LOGINLorenzo
Die ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.
Aber Giulia … Giulia scheint nur noch zu überleben. Als trüge sie eine so erdrückende Last, dass ihr selbst der Wille zur Gegenwehr genommen ist.
Ich kehre zur Fensterfront zurück. Der Regen hat sich verstärkt und die Stadt in sich aufgesogen. Warum bist du zurückgekommen, Giulia? Warum hast du diesen Posten in meinem eigenen Unternehmen angenommen? Ist es Schuldgefühle? Ein Überrest von Zuneigung? Oder einfach die Habgier, selbst in einer untergeordneten Position?
Ich habe Nachforschungen über sie anstellen lassen. Ihr Leben in den letzten Jahren ist eine Wüste. Eine Vernunftehe mit einem alten Industriellen, der vor zwei Jahren starb und ihr einen bescheidenen Wohlstand hinterließ, aber nicht das Vermögen, das sie offenbar erhofft hatte. Kein Geliebter. Kein Skandal. Eine farblose, unauffällige Existenz.
Nichts davon passt zu dem Bild der käuflichen Frau, die mich für ein dickeres Bankkonto verließ.
Ein leiser Klopfen an der Tür. Es ist Marco, mein rechter Arm und der Einzige, der die Wahrheit über unsere Vergangenheit kennt. Er tritt ein, mit ernster Miene.
— Lorenzo. Die Dokumente für die Fusion sind fertig. Aber … du musst wissen: Giulia ist in die Sache involviert. Ihre Abteilung ist betroffen.
— Na und?
— Na und, sie macht gute Arbeit. Sogar hervorragende Arbeit, ihre Berichte. Die Leute schätzen sie. Sie ist unauffällig, effizient. Diese … Schikane. Sie wird irgendwann auffallen. Das könnte die Moral beeinträchtigen, das Image …
— Das Image? fahre ich ihn an. Willst du von meinem Image reden, Marco? Dem des Mannes, den sie wie eine alte Zeitung weggeworfen hat? Das Image kann mich mal.
Marco seufzt und kommt näher.
— Ich verstehe deine Wut. Ich habe sie fünf Jahre lang verstanden. Aber sieh sie dir an, Lorenzo. Wirklich. Sieht diese Frau aus wie eine herzlose Harpyie? Sie wirkt … zerbrochen.
— Das ist Schauspielerei! Sie spielt das Opfer! schreie ich und schlage mit der Faust gegen die kalte Scheibe.
Die Stille, die folgt, ist beredter als jeder Vorwurf. Marco hat Giulia damals gesehen, als sie das Licht meines Lebens war. Er sieht den Schatten, der sie nun ist.
— Ich habe nur Angst, sagt er leise, dass die Person, die du gerade zerstörst, nicht die ist, für die du sie hältst.
Er geht und lässt mich allein mit dem Gespenst meiner eigenen Zweifel zurück.
Ich sinke in meinem Sessel zusammen, den Kopf in den Händen. Die Erinnerungen, von denen ich glaubte, sie gut verschlossen zu haben, brechen wie Dämonen hervor.
Ihr Kopf auf meiner Schulter, in unserer kleinen Wohnung, die nach Kaffee und Büchern roch. „Du wirst sehen, Lorenzo, wir werden alles aufbauen. Kein Reich nötig. Nur wir.“ Ihre Finger, die sich mit meinen verschlangen. Ihr Versprechen.
Und dann der Tag, an dem alles zerbrach. Ihr marmornes Gesicht. „Es ist aus, Lorenzo. Ich kann nicht. Ich habe etwas Besseres gefunden. Sichereres. Lass mich gehen.“ Keine Träne. Chirurgische Kälte. Und wenige Wochen später die Fotos in den Zeitungen: ihr strahlendes Lächeln am Arm von Ugo Balardi, alt genug, um ihr Vater zu sein, reich genug, um ein Fürstentum zu kaufen.
Noch am selben Abend erfuhr ich, dass mein junges Unternehmen, dessen Schwachstellen nur sie kannte, Ziel eines gezielten Börsenangriffs war. Zufall? Ich habe nie an Zufälle geglaubt.
An jenem Tag verlor ich alles. Mein Unternehmen. Meinen Glauben. Mein Herz.
Und doch …
Der Bericht, den sie neu erstellen soll. Es ist eine absurde Aufgabe. Eine Tyrannenlaune. Ich weiß, dass sie die ganze Nacht hier sein wird. In diesem eisigen Büro, nur auf der anderen Seite des Flurs.
Plötzlich ertrage ich den Gedanken nicht, sie dort draußen zu wissen, allein im fahlen Licht ihres Bildschirms. Ich ertrage den Gedanken nicht an mich selbst, zerfressen von dieser Schwäche.
Ich springe auf, greife nach meinem Mantel. Ich muss weg. Chiara sehen. Mich daran erinnern, warum ich das alles tue. Mich in die strahlende Normalität ihrer Liebe tauchen, um diese verdammte Stimme zu ersticken, die immer lauter flüstert, dass ich mich irren könnte.
Dass ich mich irren muss.
Denn wenn Giulia nicht die Verräterin ist, die ich all die Jahre gehasst habe … was bin dann ich? Der Mann, der die Frau, die er liebt, aus purem Irrtum quält? Der Henker eines Opfers, das er nicht einmal verstanden hat?
Nein. Das ist unmöglich. Die Wahrheit ist zu schrecklich, um sie zu betrachten.
Ich verlasse das Büro im Sturm, gehe an der geschlossenen Tür des Großraumbüros vorbei, in dem, wie ich weiß, sie noch wacht. Jeder Schritt ist ein Kampf. Gehen. Bleiben. Sie hassen. Sie in die Arme nehmen und sie fragen, warum.
Im Aufzug hinab zur Tiefgarage starrt mich mein Spiegelbild im polierten Metall an, ein Fremder mit hohlen Augen, von einem Geist besessen. Die Asche unserer Geschichte ist noch warm, und ich spüre, erschrocken, dass ein einziger Funke Wahrheit alles entzünden könnte. Und mich zuerst verzehren würde.
Die erste Minute. Nichts. Nur das Weiß. Die Leere. Das Warten. Ich starre auf die Stelle, wo die zweite Linie erscheinen sollte. Mein Blick ist so intensiv, dass ich schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen sehe. Ich blinzele. Die Punkte verschwinden. Die Linie erscheint nicht. Ich schließe die Augen. Ich versuche zu beten. Aber ich weiß nicht mehr, an wen ich mich wenden soll. Gott hat mich schon vor langer Zeit verlassen. Oder vielleicht habe ich ihn verlassen. Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß gar nichts mehr. Ich weiß nicht mehr, wen ich um Hilfe bitten, wen ich anflehen, wem ich etwas versprechen soll. Ich öffne die Augen. Die Kontrolllinie erscheint. Deutlich. Klar. Endgültig. Ein rosa Strich, der sagt: der Test funktioniert. Mein Herz rast noch heftiger. Mein Atem stockt vollständig. Meine Lungen weigern sich, sich zu füllen. Meine Augen fixieren die Stelle, wo die zweite Linie
Giulia Matteo ist zur Arbeit gegangen. Die Tür hat sich hinter seinem Lächeln geschlossen, hinter seiner Stimme, die mir sagt, ich solle auf mich aufpassen, mich ausruhen, dass er heute Abend früh zurückkommt. Das Geräusch seiner Schritte im Treppenhaus. Dann die Stille. Ich bin allein. Allein in seiner Wohnung. Allein mit dieser kleinen weißen Tüte ganz unten in meiner Tasche. Allein mit dieser Gewissheit, die seit Tagen in mir wächst, die mir die Nächte zernagt, die mich morgens erstickt, die mich mitten in der Nacht mit klopfendem Herzen und Schweiß auf der Stirn hochschrecken lässt. Ich bleibe lange auf dem Sofa sitzen. Die Hände auf meine Knie gelegt. Die Finger zittern. Ich betrachte den ausgeschalteten Fernseher, die weiße Wand, die Grünpflanze auf dem Regal. Ich schaue, ohne zu sehen. Ich bin woanders. Ich bin in meinem Bauch. Ich bin in diesem Ding, das vielleicht in mir wächst.
GiuliaEines Morgens wache ich mit starker Übelkeit auf.Ich renne zur Toilette. Ich habe keine Zeit, die Schüssel zu erreichen. Ich erbreche mich ins Waschbecken. Alles, was ich im Bauch habe, ergießt sich in schmerzhaften Krämpfen, die meine Eingeweide verdrehen.Ich bleibe dort, kniend auf den kalten Fliesen, zitternd, keuchend, weinend.— Alles gut?, ruft Chiara aus ihrem Zimmer.— Ja, ja! Nur eine Magenverstimmung!Lüge.Ich stehe auf, mich an der Wand abstützend. Ich wasche mein Gesicht mit kaltem Wasser. Ich spüle meinen Mund aus. Ich betrachte mich im Spiegel.Mein Spiegelbild ist blass, mitgenommen. Meine Augen sind umrändert, meine Züge verhärmt.Und plötzlich verstehe ich.Eine Offenbarung. Eine Gewissheit. Ein absoluter Schrecken.Ich zähle die Tage. In meinem Kopf. Fi
ChiaraMeine Schwester hat sich verändert.Ich sehe es genau. Ich bin nicht blind. Ich bin nicht dumm.Sie kommt spät nach Hause, immer später. Sie geht früh, noch bevor ich aufwache. Sie weicht meinen Fragen, meinen Blicken, meinen Annäherungsversuchen aus.Und wenn sie vergisst, ihren Hals zu verstecken, wenn sie denkt, ich schaue nicht hin, sehe ich blaue Flecken.Blaue Flecken in Fingerform.Mein Blut gefriert in meinen Adern.Eines Abends erwarte ich sie im Wohnzimmer. Es ist nach Mitternacht. Der Fernseher ist aus. Ich sitze im Dunkeln und warte.Der Schlüssel dreht sich im Schloss. Die Tür öffnet sich. Sie kommt herein, überrascht, mich zu sehen.— Chiara? Was machst du hier im Dunkeln?— Ich habe auf dich gewartet.— Es ist spät. Du solltest schlafen.— Giulia,
GiuliaIch verbringe immer mehr Zeit bei Matteo.Seine Wohnung ist meine Zuflucht geworden. Mein sicherer Hafen. Mein einziger Ausweg.Eine bescheidene, aber warmherzige Zweizimmerwohnung im vierten Stock ohne Aufzug. Überall Regale voller Bücher, vom Boden bis zur Decke. Ein bequemes Sofa, zu groß für den Raum, auf das ich jeden Abend bei der Ankunft sinke. Überall Grünpflanzen, die er liebevoll pflegt. Fotos von seinen Reisen, von seiner Familie, von uns, an den Wänden.Hier atme ich. Hier habe ich keine Angst.Er allein versteht mich. Er allein respektiert mich. Er allein sieht mich an, ohne mich besitzen zu wollen.Wir schauen Filme. Wir kochen zusammen. Wir reden stundenlang über alles und nichts.— Weißt du, sagt er eines Abends zu mir. Ich bin froh, dass du so oft herkommst.— Ich bin auch froh, hier zu sein.
LorenzoIch bestelle sie in mein Büro.Ich weiß, dass es eine Scheißidee ist. Ich weiß, dass ich sie in Ruhe lassen sollte, ihr Zeit geben, die Dinge sich beruhigen lassen sollte. Aber ich kann nicht. Sie ist in meinem Kopf, in meinem Blut, in meinen Eingeweiden, in jedem meiner Gedanken. Ich kann nicht ohne sie sein. Ich kann sie nicht in Ruhe lassen.Sie kommt herein.Sie trägt eine Bluse mit hohem Kragen. Um die Spuren zu verstecken. Sie trägt lange Ärmel. Um die blauen Flecken an ihren Handgelenken zu verstecken.Aber ich weiß, was darunter ist. Ich habe diese blauen Flecken gemacht. Ich habe diese Spuren gesetzt. Ich habe diese Erinnerungen hinterlassen.— Schließ die Tür.Sie gehorcht. Sie bleibt neben der Tür stehen, die Arme vor der Brust verschränkt, in einer defensiven Haltung. Ihre Augen betrachten mich mit Misstra







