LOGINJamie hat Millionen Fans, ausverkaufte Konzerte und ein Leben, von dem andere nur träumen können. Doch an seinem Geburtstag hat er nur einen einzigen Wunsch: eine Mama. Nicht für einen Tag, nicht für ein Foto und erst recht nicht für die Öffentlichkeit — sondern eine echte Mama. Als Neve zufällig Teil seines Leben wird, ahnt sie nicht, dass eine einfache Nachricht alles verändern wird. Aus vorsichtigen Gesprächen werden nächtliche Telefonate, aus Fremden wird Familie. Und aus einem stummen Wunsch entsteht eine Verbindung, die stärker ist als Blut. Doch manche Wunden sitzen tiefer, als ein Lächeln vermuten lässt. Und manchmal ist der größte Wunsch eines Menschen gleichzeitig seine größte Angst. Eine bewegende Geschichte über Familie, Vertrauen, Heilung und die Frage, ob man sich sein Zuhause vielleicht doch aussuchen kann.
View MoreJamie liebte seinen Geburtstag nicht. Er wusste nicht einmal mehr genau, wann diese Abneigung eigentlich angefangen hatte. Es gab keinen bestimmten Moment in seiner Erinnerung, an den er sich zurückerinnern konnte. Keinen Tag, an dem er morgens aufgewacht war und für sich beschlossen hatte, dieses Datum fortan zu hassen. Vielleicht war es einfach ganz leise passiert. Schleichend, still und unbemerkt – so wie manche tiefen Veränderungen im Leben kamen, ohne dass man sie im Alltag registrierte, bis man irgendwann zurückblickte und erschrocken feststellte, dass nichts mehr so war wie früher.
Früher hatte Jamie geglaubt, dass dieses dumpfe Gefühl irgendwann von alleine verschwinden würde. Wenn du älter bist, hatte er sich damals immer wieder eingeredet, um sich selbst zu trösten. Wenn du erfolgreicher bist. Wenn du endlich all das erreicht hast, was du dir immer erträumt hast. Damals hatte er wirklich fest daran geglaubt. Er hatte gedacht, Glück sei etwas, das irgendwann einfach auftauchte wie eine verdiente Belohnung. Arbeite nur hart genug. Halte lange genug durch. Erreiche genug. Dann würde diese innere Leere mit der Zeit von ganz allein weichen. Aber heute wusste er es besser. So funktionierte das Leben einfach nicht. Man konnte alles besitzen, was die Welt zu bieten hatte, und sich im Herzen trotzdem nach etwas sehnen, das kein Geld der Welt kaufen konnte. Nach etwas, das kein Geschenk der Welt jemals ersetzte und das sich mit keinem Terminplan organisieren ließ. Und genau das war das Problem. Denn Jamie konnte fast alles in seinem durchgetakteten Alltag planen. Termine, Auftritte, Proben, lange Reisen – sein gesamtes Leben bestand aus Kalendern, Erinnerungssignalen und festgelegten Zeiten. Nur diesen einen Wunsch konnte er nirgendwo eintragen. Er konnte ihn nicht einfach wie eine Aufgabe abhaken. Er konnte ihn nicht eigenhändig erfüllen. Und vielleicht tat genau das am tiefsten weh. Jamie stand vor der großen Fensterfront seiner Wohnung in Nova Heights und blickte hinaus auf die Stadt. Die bunten Lichter unter ihm bewegten sich wie ein nie stillstehender, lebendiger Strom. Autos zogen helle Leuchtspuren durch die nächtliche Dunkelheit. Menschen schlenderten über die Straßen, lachten, redeten und schienen genau zu wissen, wohin ihre Schritte sie führten. Manchmal fragte er sich, ob sie alle wussten, wo sie hingehörten. Ob sie dieses Gefühl kannten, das ihn schon so lange begleitete. Dieses leise, feine Ziehen im Herzen. Dieses stumme Wissen, dass etwas fehlte, obwohl man nach außen hin kaum erklären konnte, was es war. Er legte seine Handfläche gegen die kalte Fensterscheibe und spürte die kühle Glätte auf seiner Haut. Von außen betrachtet sah sein Leben vollkommen aus. Das wusste er nur zu gut. Viele Menschen würden wahrscheinlich alles dafür geben, an seiner Stelle zu sein. Den Erfolg zu spüren. Die Anerkennung. Die unzähligen Stimmen, die seinen Namen riefen. Die großen Bühnen, die Musik und die bedingungslose Liebe der Fans. Er war dankbar dafür, aus tiefstem Herzen. Er wusste, was für ein unglaubliches Glück er hatte. Aber manchmal… manchmal reichte reine Dankbarkeit eben nicht aus, um eine tiefe Sehnsucht ganz still werden zu lassen. „Schon wieder dieser Tag“, murmelte er leise in den leeren Raum hinein. Ein mattes, fast humorloses Lächeln legte sich auf seine Lippen. „Als hättest du das nicht kommen sehen. Du bist wirklich jedes Jahr aufs Neue überrascht, obwohl du genau weißt, wie es endet.“ Er trat vom Fenster zurück und wandte sich langsam ab. Die weitläufige Wohnung war ruhig. Zu ruhig. Es war nicht die angenehme, erlösende Stille nach einem anstrengenden Tag, sondern diese drückende Art von Schweigen, die plötzlich viel zu viel Raum für eigene Gedanken ließ. Auf dem hölzernen Wohnzimmertisch lagen ordentlich gestapelte Unterlagen. Fotos, bevorstehende Termine, neue Entwürfe. Alles lag genau dort, wo es hingehörte. Perfekt sortiert – exakt so, wie sein gesamtes Leben nach außen wirkte. Nur seine Gedanken hielten sich nicht an diese Strenge. Die letzten Monate waren voll gewesen. Konzerte, lange Interviews, intensive Dreharbeiten, Flüge und ständig neue Begegnungen. Immer Menschen um ihn herum. Immer Stimmen. Immer jemand, der etwas von ihm erwartete. Und trotzdem gab es diese Augenblicke, in denen er nach Hause kam, die Tür hinter sich schloss und spürte, wie erschöpft er wirklich war. Nicht nur körperlich, sondern irgendwo viel tiefer. „Was willst du eigentlich?“, fragte er sich leise. Er ließ sich auf die Couch fallen und starrte an die weiße Decke. Eine einfache Frage, und trotzdem eine, auf die er sich selbst kaum eine Antwort geben konnte. Denn wenn jemand ihn heute fragen würde, was er sich zu seinem Geburtstag wünschte… was sollte er sagen? Ein neues Handy? Kleidung? Eine Reise? Etwas Teures? Er hätte all das haben können. Aber nichts davon traf den Punkt. „Ich wünsche mir nichts“, sagte er leise in die leere Wohnung hinein. Die Worte klangen beinahe überzeugend. Beinahe. In diesem Moment summe sein Smartphone auf dem Tisch. Der Bildschirm leuchtete auf und ein vertrauter Name erschien auf dem Display: Rowan. Ein ehrliches, kleines Lächeln huschte über Jamies Gesicht. „Du hast ein wirklich schlechtes Timing“, flüsterte er leise vor sich hin, ehe er den Anruf entgegennahm. „Hallo, Rowan.“ „Du klingst schon wieder so, als würdest du alles zerdenken“, ertönte die Stimme am anderen Ende der Leitung ohne Umschweife. Jamie lehnte den Kopf an die Rückenlehne des Sofas. „Hallo auch dir.“ „Also noch am Leben?“ „Bist du enttäuscht?“ „Ein bisschen.“ Jamie musste leise lachen. Und für einen Moment war da wieder dieses vertraute, warme Gefühl. Dieses Gefühl, dass da jemand war, der ihn wirklich kannte. Nicht den gefeierten Jamie, den alle sahen, sondern einfach nur ihn als Mensch. „Du rufst jedes Jahr vorher an, oder?“, fragte er. „Ja.“ „Um mich zu nerven?“ „Nein.“ Eine kurze Pause entstand am Telefon. „Um sicherzugehen, dass du dich nicht wieder in deinem Kopf verlierst.“ Jamie schwieg. Denn genau das tat er. Immer wieder aufs Neue. „Ich verliere mich nicht.“ „Doch.“ „Rowan.“ „Jamie.“ Ein kleines Schmunzeln lag in ihren Worten. Diese Diskussion hatten die beiden schon unzählige Male geführt. „Du bist anstrengend.“ „Und du bist jedes Jahr gleich.“ Jamie blickte wieder hinüber zum Fenster, durch das das Licht der Stadt hereinbrach. „Ich bin nicht traurig.“ „Habe ich nicht gesagt.“ „Du denkst es aber.“ „Weil ich dich kenne.“ Dieser Satz traf ihn. Nicht hart, aber spürbar präzise. „Wie viele Jahre machen wir das schon?“, fragte Jamie leise. „Zu viele. Zu viele, um dich jedes Jahr damit allein zu lassen.“ Rowans Stimme klang nun deutlich sanfter. Jamie schloss für einen Augenblick die Augen. Er wusste, dass es gut gemeint war. Immer. Aber manche Dinge waren schwer auszusprechen. Besonders die Dinge, die man selbst kaum greifen konnte. „Ich wünsche mir wirklich nichts.“ „Jamie.“ „Was?“ „Du weißt, dass ich dir das nicht glaube.“ Jamie schmunzelte schwach. „Du bist wirklich hartnäckig.“ „Sehr.“ Für einen Moment war alles ein wenig leichter. Bis die Stille am anderen Ende wieder ernster wurde. „Was ist es?“, fragte Rowan ruhig. Jamie verstummte. „Was meinst du?“ „Dein Wunsch.“ Jamies Blick wanderte durch den Raum. Zum Fenster. Wieder zurück zum Tisch. „Es ist nichts.“ „Das glaube ich dir nicht.“ „Rowan…“ „Nein. Sag nicht, dass es nichts ist.“ Jamie atmete tief durch. Er wollte es sagen. Vielleicht wollte ein Teil von ihm es schon sehr lange laut aussprechen. Aber die Worte blieben irgendwo zwischen Herz und Verstand hängen. „Es ist nicht möglich.“ Rowan schwieg einen Moment. „Warum?“ Jamie senkte den Blick. „Manche Momente kann man nicht erzwingen.“ Eine Weile sagte niemand etwas. Die Stille zwischen ihnen fühlte sich nicht schwer an, sondern verständnisvoll. Schließlich sprach Rowan leise: „Irgendwann erzählst du es mir.“ Jamie lächelte sanft. „Du gibst wirklich nie auf.“ „Nein.“ „Warum?“ „Weil ich weiß, dass irgendwo in dir noch ein Teil glaubt, dass es vielleicht doch möglich ist.“ Jamie antwortete nicht. Denn vielleicht… vielleicht hatte Rowan recht. Nachdem sie aufgelegt hatten, blieb Jamie noch lange ruhig auf dem Sofa sitzen. Draußen bewegte sich die Stadt weiter. Menschen gingen ihren Wegen nach, Lichter gingen an und aus. Und während die Nacht über Nova Heights lag, spürte er, dass sich im Stillen längst etwas verändert hatte – auch wenn er es selbst noch gar nicht vollständig begreifen konnte.Im Studio hatte sich die Stimmung längst wieder auf das gewohnte Niveau eingependelt. Wobei „ruhig“ bei den Jungs eigentlich noch nie die treffende Bezeichnung gewesen war.„Nein, absolut nicht. Das klingt, als würde der Song sich gerade mit Nachdruck für seine reine Existenz entschuldigen“, stellte Rowan klar. Er lehnte sich mit verschränkten Armen im Studio-Sessel zurück und musterte Alexander mit einer Mischung aus Skepsis und Herausforderung.Alexander schnaubte ungläubig. „Das ist vollkommener Blödsinn.“„Ist es ganz sicher nicht.“„Ist es wohl.“Jamie ließ den Kopf stöhnend nach hinten sinken. „Ich schwöre euch beiden: Wenn ihr noch einmal mit diesem sturen Kinderspiel anfangt, zerlege ich das komplette Arrangement höchstpersönlich in seine Einzelteile und wir fangen wieder bei null an.“Nicholas, der unbeeindruckt hinter dem Mischpult saß, blickte nicht einmal von seinen Reglern auf. „Das wäre dann das dritte Mal in dieser Woche.“Jamie schob die Unterlippe vor und zog eine Bra
Jamie wusste nicht einmal mehr genau, wann er letztlich eingeschlafen war. Nur, dass es irgendwann tief in der Nacht gewesen sein musste. Als sein Handy am nächsten Morgen schrillend den Raum erfüllte, fühlte es sich an, als hätte er erst vor wenigen Sekunden die Augen geschlossen.Verschlafen und mit schwerem Kopf tastete er über den Nachttisch. Er griff daneben, strich über das kühle Holz und verzog das Gesicht. Natürlich – ausgerechnet jetzt. Beim zweiten Versuch erwischte er das vibrierende Gerät schließlich und hielt es sich im Halbschlaf ans Ohr.„Ja…?“, murmelte er mit rauem Ton.„Bitte sag mir, dass du bereits im Auto sitzt“, ertönte eine glasklare Stimme.Jamie blinzelte benommen gegen das helle Tageslicht an. Sein müdes Gehirn brauchte einen Moment, um den Anrufer einzuordnen, doch dann richtete er sich schlagartig auf. „Nicholas?“„Nein. Der Weihnachtsmann.“Trotz der lähmenden Müdigkeit konnte Jamie ein leises Glucksen nicht unterdrücken. Typisch Nicholas. Man war noch nic
Jamie blieb noch lange auf der Couch sitzen, nachdem das Gespräch mit Rowan beendet war. Sein Handy lag noch immer schwer in seiner Hand, obwohl der Bildschirm längst dunkel geworden war. Er sah darauf hinab, als würde er darauf warten, dass dort plötzlich wie von selbst eine Antwort auftauchte. Eine einfache Erklärung. Irgendetwas, das diesen hartnäckigen Gedanken in seinem Kopf endlich ein wenig leiser machen würde. Aber natürlich passierte nichts. Die Stille im Raum blieb unverändert.Jamie ließ den Kopf nach hinten gegen die weiche Rückenlehne sinken und schloss für einen langen Moment die Augen. „Keine Chance…“, entkam es ihm leise. Das Wort verließ seine Lippen fast lautlos. Er wusste nicht einmal genau, warum er es noch einmal vor sich hin murmelte. Vielleicht, weil es im ersten Moment so viel leichter war, etwas für unerreichbar zu erklären, als sich einzugestehen, wie tief diese Sehnsucht in ihm verwurzelt war.Als er die Augen wieder öffnete, starrte er an die Decke. „Du mac
Jamie liebte seinen Geburtstag nicht. Er wusste nicht einmal mehr genau, wann diese Abneigung eigentlich angefangen hatte. Es gab keinen bestimmten Moment in seiner Erinnerung, an den er sich zurückerinnern konnte. Keinen Tag, an dem er morgens aufgewacht war und für sich beschlossen hatte, dieses Datum fortan zu hassen. Vielleicht war es einfach ganz leise passiert. Schleichend, still und unbemerkt – so wie manche tiefen Veränderungen im Leben kamen, ohne dass man sie im Alltag registrierte, bis man irgendwann zurückblickte und erschrocken feststellte, dass nichts mehr so war wie früher.Früher hatte Jamie geglaubt, dass dieses dumpfe Gefühl irgendwann von alleine verschwinden würde. Wenn du älter bist, hatte er sich damals immer wieder eingeredet, um sich selbst zu trösten. Wenn du erfolgreicher bist. Wenn du endlich all das erreicht hast, was du dir immer erträumt hast.Damals hatte er wirklich fest daran geglaubt. Er hatte gedacht, Glück sei etwas, das irgendwann einfach auftaucht