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DAS NETZ HAELT

last update publish date: 2026-09-14 16:07:20

Es gibt einen Morgen, im dreiunddreissigsten Jahr, an dem ich aufwache und weiss: das ist der Morgen des vollstaendigen Verstehens.

Nicht das Verstehen von etwas Neuem. Das Verstehen von allem, das immer war.

Ich stehe am Fenster, mit dem Kaffee, und der Wald ist der Oktoberwald, goldrot und sehr schoen, und das Netz summt, alle zwölf Verbindungen, und ich verstehe:

Das Netz ist nicht etwas, das ich trage.

Das Netz ist etwas, das ich bin.

Das klingt wie das, das ich schon sagte, vor Jahren, in
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  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAS NETZ HAELT

    Es gibt kein letztes Versprechen.Das ist das, was ich bemerke, an dem Abend vor dem letzten Kapitel: es gibt kein letztes Versprechen, weil das Versprechen kein einzelner Akt war, kein Ereignis, das beendet werden muss.Das Versprechen, das ich im Garten sprach, ist kein Versprechen, das man einmal hält. Es ist das Versprechen, das man jeden Tag hält, oder nicht hält, und dann am nächsten Tag wieder hält, oder nicht.Das tägliche Versprechen, sage ich zu Damon.Er schaut mich an.Das Versprechen, sage ich, war nie der Akt im Garten. Das war die Form. Der Inhalt ist das Tägliche.Das Tägliche, sagt er.Das Wählen jeden Morgen, sage ich. Das ist das Versprechen.Er ist einen Moment still. Dann: Das sagst du seit vierzig Jahren.Ich weiß, sage ich. Aber jetzt ist es das Letzte, das ich sage, bevor das letzte Kapitel kommt. Und ich sage es, weil es das Wichtigste ist.

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS VIERZIG JAHRE HINTERLASSEN

    Vierzig Jahre hinterlassen Dinge.Das ist keine Überraschung, aber die Dinge, die sie hinterlassen, sind nicht die, die ich erwartet hätte.Sie hinterließen keine Narben. Das hätte ich früher gedacht: vierzig Jahre hinterlassen Narben, das Schwere, das Nicht-Vergangene. Aber das Schwere vergeing. Was hinterließ: das Wissen.Das Wissen des Körpers. Das Wissen, wie Damon schläft. Das Wissen, was Nadia braucht, bevor sie es sagt. Das Wissen, wann das Rudel Raum und wann es Nähe braucht. Das Wissen, das so tief sitzt, dass es kein Denken mehr verlangt.Das körperliche Wissen, sage ich zu Damon, abends.Er schaut mich an.Das Wissen des Körpers, sage ich. Wie du schläfst, wie du dich bewegst, wann du zuhörst und wann du wartest.Er ist still.Das klingt, sagt er, nach dem neunten Netz.Das Gleichgewicht, sage ich.Das Gleichgewicht des Körperwissen

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DAMON UND SERA, VIERZIG JAHRE

    Vierzig Jahre.Das ist die Zahl, die sich anders anfühlt als alle anderen. Vierzig Jahre ist eine Generation. Vierzig Jahre ist die Zeit, die einen Menschen von einem Kind zu einem Erwachsenen macht. Vierzig Jahre ist sehr lang.Ich sage das zu Damon, am Abend vor dem Jahrestag, beim Feuer.Vierzig Jahre fühlt sich anders an, sage ich.Wie? sagt er.Endgültig, sage ich.Er schaut mich an.Nicht schlecht-endgültig, sage ich schnell. Endgültig wie: das, was war, war. Es wird nicht mehr anders. Das erste Buch ist das erste Buch. Die Entscheidungen, die wir trafen, sind getroffen. Das ist endgültig.Das klingt, sagt er, wie das Anerkennen des Vergangenen.Ja, sage ich. Das Anerkennen, dass vierzig Jahre wirklich waren. Nicht rückgängig zu machen, nicht zu verändern, wirklich.Das Wirklich, sagt er.Das Wirklich, sage ich. Das Wirklich ist das, was war, und das nicht mehr verändert werden kann. Das ist nicht traurig. Das ist befreiend.Befreiend, sagt er.Das Vergangene, das nicht mehr ver

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   DER BRIEF VON LUNA

    Luna schreibt mir einen Brief, mit fünf Jahren, und der Brief ist kurz, weil Fünfjährige kurze Briefe schreiben.Er lautet, in Lunas unsicherer Schrift: Liebe Sera. Das Netz ist heute grün. Warum ist das Netz heute grün? Liebe Luna.Ich lese den Brief zweimal und lache, kurz und ungeplant.Das Netz ist heute grün, sage ich zu Amara.Sie lacht auch. Das ist sehr Luna.Was bedeutet das? sage ich.Luna sieht das Netz als Farben, sagt Amara. Das siebte Netz, das verbindet, ist für sie blau. Das noerdliche, das hält, ist grün. Das arktische ist weiß. Das suedliche ist orange.Das Netz als Farben, sage ich.Luna sieht das Netz vollständiger als jeder andere, sagt Amara. Sie sieht nicht nur die Linien. Sie sieht die Qualitäten als Farben.Das Netz ist heute grün, sage ich noch einmal. Was bedeutet Grün?Amara denkt nach. Grün ist das Wachsen, sag

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   WAS AMARA ENTSCHEIDET

    Neununddreißig Jahre.Ich stehe am Fenster. Der Oktoberwald ist das Schönste, das ich je sah. Das sage ich jeden Oktober, und ich meine es, und dieses Jahr frage ich mich: Was bedeutet das wirklich?Es bedeutet, dass das Sehen nach neununddreißig Jahren nicht stumpf wurde. Das ist selten. Das meiste, was man oft sieht, sieht man nicht mehr wirklich. Aber der Oktoberwald ist immer noch wirklich.Damon steht neben mir.Was nimmst du mit? sagt er.Neununddreißig Jahre ist eine seltsame Zahl, sage ich. Keine runde. Keine besondere.Alle Zahlen sind besondere, sagt Damon. Die runden nur offensichtlicher.Was nimmst du mit? sage ich zu ihm.Er denkt nach. Ich nehme mit, sagt er, dass das Rudel das Beste ist, was ich je tat.Nicht das Netz? sage ich.Das Netz, sagt er, ist das Fundament. Das Rudel ist das Leben darauf. Das Leben ist besser als das Fundament, auch wenn das Fundament das Ermögli

  • GEBUNDEN DURCH MONDLICHT UND VERTRAG   LUNA UND DAS SCHREIBEN

    Luna fängt an zu schreiben.Nicht das dreizehnte Buch. Sie ist vier, und das dreizehnte Buch kommt, wenn es kommt. Aber Luna schreibt, mit einem kleinen Stift, auf großem Papier, die Buchstaben noch unsicher, die Worte noch langsam.Was schreibst du? fragt Sara.Luna schaut auf das Papier. Das Netz, sagt sie.Was schreibst du über das Netz? sagt Sara.Luna schaut auf das Papier und liest, langsam, weil das Lesen noch langsam ist: Das Netz ist schön. Das Netz ist hier. Das Netz ist ich.Das Netz ist ich, sagt Sara.Ja, sagt Luna.Sara zeigt mir den Zettel, am Abend. Ich lese die drei Sätze, mit Lunas unsicherer Schrift.Das Netz ist schön. Das Netz ist hier. Das Netz ist ich.Das, sage ich, ist der erste Absatz des dreizehnten Buches.Das schrieb ein Vierjähriges, sagt Sara.Das schrieb das Netz, sage ich, durch ein Vierjähriges.Amara liest es, und sie sagt: Das war das Erste, das ich als Kind spürte. Das Netz ist schön. Das Netz ist hier. Ich wusste nur nicht, wie es heißt.Luna weiß

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