Share

Sie ging nicht.

Author: A.M.Betsy
last update publish date: 2026-08-21 05:44:02

Sie tippte das Ja ein, löschte es wieder, legte ihr Handy mit dem Bildschirm nach unten auf den Schreibtisch und verbrachte die nächsten zwei Stunden damit, die ersten drei Kapitel ihres Biologielehrbuchs mit vorgetäuschter Konzentration zu lesen.

Bei jedem vierten Satz wurde ihr klar, dass sie all diese Dinge bereits wusste. Das war das Problem, das sie mit dem Lesen hatte … sie wusste dieses Zeug einfach immer schon.

Woher?

Das wusste sie selbst noch nicht.

Um zehn Uhr hatte sie ein weiteres Kapitel in ihrem geheimen Dokument verfasst, noch immer unschlüssig, was genau sie damit anfangen würde.

Einfach deshalb, weil das, was sie im Kopf hatte, bösartig war.

Vielleicht sogar diabolisch.

Mara klopfte um 22:30 Uhr an die Verbindungswand – offenbar war sie gerade zurückgekehrt – und öffnete die Zimmertür.

„Nia hat uns eingeladen. Hat sie dir geschrieben?“

„Hat sie.“

„Und?“

„Ich lese.“

Mara lehnte sich an den Türrahmen. Sie hatte sich umgezogen und trug etwas, das lässig wirkte, aber wie Quin bemerkte, extrem kalkuliert war: dunkle Jeans, ein bauchfreies Top und offenes, lockeres Haar. Sie sah genauso aus wie Leute, die mühelos wirken wollen und dafür beträchtlichen Aufwand in ihr Aussehen gesteckt haben.

Quin erkannte diese Strategie aus Jahren der Beobachtung wieder. Sie hatte sie nur selbst nie angewandt.

„Komm für eine Stunde mit“, sagte Mara mit lockerer Stimme, ohne zu drängen. „Wenn du es hasst, gehst du wieder. Keine Verpflichtungen, keine sozialen Schulden.“

„Ich hasse Dinge nicht.“

„Dann wird es dir gefallen.“

Ein kleiner Moment des Zögerns. Quin sah auf ihr Lehrbuch. Auf die Zahl, die sie gelesen hatte, ohne sie zu behalten.

„Gib mir zehn Minuten“, sagte sie.

Zimmer 212 lag nur drei Türen weiter den Flur hinunter, fühlte sich aber wie ein völlig anderes Land an.

Es war voll – nicht erdrückend, aber doch beachtlich – mit vielleicht fünfzehn Leuten, die meisten von ihnen im zweiten Studienjahr und eine Handvoll älterer Studenten, die Quin nicht kannte. Die Musik war leise genug, dass man sich mühelos unterhalten konnte. Jemand hatte Lichterketten um das Fenster gehängt, die dem Raum eine Atmosphäre verliehen, die gleichzeitig warm und leicht verschwörerisch wirkte. Quin erfasste all das in den ersten vier Sekunden und suchte dann nach den Ecken.

Nia war das Mädchen, das sofort auftauchte und sie mit der einstudierten Herzlichkeit einer Gastgeberin begrüßte – sie besaß ein natürliches soziales Gespür, einladend, aber nicht aufdringlich. Sie war groß und hatte dunklere Haut, mit jener Art von Knochenstruktur, die in Räumen für Aufmerksamkeit sorgt.

„Endlich“, sagte sie, während ihre Augen zwischen Mara und Quin hin- und herwanderten und schließlich auf Quin ruhen blieben. „Da ist ja die geheimnisvolle dritte Mitbewohnerin.“

„Quin“, sagte Quin.

„Willkommen“, erwiderte Nia.

Ihr wurde etwas in einem roten Becher in die Hand gedrückt. Sie hielt ihn, ohne zu trinken, und beobachtete.

Die Party, falls man es in dieser Größenordnung überhaupt so nennen konnte, funktionierte wie von selbst. Die Leute ordneten sich in Gruppen an, die sich wie sich teilende Zellen verschoben – Gespräche begannen, orientierten sich neu und lösten sich wieder auf. Mara ging innerhalb von vier Minuten in einer dieser Gruppen auf. Jade, die mitgekommen war, obwohl sie behauptet hatte, nur dreißig Minuten zu bleiben, war bereits in ein offenbar wirklich interessantes Gespräch mit jemandem am Fenster vertieft.

Quin stand mit ihrem Becher da und schaute zu.

Ein Junge tauchte neben ihr auf. Mittlere Größe, dunkle Haut und ein langsames, amüsiertes Lächeln, das sie vom Kennenlerntreffen wiedererkannte.

„Marcus“, sagte er und neigte das Kinn in ihre Richtung.

„Ich weiß. Wir haben uns bei der Einführung getroffen.“

„Du erinnerst dich.“

„Ich erinnere mich an fast alles.“

Er lachte. Es klang nicht defensiv; er schien es aufrichtig lustig zu finden, eher wie einen interessanten Gesprächseinstieg als wie eine Herausforderung. Sie musterte ihn – genau so, wie sie in den letzten Tagen das andere Geschlecht gemustert hatte.

Sie unterhielten sich. Er war im zweiten Vorstudienjahr für Jura und kam aus Atlanta. Er stellte Fragen, die echte Fragen waren und keine Vorwände, um über sich selbst zu reden, was sie schätzte. Sie antwortete mit mehr als ihrem üblichen Minimum. Irgendwann bemerkte sie, dass sie ungefähr die Hälfte ihres Bechers getrunken hatte, ohne es bewusst entschieden zu haben.

Später, vielleicht gegen Mitternacht, als sich der Raum auf die hartnäckigeren Gäste gelichtet hatte und die Unterhaltung in etwas Ruhigeres, Bedächtigeres übergegangen war, saß Mara im Schneidersitz auf Nias Bett – sichtlich vertraut mit diesem Raum und diesen Leuten – und wandte sich an Quin:

„Okay, Nia hat letzte Woche mit etwas angefangen, und ich will das fortführen. Jeder muss eine ehrliche Antwort auf eine Frage geben. Kein Passen erlaubt.“

Ein paar Stöhner. Ein paar sofortige Zustimmungen. Marcus zog vom anderen Ende des Raumes eine Augenbraue in Quins Richtung hoch.

Die Frage, die Mara stellte, lautete: „Was wünschst du dir am meisten, das du noch nie hattest?“

Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Jemand sagte ganz unverblümt Geld und erntete dafür Lacher. Jemand anderes meinte, ein Verhältnis zu seinem Vater, das nicht verlangte, eine Version von sich selbst vorzuspielen, die dieser gutheißen würde – woraufhin es im Raum kurz und respektvoll still wurde, bevor es weiterging. Marcus sprach davon, etwas aufbauen zu wollen, das ihn überdauern würde, was Quin interessanter fand, als sie erwartet hatte.

Dann war sie an der Reihe.

Ungefähr zwölf Gesichter, warm erleuchtet vom Schein der Lichterkette. Mara beobachtete sie mit diesem speziellen, geduldigen Ausdruck. Quin blickte in ihren Becher hinab.

Sie konnte eine unverfängliche Antwort geben. Sie hatte drei parat. Sie war gut in sicheren Antworten, die persönlich klangen, es aber nicht waren.

Sie sah auf.

„Ich will etwas begehren“, sagte sie mit fester, bedachter Stimme. „So wie andere Menschen Dinge begehren. Ohne dass irgendetwas zwischen mir und der Sache steht, ohne das Glas.“

Das Glas – so hatte sie ihr Dokument betitelt.

Und falls daraus wirklich ein Buch werden sollte, wozu sie stark tendierte, würde sie es genau so nennen.

Der Raum ließ ihre Worte auf sich wirken.

„Das Glas“, wiederholte Nia nachdenklich.

„Als würde ich von draußen zusehen. Ich habe mein ganzes Leben lang den Dingen nur von außen zugesehen. Ich will mitten in einem davon sein.“

Sie wollte im Mittelpunkt ihrer eigenen Geschichte stehen; sie wollte die Hauptfigur sein. Sie hatte es satt, immer nur die Nebenrolle zu spielen, während ihre Mutter oder andere Leute die Hauptrolle einnahmen.

Stille trat ein. Nicht unangenehm, sondern jene Stille, die sich um Dinge legt, die wirklich wahr sind.

Nichts Vorgespieltes.

Mara sah sie mit einem Ausdruck an, den Quin nicht ganz einordnen konnte. Irgendetwas zwischen Wiedererkennen und einem Entschluss, der gerade gefasst wurde.

„Das ist das Ehrlichste, was heute Abend überhaupt jemand gesagt hat“, sagte Marcus leise.

Quin zuckte mit den Schultern; ihre Beherrschung legte sich wie ein glattgezogenes Laken wieder über die Ehrlichkeit.

„Ich dachte, Passen ist nicht erlaubt.“

Die Leute lachten. Der Moment verflog. Das Gespräch ging weiter.

Doch Maras Blick blieb. Und als Quin ihre Augen später quer durch den Raum wieder traf, hielt Mara ihren Blick für einen Herzschlag fest, bevor sie wegsah.

Etwas hatte sich verschoben. Quin konnte es spüren.

Um ein Uhr nachts ging sie allein zurück auf ihr Zimmer, während Mara noch blieb. Und als sie ihr Bett erreichte, wurde ihr klar, dass ihr solche Runden gefielen und sie nicht zweimal nachdenken würde, bevor sie wieder an so etwas teilnahm.

Ihre wichtigste Erkenntnis für heute Nacht war jedoch: Sie würde das Zentrum ihrer eigenen Geschichte sein, und die ganze Welt würde ihren Charakter lieben.

Vielleicht nicht die ganze Welt, aber zumindest ihre Leser.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Ich will einfach nur gelegt werden   Er drehte sie zum Spiegel um

    Quin klammerte sich an die Kanten des kalten Marmors, ihre Fingerknöchel wurden weiß. Sie starrte ihr Spiegelbild an: wilde Augen, geschwollene rote Lippen und Haare, die sich aus den Nadeln gelöst hatten. Hinter ihr stand Cole, eine dunkle Silhouette, sein Blick in der Reflexion auf sie geheftet. Er legte seine große Hand um ihre Taille, breitete sie über ihren Bauch aus und zog sie so weit nach hinten, bis sie fest an sein Becken gepresst war.Sie spürte, wie sehr er sie wollte – die harte Wölbung seiner Erektion drückte sich durch den weichen Stoff ihres Kleides gegen ihr Gesäß. Er rieb sein Becken in langsamen, wahnsinnig machenden Kreisen an dem ihren, bis ihre Knie zu zittern begannen. In der Reflexion sah sie den rohen, unverfälschten Hunger in seinem Gesicht, und augenblicklich begann ihre Pussy vor Verlangen zu brennen.„Sieh uns an“, flüsterte er rauchig und wandwandte seine Hand von ihrem Bauch zu dem gerafften Stoff ihres Kleides. Er hakte die Finger in den Bund ihres Höss

  • Ich will einfach nur gelegt werden   Die Damentoilette

    Das Orchester spielte das Crescendo, und die letzte vibrierende Note des Walzers schwebte schwer in der Luft des Ballsaals. Quin löste ihre Hand von Coles; das plötzliche Ende seiner Berührung ließ ihre Finger zittern. Sie wandte sich nicht um, um seinen Blick zu sehen, doch sie spürte dessen schwere, intensive Last auf ihrem nackten Rücken.Das bordeauxrote Satinkleid schmiegte sich eng an ihren Körper, die glatte Textur glitt bei jedem Atemzug an den Konturen ihrer Figur entlang. Der weite Rückenausschnitt entblößte ihre Haut der kühlen Raumluft und den musternden Blicken der Umstehenden.„Ich brauche einen Moment“, flüsterte sie, mehr an den glänzenden Parkettboden als an ihn gerichtet.Sie ging los, bahnte sich einen Weg durch die Menge. Der schmale Schlitz im Saum ihres Kleides strich bei jedem Schritt an ihren Waden entlang, und die Reibung zwischen ihren Oberschenkeln weckte ein unangenehmes, hitziges Verlangen in ihr. Der gedimmten Flur wirkte im Vergleich zum Lärm des Saals f

  • Ich will einfach nur gelegt werden   Die Gala

    Das Taxi hielt sanft unter dem breiten Vordach des prachtvollen Hotels.Kaum war der Wagen zum Stehen gekommen, eilte ein Angestellter im feinen Anzug herbei, um ihnen beim Aussteigen zu helfen.Simone schritt als Erste anmutig hinaus, ihr atemberaubendes Abendkleid aus nachtblauer Seie glitt geschmeidig um ihre Konturen. Die funkelnden Diamant-Ohrringe komplettierten ihr elegantes Outfit, und die silberne Clutch passte perfekt zu ihrem raffinierten Geschmack.Quin folgte ihr dicht auf den Fuß.Für einen kurzen Moment blieb sie einfach wie angewurzelt stehen.Dieses wunderschöne bordeauxrote Abendkleid saß wie angegossen.Das luxuriöse Satin schmiegte sich eng um ihre schmale Taille und fiel dann in fließenden Bahnen bis zum Boden, während jeder Schritt einen verführerischen Blick auf ihr Bein freigab. Ihr Haar fiel locker zur Seite, und das Make-up, das Simone für sie gezaubert hatte, wirkte weder übertrieben noch fehl am Platz.Als sie in den Spiegel der gläsernen Türen blickte, erk

  • Ich will einfach nur gelegt werden   Unerwartete Einladung

    Quin blieb einen Herzschlag länger an der Tür stehen, als sie beabsichtigt hatte.Und Cole tat es ihr gleich.Es war erst ihre zweite Begegnung, seit sie in die Wohnheime gezogen war, aber irgendwie schien Cole sich verändert zu haben.Reifer.Gutaussehender.Er trug ein schlichtes, figurbetontes schwarzes Henley-Shirt mit hochgekrempelten Ärmeln und eine dunkle Jeans. Das Nachmittagslicht, das durch das Flufenster fiel, warf einen goldenen Schimmer auf sein hellbraunes, akkurat geschnittenes Haar. Sein Gesicht wirkte markanter als zuvor, und seine Lippen umspielte ein leichtes Lächeln, das seine ohnehin schon attraktiven Gesichtszüge weich erscheinen ließ.„Hey“, sagte er.„Hey.“Zwischen ihnen breitete sich ein kurzer Moment des Schweigens aus.Quin ertappte sich dabei, wie sie ihn anstarrte.Sie musterte sein Gesicht, dann den Schwung seines Lächelns. Plötzlich fragte sie sich, wie es wohl wäre, jemanden zu küssen, der so lächelte, und schalt sich im selben Augenblick dafür, sich s

  • Ich will einfach nur gelegt werden   Mitte des zweiten Studienjahres

    Mitte ihres zweiten Studienjahres konnte Quin nicht mehr so tun, als wäre alles beim Alten.Hargrove war ihr Zuhause geworden.Nicht nur der Campus an sich oder die Vorlesungen, sondern alles, was damit einherging.Lange Lernabende, die in stundenlangen Gesprächen endeten.Cafés voller streitender Studenten, die über ihren Aufgaben brüteten.Wöchentliche Football-Spiele.Selbst unter dem enormen Druck des Medizinstudiums hatte sie gelernt, es anzunehmen.Irgendwie, in der Zeit zwischen ihrem nervösen ersten Tag auf dem Campus und dem heutigen Tag, war die Hargrove University zu ihrem echten Zuhause geworden.Sie tippte die letzte Zeile ihres aktuellen Kapitels und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Das Zimmer war ungewöhnlich ruhig.Jade war in der Bibliothek.Mara hatte das Zimmer kurz nach dem Frühstück mit dem Hinweis verlassen, sie habe einige „wichtige Angelegenheiten“ zu erledigen – was in Maras Sprachgebrauch meistens absolut gar nichts Wichtiges bedeutete.Sie lächelte vor sic

  • Ich will einfach nur gelegt werden   Zurück in Hargrove

    Der Campus wimmelte nur so vor Leben, als Quin ihren Koffer die Flure des Wohnheims entlangzog.Überall liefen Studenten mit Rucksäcken auf dem Rücken durch die Gänge, Eltern schleppten Kisten voller Habseligkeiten hinterher, und Tutoren brüllten Anweisungen an völlig orientierungslose Erstsemester.Irrsinnig, eigentlich erst ein bisschen mehr als einen Monat her, dass das gesamte Gebäude nahezu menschenleer gewesen war.Doch jetzt schien das Leben mit voller Wucht zurückgekehrt zu sein.Quin lächelte vor sich hin, als sie vor ihrer Zimmertür stehen blieb.Zuhause.Oder... zumindest ihr zweites Zuhause.Sie drückte die Klinke nach unten und trat ein.„Endlich!“, rief Mara aus und legte demonstrativ ihr Buch aus der Hand, während sie den Anschein wahrte, bis eben noch fleißig gelernt zu haben.„Da ist sie ja!“, jubelte Jade und stürzte auf sie zu.Noch bevor Quin ihren Koffer überhaupt auf dem Boden abstellen konnte, steckte sie schon mitten in einer stürmischen Umarmung.„Ich habe euc

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status