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Kapitel 4

Author: Alyssa J
„Krokodilstränen!“ Ein Ältester eines Wolfsclans sprang plötzlich auf die Richtplattform. Seine Krallen prallten hart gegen das Seelensicht-Gerät.

Der Bildschirm flackerte. Für einen Moment wurde er schwarz, dann sprang das Bild wieder an.

Er zeigte mit zitterndem Finger auf mich, seine Knöchel weiß vor Zorn.

„Vor Jahren kniete der kleine Aiden vor deiner Höhlentür! Sein Kopf war blutig, weil er immer wieder gegen den Stein geschlagen hatte! Warum hast du die Tür nicht geöffnet?! Sprich! Warum stellst du dich jetzt dumm?!“

Niemand antwortete.

Alle Blicke auf dem Platz richteten sich auf mich.

Vom Eingang her erklangen leise Schritte.

Der kleine Aiden stand dort. Barfuß.

Seine Augenhöhlen waren tief eingesunken, die Pupillen leer und hohl.

Er murmelte, als würde er mit Geistern sprechen: „Mama ... hab keine Angst ... Aiden bleibt bei dir...“

In seiner Stimme lag ein Schluchzen. Sein kleiner Körper zitterte unaufhörlich.

Plötzlich stürzte er auf das Seelensicht-Gerät zu. Seine winzigen Krallen pressten sich gegen den Bildschirm.

Er schrie: „Komm raus! Mama, bitte komm raus!“

In den Augen der Wölfe lag grausame Kälte.

Ihre Wut entflammte erneut wie ein Flächenbrand.

„Sie rettet nicht einmal ein Kind!“

„So eine Einzelwölfin verdient es nicht, am Leben zu bleiben!“

Damien war mit einem Schritt bei mir. Er packte meine Schultern und schüttelte mich brutal.

Seine Wolfsaugen waren blutrot. Seine Zähne waren fest zusammengebissen.

„Sieh hin! Das ist der Preis dafür, dass du diesen Bastard beschützt hast!“

„Als wir dich fanden, warst du ein streunender Hund, kurz davor, zu erfrieren! Du warst es, Lina! Du hast Sophia getötet!“

Er hob die Hand und schlug mir hart ins Gesicht.

Die Kraft des Alphas ließ meinen Kopf zur Seite reißen. Meine Lippe platzte sofort auf. Blut strömte heraus.

Doch ich tat nichts.

Ich hielt die Augen offen.

Tränen mischten sich mit Blut und liefen über mein Gesicht.

„Sophia ... es tut mir leid...“

„Was bringt dein Leid?!“, fuhr er mich an. Doch seine Stimme brach. Als wäre etwas in ihm zerborsten.

Er erstarrte.

Eine Erinnerung flackerte auf.

Zehn Jahre zuvor, in der Höhle.

Ich kauerte in der Ecke und hielt Fenrir im Arm. Mein Kopf blutete.

Damien stürmte herein, einen Holzknüppel in der Hand. Seine Augen glühten vor Wut.

Ich sah zu ihm auf. Meine Lippen zitterten.

„Damien, bitte vertrau mir ... ich kann es dir nicht sagen...“

„Nicht sagen?!“, brüllte er.

„Sophia ist tot! Und du beschützt immer noch den Bastard, der Reinblütige entehrt hat?!“

Der Knüppel krachte herab.

Ein dumpfer Laut von brechenden Knochen.

Blut lief von meiner Stirn in meine Augen. Alles wurde rot.

Bevor ich das Bewusstsein verlor, hielt ich Fenrir noch immer fest umklammert.

Doch damals hatte er es nicht gesehen.

Er hatte sich geweigert, es zu sehen.

Mein Ärmel war zerrissen und gab ein tiefviolettes Mal frei.

Das Zeichen des Blutvertrags des Verrats.

Nur diejenigen, die einen wahren Blutschwur geleistet hatten, trugen diesen seelenverbrennenden Fluch.

Und der Inhalt eines Blutschwurs durfte niemals laut ausgesprochen werden.

Damiens Hand zitterte noch immer.

Dieser Schlag schien auch in ihm etwas zerbrochen zu haben.

Als er mich sah, kaum noch am Leben, glitt ihm plötzlich eine einzelne Träne aus dem Auge.

Doch er wischte sie sofort fort.

Seine Wolfsaugen erstarrten erneut.

Hart wie schwarzes Eisen.

Er starrte mich an und sagte Wort für Wort: „Bis ich den Bastard finde, der Reinblütige entehrt hat, werde ich nicht aufhören.“

„Wenn ich ihn finde, wirst du zusammen mit ihm zur Hölle fahren.“
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