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Kapitel 5

Author: Progress
last update publish date: 2026-06-28 22:24:25

KAPITEL 5

Nicht Mehr Edith

POV: Edith

"Was meinst du?" Ich forderte, meine Stimme raute vor Unbenutzung und Unglauben.

Carlos antwortete nicht sofort. Die Stille zwischen uns erstreckte sich, bis sie erstickend wurde. Er sah mich einfach mit diesen unleserlichen dunklen Augen an, als hätte er genau diese Reaktion erwartet.

"Ich sagte", wiederholte er ruhig, "von nun an bist du Eva Romero. Meine Frau."

"Nein."

Das Wort entwich meinen Lippen, bevor ich es aufhalten konnte. "Nein." Ich schüttelte diesmal härter den Kopf und ignorierte den pochenden Schmerz, der sofort durch meinen Schädel schoss. "Nein, absolut nicht!"

Der Monitor neben meinem Bett fing an, schneller zu piepen. Der Arzt war vor kaum fünf Minuten gegangen, und jetzt sagte mir dieser Fremde, dieser Mann, den ich in meinem ganzen Leben nur zweimal getroffen hatte, ich solle seine Frau werden. Hätte ich zwei Mordversuche überlebt, nur um in einem weiteren Albtraum aufzuwachen?

"Du hast den Verstand verloren."

Carlos blieb sitzen. "Das habe ich nicht."

"Das hast du!" Ich schnappte, Tränen brannten bereits hinter meinen Augen. "Wer sagt so etwas? Du kennst mich nicht einmal!"

"Ich weiß genug."

"Nein, das tust du nicht!" Meine Stimme knackte. "Du kennst die Version von mir, die Jeremy zerstört hat. Das ist alles."

Er hat nicht unterbrochen. Das hat mich irgendwie noch mehr irritiert. "Du rettest mein Leben zweimal, verschwindest ein Jahr lang, während ich bewusstlos bin, änderst mein Gesicht, ohne mich zu fragen, und dann sagst du mir als erstes, nachdem ich aufgewacht bin, dass ich deine Frau bin?" Ich lachte bitterlich. "Hörst du dich selbst?"

Immer noch nichts. Sein Gesichtsausdruck änderte sich nicht.

"Du klingst genau wie er."

Das ließ schließlich etwas über sein Gesicht flackern. Nur für eine Sekunde. Aber ich habe es gesehen.

"Was hast du gesagt?" Fragte er leise.

"Ich sagte, du klingst genau wie Jeremy." Meine Atmung wurde ungleichmäßig. "Entscheidungen für mich treffen. Entscheiden, was mein Leben werden soll. Ich tue so, als hätte ich keine Wahl."

"Ich habe dir einen gegeben."

"Du hast es eine Wahl genannt, nachdem du mir gesagt hast, dass ich nicht mehr existiere!"

Ich wollte mich hinsetzen. Ich wollte von ihm weg. Ich wollte rennen. Aber mein Körper weigerte sich zu kooperieren. Die Frustration war unerträglich. "Du hattest kein Recht!" Ich schrie, Tränen vergossen sich jetzt frei. "Wer hat dir die Erlaubnis gegeben, mich zu löschen? Wer hat dir gesagt, dass ich ein anderes Gesicht haben möchte? Ein anderer Name? Ein anderes Leben?"

Sein Blick verließ meinen nie. "Wenn ich nicht..." Seine Stimme war ruhig. "...Es hätte kein Leben mehr zu retten gegeben."

Ich zog meinen Kiefer zusammen. "Ich wäre lieber als Edith gestorben, als aufzuwachen und so zu tun, als wäre ich jemand anderes."

Stille. Das Zimmer fühlte sich kälter an.

Carlos stand langsam auf. Für eine hoffnungsvolle Sekunde dachte ich, er würde endlich gehen. Stattdessen ging er auf den Schrank neben meinem Bett zu. Er öffnete eine der Schubladen und zog dann einen dicken braunen Umschlag heraus. Ohne ein Wort zu sagen, kam er zurück und legte es sanft auf die Decke, die meine Beine bedeckte.

"Ich habe dich nicht gebeten, mir zu glauben." Seine Stimme war fast emotionslos. "Ich bitte Sie, nachzusehen."

Ich runzelte die Stirn. "Was ist das?"

"Die Wahrheit."

"Ich will deine Wahrheit nicht."

"Du brauchst es."

Meine Finger weigerten sich, sich zu bewegen. Nicht weil sie es nicht konnten, sondern weil ich Angst hatte. Ich hatte Angst, dass alles, was in diesem Umschlag war, die kleine Hoffnung zerstören würde, die ich noch hatte.

Carlos öffnete es leise selbst. Das erste Dokument rutschte auf die Decke. Ich starrte es an. Zuerst konnte mein Verstand die Worte nicht verarbeiten. Dann blieb mein Herz stehen.

STERBEURKUNDE.

Name: Edith Wills Romero.

Datum des Todes: Vor genau einem Jahr.

"Nein..." Mein Flüstern existierte kaum. "Das ist nicht..." Meine Augen scannten verzweifelt die Seite. Todesursache: Traumatische Verletzungen, die bei einem Autounfall entstanden sind. Offiziell verstorben. Zertifiziert. Gestempelt. Unterzeichnet.

"Nein..." Ich schüttelte immer wieder den Kopf. "Das ist nicht echt."

"Das ist es."

"Nein!"

Ich schaute zu ihm auf. "Du hast das gefälscht!"

"Das habe ich nicht."

"Das hast du!"

"Das habe ich nicht."

"Sie erwarten, dass ich glaube, dass die Regierung mich für tot erklärt hat, während ich noch atmete?"

"Das warst du nicht." Seine Antwort erstarrte mich. "Du warst klinisch nicht ansprechbar." Er fuhr ruhig fort. "Sie haben gewartet. Sie hofften. Als Monate ohne neurologische Besserung vergingen... erklärten sie Edith Wills für tot."

Etwas in mir knackte. Nicht laut. Leise. Wie Glassplitter unter Wasser.

Carlos griff erneut in den Umschlag. Ein weiterer Gegenstand. Fotografien.

Meine Finger zitterten, als ich den ersten aufhob. Reihen von weißen Blumen. Schwarze Kleidung. Menschen weinen. Kerzen. Ein Porträt. Mein Porträt. Meine Beerdigung.

Ich starrte ausdruckslos. Nein. Das ist nicht passiert.

Es gab ein weiteres Foto. Mitarbeiter der Wills Corporation. Einige von ihnen weinten. Einige senkten den Kopf. Einige hielten weiße Rosen. Ich erkannte fast jedes Gesicht. Sogar Martha. Meine Sekretärin. Sie schluchzte so stark, dass jemand anderes sie aufrecht halten musste. Tränen verwischten meine Sicht.

"Sie..." Meine Stimme verschwand. "Sie denken, ich bin..."

"Sie haben einen leeren Sarg begraben."

Ich hatte Lust zu schreien. Stattdessen weinte ich. Weil sie mich betrauert hatten. Menschen, die mich wirklich liebten, hatten jemanden betrauert, der noch nicht einmal tot war.

Carlos blieb stehen. Beobachten. Warten.

Ein weiteres Foto. Dieser hat mich völlig zerstört. Jeremy. Vor meinem Porträt stehen. Schwarz tragen. Kopf gesenkt. Halten Sie ein Mikrofon. Seine Hand ruhte über seiner Brust. Er sah... untröstlich aus.

Ich hasste dieses Gesicht. Weil ich wusste, dass es gefälscht war.

Carlos reichte mir schweigend eine gefaltete Zeitung. Ich entfaltete es mit zitternden Fingern. Die Schlagzeile erstreckte sich über die Titelseite: RUMÄNIEN TRAUERT UM DEN VERLUST VON GESCHÄFTSERBEN EDITH WILLS. Darunter ein viel größeres Bild von Jeremy, der Trauernde außerhalb des Friedhofs umarmt.

Ich habe weiter gelesen. Jeder Satz tut weh. Hingebungsvoller Ehemann... Witwer mit gebrochenem Herzen... Weigert sich, das Grab seiner Frau zu verlassen... Wahre Liebe existiert immer noch...

Mein Magen drehte sich heftig. "Nein..." Frische Tränen liefen mir über die Wangen. "Er..." Der Artikel wurde fortgesetzt. Jeremy hatte angeblich wochenlang Interviews wegen Trauer abgelehnt. Er hatte in meinem Namen Millionen gespendet. Veranstaltete Wohltätigkeitsveranstaltungen zu meinen Ehren. Gegründete Stipendien im Rahmen des Erbes meiner Familie. Die Öffentlichkeit verehrte ihn. Er nannte ihn loyal. Treu. Inspirierend.

Ich lachte kaputt. Ein Lachen, das so leer war, dass es sogar mich erschreckte. "Er hat mich getötet..." Ich flüsterte. "Und sie lieben ihn dafür, dass er es überlebt hat."

Niemand antwortete.

Ich blätterte eine weitere Seite um und da war er wieder. Eine Rede halten. Augen rot. Stimme soll zitternd. Ein Satz war unter seinem Foto zitiert worden: "Sie war nicht nur meine Frau. Sie war mein Zuhause."

Ich warf die Zeitung quer durch den Raum. "Lügner!" Mein Schrei hallte durch das Krankenhauszimmer. "Lügner!"

Der Monitor schrie neben mir. "Er hat mich getötet!" Ich schluchzte unkontrolliert. "Er hat mich getötet..."

Jede Erinnerung kam zurück. Jeremy bittet um meine Unterschrift. Jeremy lächelt beim Frühstück. Jeremy küsst meine Stirn vor der Arbeit. Jeremy sagte mir, dass er mich liebte. Jede einzelne Erinnerung sah jetzt schmutzig aus. Jedes Lächeln war kalkuliert worden. Jede Berührung war Manipulation gewesen. Jedes "Ich liebe dich" war eine Investition gewesen.

Ich vergrub mein Gesicht in meinen zitternden Händen. "Ich war so dumm..." Die Worte kamen gedämpft heraus. "So dumm..."

Carlos bewegte sich endlich. Für eine Sekunde dachte ich, er würde mich trösten. Stattdessen sammelte er leise die Zeitung vom Boden auf. Er steckte es wieder in den Umschlag, sammelte jedes Foto und stapelte jedes Dokument. Dann schaute er auf mich herab.

"Ich gebe dir etwas Zeit."

Das war alles, was er sagte. Keine tröstenden Worte. Keine leeren Versprechungen. Kein Mitleid. Er drehte sich einfach um, ging zur Tür, öffnete sie und ging. Das Klicken der sich schließenden Tür hallte durch den Raum.

Ich war allein. Schließlich ließ ich mich brechen. Meine Schreie erfüllten den leeren Raum, bis meine Brust von der Kraft von ihnen brannte. Ich weinte um die Frau, die ich früher war. Für die Eltern, die mich nie beschützen mussten. Für die Ehe, die nie wirklich existiert hatte. Für die Gesellschaft, die ich mit schlaflosen Nächten aufgebaut habe. Für das Zuhause, das mir nicht mehr gehörte. Für Edith Wills. Die Frau, die die ganze Welt bereits begraben hatte.

Ich wusste nicht, wie lange ich geweint habe. Minuten. Vielleicht Stunden. Bis sich schließlich die Tür wieder öffnete. Ich habe nicht nach oben geschaut. Ich konnte nicht. Ich hörte nur langsame Schritte, die sich meinem Bett näherten. Dann glitt etwas sanft über die Decke. Ein einzelnes Dokument.

Meine geschwollenen Augen hoben sich langsam darauf zu. Oben waren kühne Worte, die mein Herz wieder zum Stillsten gebracht haben.

HEIRATSURKUNDE.

Das Feld neben dem Namen des Bräutigams trug bereits eine Unterschrift. Carlos Romero. Die Linie der Braut war immer noch leer.

Ich starrte das Dokument an, als hätte es mich persönlich beleidigt. Die Worte weigerten sich, Sinn zu machen. Heiratsurkunde. Carlos Romero. Braut... Leer.

Meine Atmung beruhigte sich allmählich, als die Tränen an meinen Wangen trockneten und einen unerträglichen Schmerz hinterließen. Ich hob langsam meine Augen zu ihm. Er hatte sich nicht hingesetzt. Er stand ein paar Meter vom Bett entfernt, die Hände in den Hosentaschen und wartete. Beeilen Sie mich nicht. Zwingt mich nicht. Ich warte nur.

Meine Kehle zog sich zusammen. "Du hast wirklich nicht gescherzt."

"Nein."

"Du erwartest tatsächlich, dass ich dich heirate."

"Es ist ein Vertrag."

Ein bitteres Lachen entging mir. "Ein Vertrag?" Ich wiederholte. "Glaubst du, es als Vertrag zu bezeichnen, macht es irgendwie weniger verrückt?"

"Das macht es ehrlich."

Ich runzelte die Stirn. "Was?"

"Ich habe nie gesagt, dass ich Liebe will." Seine Worte hingen schwer zwischen uns. "Ich habe nie gesagt, dass ich Zuneigung will. Diese Ehe ist nicht auf Emotionen aufgebaut." Sein Blick traf meinen. "Es ist auf Überleben aufgebaut."

Ich schluckte schwer. "Du lässt es so einfach klingen."

"Das ist es nicht."

Wieder einmal herrschte Stille über uns. Ich schaute zurück auf die Zeitung. Die leere Linie starrte mich an, als würde sie mich verspotten. "Also..." Ich flüsterte. "Wenn ich das unterschreibe..."

Carlos antwortete sofort. "Du wirst rechtlich geschützt."

"Geschützt vor wem?"

"Jeremy."

Meine Lippen drückten sich zu einer dünnen Linie zusammen. "Ich habe ihn schon zweimal überlebt."

"Genau." Seine Stimme blieb ruhig. "Und er wird nicht zögern, dafür zu sorgen, dass es kein drittes Wunder gibt."

Das Zimmer fühlte sich plötzlich kleiner an. "Glaubst du wirklich, er würde mich wieder töten?"

"Ich weiß, dass er es tun würde." Es gab nicht einmal das geringste Zögern in seiner Antwort. "Er glaubt, dass du tot bist." Carlos ging langsam zum Fenster und schaute nach draußen, bevor er fortfuhr. "Wenn Edith Wills plötzlich aus dem Grab zurückkehrt und behauptet, er habe Dokumente gefälscht, ihre Unternehmen gestohlen und versucht, sie zu ermorden..." Er drehte sich zu mir um. "...Was denkst du, was passiert?"

Ich habe nicht geantwortet. Weil ich es schon wusste.

"Er wird mich zum Schweigen bringen."

"Sofort."

Ich schloss meine Augen. Jeremy hatte bereits genau bewiesen, was für ein Mann er war. Der erste Unfall. Der zweite Unfall. Beides war nicht genug gewesen. Er würde nicht aufhören, bis ich tatsächlich starb.

"Ich hasse das."

"Ich weiß."

"Ich hasse jeden einzelnen Teil davon."

"Ich weiß."

"Ich weiß nicht einmal mehr, wer ich bin."

Sein Gesichtsausdruck wurde weicher. Kaum. Aber ich habe es bemerkt. "Das musst du heute nicht herausfinden."

Ich lachte humorlos. "Wirklich?" Meine Stimme knackte wieder. "Denn von wo ich lüge, scheint es, als hätten es alle anderen schon getan." Ich schaute auf meine unbekannten Hände hinunter. "Mein Gesicht ist nicht meins. Mein Name ist nicht meiner. Mein Leben gehört nicht mir. Mein Mann war nie mein." Heiße Tränen drohten zurückzukehren. "Also sag mir..." Ich sah ihm direkt in die Augen. "Was genau gehört mir jetzt?"

Carlos antwortete nicht sofort. Zum ersten Mal, seit ich ihn getroffen habe, sah er aus, als würde er nach Worten suchen. Schließlich sprach er. "Du." Ich runzelte die Stirn. "Was?"

"Ihre Entscheidungen." Er trat näher. "Jeremy hat deine Gesellschaft genommen." Ein weiterer Schritt. "Er hat dein Erbe genommen." Ein anderer. "Er hat dir deinen Ruf genommen." Er blieb neben dem Bett stehen. "Aber er kann nicht entscheiden, wer du wirst, nachdem du ihn überlebt hast."

Irgendetwas an diesen Worten hat sich irgendwo tief in mir niedergelassen. Nicht genug, um mich zu heilen. Aber genug, um mich zum Zuhören zu bringen. "Du hast immer noch die Wahl."

"Ich nicht."

"Das tust du." Er nickte in Richtung der Heiratsurkunde. "Sie können ablehnen."

Ich blinzelte. "... Was?"

"Ich werde dich nicht zwingen."

Verwirrung überkam mich. "Du hast die letzte Stunde damit verbracht, mir zu sagen, dass Edith tot ist."

"Das ist sie."

"Du hast mein Gesicht verändert."

"Um dein Leben zu retten."

"Du hast eine andere Identität für mich geschaffen."

"Ja."

"Und jetzt sagst du, dass ich ablehnen kann?"

"Ja."

Ich starrte ihn an. "Ich verstehe dich nicht."

"Das musst du nicht." Seine Antwort ärgerte mich fast. "Du bist der frustrierendste Mann, den ich je getroffen habe."

"Mir wurde Schlimmeres gesagt."

Trotz allem, trotz der Trauer, die meine Brust zerquetschte, trotz des Verrats, lächelte ich fast. Fast. Die winzige Reaktion verschwand, bevor sie sich vollständig bilden konnte.

"Ich habe eine Frage."

Er wartete.

"Wenn ich mich weigere..." Meine Finger umklammerten die Decke. "...Was passiert mit mir?"

Carlos' Gesichtsausdruck wurde wieder unleserlich. "Du wirst gehen."

"Und dann?"

"Sie werden versuchen, Ihre Identität zurückzugewinnen."

"Und dann?"

"Du wirst scheitern." Seine Ehrlichkeit schlug härter zu, als jede Lüge hätte sein können.

"Und dann?"

"Jeremy wird entdecken, dass du lebst." Es folgte eine schwere Stille. "Und dann?"

"Er wird beenden, was er begonnen hat."

Ich schloss meine Augen. Die Zukunft, die er beschrieb, klang unvermeidlich. Hoffnungslos. "Also entweder verschwinde ich..." Ich flüsterte. "...Oder ich sterbe."

"Das sind die Entscheidungen, die vor dir laufen."

Eine einzige Träne entwich mir aus dem Augenwinkel. "Ich hasse es, dass du Recht hast."

"Ich weiß."

"Das sagst du oft."

"Weil ich das tue."

Ich schaute zurück auf die Heiratsurkunde. "Also... Was passiert nach der Rache?"

Carlos antwortete, ohne einen Schlag zu verpassen. "Der Vertrag endet."

Ich blinzelte. "So einfach so?"

"Genau so."

"Du würdest dich von mir scheiden lassen?"

"Wenn du das willst." Seine Antwort überraschte mich. "Wäre es dir egal?"

Sein Blick verweilte eine lange Sekunde auf mir. Schließlich schaute er weg. "Diese Ehe war nie dazu gedacht, dich in die Falle zu bringen."

Aus irgendeinem Grund ließ das meine Brust noch mehr schmerzen. Ich konnte nicht erklären, warum. Vielleicht, weil ich nach Jeremy erwartet habe, dass jeder Mann die Kontrolle will. Dennoch legte Carlos Entscheidungen immer wieder in meine Hände. Selbst wenn ich noch nicht bereit war, sie zu machen.

"Ich vertraue dir immer noch nicht."

"Ich weiß."

"Ich weiß nicht, ob ich es jemals tun werde."

"Das musst du nicht." Seine Ruhe war ärgerlich.

"Wieso bist du so ruhig?"

Er sah mich leise an. "Weil einer von uns es sein muss."

Die Stille wurde wieder eingestellt. Draußen tauchte die Nachmittagssonne langsam hinter den Krankenhausfenstern tiefer. Alles fühlte sich seltsam still an. Als ob die Welt ohne mich weitergezogen wäre. Vielleicht war es das. Vielleicht hatte Edith Wills vor einem Jahr wirklich aufgehört zu existieren. Vielleicht war die Frau, die in diesem Krankenhausbett lag, bereits jemand anderes. Ich war einfach nicht bereit, es zuzugeben.

Meine Augen wanderten zu dem Umschlag mit meiner Sterbeurkunde. Die Beerdigungsfotos. Jeremys falsche Tränen. Die Zeitung nannte ihn einen hingebungsvollen Ehemann. Jedes Bild spielte sich immer wieder in meinem Kopf ab. Er lebte mein Leben. Schlafen in meinem Haus. Ich veranstalte mein Unternehmen. Das Erbe meiner Eltern ausgeben. Lächelnd mit einer anderen Frau. Während die Welt Mitleid mit ihm hatte. Die Ungerechtigkeit brannte heißer als meine Trauer.

Langsam, sehr langsam, streckten sich meine Finger in Richtung der Heiratsurkunde. Ich habe den Stift nicht abgeholt. Noch nicht. Aber ich berührte den Rand des Papiers. Carlos bemerkte es. Er sagte nichts. Keiner von uns sprach.

Erst als ich endlich das Schweigen brach. Meine Stimme war kaum hörbar. "Wenn..." Ich schluckte. "Wenn ich Eva werde... was passiert mit Edith?"

Zum ersten Mal antwortete Carlos nicht sofort. Sein Kiefer zog sich zusammen. Seine Augen senkten sich kurz, bevor er zu meinen zurückkehrte. Als er endlich sprach, war seine Stimme leiser als zuvor. "Edith..." Er hielt inne. "...Starb an dem Tag, an dem Jeremy Geld ihr vorwähl."

Die Worte durchbohrten direkt mein Herz. Ich wollte streiten. Ich wollte schreien, dass Edith noch hier ist. Ich atme immer noch. Es tut immer noch weh. Aber es kamen keine Worte. Weil ich tief im Inneren verstanden habe, was er meinte. Die Frau, die blind vertraute. Die Frau, die glaubte, dass Liebe alles reparieren kann. Die Frau, die ein Leben um Jeremy herum aufgebaut hat... Sie war wirklich gestorben.

Alles, was übrig blieb, war jemand, der versuchte, die Ruinen zu überleben. Und vielleicht jemand, der noch eine letzte Chance hatte, sich zu wehren.

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