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Kapitel 32

Author: Nikolaus
last update publish date: 2026-06-29 19:31:22

„Ich habe den Riss im Himmel gesehen. Ich wusste, dass er mich holen würde. Und ich bin freiwillig gegangen. Nicht weil ich mutig war. Sondern weil ich Angst hatte zu bleiben. Angst, dass ihr mich nicht mehr wollt, wenn ihr wisst, was ich wirklich bin. Was der Mond in mich gelegt hat.“

Sie hob die Hände.

Silbernes Licht floss zwischen ihren Fingern hindurch.

„Ich bin kein Kind mehr. Ich war nie ein Kind. Ich war eine Waffe. Und ich habe mich selbst abgefeuert, damit ihr sicher seid.“

Das Loch k
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  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 44

    Dann kam die Schlucht.Sie fiel plötzlich ab. Tief. Dunkel. Der Boden war nicht mehr Schnee. Sondern blankes Eis. Schwarz glänzend. Wie ein Spiegel, der nichts reflektierte.Viktor blieb am Rand stehen.„Hier unten ist es.“Torvald sah hinunter.„Kein Weg zurück, wenn wir fallen.“„Dann fallen wir nicht.“Sie stiegen hinab. Vorsichtig. Einer nach dem anderen. Aethera ließ silberne Fäden als Seile fallen. Sie hielten. Kaum. Aber sie hielten.Unten war es warm. Zu warm. Die Luft stand still. Kein Wind. Kein Schnee. Nur dieses Knirschen. Jetzt laut. Jetzt überall.Die Wände der Schlucht waren aus Eis. Aber nicht klar. Sondern trüb. Und in dem Eis bewegte sich etwas. Schatten. Lange Finger. Augen. Kleine Augen. Die jetzt offen waren.Die Splitterknochen warteten.Nicht als einzelne Gestalten. Sondern als eine. Eine einzige, riesige Masse aus Knochen und Staub und Licht. Sie füllte die Schlucht. Von Wand zu Wand. Von Boden zu Decke. Und sie atmete.Viktor trat vor.Das Messer in der Hand.

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 43: Die Stille vor dem Splittern

    Die Sonne, die sich am Morgen des Vortags so mutig durch die Wolken gekämpft hatte, war wieder verschwunden. Sie hatte sich nicht zurückgezogen. Sie war einfach nicht mehr da. Der Himmel hing jetzt tief und grau, eine einzige, endlose Decke aus Blei, die das Licht erstickte, bevor es den Boden erreichen konnte. Der Schnee fiel nicht mehr in Flocken. Er fiel in dünnen, scharfen Platten, die sich waagerecht legten und sofort festfroren. Jeder Schritt knackte wie brechendes Glas. Die Luft roch nach Metall und nach etwas, das man nicht benennen konnte, weil es noch keinen Namen verdient hatte.Viktor erwachte vor allen anderen. Er lag auf dem Rücken, starrte an die Decke aus dunklem Holz und spürte, wie sein Herzschlag unregelmäßig wurde. Nicht schnell. Nicht langsam. Sondern falsch. Als würde etwas zwischen den Schlägen warten. Etwas, das lauschte. Er drehte den Kopf. Liesel schlief neben ihm, die Hand auf seiner Brust. Ihre Finger bewegten sich leicht im Schlaf, als wollten sie ihn fest

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 42

    Lira nähte. Flickte Kleidung. Verband alte Wunden neu. Ihre Hände zitterten nicht mehr. Sie zitterten jetzt vor Wut.Mara saß bei Selene. Sie spielten mit kleinen Steinen. Bau ten Türme. Rissen sie wieder ein. Bau ten neue.Kjara patrouillierte. Allein. Sie kam alle Stunde zurück. Jedes Mal mit einer neuen Nachricht.„Näher.“„Noch näher.“„Jetzt nur noch fünfzig Schritte.“Beim letzten Mal blieb sie stehen. Schnee hing in ihrem Fell. Ihre Augen waren weit.„Sie sind da. Vor der Tür. Ich sehe sie. Nicht klar. Aber ich sehe sie.“Viktor ging hinaus.Der Hof war leer. Nur Schnee. Nur Wind.Aber dann hörte er es.Knirschen.Leise. Tief. Wie Knochen, die sich aneinander reiben.Es kam aus allen Richtungen zugleich. Aus dem Schnee. Aus dem Wind. Aus der Luft selbst.Viktor zog das Messer. Das alte, gezahnte Ding. Er hielt es hoch.„Kommt“, sagte er laut. „Wenn ihr wollt. Aber ihr nehmt niemanden mit.“Das Knirschen wurde lauter.Dann teilten sich die Schneeflocken.Gestalten formten sich.

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 41: Der Ruf der Splitterknochen

    Der Schnee hörte nicht auf zu fallen, aber er fiel jetzt anders. Nicht mehr sanft und zudeckend, sondern in harten, kleinen Körnern, die gegen die Haut stachen wie winzige Nadeln. Der Wind hatte sich gedreht. Er kam nicht mehr aus dem Norden, wo das Weiß geboren wurde, sondern aus dem Osten, aus den alten Schluchten, wo die Berge sich auftürmten wie erstarrte Wellen. Der Geruch, den er mitbrachte, war neu und alt zugleich: verbranntes Harz, rostiges Eisen, der süßliche Hauch von altem Blut, das nie ganz getrocknet war.Viktor spürte es zuerst in den Knochen. Ein Ziehen, tief in den Gelenken, als würde etwas an ihm zerren, das noch keinen Namen hatte. Er stand vor dem Haus, die Hände in den Taschen des alten Ledermantels vergraben, und starrte in die Richtung, aus der der Wind kam. Der junge Baum zitterte leicht. Das silbergrüne Blatt in der Mitte bog sich, als würde es lauschen.Liesel trat neben ihn. Sie trug jetzt einen dicken Wollumhang, den Kjara für sie genäht hatte. Darunter das

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 40

    Man sah das alte Rudel. Stark. Zahlreich. Lachend am Feuer. Dann sah man den Bruch. Einen Streit. Einen Verrat. Einen Alpha, der den Pakt brach, weil er mehr wollte. Macht. Land. Blut. Man sah, wie das Weiß kam. Langsam zuerst. Dann schneller. Wie Nebel, der alles fraß.Man sah die Erste Klinge damals. Wie sie sang. Wie sie warnte. Wie niemand zuhörte.Man sah Viktor. Jung. Allein. Nach dem Verlust. Wie er fast aufgab. Wie Liesel ihn fand. Wie Selene geboren wurde. Wie das Feuer wieder brannte.Man sah die Neuen. Fenrir. Lira. Torin. Mara. Wie sie bluteten. Wie sie wählten.Man sah die Zukunft. Zwei Wege.Einer führte ins Weiß. Vollständig. Endgültig. Kein Feuer mehr. Keine Stimmen. Nur Stille. Unendliche, traurige Stille.Der andere führte weiter. Schnee blieb. Kälte blieb. Aber Feuer blieb auch. Lachen blieb. Tränen blieben. Leben blieb.Die Klinge summte lauter.Wählt.Viktor trat vor. Bis er fast die Klinge berührte.„Ich wähle das Feuer. Ich wähle das Blut. Ich wähle den Schmerz.

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 39: Das Flüstern der Ersten Klinge

    Der Schnee fiel nun schon den dritten Tag ohne Pause. Nicht in dichten Wirbeln, sondern in einem stetigen, fast zärtlichen Rieseln, als wollte der Himmel die Welt langsam zudecken, wie man ein schlafendes Kind zudeckt. Die Decke wurde dicker. Die Spuren verschwanden schneller, als sie entstanden. Selbst die kräftigsten Wölfe hinterließen nur noch flache Mulden, die sich innerhalb weniger Stunden wieder füllten. Der junge Baum vor dem Haus trug inzwischen eine schwere Krone aus Weiß, doch das silbergrüne Blatt in der Mitte ragte immer noch heraus, unberührt, als hätte der Schnee Respekt davor.Viktor stand früh auf, lange bevor die anderen erwachten. Er trat barfuß hinaus, spürte die Kälte sofort bis in die Knochen steigen. Heute biss sie tiefer. Er ging langsam um das Haus herum, prüfte die Wände, die Verstrebungen, die silbernen Fäden, die Aethera in den letzten Wochen gewoben hatte. Sie hielten. Sie pulsierten sogar leicht, als atmeten sie mit dem Holz zusammen. Gut. Das bedeutete,

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 6

    „Ist fast nichts mehr“, sagte er. „Der Mondwolf... er heilt schneller.“Sie sah ihn an. „Was war das heute Morgen? Dieses Leuchten? Diese Gestalt?“Viktor schwieg lange. Dann seufzte er. „Ich weiß es nicht genau. Es war, als hätte etwas in mir gewartet. Etwas Altes. Etwas, das der Mond nur weckt, w

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 5: Der Weg nach Norden

    Die Sonne stand bereits hoch, als der letzte Jubel im Tal der Schattenfelsberge langsam verebbte. Das Blut auf dem Schnee war bereits zu einem dunklen, gefrorenen Fleck geworden, der wie eine Mahnung dalag. Die Menge löste sich auf, nicht hastig, sondern mit einer Ehrfurcht, die schwer in der Luft

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 4: Das Duell im Morgengrauen

    Der Himmel über den Schattenfelsbergen war noch nachtschwarz, als die ersten Trommelschläge durch das Tal hallten. Tiefe, langsame Schläge, wie das Schlagen eines riesigen Herzens. Das Rudel erwachte nicht sanft. Es erwachte mit Knurren, mit Zähnefletschen, mit dem metallischen Geruch von Blut, das

  • Mondgebundene Beanspruchung    Kapitel 3: Die Nacht vor dem Duell

    Der Mond stand hoch und voll über den Bergen, als ob er selbst Zeuge werden wollte. Im Rudelhaus herrschte Totenstille. Nach Viktors Erklärung und dem Kuss, der wie ein Donnerschlag durch die Halle gefahren war, hatte niemand mehr gesprochen. Die Tische standen noch mit den Resten des Festmahls, Ke

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