MasukHanna Fischer hatte Frankfurt noch nie besucht. Das war eine der Tatsachen, die Noelle bis zum Fruehjahr nicht bewusst aufgefallen war, weil sie immer nach Hamburg gefahren war, wenn sie ihre Mutter sehen wollte, und weil das der Weg gewesen war, der sich ergeben hatte, ohne je in Frage gestellt zu werden. Dann hatte Hanna Fischer in einem Telefongespräch im Mai gesagt: "Ich moechte Frankfurt sehen." "Wann?" hatte Noelle gefragt. "Wann es dir passt," hatte Hanna gesagt. "Naechsten Monat?" hatte Noelle vorgeschlagen. "Naechsten Monat," hatte Hanna Fischer bestaetigt. Mit der Ruhe einer Frau, die das schon laenger geplant hatte, und die nur auf den richtigen Moment gewartet hatte, es zu sagen. Damian hatte die Nachricht ohne grossen Kommentar aufgenommen. "Deine Mutter kommt," hatte er gesagt. "Ja," hatte Noelle gesagt. "Sie bleibt bei uns," hatte er gesagt. Es war keine Frage. "Wenn du das moechtest," hatte Noelle gesagt. "Natuerlich," hatte er gesagt. Auf die Art, die bed
Lena Brandt war Mitte Mai. Das war das Datum, an dem sie sich bewarb. Felix hatte es Noelle vorher gesagt, nicht als Ankuendigung, sondern als Information, auf die Art, mit der er Dinge sagte, die er fuer relevant hielt, ohne sie zu uebergewichten. "Sie schickt die Bewerbung Dienstag," hatte Felix gesagt. "Gut," hatte Noelle gesagt. "Ich erwahne es nicht wieder," hatte Felix gesagt. "Ab jetzt ist sie eine Bewerberin wie jede andere." "Ja," hatte Noelle gesagt. Das Bewerbungsverfahren war dasselbe, das alle anderen Praktikumsbewerber durchliefen: eine schriftliche Bewerbung, ein erstes Gespraech mit Noelle, ein zweites mit Damian, und eine Entscheidung, die beide gemeinsam trafen. Noelle las Lena Brandts Bewerbung an einem Donnerstagnachmittag. Sie las sie wie alle anderen Bewerbungen, ohne den Namen zuerst zu beachten, denn der Name war das Letzte, was zaehlen sollte. Was sie las, war gut. Nicht aussergewoehnlich in einem Sinne, der keine Erklaerung brauchte. Aber gut auf e
Der Fruehling kam nach Frankfurt mit der Gewissheit von jemandem, der weiss, dass er erwartet wird. Das war Mitte April, und die Stadt verwandelte sich auf eine Art, die immer ueberraschte, obwohl sie jedes Jahr geschah. Die Kastanien auf dem Sachsenhaeuser Ufer brachen auf, zuerst die Knospen, dann die Blaetter, dann die weissen Kerzen der Blueten, die so gross und so makellos waren, dass man kurz dachte, sie koennten nicht echt sein. Die Terrassen der Cafes wurden aufgestellt, und Menschen sassen draussen in Jacken, die noch zu warm fuer den April und zu duenn fuer den echten Sommer waren, aber genau richtig fuer diesen Zwischenzustand, in dem man draussen sitzen wollte, ohne zu kalt zu sein, und bereit war, das Risiko des leichten Frierens fuer die Freude des Draussenseins einzugehen. Noelle liebte diesen Moment des Jahres. Er hatte eine Energie, die der Herbst nicht hatte, obwohl der Herbst schoen war. Der Herbst war das Wissen um das Kommende. Der Fruehling war die Erinnerung
Noelle schickte die E-Mail von Isabelle Dumont an Damian, ohne Kommentar. Sie schickte sie einfach so, weil manche Nachrichten keinen Kommentar brauchten, weil sie fuer sich selbst standen und weil der Kommentar das gesagt haette, was bereits in der Nachricht war. Damian antwortete in weniger als zwei Minuten: "Komm kurz rein." Sie ging. Er stand am Fenster, wie er immer stand, wenn er dachte, aber das Stehen war ein anderes als sonst. Es war nicht das Stehen des offenen Problems. Es war das Stehen des abgeschlossenen Kapitels, die Art Koerperhaltung, die ein Mensch einnahm, wenn etwas, das sehr lang gedauert hatte, fertig war und er noch nicht wusste, wohin die Energie fliessen sollte, die bisher darauf verwendet worden war. "Vollstaendig abgeschlossen," sagte sie, als sie herein trat. "Ja," sagte er, ohne sich umzudrehen. Sie trat neben ihn ans Fenster. Frankfurt draussen, der Maerz, das Morgenlicht, das auf dem Main lag wie etwas Fluessiges. "Was denkst du?" fragte sie.
Petra Lange war eine Frau mit einer besonderen Faehigkeit. Sie sah Dinge, die andere nicht sahen, und sie schwieg darueber, bis der richtige Moment kam, sie zu sagen. Das war ihre Kunst, die sie ueber Jahre verfeinert hatte, durch Beobachtung und durch das Verstehen, dass Timing alles war. Das Richtige zur falschen Zeit war nutzlos. Das Richtige zur richtigen Zeit konnte alles veraendern. Sie war gut darin, die Zeit zu lesen. An einem Donnerstag im Maerz, nachdem Noelle von Muenchen zurueckgekommen war, einem guten Treffen, das den Muenchner Auftrag in eine groessere Zusammenarbeit verwandeln wuerde, setzte sich Petra an Noelles Schreibtisch. Nicht in der Art, in der man sich setzte, wenn man etwas wollte. In der Art, in der man sich setzte, wenn man etwas sagen wollte. "Darf ich?" fragte Petra. "Du sitzt schon," sagte Noelle. "Das stimmt," sagte Petra. "Darf ich trotzdem?" "Ja," sagte Noelle und legte ihren Stift hin. Petra faltete die Haende auf dem Schoss, was sie tat, we
Die Reise nach London fand im Maerz statt. Das war nicht ueberraschend. Seit dem Herbst hatte Noelle gewusst, dass die Londoner Partnerschaften eine persoenliche Reise verlangen wuerden, weil Partnerschaften, die durch Bildschirme aufgebaut wurden, eine andere Qualitaet hatten als solche, die durch einen Tisch gingen, durch Haendeschuetteln und Augen, die man las, durch das Essen nach dem Gesprach, das das Gesprach eigentlich weiterfuehrte. Sie buchten den Montag-Fruehflug. Damian war um halb sechs Uhr morgens fertig. Noelle war um zehn nach halb sieben fertig, was fuer sie frueh war, und er sagte nichts darueber, weil er gelernt hatte, dass nichts Sagen manchmal das Klugste war. Am Flughafen, waehrend sie warteten, fragte er: "Was erwartest du?" "Nichts Bestimmtes," sagte Noelle. "Ich versuche nie, etwas zu erwarten, das ich noch nicht kenne. Das setzt einen Massstab, an dem man scheitern kann." "Das ist eine sehr kontrollierte Art, auf Neues zuzugehen," sagte er. "Ja," sagt







