LOGINLuna schreibt mir einen Brief, mit fünf Jahren, und der Brief ist kurz, weil Fünfjährige kurze Briefe schreiben.
Er lautet, in Lunas unsicherer Schrift: Liebe Sera. Das Netz ist heute grün. Warum ist das Netz heute grün? Liebe Luna.
Ich lese den Brief zweimal und lache, kurz und ungeplant.
Das Netz ist heute grün, sage ich zu Amara.
Sie lacht auch. Das ist sehr Luna.
Was bedeutet das? sage ich.
Luna sieht das Netz als Far
Luna schreibt mir einen Brief, mit fünf Jahren, und der Brief ist kurz, weil Fünfjährige kurze Briefe schreiben.Er lautet, in Lunas unsicherer Schrift: Liebe Sera. Das Netz ist heute grün. Warum ist das Netz heute grün? Liebe Luna.Ich lese den Brief zweimal und lache, kurz und ungeplant.Das Netz ist heute grün, sage ich zu Amara.Sie lacht auch. Das ist sehr Luna.Was bedeutet das? sage ich.Luna sieht das Netz als Farben, sagt Amara. Das siebte Netz, das verbindet, ist für sie blau. Das noerdliche, das hält, ist grün. Das arktische ist weiß. Das suedliche ist orange.Das Netz als Farben, sage ich.Luna sieht das Netz vollständiger als jeder andere, sagt Amara. Sie sieht nicht nur die Linien. Sie sieht die Qualitäten als Farben.Das Netz ist heute grün, sage ich noch einmal. Was bedeutet Grün?Amara denkt nach. Grün ist das Wachsen, sag
Neununddreißig Jahre.Ich stehe am Fenster. Der Oktoberwald ist das Schönste, das ich je sah. Das sage ich jeden Oktober, und ich meine es, und dieses Jahr frage ich mich: Was bedeutet das wirklich?Es bedeutet, dass das Sehen nach neununddreißig Jahren nicht stumpf wurde. Das ist selten. Das meiste, was man oft sieht, sieht man nicht mehr wirklich. Aber der Oktoberwald ist immer noch wirklich.Damon steht neben mir.Was nimmst du mit? sagt er.Neununddreißig Jahre ist eine seltsame Zahl, sage ich. Keine runde. Keine besondere.Alle Zahlen sind besondere, sagt Damon. Die runden nur offensichtlicher.Was nimmst du mit? sage ich zu ihm.Er denkt nach. Ich nehme mit, sagt er, dass das Rudel das Beste ist, was ich je tat.Nicht das Netz? sage ich.Das Netz, sagt er, ist das Fundament. Das Rudel ist das Leben darauf. Das Leben ist besser als das Fundament, auch wenn das Fundament das Ermögli
Luna fängt an zu schreiben.Nicht das dreizehnte Buch. Sie ist vier, und das dreizehnte Buch kommt, wenn es kommt. Aber Luna schreibt, mit einem kleinen Stift, auf großem Papier, die Buchstaben noch unsicher, die Worte noch langsam.Was schreibst du? fragt Sara.Luna schaut auf das Papier. Das Netz, sagt sie.Was schreibst du über das Netz? sagt Sara.Luna schaut auf das Papier und liest, langsam, weil das Lesen noch langsam ist: Das Netz ist schön. Das Netz ist hier. Das Netz ist ich.Das Netz ist ich, sagt Sara.Ja, sagt Luna.Sara zeigt mir den Zettel, am Abend. Ich lese die drei Sätze, mit Lunas unsicherer Schrift.Das Netz ist schön. Das Netz ist hier. Das Netz ist ich.Das, sage ich, ist der erste Absatz des dreizehnten Buches.Das schrieb ein Vierjähriges, sagt Sara.Das schrieb das Netz, sage ich, durch ein Vierjähriges.Amara liest es, und sie sagt: Das war das Erste, das ich als Kind spürte. Das Netz ist schön. Das Netz ist hier. Ich wusste nur nicht, wie es heißt.Luna weiß
Nadia kommt an einem Februarmorgen zu mir, und sie setzt sich, und sie sagt: Ich muss dir etwas sagen, das ich lange aufschiebe.Ich lege den Stift hin.Amara, sagt sie.Was ist mit Amara? sage ich.Amara, sagt Nadia, ist nicht mehr das Kind, das sie war. Das weißt du. Aber ich glaube, du siehst sie manchmal noch so.Ich sitze damit, ehrlich.Das stimmt, sage ich. Manchmal schon.Nadia schaut auf ihre Hände. Amara ist siebenundzwanzig, sagt sie. Sie hielt das zweite noerdliche Anwesen allein. Sie trifft ihre eigenen Entscheidungen. Sie braucht dich nicht mehr, um ihr zu sagen, was das Netz bedeutet.Ich weiß das, sage ich.Das Wissen und das Leben sind manchmal verschiedene Dinge, sagt Nadia.Das stimmt, sage ich.Es ist schwer, sagt Nadia, nicht mehr die Person zu sein, die jemand braucht. Das weiß ich auch. Als du nicht mehr die Arithmetik der Unmöglichkeit trugst, war das schwer für mich. Ich war gewöhnt, gebraucht zu werden.Das hatte ich nicht gewusst, sage ich.Das erzählte ich
Das Buch des Ungeschriebenen.Ich beginne es im Februar des achtunddreißigsten Jahres, und das Beginnen ist das Schwierigste, das ich je beginnte.Das war immer der Anfang, denke ich. Das Anfangen ist immer das Schwierigste.Aber das Buch des Ungeschriebenen ist schwieriger als alle anderen Anfänge, weil ich nie über das Schwierige schrieb. Ich schrieb das Netz, das haelt. Ich schrieb die Verbindungen, die wachsen. Ich schrieb die Menschen, die ankommen und bleiben.Ich schrieb das Gute.Das Gute ist real. Aber das Gute ist nicht alles.Die ersten Seiten:Das Netz schweigt manchmal. Das ist die erste Wahrheit, die ich nie schrieb. Das Netz schweigt, wenn das Leben nicht Besonderes verlangt, und das Schweigen des Netzes ist keine Abwesenheit. Es ist das Ausruhen. Das Ausruhen des Netzes fühlt sich leer an, wenn man das Summen gewöhnt ist. Das Leere-Fühlen ist keine Wahrheit. Es ist die Gewöhnung.
Luna kommt mit Sara im Winter des achtunddreißigsten Jahres, und Luna ist jetzt vier, und Vier ist das Alter, in dem die Kinder anfangen, Fragen zu stellen, die keine einfachen Antworten haben.Luna stellt die schwierigste Frage, die je im Anwesen gestellt wurde.Sie sitzt beim Frühstück, neben Sara, und sie schaut mich an, mit den Netz-Augen, die alle dreizehn kennen, und dann sagt sie: Warum schreibst du das Netz auf?Das ist die Frage, sage ich.Amara, neben mir, wird sehr still.Ich denke nach, ehrlich. Weil, sage ich, ich das Netz nicht selbst kannte, am Anfang. Und weil ich wollte, dass die nach mir es kennen, ohne es erst suchen zu müssen.Luna schaut mich an. Aber ich kenne es, sagt sie. Ohne das Buch.Das stimmt, sage ich.Dann, sagt Luna, schriebst du das Buch für jemand anderen.Ja, sage ich. Für die, die das Netz nicht von Geburt an kennen.Luna denkt nach. Dann: Warum ke







