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Kapitel 9

Author: Sophiel
last update publish date: 2026-09-21 03:09:54

ZWEI MÜTTER

Sie zogen noch vor Sonnenaufgang weiter, weiter weg von der letzten Patrouillenroute, bis Ronan schließlich eine schmale Senke unter einem umgestürzten Baum für sicher genug hielt, um dort eine Stunde zu rasten. Sloane hatte nicht bemerkt, wie dringend sie selbst diese kleine Illusion von Ruhe gebraucht hatte, bis sie sich hinsetzte und ihr ganzer Körper endlich zugab, wie erschöpft er war.

„Hier.“ Ronan hielt ihr einen Streifen Trockenfleisch aus einem kleinen Bündel hin, das er offenbar irgendwo an sich genommen hatte, bevor er sie im Wald gefunden hatte. Bis jetzt hatte sie nicht einmal bemerkt, dass er es bei sich trug. „Du hast seit dem Moment, bevor das alles passiert ist, nichts gegessen.“

„Du auch nicht.“

„Ich komme schon klar.“

„Ich auch.“ Sie nahm es trotzdem, weil ein Streit darüber mehr Energie kostete, als sie noch übrig hatte, und weil ein kleiner, sturer Teil von ihr nicht wollte, dass auch er ohne Essen blieb.

Sie aßen eine Weile schweigend, eine Art von Schweigen, die sich inzwischen weniger wie Anspannung anfühlte und mehr wie zwei Menschen, denen in diesem Augenblick einfach nichts mehr einfiel, was gesagt werden musste. Sloane ertappte sich dabei, ihn zu beobachten, ohne es wirklich zu beabsichtigen, die vorsichtige Art, wie er selbst beim Essen immer wieder die Baumgrenze absuchte, ohne seine Wachsamkeit auch nur für einen Moment völlig fallen zu lassen, und die Art, wie seine Schultern inzwischen anders wirkten als damals auf der Lichtung, als er zum ersten Mal sein Schwert gezogen hatte. Weniger sicher. Menschlicher.

„Du hättest das nicht mit mir teilen müssen“, sagte sie schließlich.

„Du hast meinen Arm verbunden, ohne irgendetwas dafür zu verlangen. Es schien nur fair.“

„Das ist nicht dasselbe.“

„Ist es das nicht?“ Er sah sie an, und etwas in seinem Gesicht wirkte leichter, als sie erwartet hatte, beinahe spöttisch. „Mein ganzes Leben lang wurden mir Dinge gegeben, wegen dem, was ich bin, nicht wegen dem, wer ich bin. Sohn des Alphas. Erbe. Die Leute geben mir Dinge, weil sie etwas von meiner Familie wollen, nicht weil es ihnen besonders wichtig wäre, ob ich esse. Du wusstest nicht, was ich einmal für dich sein würde, als du die Wunde versorgt hast. Du hast es einfach getan, weil jemand Hilfe brauchte.“

Sloane hatte darauf keine fertige Antwort. Stattdessen drehte sie den Gedanken in ihrem Kopf hin und her und war überrascht, wie viel es ihr bedeutete, ihn das so offen sagen zu hören, ohne die vorsichtige Distanz, die sonst in seiner Stimme lag.

„Nur damit du es weißt“, sagte sie, „ich wollte nichts beweisen, indem ich dir geholfen habe. Es ist einfach das, was ich tue. Ich weiß nicht, wie man jemanden bluten sieht und nichts tut, selbst wenn dieser Jemand die letzte Stunde damit verbracht hat, darüber nachzudenken, ob er mich töten soll.“

„Das ist mir aufgefallen.“ Seine Stimme war leiser geworden. „Selbst nach allem versuchst du immer noch, das hier wie ein Rätsel zu lösen, anstatt auseinanderzufallen. Ich glaube nicht, dass ich das an deiner Stelle auch nur halb so gut schaffen würde.“

„Vielleicht würdest du dich selbst überraschen.“

„Vielleicht.“ Er hielt ihren Blick einen Moment länger, als es das Gespräch eigentlich erforderte, und Sloane spürte etwas Warmes tief in ihrer Brust, das nichts mit irgendeinem Aufleuchten oder der Verbindung durch ihre Schicksalsgefährten zu tun hatte. Einfach nur er, der sie ansah, als wäre sie ein Mensch, den es wert war anzusehen, nicht ein Rätsel, eine Gefährtin oder ein Problem, das gelöst werden musste.

Der Moment hielt nicht an. Er konnte es nicht, nicht bei allem, was noch über ihnen schwebte, aber Sloane hielt trotzdem daran fest, als sie sich wieder in Bewegung setzten und demselben Gedankengang folgten, bei dem sie in der Nacht zuvor aufgehört hatten.

„Deine Mutter sagte, die Mutter der Heilerin hätte etwas Besseres verdient als das, was wir ihr angetan haben“, sagte Sloane, sobald sie wieder gingen. „Wir. Nicht nur sie. Das ist nicht die Schuld einer einzigen Person. Sie wird von mehreren geteilt.“

„Darüber habe ich auch nachgedacht.“ Ronans Kiefer war wieder angespannt, die Sanftheit von vorhin unter der Last dessen verschwunden, was sie noch entwirren mussten. „Wenn meine Mutter sich nach Jahren des Schweigens schuldig genug fühlte, mich heimlich zu sich zu rufen, dann hat sie nichts Kleines verborgen. Und wenn Corwin sie vergiftet hat, um sie davon abzuhalten, mir davon zu erzählen, bedeutet das, dass das, was mit deiner Mutter geschehen ist, wichtig genug war, um zweimal zu töten, damit es geschützt blieb.“

„Zweimal.“ Sloane blieb stehen. „Du glaubst, Corwin war auch am Tod meiner Mutter beteiligt.“

„Ich halte es für möglich, dass deine Mutter nicht die Heilerin war, für die sie alle hielten, genauso wenig wie du es vielleicht bist. Ich glaube, was auch immer sie wusste oder was auch immer sie war, bedrohte etwas, das Corwin seit Jahren beschützt. Und ich glaube, meine Mutter fand schließlich genug von der Wahrheit heraus, um zu derselben Art von Bedrohung zu werden.“

Sloane hatte das Gefühl, als würde sich unter diesem Gedanken der Boden verschieben, kalt und gewaltig. „Zwei Frauen. Jahrzehnte voneinander entfernt. Beide tot wegen desselben Geheimnisses.“

„Und du bist die einzige Person, die noch übrig ist und vielleicht verstehen kann, was dieses Geheimnis wirklich ist.“

Sie bekamen nicht lange Gelegenheit, diese Erkenntnis auf sich wirken zu lassen. Über ihnen ertönte ein Flügelschlag, und einen Moment später flog ein kleiner Falke tief über die Baumgrenze, drehte eine Runde und stürzte dann auf einen nahegelegenen Ast zu, eine Nachrichtenschriftrolle am Bein befestigt. Ronan spannte sich sofort an und erkannte den Vogel, noch bevor Sloane ihn richtig gesehen hatte.

„Das ist ein Kurierfalke. Im Gebiet registriert.“ Er bewegte sich schnell, fing den Vogel ab, bevor er wieder davonfliegen konnte, und rollte die Schriftrolle mit Händen auf, die plötzlich unruhig geworden waren. Er las sie einmal schweigend, dann ein zweites Mal, und beim zweiten Durchlesen wich alle Farbe aus seinem Gesicht.

„Was ist es?“, fragte Sloane.

„Mein Vater.“ Ronans Stimme war flach geworden, leer, die Stimme eines Mannes, der gerade seine schlimmste Befürchtung schriftlich bestätigt gelesen hatte. „Er hat Corwin die vollständige Befugnis über die Ermittlungen zum Tod meiner Mutter übertragen. Vollständige Kontrolle. Jede Wache, jeder Fährtenleser, jedes Mittel im gesamten Gebiet steht direkt unter seinem Befehl, bis der Mörder gefunden ist.“

Sloanes Magen zog sich zusammen. „Er setzt den Mann, der sie ermordet hat, damit beauftragt, ihren Mörder zu finden.“

„Er weiß es nicht. Er glaubt, er ehrt die Trauer seines ältesten Freundes, indem er ihn die Jagd nach Gerechtigkeit anführen lässt.“ Ronan zerknüllte die Schriftrolle in seiner Faust, sein ganzer Körper starr vor einer Wut, die Sloane noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. „Corwin hat sich gerade jedes Werkzeug in die Hand gegeben, das er braucht, damit die Wahrheit niemals ans Licht kommt. Und er wird jedes einzelne davon einsetzen, um zuerst uns zu finden.“

Sloane blickte auf die Baumgrenze, die sich endlos in alle Richtungen erstreckte, und fühlte sich plötzlich kleiner als die ganze Nacht zuvor.

„Dann fliehen wir nicht mehr nur vor dem Befehl deines Vaters“, sagte sie leise.

„Nein.“ Ronans Augen waren hart, auf einen Punkt in der Ferne gerichtet, während er bereits berechnete, was als Nächstes kommen musste. „Wir fliehen vor dem einzigen Mann in diesem gesamten Gebiet, der jeden Grund hat, dafür zu sorgen, dass wir niemals lebend zurückkehren, um irgendjemandem zu erzählen, was wir wissen.“

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