit wachsender Neugier. Nur sehr wenige Menschen forderten Dante Moretti heraus. Niemand hatte es jemals innerhalb weniger Minuten nach seiner Begegnung getan. Doch diese verängstigte junge Frau weigerte sich, nachzugeben. Schließlich sprach Dante.
„Je weniger du heute weißt...“
„... desto länger wirst du leben. „ Serafina runzelte die Stirn.
„Ich habe genug Rätsel gehört. „Sie trat näher.
„Mein Vater ist verschwunden. "
„Männer haben gerade versucht, mich zu kidnappen. "
„Und irgendwie kennst du den Schlüssel. "
„Fangen Sie an zu erklären. „Bevor Dante antworten konnte, kam einer seiner Sicherheitsmänner schnell näher.
„Chef. „Seine Stimme war leise.
„Wir haben etwas gefunden. „Er reichte Dante einen kleinen silbernen Gegenstand, der vom Boden des Hofes geborgen wurde. Es war ein Manschettenknopf. Mit dem Bild eines Wolfes eingraviert. Dantes Gesichtsausdruck verdunkelte sich fast unmerklich. Luca bemerkte es sofort.
„Du kennst dieses Symbol. „Dante schloss seine Hand um den Manschettenknopf.
„Ich hoffte, dass ich es nie wieder sehen würde. „Serafina hörte jedes Wort.
„Was bedeutet das? „Er sah sie an.
„Das bedeutet, dass dies viel größer ist als das Verschwinden Ihres Vaters. "
"Wer sind Sie?" „Anstatt zu antworten, stellte Dante eine eigene Frage.
„Hat Ihr Vater jemals einen Mann namens Vittorio erwähnt? " Sie suchte in ihrer Erinnerung. Langsam ... Sie schüttelte den Kopf.
„Nein. "
„Das habe ich nicht gedacht. „Chloe verschränkte die Arme.
„Sie stellen uns Fragen und weigern sich, unsere zu beantworten. "
"Genau." „ Dante sah sie mit stillem Respekt an.
„Du bist ein guter Freund. "
„Ich versuche es. "
„Dann halte sie in deiner Nähe. „Chloe blinzelte.
„Was? "
„Denn von diesem Moment an...“ Er blickte Serafina direkt an.
„Allein wird sie nicht sicher sein.“ „Die Worte verstummten schwer zwischen ihnen. Serafina atmete frustriert aus.
„Ich brauche keinen Leibwächter. "
"NEIN. "
„Du brauchst die Wahrheit. "
„Und du bist die einzige Person, die es zu haben scheint. „Zum ersten Mal, seit sie sich trafen, brach Dantes ruhiger Gesichtsausdruck ganz leicht zusammen. Nicht vor Wut, sondern vor Bedauern.
„Ich wünschte, das wäre wahr.“ Luca trat näher.
„Wir sollten gehen.“ Dante nickte einmal. Er griff in die Innentasche seines Mantels und holte eine Visitenkarte heraus. Kein Firmenlogo. Kein Titel. Nur ein Name. Dante Moretti: Und eine Telefonnummer. Er hielt es ihr hin.
„Wenn sich irgendetwas falsch anfühlt…“ Er hielt inne.
„Ruf nicht die Polizei.“
„Ruf mich an.“ Serafina starrte auf die Karte, nahm sie aber nicht sofort entgegen.
„Warum sollte ich dir vertrauen?“ Dantes Augen wurden für einen kurzen Moment weicher.
„Das solltest du nicht.“ Die Antwort überraschte sie.
„Noch nicht.“ Sie nahm die Karte langsam entgegen. Als Dante sich umdrehte, um zu gehen, erregte etwas in der Ferne seine Aufmerksamkeit. Frische Reifenspuren führen vom Kloster weg. Sein Kiefer spannte sich.
„Sie sind zu leicht gegangen.“ Luca folgte seinem Blick.
„Glaubst du, das war eine Ablenkung?“
„Ich weiß, dass es so war.“
„Wofür?“ Dante blickte zurück nach Serafina.
„Sie hätten nie gedacht, dass sie mit dem Schlüssel gehen würden.“
„Sie wollten nur eines bestätigen.“
„Was?“, fragte Serafina. Seine Stimme wurde fast zu einem Flüstern.
„Dass Antonio dir genug vertraut hat, um es zu verbergen.“ Ein Schauer lief ihr über den Rücken. Dabei habe es sich nie um eine willkürliche Entführung gehandelt. Jemand hatte sie beobachtet. Ich teste sie. Ich warte darauf, dass sie Antonios Geheimnis aufdeckt. Und jetzt ... Sie wussten, dass sie es getan hatten.
Weit hinter den Klostermauern, versteckt auf einem nahegelegenen Hügel, senkte eine einsame Gestalt ein Fernglas. Er lächelte, als Dantes Konvoi davonfuhr. Dann rief er an.
„Der Moretti-Chef ist ins Spiel gekommen.“ Eine Stimme antwortete vom anderen Ende.
„Ausgezeichnet.“
„Und das Mädchen?“ Der Mann blickte ein letztes Mal zum Kloster.
„Sie hat immer noch den Schlüssel.“ Ein leises Lachen hallte durch das Telefon.
„Gut.“
„Jetzt können wir beginnen.