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Kapitel 2

Author: Schansin
Cynthia blieb fast einen Monat im Krankenhaus. Danach kümmerte sie sich selbst um ihre Entlassung.

In diesem ganzen Monat besuchten Colin und Ella sie kein einziges Mal.

Alice war schon längst wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Dafür bekam Cynthia jeden Tag ihre neuesten Instagram-Posts zu sehen.

Mal zeigte der Standort einen verschneiten Ferienort in Westmark, mal eine Einkaufsstraße direkt neben einem Schloss.

Auf einem Foto saß Ella auf Colins Schultern und lachte so glücklich, dass ihre Augen nur noch schmale Schlitze waren.

Auf einem anderen kniete Alice vor ihr und band ihr die Schuhe zu.

Dann gab es noch ein Bild, auf dem die drei Arm in Arm im Schnee standen.

Wie eine richtige Familie.

Cynthia wischte von einem Foto zum nächsten. Mit jedem Bild zog sich ihr Herz ein wenig fester zusammen.

Sie wusste genau, warum Alice all das postete.

Alice wollte, dass sie es sah.

Alice war Cynthias Schwester. Zumindest auf dem Papier.

Blutsverwandt waren sie nicht.

Die Familie Tennyson war Cynthias leibliche Familie. Als kleines Kind ging Cynthia verloren und wuchs anschließend bei der Familie Juniper auf. Erst während ihres Studiums fand sie ihre leiblichen Eltern wieder.

Doch nach so vielen Jahren ließ sich die verlorene Nähe nicht einfach nachholen.

Ihre Eltern standen Alice deutlich näher. Schließlich war sie das Mädchen, das sie all die Jahre bei sich hatten und großzogen.

Schon an Cynthias erstem Tag bei der Familie Tennyson machte Alice ihr unmissverständlich klar:

„Versuch gar nicht erst, mir etwas wegzunehmen.“

Und dabei blieb es nicht.

Alice wollte Cynthia nach und nach alles nehmen, was eigentlich ihr gehörte.

Solche Provokationen wie die Instagram-Posts waren daher nichts Neues.

Normalerweise kümmerte Cynthia das kaum.

Was wirklich wehtat, waren Colin und Ella.

Sie betrachtete das Foto, auf dem Ella mit einer Hand Colin und mit der anderen Alice festhielt und glücklich in die Kamera strahlte.

Es fühlte sich an, als riss ihr jemand ein Stück aus dem Herzen.

Cynthia steckte das Handy weg und nahm ein Taxi zurück zur Villa der Familie Leclair.

Als der Wagen vor dem Haus hielt, stieg sie aus und ging hinein.

Die Haushälterin erschrak, sobald sie Cynthia sah.

„Frau Leclair, Sie sind ja völlig blass. Geht es Ihnen nicht gut? Soll ich einen Arzt rufen?“

Cynthia winkte ab.

„Nicht nötig.“

Ohne weiter darauf einzugehen, ging sie direkt nach oben.

Im Schlafzimmer öffnete sie den Kleiderschrank und begann, ihre Sachen zusammenzupacken.

Sechs Jahre lebte sie bereits in dieser Villa.

Und doch besaß sie hier so wenig, dass all ihre persönlichen Sachen nicht einmal eine gewöhnliche Arbeitstasche füllten.

Ein bitteres Lächeln huschte über ihr Gesicht.

Cynthia zog den Reißverschluss zu, nahm die Tasche und ging wieder nach unten.

Gerade wechselte sie im Eingangsbereich ihre Schuhe, als sich plötzlich die Haustür öffnete.

Colin und Ella kamen herein.

Alice war ebenfalls bei ihnen.

Als Colin Cynthia sah, blieb sein Blick einen Moment an ihr hängen.

Doch schon im nächsten Augenblick war seine Miene wieder so kühl wie immer.

„Räum das Zimmer auf. Alice bleibt heute Nacht hier.“

Cynthia erstarrte.

Noch bevor sie etwas sagen konnte, mischte Ella sich ein.

„Ja, Mama. Tante Alice ist krank. Lass sie doch in deinem großen Zimmer schlafen.“

Cynthia sah ihre Tochter ungläubig an.

„Weißt du eigentlich, was du da sagst? Das ist das Hauptschlafzimmer. Dort schlafen die Besitzer dieses Hauses. Und du willst, dass ich es Alice überlasse?“

„Ich ...“

Ella wusste plötzlich nicht mehr, was sie sagen sollte. Ihr kleines Gesicht lief rot an.

Alice trat sofort vor.

Sie breitete die Arme aus und stellte sich schützend vor Ella. Im selben Moment wurden ihre Augen feucht.

„Cynthia, schimpf nicht mit ihr. Es ist meine Schuld. Ich bin einfach zu schwach und hätte gar nicht erst mitkommen sollen.“

Sie senkte traurig den Blick.

„Ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst. Aber Ella macht sich doch nur Sorgen um mich. Sie hat wirklich nichts falsch gemacht.“

Dann wischte Alice sich über die Augenwinkel.

„Ich gehe einfach. Bitte sei nicht mehr böse auf sie.“

Sie drehte sich um.

Doch kaum machte sie einen Schritt, geriet sie plötzlich ins Wanken.

Hastig stützte sie sich an einem Stuhl ab. Erst nach einigen Sekunden stand sie wieder sicher.

Sie wirkte zerbrechlich, als konnte sie jeden Moment zusammenbrechen.

Ella geriet sofort in Panik.

Sie rannte zu Alice, klammerte sich an ihr Bein und blickte mit Tränen in den Augen zu ihr hoch.

„Tante Alice, geh nicht! Du bist doch nur krank geworden, weil du die ganze Zeit bei mir geblieben bist. Ich will, dass du bei uns wohnst!“

Dann brach sie laut in Tränen aus.

Colin zog leicht die Brauen zusammen und sah Cynthia an.

Sein Unmut war deutlich zu hören.

„Es geht nur um ein Schlafzimmer. Musst du daraus wirklich so ein Theater machen?“

Cynthia betrachtete die drei vor sich.

Etwas in ihr wurde eiskalt.

Alice hatte rosige Wangen und sah völlig gesund aus. Wer sie nur ein wenig genauer ansah, erkannte sofort, dass sie ihre Schwäche lediglich spielte.

Cynthia dagegen war kreidebleich. An ihrer Hand trug sie noch immer einen Verband.

Selbst die Haushälterin bemerkte auf den ersten Blick, dass etwas mit ihr nicht stimmte.

Nur Colin und Ella sahen es nicht.

Oder sie wollten es nicht sehen.

Ella stampfte wütend mit dem Fuß auf. In ihren Augen standen noch immer Tränen.

„Mama ist gemein! Mama ist geizig! Ich mag Mama nicht mehr!“

Dann stützte sie Alice und sprach wieder mit ihrer sanften Kinderstimme.

„Tante Alice, ich bringe dich nach oben. Hör einfach nicht auf Mama.“

In diesem Moment erlosch auch der letzte Rest Wärme in Cynthias Herzen.

Das also war die Tochter, die sie mit eigenen Händen großgezogen hatte.

Colin ging an ihr vorbei, als wäre sie gar nicht da.

Er setzte sich ruhig auf das Sofa und wirkte wie immer distanziert und unnahbar.

Cynthia betrachtete seinen kalten Rücken.

Plötzlich lachte sie spöttisch auf.

„Gut. Wenn ihr unbedingt alles haben wollt, dann bekommt ihr eben alles.“

Colin hob nicht einmal den Kopf.

Nur seine Stirn legte sich leicht in Falten.

„Was hast du jetzt schon wieder vor?“

Cynthia hatte keine Lust mehr, sich zu erklären.

Sie tat es in all den Jahren oft genug.

Und kein einziges Mal glaubte er ihr.

Sie öffnete ihre Tasche und holte eine Dokumentenmappe heraus.

Darin lag die Scheidungsvereinbarung.

Cynthia hielt sie Colin hin.

„Unterschreib.“

Colin senkte den Blick und warf einen kurzen Blick auf die Mappe.

Er rührte keinen Finger.

Da ertönte plötzlich Ellas Stimme aus dem oberen Stockwerk.

„Papa! Papa, komm schnell! Tante Alice geht es nicht gut!“

Colin stand sofort auf und ging nach oben.

Der Dokumentenmappe schenkte er keinen zweiten Blick.

Cynthia blieb noch einen Moment mit ausgestreckter Hand stehen.

Dann ließ sie langsam den Arm sinken.

Von oben drangen fröhliche Stimmen zu ihr herunter.

Cynthia stand allein im Wohnzimmer.

In diesem Haus kam sie sich plötzlich wie eine Fremde vor.

Sie legte die Dokumentenmappe auf den Couchtisch.

Dann nahm sie ihre kaum gefüllte Tasche, öffnete die Haustür und ging.

Eine ganze Weile lief sie ziellos durch die Straßen.

Erst später rief sie ein Taxi.

Ihr Ziel war eine ältere Wohnanlage im Osten der Stadt.

Dort besaß Cynthia noch eine Wohnung, die sie bereits vor ihrer Ehe gekauft hatte. Das Geld dafür stammte aus den Preisgeldern, die sie mit ihren eigenen Schmuckentwürfen gewann.

Sie schloss die Wohnungstür auf, stellte ihre Tasche ab und setzte sich auf das Sofa.

Für einen Moment blieb sie einfach dort sitzen.

Beinahe hätte sie diese Wohnung damals verkauft.

Mit dem Geld wollte sie nach Rosenburg gehen und dort in einem internationalen Schmuckatelier arbeiten.

Dann lernte sie Colin kennen.

Nach jener verhängnisvollen Nacht wurde sie schwanger.

Cynthia stornierte ihr Flugticket.

Die Einladung des Ateliers lehnte sie ebenfalls ab.

Danach verbrachte sie ihre Tage in der riesigen Villa und lernte Schritt für Schritt, eine gute Mutter zu sein.

Doch ihre Leidenschaft für Schmuckdesign verschwand nie.

Deshalb nahm sie all die Jahre heimlich Aufträge an.

Unter einem Pseudonym verkaufte sie einen Entwurf nach dem anderen.

Kein Auftrag war ihr zu klein.

Auch niedrige Honorare nahm sie an.

So sparte sie nach und nach ihr eigenes Geld.

Inzwischen lagen zehn Millionen Euro auf ihrem Konto.

Im Vergleich zu Colins Vermögen war das nicht viel.

Aber es reichte vollkommen für einen Neuanfang.

Und das Ironischste daran?

Die Schmucksparte von Colins Unternehmen stand in den vergangenen Jahren mehr als einmal kurz vor dem Aus.

Jedes Mal waren es ausgerechnet Cynthias anonym eingereichte Entwürfe, die das Geschäft wieder retteten.

Unzählige Nächte saß sie heimlich an ihren Zeichnungen, nachdem Ella endlich eingeschlafen war.

Ihre Designs stabilisierten die Produktlinie und retteten mehrere wichtige Markteinführungen.

Colin wusste nichts davon.

Er fragte auch nie danach, womit Cynthia ihre Zeit verbrachte.

Cynthia öffnete ihren Laptop und meldete sich bei ihrem anonymen E-Mail-Konto an.

Dann gab sie die E-Mail-Adresse von Colins Unternehmen ein.

Nach kurzem Zögern tippte sie eine Nachricht und drückte auf Senden.

Draußen war es inzwischen heller Tag.

Cynthia klappte den Laptop zu und trat ans Fenster.

Vor ihr lag die Stadt, in der sie sechs Jahre ihres Lebens verbracht hatte.

Sechs Jahre lang lebte sie für Colin und Ella.

Damit war jetzt Schluss.

Von nun an wollte sie nur noch für sich selbst leben.

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