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Kapitel 05 - Ginger

last update 公開日: 2026-09-07 19:27:22

Der Bus war brechend voll. Ich stand am Fenster und machte mich so klein wie möglich, während der Typ mich überragte. Ich nahm meinen Rucksack ab und stellte ihn zu meinen Füßen.

„Entschuldigung“, sagte ich, als die anderen Fahrgäste mich gegen die Brust des Typen drückten. Ich war klein, besonders im Vergleich zu ihm; ich reichte ihm nicht einmal bis zum Kinn. Ich gab mein Bestes, niemanden zu berühren.

„Schon gut“, antwortete er. „Ist der Bus immer so voll?“ Er sah von der Menschenmasse sichtbar angeekelt aus.

„Es ist Montagmorgen“, lachte ich. „Natürlich.“

Nach ein paar Haltestellen stiegen wir aus. Der Typ seufzte und blieb stehen, während ich mich auf den Weg zum ausgemachten Treffpunkt mit meinen Freunden machte.

„Schönen Tag noch“, sagte ich und ließ ihn hinter mir zurück.

Meine Freunde Anna und Dominic warteten bereits. Wir waren seit Jahren befreundet und hatten uns gezielt an derselben Hochschule beworben; obwohl die beiden ein Jahr älter waren, waren wir im selben Jahrgang. Dominic war wegen eines Football-Stipendiums hier – groß und dementsprechend gebaut. Er trug sein blondes Haar mittellang. Anna war groß, schlank und trug eine Brille; sie war mit Connor aus dem Football-Team zusammen. Die beiden wohnten seit Anfang des Sommers zusammen.

Der Typ aus dem Bus lief an mir vorbei und wirkte verloren. Ich ging auf ihn zu, und meine Freunde folgten mir.

„Brauchst du Hilfe?“, fragte ich. Der Typ blieb stehen, blickte auf mich herab und musterte dann meine Freunde hinter mir.

„Bist du Erstsemestler?“, fragte Dom. Der Typ nickte. „Ich bin Dominic“, fügte er hinzu. Der Typ nickte nur zurück. „Das sind Ginger und Anna.“

„Ginger?“, fragte der Typ und zog eine Augenbraue hoch.

„Ja“, antwortete ich.

Anna warf einen Blick auf den Zettel in der Hand des Typen.

„Komm, wir bringen dich hin“, sagte Anna und nahm den Typen am Arm. Es schien ihn nicht zu stören.

Wir gingen den Flur entlang und zeigten ihm unterwegs alles.

„Das ist dein Hörsaal“, sagte ich.

„Ihr kommt nicht mit rein?“, fragte er. Ich schüttelte den Kopf.

„Wir sind im dritten Jahr“, sagte ich. „Aber du kannst in der Mittagspause gerne zu uns stoßen.“

„Süße“, rief eine Stimme von hinten. „Verrätst du mir, warum du dich an irgendeinen Clown ranmachst?“

„Ich sorge nur dafür, dass du mich nicht vergisst“, sagte Anna, trat auf den schwarzhaarigen Connor zu und verwickelte ihn in ein leises Neckspiel.

Connor und ich standen uns nicht besonders nahe, aber er war ja auch nicht mit mir zusammen. Connor war ebenfalls groß, wenn auch nicht ganz so groß wie Dom, und meiner Meinung nach liebte er vor allem sich selbst.

„Es tut mir leid“, sagte ich zu dem Typen. „Anna und Connor führen sich gerne etwas dramatisch auf.“ Ich lachte. „Wie heißt du eigentlich?“

„Wie kannst du im dritten Jahr sein?“, fragte er, wobei er das Drama und meine Frage einfach ignorierte.

„Ich habe auf der Highschool eine Klasse übersprungen“, sagte ich. „Mir war nicht klar, dass man dieses eine Jahr so sehr sieht.“

„Sieht man auch nicht. Aber nach deiner Größe und deinem Namen zu urteilen, siehst du aus wie siebzehn“, grinste der Typ. Dom lachte neben mir.

„Gegen beides kann ich nichts machen“, sagte ich. „Wir müssen los.“ Wir ließen den Typen stehen.

Ich liebte Finanzen; ich hatte ein Händchen für Zahlen, aber nicht für Literatur oder ähnliche Fächer. Glücklicherweise scherte sich hier niemand darum, wie schlecht meine Rechtschreibung war.

In der Mittagspause sah Anna den Typen allein an einem Tisch sitzen, also setzten wir uns zu ihm, damit er nicht so einsam war. Er blickte nur von seinem Essen auf, sagte aber keinen Ton. Anna machte ihr übliches Freundschafts-Selfie zum Semesterstart. Der Typ sah interessiert zu, also machten wir ohne zu fragen auch eines mit ihm.

„Hast du einen guten Tag?“, fragte ich.

„Langweilig“, antwortete er.

„Es wird schon noch besser.“ Ich lächelte ihn an.

„Wie heißt du eigentlich?“, fragte Anna ihn.

„Cas“, antwortete er knapp.

Er war eindeutig nicht in Stimmung zu reden, also schnitt Dom das Thema Praktikum an, und wir drei fingen an, darüber zu diskutieren. Es würde nicht leicht werden, neben dem Studium noch zu arbeiten und ein Praktikum zu machen, aber wir alle hielten eine Stelle bei Barnaby & Sons für eine großartige Chance und beschlossen, uns zu bewerben.

„Machst du beim Probetraining für das Football-Team mit?“, fragte Dom den Typen, um ihn einzubinden. „Die Tryouts fangen heute an.“

„Sehe ich etwa aus wie jemand, der Football spielt?“, fragte der Typ ungläubig.

„Die Muskeln dafür hättest du“, antwortete Anna mit einem Lächeln.

„Selbst wenn man mir chirurgisch die Hälfte meines Gehirns entfernen würde, wäre ich immer noch zu schlau für Football.“ Die Antwort des Typen war unglaublich herablassend. Mir verschlug es die Sprache.

„Jetzt verstehe ich, warum du einen schlechten Tag hast“, bemerkte ich. „Weil du ein echtes Arschloch bist.“

„Ich habe einen schlechten Tag, weil Mutter Teresa meint, sie müsse das Kindermädchen für mich spielen, nur weil ich ihr gestern ein Buch gereicht und sie heute nach einer Busnummer gefragt habe. Obendrauf hält sie es auch noch für ihre Mission, mich vor der Einsamkeit an einer stinklangweiligen Schule zu retten, wo alle verdammt erbärmlich sind“, spuckte der Typ aus.

„Nicht mal Mutter Teresa könnte dir noch helfen“, fuhr ich ihn an. Wir standen auf und ließen ihn sitzen.

„Ich hätte nicht gedacht, dass er so ein Wichser ist“, bemerkte Anna. Wir nickten nur.

Als am Nachmittag unsere letzte Vorlesung endete, wartete auf dem Parkplatz ein wunderschönes, feuerrotes Cabrio mit einer hübschen, dunkelhaarigen Frau mittleren Alters auf dem Fahrersitz. Der neue Typ kam langsam herausgeschlendert und stieg vor den Augen aller zu ihr ins Auto. Nach einem Lächeln fuhr sie sofort los.

„Ausgehaltener kleiner Pisser“, bemerkte Dominic.

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