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Kapitel 3: Die Asche (2)

Author: Déesse
last update publish date: 2026-03-23 07:01:51

Lorenzo

Die ehrgeizige Frau, von der ich glaubte, sie zu kennen, hätte sich gewehrt. Sie hätte ihre Waffen eingesetzt – diesen Blick, dieses Lächeln, das mich um den Verstand brachte –, um ihr Los zu mildern. Sie hätte versucht, mich erneut zu verführen, die Kontrolle zurückzugewinnen.

Aber Giulia … Giulia scheint nur noch zu überleben. Als trüge sie eine so erdrückende Last, dass ihr selbst der Wille zur Gegenwehr genommen ist.

Ich kehre zur Fensterfront zurück. Der Regen hat sich verstärkt und die Stadt in sich aufgesogen. Warum bist du zurückgekommen, Giulia? Warum hast du diesen Posten in meinem eigenen Unternehmen angenommen? Ist es Schuldgefühle? Ein Überrest von Zuneigung? Oder einfach die Habgier, selbst in einer untergeordneten Position?

Ich habe Nachforschungen über sie anstellen lassen. Ihr Leben in den letzten Jahren ist eine Wüste. Eine Vernunftehe mit einem alten Industriellen, der vor zwei Jahren starb und ihr einen bescheidenen Wohlstand hinterließ, aber nicht das Vermögen, das sie offenbar erhofft hatte. Kein Geliebter. Kein Skandal. Eine farblose, unauffällige Existenz.

Nichts davon passt zu dem Bild der käuflichen Frau, die mich für ein dickeres Bankkonto verließ.

Ein leiser Klopfen an der Tür. Es ist Marco, mein rechter Arm und der Einzige, der die Wahrheit über unsere Vergangenheit kennt. Er tritt ein, mit ernster Miene.

— Lorenzo. Die Dokumente für die Fusion sind fertig. Aber … du musst wissen: Giulia ist in die Sache involviert. Ihre Abteilung ist betroffen.

— Na und?

— Na und, sie macht gute Arbeit. Sogar hervorragende Arbeit, ihre Berichte. Die Leute schätzen sie. Sie ist unauffällig, effizient. Diese … Schikane. Sie wird irgendwann auffallen. Das könnte die Moral beeinträchtigen, das Image …

— Das Image? fahre ich ihn an. Willst du von meinem Image reden, Marco? Dem des Mannes, den sie wie eine alte Zeitung weggeworfen hat? Das Image kann mich mal.

Marco seufzt und kommt näher.

— Ich verstehe deine Wut. Ich habe sie fünf Jahre lang verstanden. Aber sieh sie dir an, Lorenzo. Wirklich. Sieht diese Frau aus wie eine herzlose Harpyie? Sie wirkt … zerbrochen.

— Das ist Schauspielerei! Sie spielt das Opfer! schreie ich und schlage mit der Faust gegen die kalte Scheibe.

Die Stille, die folgt, ist beredter als jeder Vorwurf. Marco hat Giulia damals gesehen, als sie das Licht meines Lebens war. Er sieht den Schatten, der sie nun ist.

— Ich habe nur Angst, sagt er leise, dass die Person, die du gerade zerstörst, nicht die ist, für die du sie hältst.

Er geht und lässt mich allein mit dem Gespenst meiner eigenen Zweifel zurück.

Ich sinke in meinem Sessel zusammen, den Kopf in den Händen. Die Erinnerungen, von denen ich glaubte, sie gut verschlossen zu haben, brechen wie Dämonen hervor.

Ihr Kopf auf meiner Schulter, in unserer kleinen Wohnung, die nach Kaffee und Büchern roch. „Du wirst sehen, Lorenzo, wir werden alles aufbauen. Kein Reich nötig. Nur wir.“ Ihre Finger, die sich mit meinen verschlangen. Ihr Versprechen.

Und dann der Tag, an dem alles zerbrach. Ihr marmornes Gesicht. „Es ist aus, Lorenzo. Ich kann nicht. Ich habe etwas Besseres gefunden. Sichereres. Lass mich gehen.“ Keine Träne. Chirurgische Kälte. Und wenige Wochen später die Fotos in den Zeitungen: ihr strahlendes Lächeln am Arm von Ugo Balardi, alt genug, um ihr Vater zu sein, reich genug, um ein Fürstentum zu kaufen.

Noch am selben Abend erfuhr ich, dass mein junges Unternehmen, dessen Schwachstellen nur sie kannte, Ziel eines gezielten Börsenangriffs war. Zufall? Ich habe nie an Zufälle geglaubt.

An jenem Tag verlor ich alles. Mein Unternehmen. Meinen Glauben. Mein Herz.

Und doch …

Der Bericht, den sie neu erstellen soll. Es ist eine absurde Aufgabe. Eine Tyrannenlaune. Ich weiß, dass sie die ganze Nacht hier sein wird. In diesem eisigen Büro, nur auf der anderen Seite des Flurs.

Plötzlich ertrage ich den Gedanken nicht, sie dort draußen zu wissen, allein im fahlen Licht ihres Bildschirms. Ich ertrage den Gedanken nicht an mich selbst, zerfressen von dieser Schwäche.

Ich springe auf, greife nach meinem Mantel. Ich muss weg. Chiara sehen. Mich daran erinnern, warum ich das alles tue. Mich in die strahlende Normalität ihrer Liebe tauchen, um diese verdammte Stimme zu ersticken, die immer lauter flüstert, dass ich mich irren könnte.

Dass ich mich irren muss.

Denn wenn Giulia nicht die Verräterin ist, die ich all die Jahre gehasst habe … was bin dann ich? Der Mann, der die Frau, die er liebt, aus purem Irrtum quält? Der Henker eines Opfers, das er nicht einmal verstanden hat?

Nein. Das ist unmöglich. Die Wahrheit ist zu schrecklich, um sie zu betrachten.

Ich verlasse das Büro im Sturm, gehe an der geschlossenen Tür des Großraumbüros vorbei, in dem, wie ich weiß, sie noch wacht. Jeder Schritt ist ein Kampf. Gehen. Bleiben. Sie hassen. Sie in die Arme nehmen und sie fragen, warum.

Im Aufzug hinab zur Tiefgarage starrt mich mein Spiegelbild im polierten Metall an, ein Fremder mit hohlen Augen, von einem Geist besessen. Die Asche unserer Geschichte ist noch warm, und ich spüre, erschrocken, dass ein einziger Funke Wahrheit alles entzünden könnte. Und mich zuerst verzehren würde.

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