Mag-log inKieran
Mein Arbeitszimmer fühlt sich an wie ein Käfig, ausgekleidet mit Samt und Missbilligung. Das Feuer knistert zu laut im Kamin. Jedes Knacken und Zischen ein Vorwurf. Draußen heult der Wind sein Klagelied um die Türme der Festung und antwortet dem Sturm, der sich in meiner Brust zusammenbraut.
Alexei Basov.
Sein Name sitzt mir wie eine Klette im Kopf. Lästig und unmöglich zu ignorieren. Seine tiefgrünen Augen mit diesem unverschämten Vergnügen darin haben sich hinter meine Lider gebrannt. Mein Anliegen bist du, hübscher Prinz. Allein bei der Erinnerung an diese Dreistigkeit tun mir die Zähne weh.
Ich gehe im Zimmer auf und ab. Auf dem dicken, handgeknüpften Teppich, den mein Vater für ein ruinöses Vermögen importieren ließ, sind meine Stiefel nicht zu hören.
Kontrolle. Dafür steht dieser Raum. Er ist das genaue Gegenteil der wilden, ungebändigten Energie, die Alexei mit in die Halle gebracht hat.
Er roch nach feuchter Erde und hemmungsloser Sexualität. Ein Geruch, der noch lange in der Luft hing, nachdem die Wachen ihn fortgezerrt hatten. Ein Störfaktor in der sterilen Vollkommenheit, die hier so sorgfältig gepflegt wurde.
Und ich habe ihn bleiben lassen.
Die Entscheidung liegt mir schwer im Magen. Ein Stein, versunken in aufgewühltem Wasser.
Vorlags zornverzerrtes Gesicht blitzt vor mir auf. Er gehört zu Redmaw! Wahnsinn! Verrat! In meiner Entscheidung sehen sie Schwäche. Genau wie in meiner Weigerung, das Rudel wie früher mit eiserner Faust zu führen.
Solange Ronan hier war, hat keiner von ihnen gegen meine Machtübernahme protestiert. Niemand hat sich beschwert, dass ich zu jung sei. Zu unerfahren. Zu nachsichtig.
Sie haben zu all meinen großartigen Plänen genickt. Und kaum hatte Blackthorns imposanter Anführer uns verlassen, begannen sie, in aller Stille meine Autorität zu untergraben.
Vielleicht haben sie recht. Vielleicht ist es Wahnsinn, Alexei Basov unter meinem Dach aufzunehmen. Ein kalkuliertes Risiko, das mir mühelos um die Ohren fliegen und Silvercrest mit in den Abgrund reißen könnte.
Er könnte ein Spion sein. Ein eingeschleuster Agent. Brannaghs raffinierteste Waffe, geschickt, um uns von innen zu destabilisieren. Die Geschichte, die er mir über seine Flucht vor einem tyrannischen Alpha aufgetischt hat … Sie ist plausibel. Sogar glaubwürdig. Aber Redmaws Wölfe sind Meister der Täuschung, groß geworden mit Entbehrung und Verrat.
Einem von ihnen zu vertrauen fühlt sich an, als würde ich freiwillig Gift schlucken und auf Immunität hoffen.
Und doch … ihn zu töten wäre falsch gewesen. Sinnlos. Eine Tat aus Verfolgungswahn, nicht aus Stärke. Ich weigere mich, mich von denselben Schatten beherrschen zu lassen, die Silvercrest jahrzehntelang das Leben abgewürgt haben.
Und dann ist da der andere Grund. Der, dem ich keinen Namen geben will. Der mir die Haut erhitzt und den Puls beschleunigt, sobald ich mir sein unverschämtes Grinsen vorstelle. Seine schiere körperliche Präsenz.
Diese unwillkommene, unbestreitbare Anziehung, wenn ein Alpha einen anderen erkennt. Selbst über feindliche Grenzen hinweg. Eine gefährliche Strömung, die mich hinabzureißen droht, ehe ich in diesen tückischen Gewässern überhaupt schwimmen gelernt habe.
Alphas sind nicht gerade füreinander geschaffen. Wir bestehen zu sehr auf Kontrolle. Sind zu impulsiv und zu aggressiv.
Ich bleibe stehen, stütze die Hände auf den kühlen Marmorsims des Kamins und starre in die Flammen. Was denke ich mir eigentlich? Ich habe nicht vor, mit ihm auszugehen.
Ich brauche Kämpfer. Ich brauche Informationen. Alexei könnte beides liefern. Falls er die Wahrheit sagt.
„Marcus“, rufe ich, gerade laut genug, dass meine Stimme nach draußen trägt.
Sofort öffnet sich die Tür, und mein Wachhauptmann tritt ein. Standfest und verlässlich, die Miene sorgfältig neutral.
Marcus ist einer der wenigen älteren Wölfe, die meiner Herrschaft eher … zurückhaltend als offen feindselig begegnen. Er hat meinem Vater gedient, aber ohne die kriecherische Unterwürfigkeit von Männern wie Vorlag.
„Alpha“, sagt er und senkt leicht den Kopf.
„Der Gefangene, Alexei Basov. Teile zwanzig deiner besten Männer für seine Bewachung ein. Zehn im Dienst, zehn in Ruhe. Rund um die Uhr. Er tut keinen Atemzug, ohne dass jemand davon weiß. Niemand betritt ohne meine ausdrückliche Erlaubnis sein Quartier. Niemand spricht mit ihm, außer um nötige Befehle zu erteilen. Verstanden?“
Zehn Wachen mögen übertrieben erscheinen. Aber Alexei ist ein Alpha, mächtig und offenkundig ein geübter Kämpfer. Um Ronan Vale zu überwältigen, bräuchten wir mehr als zehn unserer besten Männer. Ich werde einen anderen Alpha von ähnlicher Statur nicht unterschätzen.
„Verstanden, Alpha.“ Marcus hält meinem Blick ruhig stand. „Und wenn er zu fliehen versucht?“
Wieder sehe ich diese lachenden jadegrünen Augen vor mir. „Setzt ihn außer Gefecht. Tötet ihn nur, wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt.“
Marcus nickt einmal und nimmt den Befehl hin, ohne nachzufragen. Das kann er gut. Befehle ausführen, ohne dass die eigene Meinung ihm dabei in die Quere kommt. Nach dem ständigen Widerspruch meines sogenannten Rats ist das eine willkommene Abwechslung.
„Noch etwas“, füge ich hinzu und wende mich vom Feuer ab. „Ich will Vorlag und seinen Kreis beobachten lassen. Diskret. Halte fest, mit wem sie sprechen und wo sie zusammenkommen. Jede Andeutung von Auflehnung, jedes ungewöhnliche Treffen … Ich will davon wissen.“
Verständnis huscht über Marcus’ Gesicht. Er kennt Vorlag ebenso gut wie ich. „Wird erledigt, Alpha.“
Er geht und zieht die Tür leise hinter sich zu. Wieder bin ich allein mit dem Feuer und der Last meiner Entscheidungen.
Meine eigenen Ratsmitglieder beschatten zu lassen fühlt sich nach einer notwendigen Vorsichtsmaßnahme an. So wenig mir daran gefällt.
Vorlags offene Feindseligkeit ist eine Bedrohung, die ich nicht ignorieren kann. Wenn er mich für zu schwach hält, um zu führen, könnte er Unterstützer für eine Herausforderung sammeln. Oder, schlimmer noch, selbst Informationen an unsere Feinde weitergeben.
Ich reibe mir die Schläfen. Die Haut ist vor Anspannung ganz straff. Ein Rudel zu führen ist erschöpfend. Seine Bedürfnisse, die Forderungen des Rats und die allgegenwärtige Gefahr von außen gegeneinander abzuwägen … Und jetzt mischt auch noch die unberechenbare Größe Alexei Basov mit.
Die Unruhe lässt mich nicht los. Ich muss ihn noch einmal sehen. Nicht nur, um ihn weiter zu verhören, sondern um … ihn einzuschätzen. Um aus nächster Nähe zu prüfen, wie viel Bedrohung oder Potenzial in ihm steckt. Um mir zu beweisen, dass dieses kurze Interesse bloß ein Aussetzer war. Eine biologische Fehlfunktion. Weiter nichts.
Verglichen mit den Haupträumen der Festung sind die Mannschaftsunterkünfte im Westflügel karg. Steinwände, enge Gänge, der Geruch von altem Schweiß und geöltem Leder in der Luft. Ein Ort für Krieger, nicht für Höflinge.
Vor dem Raum, den man Alexei zugewiesen hat, stehen zwei Wachen kerzengerade. Als sie mich sehen, nehmen sie Haltung an.
„Hat er Schwierigkeiten gemacht?“, frage ich.
„Nein, Alpha“, antwortet der dienstältere Wachmann. „Er hat sich ruhig verhalten.“
„Öffnet bitte die Tür.“
Der Riegel wird zurückgeschoben. Das Schaben klingt laut in dem engen Gang. Ich trete ein und weise die Wachen an, draußen zu bleiben.
Der Raum ist klein. Darin stehen nur ein schmales Bett und ein grober Holztisch. Das einzige Fenster liegt hoch in der Wand und ist mit Eisen vergittert.
Alexei trägt keine Ketten mehr. Er lehnt an der gegenüberliegenden Wand, die Arme vor seiner mächtigen Brust verschränkt, und betrachtet mich mit derselben unerträglichen Unbekümmertheit.
Wie befohlen hat man ihm Kleidung aus Silvercrest gegeben. Sie sitzt schlecht, spannt über seinen Schultern und Oberarmen und lässt ihn irgendwie noch imposanter aussehen. Noch fremder hier.
„Willst du nach deinem neuen Haustier sehen, hübscher Prinz?“, fragt er gedehnt mit dieser tiefen Stimme, auf die mein Inneres vollkommen lächerlich reagiert. „Ich bin stubenrein, falls du mich mit auf dein Zimmer nehmen möchtest.“
„Ich bin hier, um Antworten zu bekommen“, sage ich und zwinge meine Stimme zur Ruhe. Ich gehe weiter in den Raum hinein und bleibe in gut einem Meter Abstand stehen. Bewusst lasse ich Platz zwischen uns. „Erzähl mir von Brannagh. Seinen Stärken, seinen Schwächen. Seinen Plänen.“
Alexei stößt sich von der Wand ab. Bei dieser Geschmeidigkeit fällt es mir schwer, mich auf etwas anderes zu konzentrieren.
„Pläne?“ Er lacht kurz und hart auf. „Brannagh plant nicht. Aus dem Schicksal unserer letzten drei Alphas hat er nichts gelernt. Seit dem Krieg gegen Blackthorn hat er keinen Finger für den Wiederaufbau gerührt. Ihn interessiert nur Rache. Seine Stärke ist seine Paranoia. Er sieht in jedem Schatten einen Feind, selbst in seinem eigenen. Seine Schwäche?“
Alexei bleibt direkt vor mir stehen. So nah, dass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um ihm in die Augen zu sehen. So nah, dass ich die Wärme spüre, die von ihm ausgeht. „Er hat nur dieses eine Ziel im Kopf. Das macht ihn berechenbar. Und verwundbar.“
Seine Nähe überwältigt mich. Mein Wolf sträubt das Fell, will ihn zurückstoßen und unmissverständlich klarmachen, wer hier das Sagen hat. Aber ich halte still. Ich werde ihm nicht zeigen, wie sehr er mich aus dem Gleichgewicht bringt.
„Und was hat er vor? Will er gegen Blackthorn vorgehen? Gegen uns?“
„Irgendwann will er gegen jeden vorgehen“, sagt Alexei. Für den Bruchteil einer Sekunde sinkt sein Blick auf meinen Mund.
„Er hält Ronan Vales Sieg über Holt für Glück. Einen Ausreißer. Er glaubt, Ronans Gefährtenband hätte Blackthorn geschwächt und das Rudel wäre leichte Beute. Und Silvercrest …“ Er beugt sich noch ein Stück näher, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Er hält dich für weich. Für leicht zu brechen.“
Es sind dieselben Zweifel, die mein eigener Rat hegt. Dieselben Befürchtungen, die mir durch den Kopf gehen. Ich presse den Kiefer zusammen. „Da irrt er sich.“
„Tut er das?“ Alexeis Augen funkeln. „Du hast mich am Leben gelassen. In deine Festung geholt. Einen Wolf, der Brannagh bis gestern die Treue hielt. Für deine Feinde sieht das nicht nach Stärke aus, Kieran. Es sieht nach Dummheit aus. Oder …“ Sein Blick wird nachdenklich. Beinahe vertraulich. „… nach Neugier.“
Mein Atem stockt. Jetzt kann ich ihn riechen. Diese verstörende Mischung aus Pech und Verlockung. Mein Körper reagiert gegen meinen Willen. Mein verräterischer Schwanz wird langsam hart.
„Meine Gründe gehen dich nichts an“, sage ich und trete zurück. Ich brauche Abstand zwischen uns.
„Gib mir etwas Handfestes, Basov. Truppenbewegungen. Versorgungswege. Irgendetwas, das beweist, dass du mir nicht nur nach dem Mund redest, um deine Haut zu retten.“
Alexei sieht mir beim Zurückweichen zu. Ein wissendes Grinsen spielt um seine Lippen. Er rückt nicht nach, sondern lehnt sich wieder an die Wand. Scheinbar entspannt, doch sein Blick bleibt wachsam.
„Brannagh verlegt seine besten Krieger an die Ostgrenze, nahe Blackthorns schwächster Stelle. Dort plant er einen Scheinangriff, um Vales Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Währenddessen umgeht seine Hauptstreitmacht die Stellung im Süden, durch die alten Bergwerksstollen. Er glaubt, Silvercrest von jeder Hilfe abschneiden zu können, bevor du überhaupt weißt, dass er kommt.“
Alte Bergwerksstollen? Mein Vater hat sie vor Jahren versiegeln lassen. Oder es zumindest behauptet. Wenn Redmaw einen Weg hindurch gefunden hat …
„Woher weißt du das?“, verlange ich zu wissen.
„Ich war vor zwei Tagen in seinem Kriegsrat“, sagt Alexei schlicht. „Ich habe die Befehle selbst gehört.“ Er hält kurz inne, dann fügt er hinzu: „Und ich habe die Karten gesehen.“
Es könnte immer noch eine Lüge sein. Eine Erfindung, die meine Leute Schatten hinterherjagen lässt, während Brannagh an einer anderen Stelle zuschlägt.
„Warum erzählst du mir das?“, frage ich. Mein Misstrauen ringt mit dem strategischen Vorteil, den diese Informationen bieten könnten. „Warum verrätst du deinen Alpha?“
Alexeis Gesicht verdüstert sich. Das Vergnügen verschwindet restlos. Zurück bleibt etwas Unverhülltes, Wildes.
„Das habe ich dir gesagt. Ich diene keinem Anführer, der seine eigenen Leute hungern lässt. Brannagh interessiert nur, wie andere ihn sehen. Er würde jeden Wolf in Redmaw opfern, wenn er dafür auf einem Haufen Knochen sitzen und sich den stärksten Alpha nennen könnte.“
Wieder begegnet er meinem Blick, seine grünen Augen eindringlich. „Anscheinend bist du anders. Ich würde zur Abwechslung gern für jemanden kämpfen, dem es sich zu folgen lohnt.“
Meine Gedanken wirbeln durcheinander. Wenn er die Wahrheit sagt, ändert das alles. Wir könnten Brannaghs Vorstoß zuvorkommen. Ihm eine Falle stellen. Aber wenn er lügt …
„Ich brauche Beweise“, sage ich angespannt.
Alexei lacht, diesmal ohne jede Spur von Belustigung. „Beweise? Sieh dich um, Alpha. Mein Beweis ist, dass ich hier bin. Bewacht. Dass ich mein Leben auf die Hoffnung setze, du könntest doch weniger nach deinem Vater kommen, als zu befürchten war. Was für Beweise brauchst du noch?“
Ich mustere ihn einen langen Moment. Die Stille dehnt sich. Die Hitze im Raum fühlt sich jetzt anders an. Nicht nur nach Anziehung, auch wenn die lästigerweise noch immer da ist. Da ist die schneidende, gefährliche Spannung kurz vor einem Wagnis.
„Gut“, sage ich schließlich. „Du bleibst eingesperrt. Aber meine Späher werden deine Angaben überprüfen. Wenn sie stimmen …“ Ich zögere. Dann lege ich mich fest. „Wenn sie stimmen, reden wir noch einmal. Darüber, welche Rolle du hier übernehmen könntest.“
Langsam kehrt Alexeis raubtierhaftes Grinsen zurück. „Ich freue mich darauf, Alpha.“ Wieder verweilt sein Blick auf meinem Mund. „Sehr sogar. Ich habe eine ganze Liste von Ideen. Ich bin ausgesprochen kreativ.“
Ich drehe mich um und gehe, bevor ich etwas Dummes tue. Ihm zustimmen zum Beispiel. Oder ihn küssen.
Als ich in mein Arbeitszimmer zurückkomme, ist das Feuer heruntergebrannt und wirft lange Schatten. Vielleicht ist es die Tat eines Narren, ihn bleiben zu lassen. Ihm auch nur so weit zu vertrauen.
Vielleicht aber auch die eines Alphas, der bereit ist, alles für die Aussicht auf eine Zukunft zu riskieren, die anders aussieht als die Vergangenheit.
In meine Beklemmung mischt sich ein seltsames Hochgefühl. Die Würfel sind geworfen. Jetzt muss ich abwarten, wie sie fallen. Und ob der Wolf, den ich gerade durch meine Tore gelassen habe, die Hand beißt, die ihn füttert. Oder die Feinde, die uns beide umkreisen.
AlexeiEinen Moment stehe ich einfach nur da und atme den zurückgebliebenen Hauch von Kieran ein. Kein wilder Geruch, wie ihn die meisten Alphas haben. Auch nichts Süßes, Verlockendes wie bei einem Omega. Er riecht sauber und herb, nach teurer Seife und der beißenden Klarheit einer Herbstnacht.Endlich weiß er, dass ich nicht gelogen habe. Er weiß, dass die Bedrohung real ist. Und vor allem weiß er, dass ich womöglich der Einzige bin, der ihm helfen kann, damit fertigzuwerden. Das Kräfteverhältnis hat sich verschoben, wenn auch nur ein wenig. Wir wissen es beide.Er vertraut mir immer noch nicht, aber daran arbeiten wir. Ich bin sehr beharrlich, wenn ich etwas ins Visier genommen habe, das ich will. Und den hübschen Prinzen will ich mit einer ziemlich kompromisslosen Verbissenheit.Ich schlendere zu seinem Schreibtisch und lasse die Finger über das polierte Holz gleiten, das noch warm ist, wo eben seine Hände lagen. Ich kann mir vorstellen, ihn darüberzubeugen und langsam von hinten z
KieranDer muffige Geruch alten Pergaments füllt das kleine Kartenzimmer neben der Waffenkammer. Ein enger, vergessener Raum, der kaum noch benutzt wird, seit mein Vater für seine Verkündungen die große Bühne der Haupthalle vorzog.Perfekt für ein Gespräch, das nicht durch die ganze Festung hallen soll. Erst ein paar Wochen im Amt, und schon halte ich geheime Treffen in staubigen Ecken ab. Ich mache mich hervorragend.Marcus legt den Bericht der Späher auf den schweren Eichentisch. Über seiner gewohnten stoischen Ruhe liegt etwas Düsteres. Ich streiche das Pergament glatt, und mein Blick bleibt sofort an den Skizzen neben der ordentlichen Schrift hängen.Ein Stiefelabdruck. Grobes Profil, abgelaufener Absatz, im erhalten gebliebenen Schlamm gleich hinter dem westlichen Stolleneingang gefunden. Redmaw-Ausrüstung. Geschätztes Alter: drei bis vier Tage, steht neben der Zeichnung gekritzelt. Mir stockt der Atem. Nach Alexeis Ankunft.Eine grob geschnitzte Knochenschließe, versehen mit Red
KieranMein Wolf läuft angespannt auf und ab. Seine rastlose Energie ballt sich tief in meinem Bauch. Er will handeln, will Gewissheit. Er hasst diesen Schwebezustand, hasst das Flüstern, das ich beinahe durch die dicken Steinwände hören kann. Weich. Töricht. Leichtsinnig. Das Echo meines Vaters, verstärkt durch meine Angst vor dem Unbekannten.Ich zwinge mich vom Fenster fort und zurück an den Schreibtisch. Strategie verlangt Präzision. Nicht diese hektische Unruhe unter meiner Haut. Eine Unruhe, die lästigerweise da ist, seit Alexei Basov zum ersten Mal die Festung betreten hat.Schon steht er wieder vor meinem inneren Auge. Lachende grüne Augen, unverschämte Selbstsicherheit. Sein langes Haar sieht so unpassend weich aus, dass ich ständig gegen den Drang ankämpfen muss, die Hand danach auszustrecken.Gereizt verscheuche ich das ungebetene Bild. Er ist eine Unbekannte in meiner Rechnung. Eine mögliche Waffe oder ein mögliches Minenfeld, mehr nicht. Meine Reaktion auf ihn ist reines
AlexeiEin weiterer Tag bricht an, aschgrau und öde hinter dem hohen, vergitterten Fenster.Korrektur. Er bricht nicht an.Das Licht, das in diesen Steinkasten sickert, ist trüb. Als wäre selbst die Sonne zu höflich, um sich in Silvercrests makellose Düsternis zu drängen. Götter, ich vermisse die Berge, den Wind, die ehrliche Brutalität von Redmaws Revier. Dort fühlten sich die Käfige wenigstens wie Käfige an und nicht wie … gepolsterte Wartezimmer.Ich habe die Steine in den Wänden gezählt – 1348 –, das Schnarchen der Nachtwachen erfasst – drei unterschiedliche Muster, eines klingt verdächtig nach einem erstickenden Dachs – und aus schierer, zermürbender Langeweile erwogen, mir selbst die Haare zu flechten.Ich hätte längst einen Fluchtversuch unternommen, wäre mein Ziel nicht genau hier. Wandert durch seine luxuriösen Hallen und tut so, als würde er nicht an den sexy Wolf denken, den er weggesperrt hat.Mein Wolf streckt sich rastlos unter meiner Haut. Er will auch raus. Will rennen
KieranDie Nacht geht in einen trüben frühen Morgen über, und in meinem Arbeitszimmer brennt noch immer eine einzige flackernde Kerze.An Schlaf war nicht zu denken. Sobald ich die Augen schließe, sehe ich entweder Alexei Basovs unverschämtes Vergnügen oder Vorlags kaum verhüllte Verachtung vor mir. Der eine bedroht meine Selbstbeherrschung, der andere meine Krone. Ein reizender Drahtseilakt.Ich stehe am Fenster und sehe zu, wie das erste blasse Licht über die Gipfel im Osten kriecht und die Unterseiten der Wolken violett und rosig färbt, wie verblassende Blutergüsse.Seit drei Wochen habe ich die Führung. Drei Wochen, in denen ich Löcher in einem sinkenden Schiff flicke, während die halbe Besatzung unter Deck von Meuterei murmelt. Mein Vater hat mir ein Erbe aus Angst und Fäulnis hinterlassen. Es zu beseitigen fühlt sich an, als wollte ich Schatten vom Stein schrubben.Alexeis Informationen über die Bergwerksstollen sind der erste konkrete Hinweis auf Redmaws mögliche Strategie, mit
AlexeiVier Wände aus Stein. Kalt und unverschämt sauber. Dieser kleine Kasten, den Silvercrest eine Zelle nennt, ist ein Witz gegen die Gruben, mit denen Redmaw für Disziplin sorgt. Keine Blutflecken, kein zurückgebliebener Angstgeruch, nur ein schwacher, steriler Hauch von Laugenseife. Verstörend. Eine Zivilisiertheit, die sich wie eine Lüge anfühlt. Sie haben mir sogar etwas zu essen gegeben, und zwar weit Besseres, als man mir in Redmaw je als gefeiertem Krieger vorgesetzt hat.Ehemals gefeiertem Krieger. Jetzt bin ich ein Verräter.Ich erhebe mich von der Pritsche, auf der tatsächlich eine saubere Matratze liegt, und strecke mich, bis meine Schultern gegen den Platzmangel protestieren.Draußen auf dem Flur drängen sich zehn Wachen vor meiner sogenannten Zelle. Vermutlich werden sie morgen früh von zehn ausgeruhten Männern abgelöst.Kieran Arnulf glaubt, er könne mich mit einer Übermacht in Schach halten. Niedlich. Er ist niedlich. Mehr als das, eigentlich. Man hat mir gesagt, er







