ログインGiulia
Ich löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäude. Nicht, während zwei Stockwerke tiefer meine eigene Schwester ihre Hochzeit mit dem Mann plant, der mich quält, den Mann, den ich liebe.
Der Brief ist da, in meiner Tasche, einmal gefaltet, an den Rändern abgegriffen. Ich muss ihn nicht hervorholen, um jedes Wort zu kennen. „Mein Lorenzo, wenn du dies liest, werde ich bereits fort sein. Hasse mich nicht. Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben, und genau deshalb muss ich dich verlassen …“
Ich habe ihn nie abgeschickt. Ich habe ihn als Beweis aufbewahrt, nur für mich, dass ich nicht das Monster bin, für das er mich hält. Aber manchmal frage ich mich, ob das nicht ein Fehler war. Ob alles anders wäre, wenn ich einfach alles gestanden hätte.
Der Klingelton meines Telefons ertönt, schrill. Eine Nachricht. Es ist Chiara.
— Hey meine Große! Mittagessen heute? Ich kann es kaum erwarten, dir den Stoff für mein Kleid zu zeigen! Lorenzo sagt, Rosa stehe mir wunderbar. Halb zwölf in der kleinen Kneipe um die Ecke? Ganz dicke Umarmung!
Ich schließe die Augen, erdrückt von der Last der Lüge und der Liebe. Einer Liebe, die mich von innen heraus verbrennt, die ich dennoch unter einem Berg kalter Asche verstecken muss.
— Einverstanden, antworte ich flüsternd in das ausgeschaltete Telefon. Halb zwölf.
Die Qual war bisher alltäglich gewesen. Sie hatte soeben die Dimension einer Ewigkeit angenommen.
Lorenzo
Der Cognac fließt ins Schwenkglas, eine bernsteinfarbene Schlange in der Dämmerung meines Büros. Die Lichter Mailands blinzeln unten, gleichgültig. Immer dasselbe Schauspiel. Immer derselbe Sieg, der nach Asche schmeckt.
Rossi.
Ich spreche ihren Namen in die Stille hinein, und es ist, als würde ich auf zerstoßenes Glas beißen. Giulia. Meine Giulia. Die Frau, die meine Träume nahm, sie in ihren Händen hielt und sie zwischen den Fingern der Ehrgeizigen zu Staub zerrieb.
Ich starre auf die geschlossene Tür, hinter der sie verschwunden ist. Ich kann noch ihren Duft wahrnehmen, zart, eine hartnäckige Erinnerung an Jasmin und etwas Süßliches, das zu einem anderen Leben gehört. Sie hat ihn gewechselt. Ich auch.
Fünf Jahre.
Fünf Jahre, in denen ich mich Zelle um Zelle wiederaufgebaut habe, mit Wut als einzigem Mörtel. Fünf Jahre, in denen ich Schmerz in eine Waffe verwandelte, Verlust in einen Grund zu erobern. Ich habe alles erreicht: den Reichtum, die Macht, diesen Wolkenkratzer, dessen jede Etage ein Banner meiner Rache ist. Und dennoch: Die einzige Trophäe, die zählt, ist ihr Leid. Sie dort jeden Tag zu sehen, blass und welk unter meinen Befehlen, ist das Einzige, was mein Herz noch mit heißem Blut schlagen lässt.
Das Telefon auf meinem Schreibtisch vibriert. Chiara. Ihr von einem zu breiten Lächeln erhelltes Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Meine Verlobte. Die Worte hallen wie eine Lüge nach, selbst in den Tiefen meiner Gedanken.
— Mein Liebling! Hast du die Layouts der Einladung bekommen? Der Kalligraph hat Wunder vollbracht!
Ihre Stimme ist eine fröhliche Melodie, ein greller Kontrast zum nagenden Schweigen meines Büros.
— Noch nicht. Ich werde sie mir heute Abend ansehen.
— Du arbeitest zu viel. Verlass dieses Büro! Denk dran, Abendessen mit meinen Eltern um acht. Sei nicht zu spät, Papa möchte mit dir über Geldanlagen sprechen.
— Ich werde nicht zu spät sein.
Ich lege auf, der Geschmack des Cognacs wird plötzlich bitter. Chiara. Sanfte, leichte, strahlende Chiara. Sie liebt mich mit einer entwaffnenden Offenheit. Sie ist die Sonne nach einem langen Winter. Und ich benutze sie. Kalt, methodisch. Sie ist der Mittelpunkt meines Schachbretts, das direkteste, grausamste Mittel, um das Herz ihrer Schwester zu durchbohren.
Manchmal finde ich in ihrem Lachen ein Echo von dem Giulias. Damals. Vor dem Fall. Dann überkommt mich der Drang, alles zu zerschlagen.
Ich stehe auf, unfähig, stillzuhalten. Meine Schritte hallen auf dem dunklen Parkett wider. Ich habe Giulia zu meiner persönlichen Assistentin gemacht, eine eigens für sie geschaffene Position. Eine Position der Knechtschaft. Jeden Morgen sage ich mir, dass es gerecht ist. Dass sie jede Demütigung verdient, jeden verächtlichen Blick, jede entwürdigende Aufgabe.
Warum also, als ich sie vorhin sah, so zerbrechlich in ihrem viel zu weiten Hosenanzug, mit tiefen Ringen unter ihren Augen, die meinen ausweichen, warum wankt dieser so perfekte Hass?
Sie hat den Blick gesenkt. Immer. Sie hat sich nie gewehrt. Kein einziges Mal. Sie nimmt alles in sich auf, wie ein Schwamm Gift aufnimmt. Ich hatte Tränen erwartet, Wut, Aufbegehren. Ich hatte auf einen Funken der feurigen Frau gehofft, die ich einst kannte. Aber da ist nichts. Nichts als eine so tiefe Resignation, dass sie unergründlich wirkt.
Das ergibt keinen Sinn..
Valentina Die Morgendämmerung findet mich noch wach. Ich sitze auf dem Boden der Werkstatt, den Rücken an die Wand gelehnt, die Leinwand an meine Brust gedrückt. Die Kerze ist seit langem erloschen, bis zum letzten Wachstropfen heruntergebrannt. Das graue Licht des frühen Morgens filtert durch die schlecht gefügten Bretter, erhellt schwach die Leinwände an den Wänden. Ich habe nicht geschlafen. Ich konnte nicht. Jedes Mal, wenn ich die Augen schloss, sah ich ihn. Im Schatten der Tür, regungslos, schweigend. Seine glänzenden Augen, seine gebrochene Stimme, sein von Monaten der Verfolgung und des Leidens abgemagerter Körper. — Ich wollte dich nur sehen. Die Worte drehen sich in meinem Kopf, immer wieder. Er wollte mich nur sehen. Er hat das Land durchquert, sein Leben riskiert, seinen Feinden getrotzt, nur um mich zu sehen. Um zu wissen, o
Valentina Ich weiß nicht, wie lange ich so bleibe. Regungslos im Dunkeln, den Pinsel erhoben, die Augen auf die Tür gerichtet, durch die er verschwunden ist. Die Minuten vergehen, oder vielleicht die Stunden. Die Zeit hat keinen Sinn mehr. Nichts hat mehr Sinn. Er ist gekommen. Er ist hier, irgendwo in der Nacht, im Dorf, ganz nah. Er hat mich gefunden, er hat mich angeschaut, er hat mit mir gesprochen. — Ich wollte dich nur sehen. Seine Stimme hallt noch in meinem Kopf wider, rau, gebrochen, voll eines Schmerzes, der ein Echo meines eigenen ist. Seine Augen im Dunkeln, glänzend, unerträglich. Sein abgemagerter Körper, ausgehöhlt von Monaten der Verfolgung und Gewalt. Er hat gelitten. Ich habe es in jedem seiner Züge gesehen, in jeder seiner neuen Falten, in der Art, wie seine Schultern sanken, als unter einer immensen Last. Er hat gelitten, und es ist meine Schuld. Weil ich geg
Er ist schön. Furchtbar, gefährlich schön. Wie immer. Wie früher. — Diego. Sein Name ist ein Hauch auf meinen Lippen, kaum hörbar. Er reagiert nicht, bewegt sich nicht. Aber ich sehe seine Augen im Dunkeln aufleuchten, ein flüchtiger Schimmer, fast animalisch. — Ich wollte dich nur sehen. Seine Stimme ist rau, gebrochen, als hätte er seit Tagen nicht gesprochen. Sie durchquert den Raum, legt sich auf meine Haut, lässt mich erschauern. — Nur sehen. Er macht keine Bewegung auf mich zu. Er nähert sich nicht. Er bleibt dort, im Schatten der Tür, als gäbe es eine unsichtbare Linie, die er nicht überschreiten konnte. Meine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit, unterscheiden seine Züge besser. Die Schatten unter seinen Augen, die neuen Falten auf seiner Stirn, die Narbe auf seiner Wange, die nicht vollständig verheilt ist. Er hat gelitten. So sehr wie ich, vielleic
Ich bleibe auf der Straße, an die Mauer gegenüber gelehnt, die Augen zu ihrem Fenster erhoben. Ich sehe sie auf und ab gehen, ihren Korb ausleeren, ihre Sachen verstauen. Ich sehe sie sich auf ihr Bett setzen, ein Buch nehmen, ein paar Seiten lesen. Ich sehe sie aufstehen, ans Fenster treten, in die Nacht schauen. Unsere Blicke treffen sich fast. Ich stehe im Schatten, unsichtbar, aber sie scheint genau die Stelle zu fixieren, wo ich mich befinde. Ihre Augen sind plötzlich traurig, voll einer Melancholie, die ich bei ihr seit ihrer Ankunft hier nicht gesehen habe. Sie denkt an mich. Ich weiß es, ich spüre es. Etwas in ihr erinnert sich, etwas in ihr ist nicht vollständig geheilt, etwas in ihr gehört noch immer mir. Ich sollte glücklich über diesen Gedanken sein. Aber ich bin es nicht. Weil ich weiß, dass dieses Etwas die Wunde ist, die ich ihr zugefügt habe. Die Narbe, die nie verblassen wird. Das Gift, das ich in ihre Seele ge
Das Licht erlischt. Die Nacht verschlingt das Haus, das Dorf, die Welt. Endlich entferne ich mich, meine Schritte lautlos auf dem Pflaster. Ich kehre zum Strand zurück, zu den Felsen, wo ich mich verstecke, wo ich auf dem Sand schlafe, wo ich von ihr träume. Morgen werde ich ihr wieder folgen. Ich werde sie leben, lachen, glücklich sein sehen. Ich werde mich von diesen Bildern ernähren, von diesen Lächeln, die nicht für mich bestimmt sind, von diesem Glück, das ich ihr nicht geben kann. Und ich werde mich weiter hassen. Diego Die Tage vergehen, identisch und doch unerträglich. Jeden Morgen postiere ich mich im Schatten, warte darauf, dass sie aus Doña Elenas Haus kommt. Jeden Tag folge ich ihr, unsichtbar, schweigend, besessen. Der Mittwochsmarkt. Sie geht von Stand zu Stand, ihren Korb in der Hand, wählt Obst, Gemüse, frischen Fisch. Sie feilscht mit d
DiegoIch bin zurückgekehrt.Das Dorf ist dasselbe wie in meiner Erinnerung, weiß und blau unter der gleißenden Sonne. Die niedrigen Häuser mit den farbigen Fensterläden, die engen Gassen, die zum Meer hinabführen, die Fischerboote, die sanft im kleinen Hafen schaukeln. Das Leben fließt hier, langsam, friedlich, wie ein ruhiger Fluss, der die Stürme der Welt ignoriert.Ich bin ein Schatten unter Schatten, ein Geist, der beobachtet, ohne gesehen zu werden. Meine Kleidung ist die eines gewöhnlichen Reisenden, mein Gesicht ist unter einer abgenutzten Kappe verborgen, meine Augen hinter dunklen Brillen. Niemand schaut mich an. Niemand erkennt mich. Ich bin niemand mehr.Versteckt hinter der Ecke eines Hauses warte ich. Die Sonne steigt am Himmel empor, die Hitze wird intensiver, die Luft wird schwer von Salz und Leben. Die Dorfbewohner kommen und gehen, gleichgültig, beschäftigt mit ihren täglichen Aufgaben. Frauen, die die Schwelle ihrer Tü
GiuliaDie Tür meiner Wohnung schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken, einem endgültigen Geräusch, das die Dichtigkeit der Welt besiegelt. Hier gibt es keinen Lorenzo Conti mehr. Keine strahlende Chiara. Kein Büro, keine Zahlen, keine von Hass erfüllten Blicke. Es gibt nur die Stille. Ei
GiuliaDie Lüge war so gewaltig, so monströs, dass sie beinahe wahr wurde. Ihr Glück war das Einzige, woran ich mich noch klammern konnte. Die einzige Rechtfertigung, die im Trümmerfeld meines Lebens noch Bestand hatte.— Du bist die beste Schwester der Welt, flüsterte sie mit feuchten Augen. Ich m
GiuliaDie Stille im Büro nach zwanzig Uhr ist ein lebendiges Wesen. Sie senkt sich schwer auf meine Schultern, dringt in meine Lungen ein, ersetzt das Blut in meinen Adern durch eine eiskalte, stehende Flüssigkeit. Im grellen Licht meiner Lampe ist mein Gesicht im schwarzen Spiegel des Bildschirms
LorenzoDie ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.Aber Giulia







