LOGINManche Legenden werden geboren. Andere wachsen Flügel.Seit Jahrhunderten leben die Einhörner verborgen vor den anderen magischen Völkern. Doch als die wunderschöne Einhornfrau Lyriana erfährt, dass ihr Volk vom Aussterben bedroht ist, trifft sie eine mutige Entscheidung: Sie verlässt die Sicherheit ihrer Heimat und wagt sich in die verbotenen Länder jenseits der Silberwälder.Als sie ihre Heimat verlässt, ahnt sie nicht, dass ein einziger mutiger Schritt ihre Magie für immer verändern wird. Was beginnt als Flucht vor dem Untergang ihres Volkes, wird zum Auslöser einer uralten Prophezeiung – und zu einer Verwandlung, die niemand für möglich hielt.Zwischen verborgener Magie und gefährlichen Reichen begegnet sie drei Männern, die ihr Schicksal unwiderruflich verknüpfen: dem feurigen Drachen Kael Draven, dem wilden Werwolf-Alpha Ronan Blackfang und dem geheimnisvollen Flügelträger Cassian Vale.Zwischen verbotenen Anziehungen, rivalisierenden Kräften und einer erwachenden Dunkelheit muss Lyriana lernen, wer sie wirklich ist.
View MoreLyriana hatte gelernt, dass Stille nicht Frieden bedeutete.
Im Hain der letzten Einhörner war Stille ein Versprechen – und eine Lüge zugleich. Zwischen silberblättrigen Bäumen, deren Rinde wie gefrorene Mondstrahlen schimmerte, lebten sie verborgen vor der Welt. Ein Ort außerhalb der Zeit, geschützt durch alte Magie, die älter war als Erinnerung und schwerer wog als Blut. Doch diese Magie war nicht mehr heilend. Sie war bindend. Und sie war sterbend. Lyriana stand am Rand des Lichtkreises, wo der Schutzzauber des Hains begann. Dort, wo die Luft immer ein wenig kühler war, als würde die Welt dahinter bereits vergessen haben, wie Wärme sich anfühlte. Ihr Horn glomm schwach im Morgenlicht – nicht mehr strahlend wie bei den Ältesten, sondern unruhig, als würde es auf etwas reagieren, das sie selbst noch nicht verstand. Es war klein für ein Einhornhorn, zart geschwungen, fast wie ein unvollendeter Gedanke aus Licht. Ihre Haare fielen in langen, endlosen Strängen über ihre Schultern, silbrig-weiß mit einem Schimmer von Gold, der sich je nach Stimmung veränderte. Die Ältesten sagten, das sei ein Zeichen von „Unreife der Seele“. Lyriana wusste, dass es etwas anderes war. Etwas, das sie nicht benennen durfte. Hinter ihr raschelte es. „Du stehst wieder an der Grenze.“ Die Stimme gehörte ihrer Mutter, Seraphine. Sie sprach leise, aber mit dieser müden Strenge, die aus Jahren des Wartens geboren war. Lyriana drehte sich nicht sofort um. „Ich schaue nur“, sagte sie. „Du schaust schon seit Jahren“, erwiderte Seraphine. „Und jedes Mal gehst du ein Stück näher.“ Seraphine trat neben sie. Ihr Fell war von einem reinen, fast schmerzhaft weißen Ton, und ihr Horn war voll ausgebildet, kräftig und leuchtend. Doch ihre Augen wirkten erschöpft. Als hätten sie zu viel gesehen und zu lange gehofft. „Die Grenze ist kein Ort, Lyriana“, sagte sie. „Sie ist eine Entscheidung.“ Lyriana schwieg. Hinter Seraphine trat ihr Vater hervor, Aurelian. Er war größer als die meisten Einhörner, sein Körper kraftvoll, seine Haltung stets wachsam. Wo Seraphine die Bewahrerin war, war Aurelian der Schild. „Die Ältesten beraten heute Nacht erneut“, sagte er. „Es wird über die letzte Linie gesprochen.“ „Die letzte Linie“, wiederholte Lyriana leise. Das klang immer wie ein Urteil. Aurelian nickte ernst. „Der Fluch bewegt sich schneller.“ Bei diesem Wort wurde die Luft schwerer. Fluch. Lyriana kannte ihn nicht aus eigener Erinnerung, sondern aus Geschichten, die sich anfühlten wie Narben in der Sprache. Der Fluch der Zerstreuung. Vor Jahrhunderten war er über die Einhörner gekommen – nicht als Feuer, nicht als Krieg, sondern als langsames Vergessen. Er begann mit den Jungtiere, die nicht mehr richtig geboren wurden. Ihre Hörner wuchsen schief oder gar nicht. Dann kamen die Erwachsenen, deren Magie sich nicht mehr verband, sondern zerfiel, sobald sie sie teilten. Einhörner lebten von Verbindung. Von Reinheit der Absicht, von geteilter Lebensenergie, von einem uralten Kreislauf aus Geben und Empfangen. Der Fluch hatte diesen Kreislauf gebrochen. Er hatte sie nicht getötet. Er hatte sie getrennt. Lyriana hatte die Geschichten gehört, seit sie denken konnte. Doch sie hatte auch die Wahrheit gesehen. Die Ältesten wurden schwächer. Heilungen wurden seltener. Und jedes Jahr wurden die Schatten außerhalb des Hains ein Stück näher. „Wie viele sind noch… wirklich verbunden?“ fragte sie schließlich. Seraphine zögerte. Aurelian antwortete. „Weniger als fünfzig.“ Lyriana spürte, wie sich etwas in ihr zusammenzog. „Und ich?“ Stille. Eine lange, unangenehme Stille, in der niemand sie ansah. Dann sagte Seraphine leise: „Du bist… unklar.“ Das Wort traf härter als jede Wahrheit. Unklar. Nicht rein genug für die alte Linie. Nicht stark genug für die neuen Regeln. Nicht stabil genug für die Magie, die der Hain noch hielt. Lyriana senkte den Blick. Ihr Horn pulsierte leicht, als würde es auf ihre Emotion reagieren. „Ich habe heute wieder Visionen gehabt“, sagte sie plötzlich. Aurelian spannte sich an. „Welche Art von Visionen?“ „Keine Bilder“, sagte sie langsam. „Eher… ein Ziehen. Als würde etwas außerhalb des Hains meinen Namen vergessen und sich dann wieder erinnern.“ Seraphine trat näher. „Lyriana, du weißt, was die Ältesten dazu sagen.“ „Dass ich es ignorieren soll“, antwortete sie. „Dass es der Fluch ist, der durch die Ränder spricht“, sagte Aurelian ernst. Lyriana schüttelte den Kopf. „Oder dass etwas anderes mich ruft.“ Die Worte standen zwischen ihnen wie ein verbotenes Licht. Seraphine hob eine Hufspitze und berührte vorsichtig Lyrianas Stirn. „Du darfst diesen Gedanken nicht folgen.“ „Warum nicht?“ „Weil alles, was hinausgeht, nicht mehr zurückkehrt, wie es war.“ Lyriana lächelte schwach, aber ohne Freude. „Vielleicht ist das der Punkt.“ In dieser Nacht wurde der Hain unruhig. Die Ältesten versammelten sich im Kreis der silbernen Steine. Ihre Stimmen waren alt, brüchig und voller Angst, die sie hinter Ritualen versteckten. Lyriana durfte nicht teilnehmen. Aber sie hörte sie. Sie stand am Rand des Heiligtums, verborgen zwischen zwei Wurzeln, während die Stimmen der Vergangenheit durch die Luft schnitten. „Der Fluch verdichtet sich.“ „Die Verbindungslinien brechen.“ „Die letzte Generation trägt keine stabilen Muster mehr.“ „Wir verlieren sie.“ Das letzte Wort hing schwer in der Luft. Wir verlieren sie. Nicht: wir sterben. Sondern: wir verlieren uns selbst. Lyriana presste die Hand an ihr Horn. Ein plötzlicher Schmerz durchzog sie – nicht körperlich, sondern tiefer. Als würde etwas in ihr gegen eine unsichtbare Wand stoßen. Und für einen Moment sah sie es. Nicht klar. Nicht vollständig. Nur Fragmente. Eine Welt außerhalb. Feuer, das sich bewegt wie ein lebendiges Wesen. Ein Schatten, der heulte. Flügel, die sich im Dunkeln öffneten. Sie keuchte und stolperte zurück. „Nein…“, flüsterte sie. Doch die Vision blieb. Und mit ihr kam etwas Neues. Ein Gefühl, das sie nie zuvor gekannt hatte. Neugier, die nicht harmlos war. Am nächsten Morgen war der Hain stiller als sonst. Zu still. Lyriana fand ihre Schwester Elowen am Wasserbecken, wo die Magie des Hains gespeichert wurde. Elowen war stärker als Lyriana, schneller, disziplinierter. Sie war das, was die Ältesten „stabil“ nannten. „Du hast gestern die Versammlung gehört“, sagte Elowen, ohne aufzusehen. „Ich konnte sie nicht ignorieren.“ „Du solltest.“ Lyriana setzte sich neben sie. „Hast du keine Angst?“ Elowen lachte kurz, aber ohne Wärme. „Angst ist ein Luxus für die Ungebundenen.“ Lyriana schwieg. „Du bist anders“, sagte Elowen nach einer Pause. „Alle sehen es.“ „Anders gut oder anders falsch?“ Elowen sah sie endlich an. Ihre Augen waren hart, aber nicht grausam. „Anders gefährlich.“ Diese Worte blieben hängen. Gefährlich. Lyriana hatte sich nie als Gefahr gesehen. Eher als… Fehler im Muster. Etwas, das nicht ganz passte. Später fand sie ihren jüngeren Bruder Caelum beim Spielen zwischen den Lichtadern der Bäume. Er war noch klein, sein Horn kaum sichtbar, eher ein schimmernder Ansatz. „Du gehst nicht weg, oder?“ fragte er plötzlich. Lyriana setzte sich zu ihm. „Wohin sollte ich gehen?“ „Draußen“, sagte er. „Die Ältesten sagen, draußen frisst dich die Welt.“ Sie strich ihm sanft über die Mähne. „Vielleicht frisst sie mich nicht. Vielleicht… versteht sie mich.“ Caelum runzelte die Stirn. „Das klingt gefährlich.“ Sie lächelte schwach. „Vielleicht ist alles, was wahr ist, gefährlich.“ Am Abend kehrte Seraphine zurück. Sie wirkte anders. Schwerer. „Die Ältesten haben entschieden“, sagte sie ohne Begrüßung. Lyriana spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. „Was haben sie entschieden?“ Seraphine schloss die Augen. „Die Grenze wird versiegelt. Vollständig. Niemand darf mehr hinaus.“ Lyriana erstarrte. „Für immer?“ „Bis der Fluch sich stabilisiert.“ „Und wenn er sich nie stabilisiert?“ Seraphine antwortete nicht. Stattdessen trat Aurelian hinzu. „Und du, Lyriana… wirst beobachtet.“ „Warum?“ Sein Blick war schwer. „Weil dein Muster sich verändert.“ Die Worte trafen sie wie ein Echo ihrer eigenen Gedanken. Sie war nicht stabil. Sie war nicht klar. Sie war… im Übergang. In dieser Nacht lag Lyriana wach. Der Hain war ruhig, doch unter der Ruhe vibrierte etwas. Und zum ersten Mal hörte sie es nicht nur in Gedanken. Sondern außerhalb. Ein Ruf. Leise. Geduldig. Und eindeutig nicht aus dem Hain. Sie setzte sich auf. Ihr Horn glühte. Und irgendwo jenseits der Grenze wartete etwas, das ihren Namen kannte. Oder ihn gerade lernte.Der Morgen kam, ohne gefragt zu haben.Lyriana lag auf einem schmalen Lager aus Moos und getrocknetem Gras, das Liora ohne Kommentar für sie bereitet hatte. Kein Laken. Kein Kissen. Nur Boden, der eine Schicht dünner war als Boden.Sie hatte trotzdem geschlafen.Das überraschte sie mehr als alles andere.✦Der Unterschlupf war kein Haus.Keine Wände aus Stein, kein Dach aus Holz. Drei uralte Bäume standen so eng beieinander, dass ihre Stämme sich in Hüfthöhe berührten und darüber auseinanderranken, ein natürliches Gewölbe bildeten, das der Regen nicht durchdrang. Zwischen den Wurzeln hatte sich über Jahrzehnte – oder Jahrhunderte, das war nicht zu sagen – Erde aufgestaut, verdichtet, verfilzt mit Moos, das so tief und satt grün war, dass es fast aufleuchtete.Es roch nach feuchtem Holz und etwas Harzigem, Dunklem.Nach Dingen, die wachsen, ohne gefragt zu werden.Lyriana hatte sich in der ersten Nacht gefragt, ob sie schlafen könnte an einem Ort ohne Mauern. Dann war sie eingeschlafen
Der Wald gab ihn nicht ohne Widerstand frei. Nicht physisch – kein Ast versperrte ihm den Weg, keine Wurzel griff nach seinen Füßen. Aber etwas in der Luft veränderte sich, als Cassian die Lichtung hinter sich ließ, ein Druck, der subtil genug war, um nicht Alarm zu schlagen, und deutlich genug, um bemerkt zu werden. Der Wald mochte keine Abreisenden. Oder vielleicht war es nur er selbst, der nicht gehen wollte. Er ging trotzdem. ✦ Pyrathos empfing ihn mit Hitze und Lärm und dem Geruch nach verbranntem Stein, der hier so selbstverständlich in der Luft lag wie anderswo der Regen. Das Schloss war wacher als vor einer Woche. Wachen an Positionen, die vorher leer gewesen waren. Boten, die mit gesenkten Köpfen durch die Gänge eilten. Ein Tonfall in den Stimmen der Männer, die er passierte – nicht Panik, aber die Anspannung kurz davor. Cassian folgte der Wärme. Kael war leicht zu finden. Man musste n
Der Wald begann dort, wo die Straße aufhörte, sich zu entschuldigen. Kein sanfter Übergang. Kein Saum aus niedrigem Gebüsch, der den Eintritt ankündigte. Nur ein Punkt, an dem der Boden unter ihren Füßen aufhörte, aus Stein zu sein, und anfing, etwas Älteres zu sein. Lyriana blieb kurz stehen. Cassian auch. „Riechst du das?", fragte sie. „Ja." „Was ist das?" Er überlegte einen Moment – nicht weil er es nicht wusste, sondern weil er nach dem richtigen Wort suchte. „Alter", sagte er schließlich. „Der Wald hier ist älter als die Stadt. Älter als die Feuerberge. Er erinnert sich an Dinge, die dort oben schon lange vergessen sind." Lyriana atmete tief ein. Erde. Moos. Etwas Harziges, Dunkles, das nicht nach Gefahr roch, sondern nach Zeit. Ihr Körper reagierte, bevor sie es zuließ. Die Schultern gaben nach, kaum merklich, aber genug. ✦ Sie gingen zwei Stunden, ohne
Er klopfte nicht. Nicht aus Respektlosigkeit – sondern weil er wusste, dass sie bei einem Klopfen nicht antworten würde, und er dann vor einer geschlossenen Tür stünde und sich fragen müsste, ob Warten besser war als Eintreten. Er entschied sich für Eintreten. ✦ Lyriana saß am Fenster. Nicht weil sie hinaussah – ihre Augen lagen auf dem Fensterbrett, auf einem Punkt ohne Bedeutung, der ihr trotzdem ausreichend schien. Die Flügel eng angelegt, fast unsichtbar, als hätte sie entschieden, so wenig Raum wie möglich zu beanspruchen. *So wenig wie möglich.* Das Denken hatte sie in den letzten Tagen nicht verlassen. Es kreiste, gleichmäßig, unerbittlich, wie Wasser, das immer denselben Stein findet. *Du hast es zugelassen.* Nicht Ember. Nicht die Magie, nicht die Erschöpfung, nicht der Raum ohne Fenster tief unter dem Kaltfeuer. Sie selbst. Das war das, was sich nicht wegschob. Cassi











