LOGINVor sieben Jahren wurde Dorian Ravenscar kniend über dem Leichnam seiner Mutter gefunden, und ihr Blut klebte an seinen Händen. Jetzt ist er im Blackthorn Institute eingesperrt. Der verfluchte Alpha, vor dem die gesamte Schule davonläuft, wünscht sich nur eines: in Ruhe gelassen zu werden. Calista Hart ignoriert diesen Wunsch innerhalb von nur zwei Tagen. Sie ist eine Omega mit einer großen Klappe und überhaupt keiner Angst. Sie stiehlt sein Abendessen, schläft in seinem Bett und weigert sich, ihm aus dem Weg zu gehen. Warum hat sie keine Angst vor ihm? Warum flüstert sein Wolf genau ein einziges Wort, sobald sie den Raum betritt? Dann wählt die Gefährtenbindung jemand anderen. Nun muss sie sich entscheiden: Folgt sie dem Schicksal oder dem einen Mann, vor dem sich alle fürchten? Ganz gleich, wofür sie sich entscheidet, jemand könnte dafür bezahlen müssen.
View MoreCalistas POV
Ich brach die erste Regel des Blackthorn Institute, noch bevor ich überhaupt die Eingangstür erreicht hatte.
Niemand hatte mir erzählt, was mit Mädchen geschah, die so etwas taten. Vielleicht, weil niemand, der die Antwort kannte, darüber sprechen wollte.
Aber ich sollte von vorne anfangen. Denn das Mädchen, das aus diesem Zug stieg, hatte keine Ahnung, was sie oben auf dem Hügel erwartete.
Der Zug hielt mitten im Nirgendwo.
„Das ist es?“, fragte ich den leeren Waggon mit brüchiger Stimme. „Das ist die Haltestelle?“
Niemand antwortete. Der einzige andere Fahrgast war bereits vor zwei Stunden ausgestiegen. Sie hatte mich angesehen, als würde ich gerade den größten Fehler meines Lebens begehen.
Ich schnappte mir meine Tasche und stieg hinaus in den Schnee.
Es war Oktober. Im Oktober sollte der Schnee nicht so hoch liegen. Er fiel dicht und lautlos vom Himmel und bedeckte den winzigen Bahnsteig, die einzelne Laterne und ein hölzernes Schild, auf dem in fast völlig verblassten Buchstaben SLEEPY HOLLOW stand.
„Großartig“, murmelte ich und schlang die Arme um meinen Körper. „Wirklich einladend. Zehn von zehn Punkten.“
Mein Atem bildete weiße Wolken in der eisigen Luft. Ich schob eine Hand unter meinen Mantel und berührte die Kette an meinem Hals. Ein kleiner silberner Anhänger an einer dünnen Kette. Kalt, genau wie alles andere.
Mom hätte das geliebt. Sie hätte bestimmt einen Witz darüber gemacht.
Ich verdrängte den Gedanken. Darin war ich ziemlich gut.
Am Ende des Bahnsteigs wartete ein schwarzes Auto mit laufendem Motor. Ein Mann saß hinter dem Steuer. Er trug einen langen dunklen Mantel und einen Hut, der tief in sein Gesicht gezogen war. Er sah mich nicht einmal an.
Ich klopfte mit den Knöcheln gegen das Fenster. Es wurde ein Stück heruntergelassen.
„Hi!“, begrüßte ich ihn mit einem erzwungenen Lächeln. „Ich bin Calista Hart. Ich glaube, Sie sind meinetwegen hier?“
Nichts.
„Blackthorn Institute?“, versuchte ich es erneut, diesmal etwas weniger fröhlich.
Er nickte kaum merklich und entriegelte die hintere Tür.
„Wow“, sagte ich, während ich einstieg. „Sie sind ja ein richtiger Redner.“
Das Auto setzte sich in Bewegung. Die Straße schlängelte sich einen Hügel hinauf, vorbei an schwarzen Bäumen, deren Äste unter der Last des Schnees nach unten hingen. Es gab keine Straßenlaternen. Nur die Scheinwerfer und die weißen Schneeflocken, die vor uns durch die Luft wirbelten.
„Also“, begann ich und beugte mich zwischen den Sitzen nach vorne, „wie lange arbeiten Sie schon an der Schule?“
Schweigen.
„Gefällt es Ihnen dort? Ich meine, die Arbeit.“ Ich grinste den Hinterkopf des Mannes an. „Bekommen Sie eine Zahnversicherung?“
Wieder Schweigen.
„Ich frage nur, weil ich eine Omega bin und mir gesagt wurde, dass das Blackthorn Institute sehr streng ist, was Rangordnungen angeht. Deshalb dachte ich, ich sollte mich zuerst mit den Mitarbeitern anfreunden. Für den Fall, dass ich einen Ort zum Verstecken brauche.“ Ich beugte mich noch ein wenig näher. „Gibt es dort einen Ort zum Verstecken?“
Seine Hände umklammerten das Lenkrad fester.
„Das war ein Scherz“, erklärte ich mit einem nervösen Lachen. „Größtenteils.“
Nichts.
Ich lehnte mich zurück und zog meinen Mantel enger um mich. „Wissen Sie, Sie könnten wenigstens über die guten Witze lachen. Ich übe schon seit Pennsylvania.“
Eine Weile war nur das Geräusch des Motors zu hören. Ich beobachtete den Schnee und versuchte, nicht daran zu denken, wie weit ich von allem entfernt war, was ich kannte.
Ich hatte eine Tasche. Eine Halskette. Und einen einzigen Grund, weshalb ich hier war.
Ich musste eine Wächterin werden. Das war mein Weg hinein. Die Wächter hatten Zugang zu den alten Aufzeichnungen, und irgendwo in diesen Unterlagen musste es etwas über meine Mutter geben.
Ilyana Hart. Seit sieben Jahren verschwunden. Nicht eine einzige Antwort.
Ich werde dich finden, sagte ich stumm zum Fenster. Es ist mir egal, wie unheimlich dieser Ort ist.
Das Auto wurde langsamer. Zum ersten Mal sprach der Mann.
„Miss Hart.“
Seine Stimme war tief und rau, als hätte er sie seit langer Zeit nicht mehr benutzt. Ich zuckte beinahe zusammen.
„Er kann sprechen!“, rief ich und klammerte mich an den Sitz.
„Wenn Sie das Gelände betreten“, sagte er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen, „sehen Sie nicht zum Ostturm.“
Ich wartete auf den Rest. Doch da kam nichts mehr.
„Das war's?“, fragte ich ungläubig. „Das ist Ihre ganze Rede?“
„Sehen Sie nicht zum Ostturm“, wiederholte er tonlos.
„Warum? Was ist im Ostturm?“
Er sagte nichts. Vor uns tauchte das Tor aus der Dunkelheit auf.
Es war gewaltig. Schwarzes Eisen, doppelt so hoch wie das Auto, mit spitzen Dornen entlang der Oberkante und Schnee, der sich auf jedem einzelnen Gitterstab gesammelt hatte. Auf beiden Seiten standen steinerne Säulen. In jede war ein Wappen gemeißelt: ein Rabe mit ausgebreiteten Flügeln und Dornen in seinen Klauen.
Das Auto hielt an. Der Mann stieg aus und ging selbst zum Tor, um es zu öffnen.
Ich betrachtete das Wappen.
Dann sah ich auf meine Hand.
Die Halskette war warm.
Nicht warm wie Körperwärme. Sondern warm wie ein kleines Stück glühende Kohle auf meiner Haut. Ich zog sie unter meinem Kragen hervor und starrte sie an. Das Silber leuchtete schwach. Ein so dünnes Licht, dass ich es beinahe übersehen hätte.
„Was?“, flüsterte ich.
Der Anhänger pulsierte einmal, wie ein Herzschlag.
Der Mann stieg wieder ein. So hastig schob ich den Anhänger unter meinen Mantel, dass ich mich beinahe selbst würgte.
„Haben Sie das gesehen?“, fragte ich.
„Was gesehen?“, erwiderte er, ohne sich umzudrehen.
„Schon gut.“
Das Tor schwang auf. Das Auto fuhr hindurch. Auf der anderen Seite führte die Straße hinauf zu einem gewaltigen schwarzen Gebäude aus Stein, mit spitzen Fenstern und hohen Türmen.
Es sah weniger wie eine Schule aus und mehr wie ein Ort, der schon sehr lange darauf gewartet hatte, dass jemand ihn betrat.
Es gab vier Türme. In den Fenstern von dreien brannte warmes, gelbes Licht.
Im vierten nicht.
Er stand ganz rechts, hoch und schmal, schwarz vor einem schwarzen Himmel. Weit oben befand sich ein einziges Fenster.
Sieh nicht zum Ostturm.
„Ich werde nicht hinsehen“, sagte ich laut.
Ich sah hin.
Eine Gestalt stand am Fenster.
Ich konnte kein Gesicht erkennen. Nur eine Silhouette. Groß. Regungslos. Eine Hand lag am Glas, als hätte diese Person dort schon seit Stunden gestanden und die Straße beobachtet.
Mich beobachtet.
Mein Herz machte etwas Seltsames. Es schlug schneller, sackte dann in meiner Brust zusammen und schien gleichzeitig beides tun zu wollen. Die Halskette brannte auf meiner Brust.
„Wer ist das?“, fragte ich mit kaum hörbarer Stimme.
Der Fahrer antwortete nicht. Er warf nicht einmal einen Blick in den Rückspiegel.
Das Auto hielt vor den Eingangsstufen. Ich stieg mit meiner Tasche in beiden Armen in den Schnee. Der Wind zerrte an meinem Mantel. Als ich mich umdrehte, fuhr das Auto bereits wieder davon, zurück in Richtung Tor.
Das Tor schloss sich.
Es schlug hinter mir mit einem Geräusch zu, das klang, als würde sich eine Tür zu einem Grab schließen. Ich zuckte zusammen. Das Echo hallte immer weiter und prallte von den steinernen Mauern ab.
„Okay“, sagte ich zu niemandem. „Mir geht es gut. Mir geht es absolut gut.“
Über mir war das Fenster des Turms jetzt leer.
„Calista Hart.“
Die Stimme kam aus der Dunkelheit oben auf den Stufen. Eine Frauenstimme. Ruhig. Präzise. Sie war überhaupt nicht laut, und doch trug sie über den gesamten Innenhof, als hätte jemand direkt in mein Ohr gesprochen.
„Wir haben Sie bereits erwartet.“
Calistas POVIch wachte langsam auf, und das Erste, was ich wahrnahm, war der Geruch.Rauch. Schnee. Etwas Scharfes und Reines, wie die Luft nach einem Blitzeinschlag.Das war nicht mein Kissen.Ich hielt die Augen geschlossen. Vielleicht war ich im Westflügel. Vielleicht war es irgendeine seltsame Seife. Vielleicht würde sich dieser ganze Morgen von selbst in Luft auflösen, wenn ich mich einfach nicht bewegte.Mein Mund schmeckte nach abgestandenem Brot. Meine Stiefel hatte ich noch an. Einer davon hing über die Bettkante.Ich besaß kein Bett, das nach einem Gewitter roch.„Du bist wach“, sagte eine tiefe Stimme.Jeder einzelne Muskel meines Körpers erstarrte.Ich öffnete ein Auge. Graues Licht fiel durch ein hohes Fenster. Vom Feuer war nur noch Asche übrig. Und auf einem Stuhl gegenüber dem Bett saß Dorian Ravenscar, die Ellbogen auf den Knien, den Blick fest auf mich gerichtet.Er sah aus, als hätte er nicht geschlafen. Als säße er schon dort, seit Anbeginn der Welt.Ich fuhr so h
Dorians POVAls das Brüllen verstummte, waren die Ketten leer.Kein Wesen. Keine leuchtenden Augen. Nur zerbrochenes Glas, ein erloschenes Feuer und Calista Hart, die kreidebleich auf dem Steinboden lag.Ich fing sie auf, bevor ihr Kopf auf den Stein schlagen konnte. Ich erinnere mich nicht einmal daran, mich bewegt zu haben.Jetzt stand ich auf meinem Balkon und umklammerte das Geländer so fest, dass der Stein unter meinem Griff ächzte. Ihr Duft haftete noch immer an meinem Mantel. Der Name meiner Mutter hallte noch immer in meinen Ohren wider.Lysandra.Etwas in der Dunkelheit hatte ihn ausgesprochen, als würde es sie kennen.„Was war das für ein Ding?“, fragte ich mit tiefer, harter Stimme.Der Wolf schwieg.„Du hast es gehört. Du hast es gespürt.“ Ich presste die Faust gegen meine Stirn. „Tu nicht so, als wäre es nicht so gewesen.“Ich habe es gespürt.„Dann sag mir, was es war“, fauchte ich. Meine Stimme brach beim letzten Wort.Noch nicht.„Noch nicht?“ Ein raues Lachen entrang
Calistas POVUm dreiundzwanzig Uhr vierzig kroch etwas unter der Küchentür hindurch und glitt auf meine Stiefel zu. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich eine Bewegung. Es war ein dünner, schwarzer Faden, weich wie Rauch, der sich über den Steinboden schlängelte, als wüsste er ganz genau, wo ich stand.Ich blickte nach unten, doch da war er bereits verschwunden.„Zugluft“, sagte ich laut. Meine Stimme klang dabei etwas zu hoch. „Das war nur Zugluft.“Der Anhänger an meinem Hals war anderer Meinung. Er hatte begonnen, heiß zu werden.Aber ich sollte von vorn anfangen. Niemand warnt einen davor, dass Küchendienst eine Strafe mit einem regelrechten Fanclub ist.„Töpfe“, hatte Schulleiterin Morwenna Sable eine Stunde zuvor gesagt und die Küchentür mit einem einzigen behandschuhten Finger offengehalten. „Alle. Bis Mitternacht.“„Alle?“ Ich hatte sie fassungslos angesehen. Mein Magen hatte sich zusammengezogen, als ich die Spülbecken betrachtete, in denen sich die Töpfe höher stapelten als mein
Dorians POVSeit sieben Jahren hatte niemand mehr Nein zu mir gesagt.Und dann sah mich ein Mädchen mit vollem Mund an, während sie mein Hühnchen aß, und tat genau das.Ich schaffte es gerade noch bis zur östlichen Treppe, bevor meine Hände anfingen zu zittern.Auf dem Treppenabsatz blieb ich stehen und presste meinen Rücken gegen die kalte Steinwand. Unten in der Großen Halle kehrte der Lärm langsam zurück. Geflüster, scharrende Stühle und ein kurzes, nervöses Lachen.Niemand wagte es, mir zu folgen. Das tat ohnehin nie jemand.Sie hat mein Hühnchen gegessen, dachte ich. Und sie hat mir dabei direkt in die Augen gesehen.Ich stieg den Rest der Treppe hinauf zum Ostturm. Ihre Stimme hallte in meinem Schädel wider wie eine Münze in einer Schale.Du hast es doch nicht benutzt.Und noch schlimmer war das andere, was sie gesagt hatte. Die Worte, die die Luft in meinen Lungen plötzlich scharf werden ließen.Er hat mir heiße Schokolade gegeben. Du hast mir einen finsteren Blick geschenkt.„











