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Kapitel 5 — Das Blut der Stille

last update Last Updated: 29.01.2026 23:58:17

Danke

Ich sage nichts.

Kein Wort, kein Seufzer. Nicht einmal eine Träne.

Er bringt mich zu meinem schwarzen Auto, leise, warmes Leder, der Motor schnurrt sanft. Die Fenster sind getönt. Die Welt bleibt draußen.

— Wenn du irgendetwas brauchst… ruf mich an.

Er reicht mir eine Karte. Mattes Papier, gebrochenes Weiß, schlicht und fast feierlich. Eine goldene Initiale. Eine Telefonnummer. Nichts weiter. Kein Name. Nur ein schwebendes Versprechen.

Ich nehme sie, als würde ich ein Seil am Rand des Abgrunds greifen.

Er küsst mich nicht. Er berührt mich nicht. Er hält mich nicht auf.

Er sieht mich lange an, als würde er mich wirklich sehen, mich, in dem, was ich niemandem zeige. Sein Blick durchdringt mich, lässt mich nackt, und seltsamerweise macht es mir keine Angst.

Ich steige in mein Auto. Ich starte. Meine Hände zittern kaum, ich fahre.

Die Stadt ist eine Folge von verschwommenen Lichtern, fleckigen Neonlichtern, Silhouetten, die zu laut lachen. Ich höre nichts. Ich schwebte. Ich gehe, ohne wirklich voranzukommen.

Als ich vor dem Haus ankomme, steht das Tor einen Spalt offen.

Immer diese Nachlässigkeit. Dieses Laisser-faire, das mehr sagt als Worte. Ich bremse sanft, schalte den Motor aus. Und bleibe dort. Einige Sekunden. Einige Herzschläge.

Das Licht unseres Zimmers ist an. Ein sanftes Licht. Intim. Nachdenklich. Vorbereitet.

Ich steige aus dem Auto. Keine Tasche. Kein Telefon. Nichts in den Händen. Nur die Karte in meiner Tasche und das Gewicht meines Bauches, das mich daran erinnert, dass ich noch lebe.

Ich öffne die Tür.

Der Geruch trifft mich zuerst. Eine Mischung aus süßem Alkohol, weiblichem Parfüm, Schweiß. Aber vor allem… mein Parfüm. Das, das ich heute Morgen getragen habe. Das, das sie kennt. Das, das sie gestohlen hat.

Ich gehe die Treppe hinauf. Langsam. Jede Stufe ist ein Schlag. Eine Ohrfeige. Ein Aufstieg zur Hölle.

Und ich öffne die Tür.

Geräuschlos. Ohne Wut. Einfach… ich öffne.

Sie sind da.

Meine Schwester. Mein Mann. Nackt. Umarmt. Aneinandergeklebt. Sie auf ihm. Er in ihr.

Sie lacht. Ein Kehllachen. Ein Siegeslachen.

— Schau mal… die heilige Gracias.

Ihre Stimme knallt. Keine Scham. Kein Bedauern. Nur diese reine, grausame Provokation, die sie seit jeher kultiviert. Ich sehe ihre Brüste wippen. Ich sehe meine Kette zwischen ihnen. Ich sehe alles.

Er bewegt sich nicht. Er seufzt. Genervt. Als wäre ich ein Störfaktor.

— Hast du deine Schlüssel vergessen? Was willst du jetzt?

Er versteckt sich nicht einmal. Er bleibt faul liegend, den Arm um ihre Taille gelegt.

Ich sage nichts.

Mein Blick wandert über die zerwühlten Laken. Das sind meine. Ich habe diese Laken gestern gewaschen. Ich habe dieses Zimmer parfümiert. Ich habe seine Hemden in dieser dichten Stille gebügelt, dieser Stille, die mich jeden Tag ein wenig umbringt.

— Was hast du gedacht, Gracias? Dass du ihn mit einem Baby halten könntest? Dass du die gute Ehefrau spielen könntest, während er sich zu Tode langweilt?

Es ist wieder sie. Sie redet zu viel. Immer. Und jetzt genießt sie jede Silbe.

— Du tust mir leid. Wirklich. Du hast dich seit der Schule nicht verändert. Immer brav. Immer naiv. Immer bereit, gefressen zu werden.

Ich stehe da.

Ich schaue sie an.

Ich weine nicht.

Ich lächle sogar. Ein verzerrtes, schneidendes Lächeln.

— Ihr seid perfekt füreinander.

Er grummelt. Er setzt sich schließlich auf und sucht vage nach einem Laken. Aber er sagt nichts. Er leugnet nichts. Er fordert mich nicht einmal auf, zu gehen.

— Willst du hier schlafen? fragt sie, falsch sanft. Willst du dich uns anschließen? Es ist noch etwas Wein in der Küche.

Und sie bricht in schallendes Lachen aus. Ein schrilles, hässliches Lachen. Die Art von Lachen, die sicherer zerstört als ein Schrei.

Ich schließe die Tür. Sanft. Ein kurzer Klick.

Ich gehe wieder nach unten.

Ich renne nicht. Ich zittere nicht. Ich bin leer. Eiskalt. Gefroren in etwas, das ich nicht erkenne.

Ich gehe zum Gästezimmer.

Ich bin seit Monaten nicht mehr dort gewesen.

Ich öffne es. Der Geruch ist neutral. Hier ist nichts. Keine Geschichte. Keine Erinnerungen. Nur ein Bett, zugezogene Vorhänge, ein leeres Schrank.

Ich setze mich. Mechanisch. Die Hände auf den Knien. Wie ein bestraftes Kind. Ich bleibe aufrecht. Der Rücken angespannt.

Dann hole ich die Karte heraus. Die des Unbekannten. Des einzigen, der mich heute Abend ohne Verachtung angesehen hat.

Ich lege sie sanft auf den Nachttisch.

Wie eine letzte Note Musik vor der Stille.

Ich lege mich hin. Ich schließe nicht die Augen. Ich schaue an die Decke, weiß, unpersönlich. Sie verurteilt mich nicht. Sie beschuldigt mich nicht. Sie ignoriert mich. Und das ist immer noch das Sanfteste, was mir heute angeboten wurde.

In meinem Bauch bewegt sich etwas. Eine Präsenz. Eine Gewissheit.

Ich bin in Stücke zersplittert.

Aber da ist das. Dieser kleine Schlag.

Dieses Leben. Diese Erinnerung.

Und ringsum, in diesem Haus, das nicht mehr mir gehört…

das Blut der Stille.

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