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Im Schatten deines Hasses
Im Schatten deines Hasses
Author: Déesse

Kapitel 1: Die Überreste

Author: Déesse
last update Petsa ng paglalathala: 2026-03-23 06:59:28

Giulia

Der Regen schlägt gegen die Fenster des Großraumbüros wie eine unaufhörliche Mahnung. Jeder Tropfen scheint dasselbe Wort zu skandieren: warum, warum, warum. Ich starre auf meinen Computerbildschirm, die Zahlen tanzen vor meinen Augen, ohne dass mein Gehirn sie erfassen kann. Meine Welt besteht nun aus diesem winzigen Schreibtisch, diesem quietschenden Stuhl und dem Blick, den ich von meinem Platz aus auf die große Eichentür seines Büros habe.

Sein Büro. Lorenzo.

Das vertraute Geräusch hoher Absätze auf dem Laminatboden lässt mich zusammenzucken. Es ist Sofia, die Assistentin der Geschäftsleitung. Ihr Lächeln ist eine feine Klinge.

— Rossi, Herr Conti wünscht Sie zu sprechen. Sofort.

Mein Mund ist trocken. Ich nicke nur, stehe mit einer zu abrupten Bewegung auf. Ich spüre die verstohlenen Blicke meiner Kollegen, diese Mischung aus Mitleid und krankhafter Neugier. Ich bin die Neue, die Lückenbüßerin, die der CEO persönlich zu hassen scheint. Sie wissen es nicht. Sie können es nicht wissen.

Der Weg zu seiner Tür ist ein Gang der Scham. Ich klopfe, zwei leise Schläge.

— Herein.

Seine Stimme. Fünf Jahre haben daran nichts geändert. Sie dringt durch das Holz und durchbohrt mich, eine explosive Mischung aus Samt und Eis. Ich trete ein.

Lorenzo Conti steht vor der Fensterfront, eine Silhouette, die sich im grauen Licht Mailands abzeichnet. Er dreht sich nicht sofort um. Er lässt mir Zeit, meine Angst hinunterzuschlucken, die kalte Pracht des Raumes zu betrachten, das dezente Verlobungsfoto auf seinem Schreibtisch zu bemerken. Ein gläsernes Lachen, blonde Haare im Wind. Chiara.

Der Schmerz ist so heftig, so plötzlich, dass mir der Atem stockt.

Er dreht sich schließlich um. Seine Augen, von einem Braun, das so tief ist, dass es fast an Schwarz grenzt, ruhen auf mir. Von dem verträumten jungen Mann, den ich geliebt habe, ist nichts mehr geblieben. An seiner Stelle steht dieser Mann, geformt von Erfolg und Groll, dessen Blick einen abwägt und verurteilt.

— Rossi.

Er nennt mich nie bei meinem Vornamen. Es ist immer mein Familienname, hingeworfen wie eine Herausforderung, eine Beleidigung.

— Herr Conti.

— Der Quartalsbericht. Er sollte um neun Uhr auf meinem Schreibtisch liegen. Es ist neun Uhr sieben.

— Ich … Ich habe ihn gestern Abend in das gemeinsame Managementsystem eingestellt, Herr Conti. Wie vereinbart.

Er macht ein paar Schritte auf mich zu, langsam. Der Raum scheint sich um ihn herum zu verkleinern.

— Ich sagte auf meinem Schreibtisch, Rossi. Nicht verloren in den Weiten eines Servers. Ich will Papier. Ich will greifbare Dinge. Glauben Sie, ich habe Zeit, mit Ihren begrenzten digitalen Fähigkeiten Verstecken zu spielen?

Jedes Wort ist darauf kalibriert, zu demütigen. Ich senke den Blick, die Handflächen feucht. Für dich. Das alles war für dich. Das Mantra hallt in meinem Kopf wider, ein zerbrechlicher Schild.

— Ich werde es sofort ausdrucken.

— Zu spät. Ich habe einen Termin. Sie werden ihn neu erstellen. Manuell. Eine vergleichende Analyse mit den Daten der letzten beiden Geschäftsjahre, nicht nur des letzten. Ich will ihn morgen früh um acht. Hier. Auf meinem Schreibtisch.

Das ist eine Aufgabe von fünfzehn Stunden. Eine Mission unmöglich. Ich hebe den Blick, gegen meinen Willen.

— Aber … die Zahlen der letzten beiden Geschäftsjahre sind nicht in meiner Zugriffsberechtigung, ich …

— Finden Sie einen Weg, unterbricht er mich eisig. Dafür sind Sie doch da, nicht wahr? Lösungen für Probleme zu finden, die Sie selbst verursacht haben?

Die Unterton ist deutlich. Die Vergangenheit. Mein angeblicher Verrat. Er sieht mich an, wartet auf eine Reaktion, einen Funken, ein Zeichen von Schwäche, das er zermalmen könnte.

Ich presse meine Kiefer so fest aufeinander, dass mein Kiefer schmerzt. Ich senke wieder den Blick, eine einstudierte Unterwürfigkeit, notwendig für mein Überleben.

— Gut, Herr Conti.

Stille tritt ein, schwer, aufgeladen mit all dem Ungesagten. Von der Liebe, die sich in Gift verwandelt hat. Von der Wahrheit, die mir auf der Zunge brennt. Er dreht mir den Rücken zu und blickt wieder auf die Stadt.

— Das ist alles. Hinaus.

Ich gehorche. Die Tür schließt sich hinter mir mit einem dumpfen Klicken. Ich bleibe einen Moment im Flur stehen, den Rücken gegen die kalte Wand gepresst, kämpfe darum, normal zu atmen. Das Gelächter aus dem Aufenthaltsraum dringt gedämpft zu mir herüber. Eine fröhliche, vertraute Stimme übertrumpft die anderen.

— …ganz sicher bei der Farbe der Blumen? Ich denke an Pfingstrosen, rosa und weiß …

Chiara.

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