LOGINLyra
Ich habe noch nie ein so großes Haus gesehen.
Ich stehe wie versteinert am Eingang, der Mund leicht geöffnet, unfähig, einen Schritt weiter zu machen. Mein Blick haftet an der Decke, dem Boden, den Wänden, als suchte ich nach einem Riss, einem Hinweis, dass das alles nur ein Bühnenbild ist. Aber nein. Alles ist real.
Der Boden glänzt unter meinen Füßen. Aus weißem Marmor, durchzogen von goldenen Adern. So rein, so perfekt, dass ich Angst habe, ihn mit meinen abgetragenen Schuhen zu beschmutzen. Die Wände erheben sich hoch, in einem cremefarbenen Weiß, gesäumt von fein geschnitzten Holzverkleidungen. Und die Lüster… Herrlich. Kristallvorhänge, die das Licht einfangen und es in tausend Sterne um mich herum zerstreuen.
Ich wage es nicht, zu berühren. Ich wage es nicht, zu stark zu atmen. Ich habe das Gefühl, dass alles zusammenbrechen wird, wenn ich mich plötzlich bewege. Und dass ich dort landen werde, wo ich gestern noch war: in dieser grauen Gasse, dieser dreckigen Küche, diesem lichtlosen Leben.
— Komm rein, mein Schatz. Du bist jetzt zu Hause, murmelt die Frau an meiner Seite und legt eine sanfte Hand auf meine Schulter.
Zu Hause.
Diese beiden Worte schlagen stark in meiner Brust. Wie eine fremde Wahrheit, ein halb geflüsterter Traum. Zu Hause. Als hätte ich hier meinen Platz.
Ich mache einen Schritt, dann noch einen. Die Luft riecht nach Jasmin, Bienenwachs und altem Holz. Es ist ein warmer, umhüllender Duft. Ein Duft von Heimat. Viele Heimaten habe ich nicht gekannt.
Und dann sehe ich ihn.
Er steht im Wohnzimmer, die Arme verschränkt. Ein junger Mann, aber bereits von dieser Kälte geprägt, die diejenigen haben, die zu früh Verantwortung tragen müssen. Er fixiert mich. Ein grauer, fast metallischer Blick. Ruhig. Zu ruhig.
— Lucas, sagt die Frau mit sanfter Stimme, das ist deine Schwester.
Ich erstarrte. Er bewegt sich nicht.
Kein Wort. Keine Geste.
Er beobachtet mich wie ein Rätsel. Wie ein Puzzlestück, das man in ein altes Puzzle zwängen will. In seinen Augen ist etwas Distantes… und ein Bruch, den ich noch nicht verstehe.
— Lass dich nicht von seiner kalten Art täuschen, fügt sie mit einem leichten Lächeln hinzu. Lucas ist jetzt der CEO der Familie. Er hat das Büro verlassen, sobald er erfahren hat, dass man dich gefunden hat. Bei deiner Geburt war er so glücklich! Ihr wart unzertrennlich. Erinnerst du dich wirklich an nichts?
Ich weiß nicht, was ich antworten soll.
Erinnerungen habe ich. Aber verschwommen. Fragmentiert. Wie Glasstücke, die man versucht, verkehrt herum zusammenzufügen. Ein Lachen. Ein Garten. Eine warme Hand. Und dann… nichts mehr.
Ich zwänge ein Lächeln hervor. Ein schmerzhaftes Lächeln.
— Ich habe immer geglaubt, dass diese Bilder in meinem Kopf Träume sind… Eine Illusion, um dem Schmerz zu entfliehen.
Er zuckt zusammen. Ich sehe es. Ein Riss in der Maske. Ein Zucken. Eine Emotion.
Sein Blick verändert sich. Kaum merklich, aber genug. Als würde er mir zum ersten Mal zuhören.
— Was erinnerst du… dich? fragt er. Seine Stimme ist tief, aber schwankt leicht.
Ich schließe die Augen.
Und die Erinnerungen kommen zurück. Klarer. Wahrer.
— Es gab einen riesigen Baum im Garten… Wir hängten bunte Bänder auf, um Wünsche zu machen. Und einen Hund. Weiß. Er hieß Neige. Und… eine Holzhütte hinter den Büschen. Du hast gesagt, das sei unser geheimes Schloss.
Ich öffne die Augen.
Er hat seine geschlossen.
— Die Hütte… Ich habe sie letztes Jahr wieder aufgebaut. Einfach… für den Fall.
Ein Atemzug geht durch den Raum. Kein Wind. Ein Hauch von Leben. Wie etwas, das erwacht.
Ich möchte weinen. Aber nicht wie früher.
Keine Schmerzen. Kein Zorn.
Erleichterung.
Er legt eine Hand auf meine Schulter. Fest. Reserviert. Aber real.
Ein Anker.
— Ich werde dir morgen alles zeigen. Ruh dich heute Abend aus. Du musst erschöpft sein.
Das bin ich. Aber nicht nur körperlich.
Ich bin erschöpft vom Zweifeln. Vom Misstrauen. Vom Fliehen.
Mein Zimmer… ich zögere, es so zu nennen. Es ist ein Palast.
Schwere Vorhänge aus pflaumenfarbenem Samt. Ein riesiges Bett, bedeckt mit Kissen und einer flauschigen Decke. Ein Schminktisch aus lackiertem Holz, duftende Kerzen, Bücher ohne Ende. Sanfte, perlmuttartige Wände. Und ein kleiner Balkon, der auf den Garten führt.
Alles ist für mich gemacht.
Und ich verstehe nicht, warum.
Ich gehe zum Spiegel. Mein Spiegelbild überrascht mich.
Ein neues Kleid. Frisierte Haare. Ein fast erholter Teint.
Aber meine Augen…
Sie haben sich nicht verändert.
Darin sehe ich das Mädchen, das allein im Dunkeln weinte. Das sich versteckte, um zu essen. Das wie eine Last behandelt wurde.
Und plötzlich macht mir dieses Zimmer fast Angst.
Wie kann ein so ramponiertes Herz an einem so schönen Ort wohnen?
Ich setze mich auf das Bett. Und lasse die Tränen still fließen.
Ich weine nicht aus Traurigkeit.
Ich weine, weil ich verloren bin. Weil ich Angst habe, daran zu glauben. Und noch mehr Angst, zu sehen, wie das alles zusammenbricht.
— Warum ich? Ist das alles wahr? Oder nur eine Illusion? murmle ich.
Aber niemand antwortet.
Ich habe Angst. Angst, dass es ein Traum ist. Dass ich morgen dort aufwache, in der Dreck und dem Vergessen. Aber nein. Es ist die Realität. Ich bin hier. In diesem Palast. Ich muss daran glauben.
Lucas
Ich schlafe nicht.
Ich bin in meinem Büro, vor der Fensterfront, die Hände in den Taschen.
Ich habe alles für diese Familie gegeben. Um aufrecht zu bleiben, während meine Eltern zusammenbrachen. Um das Unternehmen am Laufen zu halten. Um das Andenken an eine Leere zu ehren.
Die, die sie hinterlassen hatte.
Und heute Abend ist diese Leere zu einer Präsenz geworden.
Sie ist hier. Sie ist zurückgekehrt.
Und ich kann sie nicht als Fremde sehen.
Weil sie von Neige gesprochen hat. Von der Hütte. Weil sie diesen Satz wiederholt hat…
Wir werden immer zusammen sein, einverstanden?
Ich dachte, es sei eine Lüge, die sich ein Kind erzählt, um zu überleben.
Aber sie erinnerte sich.
Ich habe sie lange angeschaut. Sie hat nicht mehr die gleiche Stimme. Nicht mehr den gleichen Körper. Aber sie hat diesen Blick behalten. Diese Mischung aus Hoffnung und Einsamkeit.
Und ich gebe mir hier und jetzt ein Versprechen.
Wenn sie wirklich zurück ist, dann werde ich sie beschützen. Auch wenn sie mich zurückstößt. Auch wenn sie mich hasst. Auch wenn ich alles dafür durchstehen muss.
Sie ist meine Schwester.
Und ich bin ihr großer Bruder.
— Willkommen zu Hause, Lyra.
LyraIch habe noch nie ein so großes Haus gesehen.Ich stehe wie versteinert am Eingang, der Mund leicht geöffnet, unfähig, einen Schritt weiter zu machen. Mein Blick haftet an der Decke, dem Boden, den Wänden, als suchte ich nach einem Riss, einem Hinweis, dass das alles nur ein Bühnenbild ist. Aber nein. Alles ist real.Der Boden glänzt unter meinen Füßen. Aus weißem Marmor, durchzogen von goldenen Adern. So rein, so perfekt, dass ich Angst habe, ihn mit meinen abgetragenen Schuhen zu beschmutzen. Die Wände erheben sich hoch, in einem cremefarbenen Weiß, gesäumt von fein geschnitzten Holzverkleidungen. Und die Lüster… Herrlich. Kristallvorhänge, die das Licht einfangen und es in tausend Sterne um mich herum zerstreuen.Ich wage es nicht, zu berühren. Ich wage es nicht, zu stark zu atmen. Ich habe das Gefühl, dass alles zusammenbrechen wird, wenn ich mich plötzlich bewege. Und dass ich dort landen werde, wo ich gestern noch war: in dieser grauen Gasse, dieser dreckigen Küche, diesem
KassandraIch habe nicht geschlafen.Ich bin da gelegen, auf dem Boden, mit brennenden Wangen und geballten Fäusten. Die Szene läuft in meinem Kopf in einer Schleife: Lyra, diese Undankbare, dieser Schatten, von dem ich immer dachte, ich könnte ihn kontrollieren, schlägt mir vor meinen Eltern ins Gesicht. Und jetzt… eine Frau in Perlen und hohen Schuhen, Bodyguards, ein Luxuxauto. Und Lyra, in seinen Armen.So kann es nicht enden. Nicht so.Also hebe ich den Kopf und schaue den Mann an, der in meinem miesen Wohnzimmer steht. Er hat diesen Blick, den Menschen haben, die kein „Nein“ tolerieren. Ich erkenne solche Männer. Sie besitzen alles. Und wollen alles.Aber ich kann auch spielen. Ich habe es immer gewusst.— Wenn Sie Lyra zurückbekommen wollen, flüstere ich mit der größten Ruhe, die ich vortäuschen kann, müssen Sie uns das Geld zurückzahlen. Zehnmal so viel, wie wir für sie ausgegeben haben. Nein, hundertmal.Meine Eltern zucken zusammen. Meine Mutter wirft mir einen schockierten
LyraDas Viertel stinkt nach Resignation.Die Wände sind von Schimmel überzogen, leprakrank, vom Zahn der Zeit geschwärzt. Die Fenster, mit Brettern oder Plastikplanen verbarricadiert, zittern im Wind. Bei jedem Schritt sinken meine Absätze in einen rissigen Asphalt, der mit schmutzigem Wasser vollgesogen ist. Aufgerissene Müllsäcke liegen vor den Treppenhäusern, und eine hungrige Katze schlüpft mir mit einem Miauen zwischen die Beine.Ich gehe weiter, den Blick gesenkt, die Gliedmaßen noch taub von jener Nacht, in der ich alles gegeben, alles verloren, alles zurückgewonnen habe.Ich steige die Treppen hinauf. Der Geruch von ranzigem Frittieröl, feuchter Wäsche und schlecht verdautem Zorn umhüllt mich sofort. Bei uns atmet nichts. Nichts leuchtet. Nicht einmal die Liebe.Ich öffne die Tür. Sie quietscht wie immer.Cassandre ist da. Sie sitzt auf dem alten braunen Sofa mit den zerrissenen Armlehnen, eine Tasse Kaffee in der Hand. Die Haare zerzaust. Wie eine Königin in einem verrottete
LyraIch weiß nicht, wann ich die Grenze überschritten habe. Ich weiß nicht, ob ich sie überschritten habe… oder ob er sie zu mir gezogen hat.Ich erinnere mich an seine präzisen, frechen, geduldigen Hände.An seine tiefe, bissige Stimme, die meinen Nacken wie eine Warnung streifte.An diesen Blick, der in meinen verankert war, der mir sowohl Verlust als auch Licht versprach.Die erste Berührung war sanft, fast respektvoll.Ein Finger, der der Linie meines Kiefers folgte, eine Handfläche, die auf meinen Rippen lag, als wollte sie mir die Knochen, die Risse zählen. Er hatte es nicht eilig. Er beobachtete mich. Kostete mich aus. Als wollte er meine Sprache lernen, die ich nie laut ausspreche.Dann kam er näher. Näher. So nah, dass sein Atem meinen eigenen zum Erröten brachte.Er sagte:— Du kannst immer noch gehen.Doch seine Hand hielt bereits meine fest.Und alles kippte.Er war nicht brutal.Aber er war auch nicht sanft.Er war alles, was ich befürchtet hatte: ganz, ganz bis zur Unsi
AlexandreSie fällt ohne Vorwarnung in meine Arme, wie ein Gewicht aus Seide, durchnässt von Fieber. Mein erster Reflex ist, sie wegzustoßen. Sie riecht nach Alkohol, Chaos, Dringlichkeit. Und doch bleibe ich hier. Ihr zerbrechlicher Körper schmiegt sich mit einer erschreckenden Vertrautheit an meinen. Ich sollte angewidert sein. Das bin ich. Aber nicht auf die gewohnte Weise. Nicht von der kalten Abscheu, die mir Frauen einflößen, die sich dem ersten reichen Mann wie Hündinnen in der Hitze an den Hals werfen. Sie ist etwas anderes. Ich sehe sie zum ersten Mal wirklich. Und ich bleibe stehen. Dieses zu brave Kleid für diese Bar. Dieses ungeschickte Make-up. Dieses zerzauste, fast kindliche Haar. Und dieser Blick… Mein Gott. Dieser Blick. Verschwommen vom Alkohol, aber nicht leer. Ein Blick, der fleht, der einen Anker sucht. Eine letzte Chance, etwas zu fühlen. Anders gesehen zu werden. — Du bist wirklich schön, murmelt sie, während sie meinen Kragen packt, mit einer matschigen Stimme.
LyraAlles hatte vor ein paar Stunden begonnen. Ich war hastig aus Rafael's Wohnung gerannt, meine Schuhe in der Hand, das Herz durcheinander, die Augen geschwollen vor Wut. Mein Telefon vibrierte immer noch, aber ich konnte seine Nachrichten nicht mehr lesen. Es gab nichts mehr zu retten. Weder uns noch diese Lüge, die er Liebe nannte. Ich hatte lange, ziellos im Kälte umhergeirrt, bis Cassandre mich anrief. Als wüsste sie es. Als würde sie auf mich warten. — Ich bin in der Stadt, hatte sie gesagt. Komm. Ich lade dich auf einen Drink ein. Du musst deine Gedanken ändern, kleine Schwester. Kleine Schwester. Das hatte sie nie gesagt. Dieses Wort hatte in der Luft geknallt wie eine Falle. Ich hätte misstrauisch sein sollen. Aber ich war zu zerbrochen. Zu allein. Also sagte ich ja. Die Bar wirkte unwirklich, wie eine zu grelle Filmszene. Cassandre empfing mich mit einer schnellen, fast aufrichtigen Umarmung. Sie trug ein schwarzes Satin-Kleid, schlicht aber provokant, und Ohrringe,







