Rainas Perspektive
Blut. Rauch. Schreie.
Das war es, was mich umgab, wohin ich mich auch wendete.
Alles, was ich sehen konnte. Alles, was ich hören konnte.
„Lauf, Raina. Nutze deine Kräfte und lauf. Du bist die Zukunft unserer Art und du musst das hier lebend überstehen.“
Die sanfte Stimme, die in meinem Kopf flüsterte, verfolgte jeden meiner Träume.
Durch meine Tränen konnte ich meine wunderschöne Mutter mit ihrem silberblonden Haar und ihren strahlend blauen Augen sehen – Augen, die denselben Farbton hatten wie meine. Ihre Augen zeigten keine Angst, selbst mit einer Silberklinge an ihrer Kehle, bereit, sich jeden Moment in ihre Kehle zu schneiden.
Mein Vater war vor ihr auf den Knien und flehte und bettelte seinen Beta an, den vernarbten Einzelgänger-Wolf davon abzuhalten, seine Gefährtin zu ermorden. Seine Bitten verhallten ungehört.
Mit einem Nicken von Arrick legte sich ein krankes Grinsen auf das Gesicht des EInzelgängers, als er die Klinge über ihre Kehle zog und meine Mutter vor den Augen meines Vater und mir verbluten ließ.
Ich werde den Schrei, der aus der Kehle meines Vaters drang, nie vergessen. Es war pure Qual über den Verlust seiner Gefährtin – seiner Königin.
Mein Vater war bereits geschwächt durch den Eisenhut, den Arrick ihm während dessen abendlichen Cocktails untergemischt hatte. Sein Wolf war unterdrückt, was ihn völlig der Gnade seines einst vertrauten Betas und dessen Team von Einzelgänger-Wölfen auslieferte.
Meine Arme wurden von einem anderen Einzelgänger-Wolf hinter meinem Rücken festgehalten. Alles, was ich riechen konnte, war der verfaulte Gestank, der von ihm ausging, und der Rauch, der die Luft erfüllte.
„Dein Königreich wird mir gehören, Rion. Mit deinem Tod werde ich König sein.“ Er höhnte und blickte auf die gebrochene Gestalt meines Vaters hinab. „Und wenn ich dieses Königreich übernehme, werde ich deine Tochter nehmen.“
„NEIN!“
Mit der wenigen Kraft, die ihm noch blieb, stand mein Vater auf seinen zwei Beinen und zielte alles daran, den Mann zu töten, dem er einst sein Leben anvertraut hatte. Nur war es nicht genug.
Alles, was ich hörte, waren meine Schreie, als Arrick einen Silberdolch durch das Herz des Mannes stieß, zu dem ich im Leben am meisten aufschaute. Der Mann, der mein Held war.
Als meine Schreie lauter wurden, begann mein Körper zu vibrieren, Elektrizität durchströmte jede Faser meines Seins. Ich hörte den Einzelgänger-Wolf hinter mir fluchen und meine Arme loslassen, als er einen Stromschlag bekam. Ich konnte spüren, wie mein ganzer Körper summte, als hätte ich gerade ein Stromkabel berührt.
Ich hatte immer gewusst, dass ich das Wetter kontrollieren konnte, aber das war auf einem ganz anderen Niveau.
Die Energie in mir wuchs und wuchs, bis ich dachte, ich würde explodieren. Gerade als ich dabei war, die Hölle in Form von Blitzen loszulassen, saß ich keuchend im Bett.
Dieser ganz bestimmte Albtraum suchte mich mindestens einmal pro Woche heim.
Egal wie oft diese Erinnerung mich heimsuchte, sie schien mich immer als verschwitzte und atemlose Katastrophe zurückzulassen. Wenigstens wachte ich diesmal nicht schreiend auf.
Ich glitt aus dem Bett, ging zum verstaubten Spiegel in meinem Zimmer – und keuchte laut. Meine Haut war blasser als gewöhnlich, eisblaue Augen weit aufgerissen und blutunterlaufen. Mein langes rabenschwarzes Haar klebte schweißnass an meinem Gesicht und Hals. Als ich nach oben griff, um mein widerspenstiges Haar zu beruhigen, bemerkte ich, dass meine Hände zitterten.
Die Uhr auf meiner Kommode zeigte fünf Uhr morgens an. Ich war dankbar, dass ich zumindest die ganze Nacht durchzuschlafen hatte – auch wenn es niemand aufgrund meines Aussehens bemerkt hätte.
Ich machte mich auf den Weg zum Gemeinschaftsbad und sprang unter die Dusche. Das kühle Wasser fühlte sich gut auf meiner schweißfeuchten Haut an und linderte das Nachzitten des Albtraums.
Ich wusch mir schnell die Haare und den Körper, bevor ich mich in ein Handtuch wickelte und zu den Waschbecken ging. Der Spiegel vor mir zeigte, wie müde ich aussah. Während sich mein Körper besser fühlte, half es nichts gegen meine blasse Haut, dunklen Augenringe und blutunterlaufenen Augen. Ich dankte der Mondgöttin, dass ich heute Putzdienst hatte, sodass ich mir keine Sorgen machen musste, jemandem über den Weg zu laufen.
Ich machte mich auf den Weg zurück in mein winziges Schlafzimmer und zog mich an. Ich dachte, ich würde den Köchen beim Frühstück helfen können, bevor alle aufwachen und ich mit dem Putzen beginnen kann. Nachdem ich mich in eine schwarze Leggins und ein langärmliges schwarzes Shirt gekleidet hatte, verließ ich dem Keller und ging die Treppe hinauf ins Erdgeschoss.
Ich betrat die Küche und konnte bereits die Kekse und Gebäckstücke riechen, die Whitney gerade backte. Der Duft von hausgemachten Zimtschnecken und Schokoladencroissants ließ meinen Magen knurren und erinnerte mich daran, dass ich seit gestern Nachmittag nichts gegessen hatte.
Es musste laut gewesen sein, denn Whitney kam lächelnd zu mir herüber und reichte mir ein Apfelplundergebäck.
„Hier, Liebes, das sollte dich bis zum Frühstück über Wasser halten.“
Ich schenkte ihr ein dankbares Lächeln und stopfte mir auf sehr undamenhafte Art das Plundergebäck ins Gesicht. Mondgöttin, diese Frau konnte echt backen.
Nachdem ich mein Frühstück beendet hatte, machte ich mich daran, Geschirr für das Essen herauszuholen. Ich legte alles auf der großen Kücheninsel aus, damit die Köchinnen das Essen darauf anrichten konnten, sobald es fertig gekocht war, und machte mich an die Arbeit, die Säfte zu machen. Alle drei Mädchen bestanden auf frisch gepressten Orangen- und Mangosaft jeden Morgen.
Sobald die Säfte gepresst und in ihre jeweiligen Karaffen gefüllt waren, startete ich die Kaffeemaschine. Alpha David und Beta Silas benötigten morgens viel Kaffee.
Ich fragte mich, ob Xander Kaffee oder Saft bevorzugen würde.
Mein Herz zog sich zusammen bei der Erinnerung an meine Nacht mit ihm. Ich hasste es zuzugeben, aber der Gedanke, dass er hier fortgehen würde, zerdrückte mich. Ich wusste, sobald er durch diese Vordertüren ging, würde es sich anfühlen, als hätte die andere Hälfte meiner Seele mich verlassen.
Meine Gedanken an Xander verflogen schlagartig, als ich meinen Namen rufen hörte.
„Ray, kannst du kurz herkommen?“
Ich drehte mich um, als Gretchen mich rief. Sie sprach selten mit mir, also konnte ich mir denken, worum es ging.
Ich folgte ihr aus den Küchentüren hinaus in den stillen Flur. Ich neigte meinen Kopf zu ihr und fragte: „Was kann ich für Sie tun, Fräulein Gretchen?“
„Was hast du gestern Abend mit Alpha Xander draußen gemacht?“
Ich neigte meinen Kopf verwirrt. Woher wusste sie das?
„Versuch gar nicht erst, dich dumm zu stellen. Die Wachen haben mir erzählt, dass ihr beide gestern Abend spät zusammen von draußen reingekommen seid“, höhnte sie und verschränkte ihre Arme, um einschüchternd zu wirken.
Das arme Mädchen hatte keine Ahnung, mit wem sie sich anlegte. Nicht eine einzige Person auf diesem Planeten schüchterte mich ein.
„Ich bin dem Alpha begegnet, während ich draußen spazieren war, um frische Luft zu schnappen, und er bat mich, ihm den Weg zurück zu seinem Schlafzimmer zu zeigen. Das ist alles.“
Gretchen war ein hübsches Mädchen mit ihrem erdbeerblonden Haar und grünen Augen, aber die Art, wie sie sich trug und verhielt, machten diese Vorteile sofort zunichte. Sie war ihr ganzes Leben lang verwöhnt worden, und dieses Gespräch zeigte nur, wie verzogen sie wirklich war.
Ihre hellgrünen Augen verdunkelten sich, und wenn Blicke töten könnten, wäre ich tot auf dem Boden. „Das sollte besser alles gewesen sein. Wenn ich herausfinde, dass du mich angelogen hast, ist die Hölle los. Alpha Xander gehört mir.“ Sie blickte über ihre schmale Nase auf mich herab und schnaubte. „Was würde ein starker, gutaussehender Alpha wie Alpha Xander mit einer niederen wolfslosen Omega wie dir wollen?“
Ich konnte spüren, wie sich Weathers Nackenhaar sträubte. Oh oh.
„Wer zur Hölle denkt diese kleine Göre, dass sie sei? Ich werde ihr zeigen, was wolfslos bedeutet, wenn ich ihr dieses Haar, das sie so sehr liebt, vom Kopf reiße.“
Sobald Weather erst einmal loslegte, war es nahezu unmöglich, sie zu beruhigen, und diese Göre von einer Wölfin hatte gerade versucht, ihren Gefährten zu beanspruchen. Gretchen sollte der Mondgöttin danken, dass ich gerade die Kontrolle hatte und nicht meine blutdürstige Wölfin.
Ich schenkte ihr ein knappes Lächeln und sagte: „Ich verstehe, Fräulein Gretchen.“
Was ich ihr wirklich sagen wollte, war, dass sie sich von meinem Gefährten verpissen sollte, bevor ich sie mit einem Blitz erwische, aber leider war das keine Option.
Ich konnte nicht zählen, wie oft jemand in diesem Rudel versucht hatte, mich niederzumachen, indem er darauf hinwies, dass ich wolfslos sei. Diese Idioten hatten keine Ahnung, dass sie ihre Königin respektlos behandelten. Schon gut. Eines Tages würden sie es erkennen, und ich wäre zu beschäftigt damit, auf meinem Thron zu sitzen, um mich darum zu scheren.
Mit einem Schwung ihres Haares drehte sich Gretchen um und stolzierte in den Speisesaal.
Ich konnte mein Augenrollen nicht zurückhalten, als ich in die Küche zurückging. Ich plante, beim Anrichten des Frühstücks zu helfen, bevor ich in den zweiten Stock gehen würde, um die Gästezimmer zu putzen. Ich könnte jetzt wirklich etwas Ruhe und Frieden gebrauchen.
Natürlich konnte niemals alles wie geplant laufen.
„Hey Ray, kannst du den Saft und Kaffee rausbringen, bevor du gehst?“
So sehr ich Whitney auch gerne abweisen wollte, würde ich es nicht tun. Sie war eine liebe Person und behandelte mich immer gut. Sobald ich die Karaffen rausgebracht hatte, konnte ich putzen gehen und mit meinen Gedanken allein gelassen werden.
Ich hatte mich so sehr bemüht, meine Gedanken davon abzuhalten, zu Xander abzudriften. Der Teil von mir, der sich einfach verstecken wollte, hatte Angst davor, ihn wiederzusehen, in dem Wissen, dass er heute abreiste. Ich redete mir immer wieder ein, dass es das Beste war. Sobald er weg war, konnte ich mich wieder darauf konzentrieren, für mein Training stärker zu werden und meinen Plan, mein Königreich zurückzuerobern. Ich musste mich an meine Ziele halten, und es gab keine größere Ablenkung als ihn.
Kaum hatte ich die Tür zum Speisesaal geöffnet, prallte ich gegen eine Wand. Eine Wand, die zufällig Arme hatte, die nach mir griffen, um mich aufzufangen, bevor ich auf meinem Hintern landete. Das vertraute Kribbeln auf meiner Haut sagte mir genau, wem diese Arme gehörten.
Es stellte sich heraus, dass ich nicht in eine echte Wand gerannt war. Nein, nur in meinen Berggiganten von einem Gefährten.
„Na, dir auch einen guten Morgen“, sagte er, seine Augen funkelten vor unterdrücktem Lachen.
Ich justierte die Karaffen in meinen Armen neu und senkte meinen Kopf. „Guten Morgen, Alpha Xander.“
Er sah zum Anbeißen aus in seiner schwarzen Stoffhose, die seine muskulösen Oberschenkel umschloss, und seinem weißen Hemd, das er bis zu den Ellbogen hochgekrempelt hatte, um die Kunst zu zeigen, die jeden seiner Arme hinablief. Kunst, über die ich mit meinen Fingern fahren und jede Linie und jedes Detail auswendig lernen wollte.
Mondgöttin, es war zu früh für solche Gedanken.
Das Lächeln auf seinem Gesicht verwandelte sich schnell in ein Stirnrunzeln.
„Geht es dir gut?“ Als ich fragend meinen Kopf neigte, fuhr er fort. „Deine Augen sind ganz blutunterlaufen. Ist etwas passiert?“
Ich hatte bei der Aufregung des Morgens mein abgekämpftes Aussehen völlig vergessen. Jetzt wünschte ich mir, ich hätte etwas mehr Mühe investiert, wenn ich ein bisschen Concealer benutzt hätte, um die dunklen Augenringe zu verstecken. Leider konnte ich nichts gegen meine Augen tun.
„Ja, Alpha Xander, alles in Ordnung. Ich hatte nur eine schlechte Nacht“, sagte ich. Über seine Schulter hinweg sah ich Gretchen, die mir einen tödlichen Blick zuwarf. Großartig.
Er sah so aus, als würde er mir kein Wort glauben, ließ es aber zu meinem Glück darauf beruhen. Das war kein Gespräch, das ich vor all den ranghohen Wölfen führen wollte.
„Wenn Sie Platz nehmen möchten, wird das Frühstück gleich serviert.“
Er nickte mir kurz zu, und mit einem letzten Blick drehte er sich um und machte sich auf den Weg zum Esstisch. Ich stellte schnell die Karaffen mit Saft und Kaffee ab und machte mich auf den Weg zurück in die Küche. Nachdem ich bei Whitney nachgefragt hatte, ob sie noch etwas von mir brauchte, sammelte ich die Putzmittel ein und machte mich auf den Weg in den zweiten Stock.
Ich verlor mich beim Putzen. Das war eine Arbeit, die mir nichts ausmachte. Während ich das Kochen genoss, konnte das Gedränge in der Küche manchmal zu viel für mich sein. Ich hatte ständig viel im Kopf, und allein in Ruhe gelassen zu werden, war der einzige Weg, um meine Gedanken zu ordnen.
Heute diente das Putzen als sehr willkommene Ablenkung. Ich weigerte mich, darüber nachzudenken, dass das Letzte, was er von mir sehen würde, der Moment war, in dem er fragte, ob es mir gut ging - und ich ihn abwimmelte. Mondgöttin, was für eine Gefährtin war ich?
Die Art, die meine wahre Identität verbirgt und ihn weggehen lässt.
In meinen achtzehn Lebensjahren wollte ich nie jemand anderes sein. Erst in diesem Moment wünschte ich mir zum ersten Mal, ich wäre ein normales Mädchen, das ihren Gefährten trifft und glücklich bis ans Ende ihrer Tage lebt. Ein Mädchen, das seine Luna werden könnte.
Nur war ich nicht dazu bestimmt, Luna zu sein.
Ich war dazu bestimmt, Königin zu sein.
Mein Titel war nichts, was ich aufgeben konnte, selbst wenn ich wollte.
Ich hatte erfolgreich drei Zimmer geputzt, bevor ich mich vor dem Zimmer wiederfand, in dem Xander letzte Nacht geschlafen hatte. Als ich die Tür öffnete, wurde ich von seinem Geruch überwältigt. Alles, was ich wollte, war mich in seinem Bett zu wälzen und in seinem Duft zu baden.
Verurteilt mich nicht.
Weather sabberte praktisch in meinem Kopf nicht, dass ich ihr das verübeln konnte. Der Mann sah aus und roch absolut göttlich.
Ich war gerade dabei, die Laken abzuziehen, als Beta Silas den Raum betrat. Ich drehte mich um und senkte respektvoll meinen Kopf.
„Der Alpha verlangt nach dir.“
Oh oh, was habe ich jetzt getan?