LOGINIch hieß Alaya, und ich war nichts weiter als ein Mädchen wie viele andere, geboren in den Gassen eines Viertels, in dem die Armut dich von Geburt an vergiftet. Meine Mutter war krank. Sie hatte nur mich … und ihre Schulden. An jenem Abend kamen sie. Sie klopften an die Tür. Drei Männer in Schwarz. Kein Wort. Nur ein Umschlag … und ein eiskalter Satz: — »Du bist doch noch Jungfrau, oder? Der Chef zahlt teuer dafür.« Ich hatte keine Wahl. Er hieß Santino Ricci. Kalt. Magnetisch. Gefährlich. Das Oberhaupt einer der mächtigsten Mafiafamilien Italiens. Er sah mich an, wie man eine kostbare Ware ansieht. Dann sagte er: — »Du wirst meine Frau. Egal, was du fühlst.« Und ich unterschrieb mein Urteil. Diese Hochzeit war keine Verbindung … sondern ein goldener Käfig. Ich lernte, inmitten von Schlangen zu überleben. Ich sah Tote. Ich sah Blut. Ich hörte die Schreie von Mädchen, die, genau wie ich, verkauft worden waren. Aber was sie nicht bedacht hatten … war, dass die kleine, zerbrochene Jungfrau am Ende zurückbeißen würde.
View MoreKAPITEL 114Aus Santinos SichtDas Schweigen kehrt zurück. Schwer. Erstickend. Wie die Luft vor dem Gewitter.Ich wende mich Elias zu. Meine Beretta erhoben. Der Lauf direkt auf seine Stirn gerichtet.Unsere Blicke treffen sich. Ein letztes Mal. In seinen Augen sehe ich nicht die Angst. Nein. Ich sehe die Akzeptanz. Die Resignation. Und irgendwo, tief vergraben, einen Funken Trotz.Er wendet den Blick nicht ab. Er fleht nicht. Er weint nicht.Respekt.Ein letzter Überrest dessen, was wir einst waren. Zwei Waffenbrüder. Zwei Männer, verbunden durch Blut und Feuer.Aber diese Zeit ist vorbei.— »Auf Wiedersehen, Elias.«Meine Stimme ist ruhig. Fast sanft.— »Wir sehen uns in der Hölle.«Mein Finger krümmt sich um den Abzug.BANG.Der Schuss explodiert im Raum wie ein Donnerschlag. Der beißende Geruch von Schießpulver erfüllt sofort den engen Raum.Die Kugel trifft Elias mitten auf die Stirn. Sein Kopf knallt gewaltsam nach hinten. Ein schwarzes Loch erscheint zwischen seinen beiden Auge
KAPITEL 113Aus Santinos SichtIch bleibe in der Mitte des Raumes stehen, beherrsche die Versammlung mit meinem Blick. Sie sind alle da, zusammengekauert auf Sofas und Stühlen wie Verurteilte, die auf das Urteil warten. Erbärmlich.Ich beginne auf und ab zu gehen, die Hände auf dem Rücken verschränkt, mit der Miene eines Lehrers, der im Begriff ist, eine meisterhafte Lektion zu erteilen.— »Was genau habt ihr geglaubt?«Meine Stimme ist ruhig. Zu ruhig.— »Ihr dachtet, ich würde im Knast verrotten? Dass ich hinter Gittern versauern würde, während ihr euer kleines, glückliches Leben lebt?«Ich bleibe stehen, drehe mich abrupt zu Elias und Alaya.— »Und heute bin ich hier. Draußen. Frei.«Ich lache bitter auf.— »Naja … frei ist ein großes Wort. Ich bin ein gesuchter Mann. Ein Flüchtiger. Gejagt von den Bullen, von meinen Feinden, von allen, die meinen Kopf wollen.«Ich richte einen anklagenden Finger auf sie.— »Und das alles ist eure Schuld. Euch beiden.«Das Schweigen ist erdrückend.
KAPITEL 112Aus Santinos SichtAcht Minuten und vierzig Sekunden.Das Geräusch eines Motors. Zuschlagende Türen.Ich springe auf, stürze mit der Anmut eines Raubtiers, das seine Beute gesichtet hat, zum Fenster. Meine Finger schieben den Vorhang ein paar Zentimeter zur Seite – gerade genug, um zu beobachten, ohne gesehen zu werden.Ein normales Auto. Eine Scheiß-Limousine, die schon bessere Tage gesehen hat.Elias steigt aus, die Züge angespannt, der Blick verstört. Und an seiner Seite diese Schlampe Alaya. Ihre Haare wehen im Wind, als wäre sie in einem verdammten Liebesfilm. Erbärmlich.Meine Augen durchkämmen die Straße mit der Aufmerksamkeit eines Falken. Jede Ecke. Jedes geparkte Auto. Jedes Fenster der gegenüberliegenden Gebäude. Nichts. Keine zivilen Polizeiautos. Keine verdächtigen Silhouetten. Keine Transporter, die an der Straßenecke versteckt sind.Ein Lächeln verzogen meine Lippen.»Perfekt.«Ich lasse den Vorhang fallen und drehe mich zu meinen beiden Geiseln um, die mich
KAPITEL 111Aus Santinos SichtDas Telefon knistert in meiner Hand. Ich höre Elias‘ Stimme, diesen verdammten Idioten, der glaubte, mich herausfordern zu können.— »Hallo Papa, wie geht es dir?«Ich lächele. Ein eisiges Lächeln, das niemand sieht, aber das jeder spürt.— »Hallo Elias«, antworte ich mit sanfter, fast väterlicher Stimme. »Hier ist Santino.«Das darauffolgende Schweigen ist köstlich. Ich stelle mir vor, wie dieser kleine Scheißer erstarrt wie eine gefangene Ratte. Sein Atem beschleunigt sich. Die Panik steigt. Ich genieße sie.— »Verdammt, Santino! Lass meine Familie aus dem Spiel!«Aus dem Spiel? Ich kicherle innerlich. In meiner Welt gibt es kein »aus dem Spiel«. Wenn man mir etwas schuldet, zahlt jeder.— »Ach ja?« Ich lasse die Worte schleppen, spiele mit ihm wie eine Katze mit einer Maus. »Ich wollte nur deinen Eltern einen kleinen Besuch abstatten.«Der Alte sitzt da, vor mir, die Augen weit aufgerissen, noch nicht begreifend, in welche Hölle sein Sohn ihn gestürzt





