Se connecterSie heilte die Luna mit ihren eigenen Händen. Am nächsten Morgen wollte das ganze Rudel sie tot sehen. Sloane Kestrel ist niemand Besonderes — eine Heilerin ohne Rang, ohne Familie, ohne jemanden, der für sie spricht, als die Frau des Alphas unter ihrer Behandlung stirbt. Das Urteil steht fest, noch bevor es einen Prozess gibt. Gift. Mord. Todesstrafe. Sie flieht. Ihr Zuhause brennt hinter ihr nieder. Der Wolf, der sie jagen soll, ist kein Fremder. Es ist Ronan Ashwood — der eigene Sohn des Alphas, mit dem Befehl, sie zurückzubringen, tot oder lebendig. Er findet sie im Dunkeln, die Klinge bereits erhoben, bereit, es zu Ende zu bringen. Er tut es nicht. Denn in dem Moment, als seine Hand die ihre berührt, geschieht etwas, das keiner von beiden erklären, leugnen oder rückgängig machen kann. Sie ist nicht länger nur seine Gefangene. Sie ist seine Schicksalsgefährtin — und jetzt muss er sich entscheiden: zwischen dem Vater, dem er nie widersprochen hat, und einer Frau, die das ganze Rudel für die Mörderin seiner Mutter hält. Doch jemand wollte die Luna schon lange tot sehen, bevor Sloane je diesen Raum betreten hat. Jemand, der immer noch an der Seite des Alphas steht, die Jagd kontrolliert und die Schlinge enger zieht — und Sloane und Ronan sind die Einzigen, die es wissen. Jetzt sind sie nicht mehr nur Flüchtige. Sie sind das Einzige, was zwischen einem Mörder und allem steht, was er sich noch nehmen will.
Voir plusDIE HÄNDE DER HEILERIN
Sloanes Feuer war bereits zu Glut heruntergebrannt, als es klopfte. Dreimal schnell hintereinander, eine Pause, dann noch einmal. Sie kannte dieses Klopfen. Nur die Rudelläufer klopften so, schnell, damit sie nicht die ganze Straße aufweckten. Noch bevor das Geräusch verstummte, war sie bereits auf den Beinen. Sie öffnete die Tür. Ein Junge stand dort, vielleicht sechzehn Jahre alt, völlig außer Atem, als wäre er den ganzen Weg gerannt. „Die Luna braucht dich“, sagte er. „Ihr Magen. Sie meinte, es sei nichts, aber …“ Er hielt inne und sah sie an. „Sie sieht nicht richtig aus, Miss Kestrel. Ich habe sie noch nie so gesehen.“ Sloane verschwendete keine Zeit damit zu fragen, was „nicht richtig“ bedeutete. Er würde es selbst nicht wissen. Sie schnappte sich ihre Tasche, überprüfte, ob sie Ingwerwurzel, Weidenrinde und Minze gegen die Übelkeit dabeihatte, und nahm ihren Umhang vom Haken. Normalerweise dauerte es zwanzig Minuten bis zum Ashwood-Anwesen. Sie schaffte es in zwölf. Sie war vielleicht ein Dutzend Mal zuvor im Anwesen gewesen, immer durch die Hintertür, immer wegen etwas wie diesem. Eine Heilerin ohne Namen betrat das Haus nicht durch den Haupteingang. Aber Isolde hatte ihr deswegen nie das Gefühl gegeben, weniger wert zu sein. „Da bist du ja.“ Isoldes Stimme war schwach, aber noch immer warm. Sie saß im Bett aufrecht, eine Hand auf den Bauch gedrückt, ihr Gesicht blass und feucht vor Schweiß. „Ich habe Mercer gesagt, dass es nichts ist. Er hat dich trotzdem holen lassen.“ „Lieber vorsichtig.“ Sloane durchquerte den Raum und nahm ihr Handgelenk. Ihr Puls war zu schnell. Nicht rasend, einfach falsch. „Wie lange geht das schon so?“ „Seit dem Abendessen. Ich dachte, es lag am Wild. Zu schwer.“ „Hast du heute noch etwas anderes gegessen oder getrunken? Vor dem Abendessen?“ Isolde dachte einen Moment nach und hielt dann mitten im Kopfschütteln inne, als hätte die Bewegung sie schwindelig gemacht. „Corwin kam heute Nachmittag vorbei. Er hat mir einen Tee für meine Nerven gebracht. Mercer ist wegen der Grenzverhandlungen schwer zu ertragen, also dachte Corwin, ich könnte ihn gebrauchen.“ Sie brachte ein kleines Lächeln zustande. „Nett von ihm, dass er daran gedacht hat.“ Sloane schenkte dem keine große Beachtung. Corwin stand der Familie seit Jahren nahe. Sie untersuchte Isolde weiter, betrachtete die Farbe unter ihren Fingernägeln, ihre Augen im Kerzenlicht und das leichte Zittern, das in ihren Händen begann, ohne dass Isolde es bisher bemerkt hatte. „Ich mache dir etwas für deinen Magen“, sagte Sloane und hielt ihre Stimme ruhig. „Hauptsächlich Ingwer. Es wird schrecklich schmecken. Du wirst es überleben.“ Sie gab die getrocknete Wurzel in einen kleinen Topf, fügte Wasser aus der Kanne neben dem Bett hinzu und ließ es ziehen. Während der Tee zog, beobachtete sie stattdessen Isoldes Atmung. Zu schnell. Zu flach. So sah kein einfacher verdorbener Magen aus. „Isolde.“ Sloane stellte den Topf ab, ohne den Tee einzuschenken. „Sag mir alles, was du heute Abend zu dir genommen hast. Auch den Tee von Corwin.“ „Warum sollte das eine Rolle spie—“ Sie beendete den Satz nicht. Ihr ganzer Körper versteifte sich und bäumte sich vom Bett auf. Ein Laut drang aus ihrer Kehle, der kein Wort war. Sloane packte ihre Schultern und versuchte zu verhindern, dass ihr Kopf gegen das Holz hinter ihr schlug, während ihre Arme und Beine immer wieder heftig zuckten. „Holt den Arzt!“, schrie Sloane. „Sofort! JETZT!“ Niemand kam schnell genug. Es dauerte weniger als zwei Minuten. Es fühlte sich wie eine Stunde an. Sloane würde sich später genau daran erinnern, wann das Zittern aufhörte und die Stille begann und wie viel schlimmer diese Stille war. Sie legte ihr Ohr auf Isoldes Brust. Nichts. „Nein. Nein, nein.“ Sie legte Isoldes Kopf zurück, suchte nach einem Atemzug, der nicht mehr da war, und begann, auf ihre Brust zu drücken. Nicht, weil ihre Ausbildung es ihr sagte. Sondern weil sie sich weigerte zu glauben, was sie längst wusste. „Komm schon. Komm schon, Isolde.“ Die Tür flog auf. Sloane kam nicht einmal dazu, sich umzudrehen, bevor die erste Anschuldigung sie traf. „Sie ist tot.“ Ein Wachmann stand in der Tür und starrte an ihr vorbei auf das Bett, auf ihre Hände, die noch immer auf Isoldes Brust lagen, auf den verschütteten Tee und das leere Weinglas. „Die Luna ist tot. Und die Heilerin war die Einzige, die hier drin war.“ „Ich habe versucht, sie zu retten.“ Sloane hörte selbst, wie es klang, noch während sie es sagte. Sie wusste, dass es keine Rolle spielen würde. „Sie hatte Krämpfe. Ich habe das nicht getan. Ich wollte ihr helfen.“ „Geh von der Leiche weg.“ Jetzt standen vier Wachen in der Tür und füllten den Eingang aus, die Hände bereits an ihren Schwertern. Sloane hob die Hände, die Handflächen nach außen, leer. Ich bin keine Bedrohung. Doch jeder von ihnen sah sie bereits so an, als wäre sie es. „Jemand hat etwas vergiftet, das sie heute Abend gegessen oder getrunken hat“, sagte sie und zwang ihre Stimme, ruhig zu bleiben. „Durchsucht die Küche. Findet heraus, wer vor mir in diesem Zimmer war. Genau das solltet ihr tun.“ „Du warst allein mit ihr.“ Der Anführer der Wachen trat näher. Sein Urteil stand längst fest. „Du warst oft genug allein mit ihr. Schon seltsam, dass sie ausgerechnet heute stirbt.“ „So ist es nicht passiert.“ „Nehmt sie fest.“ Hände packten ihre Arme und zogen sie vom Bett weg. Weg von der Frau, die sie tatsächlich zu retten versucht hatte. Sloane wehrte sich, drehte sich mit aller Kraft und schaffte es beinahe, sich loszureißen, bis ein zweiter Wachmann ihren anderen Arm packte und sie festhielt. „Ihr versteht das nicht.“ Ihre Stimme zitterte jetzt, und sie hasste sich dafür. „Ich habe das nicht getan. Niemals würde ich so etwas tun.“ „Das kannst du dem Alpha erzählen.“ Sie warteten nicht bis zum Morgen. Als sich der Himmel von Schwarz zu Grau färbte, stand Sloanes Hütte, ihr Zuhause, das Zuhause ihrer Mutter, mit jedem Kraut und jedem Tagebuch, das sie besaß, bereits hinter ihr in Flammen. Jemand hatte diesen Befehl gegeben, noch bevor Sloane überhaupt offiziell wegen irgendetwas angeklagt worden war. Sie rannte, weil stehen zu bleiben bedeutete, ihnen zu erlauben, über ihr Leben zu entscheiden, ohne Gerichtsverfahren und ohne jemanden, der auf ihrer Seite stand. Der Wald war dunkel und kalt und kümmerte sich nicht darum, ob sie die Nacht überlebte. Äste streiften ihren Umhang. Ihre Lungen brannten vom Rauch und der kalten Luft. Sie sah nicht zurück zum Feuer. Sie hatte Angst, dass sie aufhören würde zu rennen, wenn sie es tat. Trotzdem blickte sie einmal zurück, direkt am Rand der Bäume, weil etwas ihre Aufmerksamkeit erregte und sie nicht mehr losließ. Eine Gestalt. In einen Umhang gehüllt. Sie bewegte sich schnell vom Anwesen weg, durch den hinteren Garten, in die entgegengesetzte Richtung zu all den Wachen, die inzwischen durch den Haupteingang hereinströmten. Sie verließ das Haus heimlich, nur wenige Minuten, bevor überhaupt jemand im Inneren gesagt hatte, dass Isolde tot war. Sloane hatte keine Zeit, sich zu fragen, wer es war. Hinter ihr nahmen die Jagdhunde bereits ihre Witterung auf. Doch unter all der Angst blieb ein einziger kalter Gedanke in ihrem Kopf hängen: Wer auch immer das gewesen war, er wusste bereits, was in diesem Zimmer geschehen war. Noch bevor sie es selbst wusste.VOR DER TÜRSie erreichten die Hütte nicht mehr vor Einbruch der Dunkelheit.Ronan bemerkte es zuerst und bog zu einer Gruppe von Kiefern ab, die nahe genug am Bergrücken stand, um Wache halten zu können, aber weit genug entfernt war, dass sie von keinem Weg aus gesehen werden konnten, der zu Perrins Tür führte. „Wenn wir nach Einbruch der Dunkelheit unangekündigt bei ihm auftauchen, könnte er uns für etwas Schlimmeres halten, als wir sind. Wir warten besser bis zum Morgen, wenn er tatsächlich sehen kann, wer vor seiner Veranda steht.“Sloane widersprach nicht. Ihre Beine hatten einen Punkt erreicht, an dem sich jeder Schritt anfühlte, als würde sie ihn sich irgendwo borgen, wo sie selbst nichts mehr übrig hatte, und der Gedanke an eine weitere Nacht im Freien, ohne dass zum ersten Mal seit Beginn dieser Sache eine Suchlinie hinter ihnen her war, fühlte sich beinahe wie Erleichterung an.Sie machten kein Feuer. Ronan fand eine Senke unter einem niedrigen Felsvorsprung, die den Wind ab
WOHIN WIR ALS NÄCHSTES GEHENDer Baumstamm hielt.Sloane spürte, wie er unter ihrem Gewicht nachgab, als sie etwa die Hälfte des Weges geschafft hatte. Er war vom Sprühwasser des Flusses rutschig und ächzte unter der Belastung von zwei Menschen statt nur einem, aber er hielt. Sie hielt ihren Blick auf das gegenüberliegende Ufer gerichtet, so wie Ronan es ihr gesagt hatte, nicht auf das Wasser, das unter ihnen weiß aufschäumte, nicht auf den Abgrund, der alles schnell und eiskalt beenden würde, wenn einer von ihnen den Halt verlor.Ronan ging den restlichen Weg zuerst und prüfte jeden Abschnitt, bevor sie ihm folgte. Sie waren nur noch drei Schritte vom festen Boden entfernt, als sein Stiefel auf einer nassen Stelle der Rinde wegrutschte und er augenblicklich das Gleichgewicht verlor. Seine Arme ruderten eine halbe Sekunde lang durch die Luft, bevor die Schwerkraft die Oberhand gewann.Sloane packte ihn.Sie dachte nicht darüber nach. Ihre Hand schoss vor und schloss sich um seinen Unt
GEMEINSAM AUF DER FLUCHTSie kamen nicht weit, bevor Ronan plötzlich stehen blieb, den Kopf leicht geneigt, während er auf etwas lauschte, das Sloane noch nicht hören konnte.„Was ist?“„Sei still.“ Er hob eine Hand, und sie erstarrte mitten im Schritt, während sie beobachtete, wie seine Augen die Baumgrenze absuchten, mit derselben scharfen Konzentration, die sie in der Nacht gesehen hatte, als er sie zum ersten Mal gefunden hatte. Ein langer Moment verging, bevor seine Schultern sich ein wenig senkten, nicht aus Erleichterung, sondern in der düsteren Bestätigung von etwas, das er offensichtlich befürchtet hatte. „Fährtenleser. Sie kommen schnell, aus Osten. Mindestens sechs, vielleicht mehr.“„Wie kannst du das aus dieser Entfernung erkennen?“„Tempo. Abstände. Das ist keine zufällige Patrouille, die das Gebiet absucht. Das ist eine koordinierte Suchlinie, und solche Suchlinien werden nur von jemandem angeordnet, der bereits ungefähr weiß, wo er suchen muss.“ Sein Kiefer spannte sic
ZWEI MÜTTERSie zogen noch vor Sonnenaufgang weiter, weiter weg von der letzten Patrouillenroute, bis Ronan schließlich eine schmale Senke unter einem umgestürzten Baum für sicher genug hielt, um dort eine Stunde zu rasten. Sloane hatte nicht bemerkt, wie dringend sie selbst diese kleine Illusion von Ruhe gebraucht hatte, bis sie sich hinsetzte und ihr ganzer Körper endlich zugab, wie erschöpft er war.„Hier.“ Ronan hielt ihr einen Streifen Trockenfleisch aus einem kleinen Bündel hin, das er offenbar irgendwo an sich genommen hatte, bevor er sie im Wald gefunden hatte. Bis jetzt hatte sie nicht einmal bemerkt, dass er es bei sich trug. „Du hast seit dem Moment, bevor das alles passiert ist, nichts gegessen.“„Du auch nicht.“„Ich komme schon klar.“„Ich auch.“ Sie nahm es trotzdem, weil ein Streit darüber mehr Energie kostete, als sie noch übrig hatte, und weil ein kleiner, sturer Teil von ihr nicht wollte, dass auch er ohne Essen blieb.Sie aßen eine Weile schweigend, eine Art von Sc











