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Kapitel 2: Die Asche (1)

Author: Déesse
last update publish date: 2026-03-23 07:00:50

Giulia

Ich löse mich von der Wand und eile mit schnellen Schritten davon, flüchte mich in die Toiletten. Ich schließe mich in einer Kabine ein, das Herz rast. Ich presse meine Handflächen gegen meine Augen, um die drohenden Tränen zurückzuhalten. Sie dürfen hier nicht fließen. Nicht in seinem Gebäude. Nicht, während zwei Stockwerke tiefer meine eigene Schwester ihre Hochzeit mit dem Mann plant, der mich quält, den Mann, den ich liebe.

Der Brief ist da, in meiner Tasche, einmal gefaltet, an den Rändern abgegriffen. Ich muss ihn nicht hervorholen, um jedes Wort zu kennen. „Mein Lorenzo, wenn du dies liest, werde ich bereits fort sein. Hasse mich nicht. Ich liebe dich mehr als mein eigenes Leben, und genau deshalb muss ich dich verlassen …“

Ich habe ihn nie abgeschickt. Ich habe ihn als Beweis aufbewahrt, nur für mich, dass ich nicht das Monster bin, für das er mich hält. Aber manchmal frage ich mich, ob das nicht ein Fehler war. Ob alles anders wäre, wenn ich einfach alles gestanden hätte.

Der Klingelton meines Telefons ertönt, schrill. Eine Nachricht. Es ist Chiara.

— Hey meine Große! Mittagessen heute? Ich kann es kaum erwarten, dir den Stoff für mein Kleid zu zeigen! Lorenzo sagt, Rosa stehe mir wunderbar. Halb zwölf in der kleinen Kneipe um die Ecke? Ganz dicke Umarmung!

Ich schließe die Augen, erdrückt von der Last der Lüge und der Liebe. Einer Liebe, die mich von innen heraus verbrennt, die ich dennoch unter einem Berg kalter Asche verstecken muss.

— Einverstanden, antworte ich flüsternd in das ausgeschaltete Telefon. Halb zwölf.

Die Qual war bisher alltäglich gewesen. Sie hatte soeben die Dimension einer Ewigkeit angenommen.

Lorenzo

Der Cognac fließt ins Schwenkglas, eine bernsteinfarbene Schlange in der Dämmerung meines Büros. Die Lichter Mailands blinzeln unten, gleichgültig. Immer dasselbe Schauspiel. Immer derselbe Sieg, der nach Asche schmeckt.

Rossi.

Ich spreche ihren Namen in die Stille hinein, und es ist, als würde ich auf zerstoßenes Glas beißen. Giulia. Meine Giulia. Die Frau, die meine Träume nahm, sie in ihren Händen hielt und sie zwischen den Fingern der Ehrgeizigen zu Staub zerrieb.

Ich starre auf die geschlossene Tür, hinter der sie verschwunden ist. Ich kann noch ihren Duft wahrnehmen, zart, eine hartnäckige Erinnerung an Jasmin und etwas Süßliches, das zu einem anderen Leben gehört. Sie hat ihn gewechselt. Ich auch.

Fünf Jahre.

Fünf Jahre, in denen ich mich Zelle um Zelle wiederaufgebaut habe, mit Wut als einzigem Mörtel. Fünf Jahre, in denen ich Schmerz in eine Waffe verwandelte, Verlust in einen Grund zu erobern. Ich habe alles erreicht: den Reichtum, die Macht, diesen Wolkenkratzer, dessen jede Etage ein Banner meiner Rache ist. Und dennoch: Die einzige Trophäe, die zählt, ist ihr Leid. Sie dort jeden Tag zu sehen, blass und welk unter meinen Befehlen, ist das Einzige, was mein Herz noch mit heißem Blut schlagen lässt.

Das Telefon auf meinem Schreibtisch vibriert. Chiara. Ihr von einem zu breiten Lächeln erhelltes Gesicht erscheint auf dem Bildschirm. Meine Verlobte. Die Worte hallen wie eine Lüge nach, selbst in den Tiefen meiner Gedanken.

— Mein Liebling! Hast du die Layouts der Einladung bekommen? Der Kalligraph hat Wunder vollbracht!

Ihre Stimme ist eine fröhliche Melodie, ein greller Kontrast zum nagenden Schweigen meines Büros.

— Noch nicht. Ich werde sie mir heute Abend ansehen.

— Du arbeitest zu viel. Verlass dieses Büro! Denk dran, Abendessen mit meinen Eltern um acht. Sei nicht zu spät, Papa möchte mit dir über Geldanlagen sprechen.

— Ich werde nicht zu spät sein.

Ich lege auf, der Geschmack des Cognacs wird plötzlich bitter. Chiara. Sanfte, leichte, strahlende Chiara. Sie liebt mich mit einer entwaffnenden Offenheit. Sie ist die Sonne nach einem langen Winter. Und ich benutze sie. Kalt, methodisch. Sie ist der Mittelpunkt meines Schachbretts, das direkteste, grausamste Mittel, um das Herz ihrer Schwester zu durchbohren.

Manchmal finde ich in ihrem Lachen ein Echo von dem Giulias. Damals. Vor dem Fall. Dann überkommt mich der Drang, alles zu zerschlagen.

Ich stehe auf, unfähig, stillzuhalten. Meine Schritte hallen auf dem dunklen Parkett wider. Ich habe Giulia zu meiner persönlichen Assistentin gemacht, eine eigens für sie geschaffene Position. Eine Position der Knechtschaft. Jeden Morgen sage ich mir, dass es gerecht ist. Dass sie jede Demütigung verdient, jeden verächtlichen Blick, jede entwürdigende Aufgabe.

Warum also, als ich sie vorhin sah, so zerbrechlich in ihrem viel zu weiten Hosenanzug, mit tiefen Ringen unter ihren Augen, die meinen ausweichen, warum wankt dieser so perfekte Hass?

Sie hat den Blick gesenkt. Immer. Sie hat sich nie gewehrt. Kein einziges Mal. Sie nimmt alles in sich auf, wie ein Schwamm Gift aufnimmt. Ich hatte Tränen erwartet, Wut, Aufbegehren. Ich hatte auf einen Funken der feurigen Frau gehofft, die ich einst kannte. Aber da ist nichts. Nichts als eine so tiefe Resignation, dass sie unergründlich wirkt.

Das ergibt keinen Sinn..

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