ANMELDENIch lag im Schnee, die Mundwinkel hoben sich langsam zu einem schwachen Lächeln.Eine blutige Träne glitt aus meinem Augenwinkel und traf mit kaum hörbarem Geräusch auf das Eis.Damien rief meinen Namen. Seine Stimme war zerrissen wie eine gebrochene Klinge im Wind.Doch ich hörte ihn kaum noch. In meinen Ohren dröhnte nur das Rauschen des Blutes.Die Welt zog sich zurück.Mein Bewusstsein sank hinab – zurück vor zehn Jahren, zu jenem unheimlich stillen Nachmittag.Schwarzkiefernwald.Leise fallende Schneeflocken.Unser Pflegevater kniete vor Sophia. Seine Krallen gruben sich verzweifelt in die Erde. In den Händen hielt er mehrere zerdrückte Büschel Mondwahnsinnsgras. Seine Stimme bebte.„Sophia ... Papa wollte das nicht ... bitte ... sag es Damien nicht ... bitte...“Sophias ganzer Körper zitterte.Ihr reinweißes Wolfsfell stand ihr vor Angst zu Berge.Sie hielt sich die Ohren zu. Tränen, vermischt mit Blut, liefen aus ihren Mundwinkeln.Ihre Schreie rissen ihr fast die Kehle auf.„Ko
Das Bild brach hier abrupt ab, doch alle Werwölfe verstanden, was danach geschehen war.„Mondwahnsinnsgras...“ Die Stimme des Dorfältesten zitterte. Seine Fingerspitzen bebten, als er auf die Projektion zeigte.„Das ist der Geruch von Mondwahnsinnsgras. Nach der Einnahme explodiert die Wolfsnatur, jede Vernunft geht vollständig verloren...“Dass der frühere Alpha selbst derjenige gewesen war, der die Reinblütige entehrt hatte – diese Wahrheit schnitt sich wie eine silberne Klinge in ihre Brust und setzte den gesamten Platz augenblicklich in Brand.Damien war wie vom Blitz getroffen. Er taumelte rückwärts, drehte sich dann abrupt um und packte meine Schultern, schüttelte mich wie wahnsinnig.„Unmöglich! Mein Vater ist der Held von Grell! Er hat mich gelehrt, Reinblütige zu beschützen! Wie hätte er so etwas tun können!“Seine Augen waren blutrot. An seinen Schläfen traten die Adern hervor. Er stürzte auf den Seelenmagier zu.„Du hast die Erinnerungen manipuliert, nicht wahr? Das ist nich
Das Bild erschien.Der Schwarzkiefernwald unter einem Blutmond.Ich stand am Rand des Eissees. In meiner Hand hielt ich ein Stück Tierhaut, getränkt mit Kräutern. Meine Stimme zitterte. „Sophia? Bist du das?“Plötzlich erhoben sich Wind und Schnee.Schneestaub erfüllte die Luft.Ein schwarzer Schatten fegte über den See.Ich schrie erschrocken auf. Meine Füße rutschten weg. Ich stürzte in den Schnee.Diese Gestalt trug einen schwarzen Wolfsfellumhang mit silbernem Besatz.Auf dem Rücken war ein deutlich sichtbarer Riss.Doch im nächsten Augenblick verschwand die Figur in der Dunkelheit.Damien starrte mit geweiteten Pupillen den rissigen Seelenschatten auf dem Bildschirm an.„Das Gesicht!“, zischte er. „Warum sieht man das Gesicht nicht?!“Der Seelenmagier wich erschrocken zurück.„Weil … weil sie das Gesicht des Mörders nie gesehen hat.“„Der Sturm war zu stark. Die Entfernung zu groß. Selbst die Nachtsicht eines Wolfs hat versagt ... Das ist wirklich alles, was sie gesehen hat.“Dam
Die zitternden Finger des Seelenmagiers schwebten über dem Energiehebel. Seine Stimme war vor Angst angespannt.„Aber ihr Körper ist viel zu schwach. Wenn wir noch mehr aus ihrem Seelenkern extrahieren ... könnte ihr Körper zerbrechen und sie töten.“Der gesamte Platz hielt den Atem an.Damien stand in der Mitte der Plattform. Er starrte den rissigen Seelenschatten auf dem Bildschirm an. Sein Gesicht war so düster wie der Himmel vor einem Schneesturm.Er schwieg. Seine Kieferlinie spannte sich scharf an.Nach einem Moment flackerte tief in seinen Wolfsaugen etwas auf. Ein kaum wahrnehmbarer Schmerz – wie eine dunkle Strömung unter Eis.Doch diese Weichheit dauerte nur einen Wimpernschlag.Im nächsten Augenblick wurde sein Blick erneut von Hass überflutet.Kalt sprach er ein einziges Wort: „Weiter.“Der kleine Aiden schrie plötzlich auf: „Hört auf, Tante Lina zu quälen! Sie wird sterben!“Er stürmte nach vorn. Sein kleiner Körper prallte gegen die Schutzbarriere. Doch Rudelmitglieder pa
„Krokodilstränen!“ Ein Ältester eines Wolfsclans sprang plötzlich auf die Richtplattform. Seine Krallen prallten hart gegen das Seelensicht-Gerät.Der Bildschirm flackerte. Für einen Moment wurde er schwarz, dann sprang das Bild wieder an.Er zeigte mit zitterndem Finger auf mich, seine Knöchel weiß vor Zorn.„Vor Jahren kniete der kleine Aiden vor deiner Höhlentür! Sein Kopf war blutig, weil er immer wieder gegen den Stein geschlagen hatte! Warum hast du die Tür nicht geöffnet?! Sprich! Warum stellst du dich jetzt dumm?!“Niemand antwortete.Alle Blicke auf dem Platz richteten sich auf mich.Vom Eingang her erklangen leise Schritte.Der kleine Aiden stand dort. Barfuß.Seine Augenhöhlen waren tief eingesunken, die Pupillen leer und hohl.Er murmelte, als würde er mit Geistern sprechen: „Mama ... hab keine Angst ... Aiden bleibt bei dir...“In seiner Stimme lag ein Schluchzen. Sein kleiner Körper zitterte unaufhörlich.Plötzlich stürzte er auf das Seelensicht-Gerät zu. Seine winzigen K
„Alpha, weiter! Wir wollen den Mörder sehen!“Die Wölfe unter der Plattform brüllten wie ein Tsunami.Sie schwangen ihre Fackeln hoch, Funken flogen bis auf die Richtplattform.Damien hob kalt die Hand und nickte dem Seelenmagier zu.„Erhöhe die Intensität der Seelensicht. Ich will die Erinnerungen aus jener Nacht im Schwarzkiefernwald sehen.“Der Seelenmagier biss die Zähne zusammen und schob den Energiehebel nach vorn.Die metallenen Nadeln bohrten sich plötzlich sieben Zentimeter tiefer in meinen Schädel.Sie drangen direkt bis in den Kern meiner Seele vor.Mein ganzer Körper verkrampfte sich heftig.Ein Schrei riss mir die Kehle auf.Die Seelenerschütterung fühlte sich an wie rasiermesserscharfe Klingen, die in meinem Gehirn mahlten.Blutrotes Licht explodierte vor meinen Augen.Erinnerungsfragmente flackerten über den Bildschirm.Das Klassenzimmer.Eine kleine Hütte, von Erdwällen umgeben.In der Mitte brannte ein Lagerfeuer.Sophia, Damien und ich saßen im Kreis.Sie riss mit ihr







