LOGINDer Wind legte sich. Kein Blatt fiel mehr. Kein Vogel erhob sich in die Luft. Selbst der Bach schien langsamer zu fließen. Cassius Severus stand regungslos am Rand der Lichtung. Seine dunkelrote Reisekleidung war vom Staub der langen Reise bedeckt, die Stiefel trugen Schlamm, sein Gesicht wirkte müde. Er sah nicht aus wie der einflussreiche Senator, der im Senat mit wenigen Worten über das Schicksal ganzer Familien entschied. Heute wirkte er einfach... ...wie ein Mann. Sein Blick ruhte auf dem gewaltigen Baum. „So viele Jahre...“ flüsterte er. „...und ich habe geglaubt, sie hätten übertrieben.“ Lucius trat einen Schritt nach vorn. „Nein.“ Seine Stimme war ruhig. „Sie haben ihn sogar kleiner beschrieben, als er ist.“ Ein kaum sichtbares Lächeln huschte über Severus' Gesicht. „Das überrascht mich nicht.“ Marcus beobachtete jede Bewegung des Senators. Seine Hand lag nicht mehr am Schwert. Aber sie blieb in dessen Nähe. Aurelian stellte sich unauffällig einen halben S
Niemand sprach. Es war, als hätte selbst die Stille Angst, diesen Ort zu stören. Der uralte Baum erhob sich majestätisch über der Lichtung. Seine Äste spannten sich wie schützende Arme über den Hain, und zwischen seinen silbergrünen Blättern tanzten Sonnenstrahlen in unzähligen kleinen Lichtflecken. Der Bach floss ruhig an seinen Wurzeln vorbei. Jeder Tropfen glitzerte, als hätte der Himmel selbst ein Stück seines Lichts darin verborgen. Valeria schloss langsam die Augen. Sie atmete tief ein. Die Luft roch nach feuchter Erde. Nach Moos. Nach wilden Kräutern. Nach Frühling. Doch darunter lag noch etwas. Ein Duft, den sie seit vielen Jahren nicht mehr wahrgenommen hatte. „Mama?“ Livia sah sie fragend an. Valeria lächelte verwundert. „Lavendel.“ Aurelian blickte sich um. „Hier wächst gar keiner.“ „Ich weiß.“ Sie legte eine Hand auf ihr Herz. „Und trotzdem rieche ich ihn.“ Livia trat näher. Ein sanftes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Ich auch.“ Marcus sog ebe
Lange sprach niemand. Der gewaltige Baum erhob sich schweigend über ihnen. Die letzten silbernen Blätter sanken langsam zu Boden und lösten sich noch vor der Berührung mit der Erde in feine Lichtfunken auf. Titus versuchte einen davon zu fangen. Doch jedes Mal glitt das kleine Licht lachend – so kam es ihm zumindest vor – zwischen seinen Fingern hindurch. „Die mögen mich nicht.“ Marcus trat neben ihn. „Oder sie spielen mit dir.“ Titus dachte kurz nach. „Das gefällt mir besser.“ Marcus lächelte. „Mir auch.“ Lucius ging langsam um den Stamm herum. Seine Finger glitten über die raue Rinde. Immer wieder blieb er stehen. Nicht weil er etwas sah. Sondern weil er etwas fühlte. „Hier...“ flüsterte er. „Die Erinnerungen sind stärker.“ Luna trat neben ihn. „Kannst du sie sehen?“ „Nein.“ „Nur spüren.“ Sie legte vorsichtig ihre Hand auf dieselbe Stelle. Kaum berührte ihre Haut die Rinde, durchfuhr sie ein warmer Strom. Nicht schmerzhaft. Nicht überwältigend. Sanft. Wi
Der Wind spielte leise mit den silbergrünen Blättern des gewaltigen Baumes. Jedes Blatt schien sein eigenes Licht in sich zu tragen. Kein Vogel sang. Und doch war der Ort voller Leben. Luna trat einen vorsichtigen Schritt vor. Der Bach zu ihren Füßen war so klar, dass sie jeden einzelnen Kiesel erkennen konnte. Sie kniete sich nieder. Als sie mit den Fingerspitzen die Wasseroberfläche berührte, breitete sich eine kleine Welle aus. Doch sie blieb nicht im Bach. Sie lief über das Wasser hinaus. Über den Boden. Zwischen den Wurzeln hindurch. Bis sie den Stamm des riesigen Baumes erreichte. Im selben Augenblick begann dieser sanft zu leuchten. Nicht grell. Sondern warm. Wie das Licht einer aufgehenden Sonne. „Er hat dich gespürt“, flüsterte Cassia. Luna zog erschrocken ihre Hand zurück. „Ich wollte nichts tun.“ „Das hast du auch nicht.“ Lucius trat neben sie. „Du hast ihn nur begrüßt.“ Marcus ließ den Blick langsam über die Lichtung schweifen. „Ich habe viele heili
Die Nacht war ungewöhnlich still. Kein Wind bewegte die Äste des alten Olivenbaums. Nicht einmal die Grillen sangen. Valeria stand auf der Terrasse und blickte zum Wald hinüber. Sie wusste nicht, warum. Aber sie hatte das Gefühl, als würde der Hain auf sie warten. „Du schläfst nicht.“ Aurelian trat hinter sie und legte ihr seinen Mantel um die Schultern. „Zu viele Gedanken.“ Er schlang die Arme um sie. „Oder zu viele Fragen?“ Valeria lächelte müde. „Beides.“ Sie lehnte den Kopf gegen seine Brust. „Hast du Angst?“ Aurelian antwortete ehrlich. „Ja.“ „Ich auch.“ Er küsste ihr Haar. „Dann gehen wir trotzdem.“ Sie nickte. „Zusammen.“ Noch vor Sonnenaufgang versammelte sich die Familie im Innenhof. Marcus trug sein altes Schwert. Nicht, weil er einen Kampf erwartete. Sondern weil es ihn seit seiner Jugend begleitet hatte. Livia hatte einen kleinen Lederbeutel mit Heilkräutern vorbereitet. Aurelian kontrollierte schweigend die Gurte seiner Reisetasche. Lucius nahm
Rom erwachte langsam. Die ersten Sonnenstrahlen spiegelten sich auf den Marmorsäulen des Forums. Händler eröffneten ihre Stände, Senatoren wurden in Sänften zum Curia-Gebäude getragen, und Legionäre wechselten schweigend die Wachen. Für die meisten Bürger war es ein gewöhnlicher Morgen. Für Cassius Severus nicht. Er stand am Fenster seines Arbeitszimmers, als ein leises Klopfen erklang. „Herein.“ Die Tür öffnete sich. Der Mann, der sich als Händler ausgegeben hatte, trat ein, kniete nieder und überreichte wortlos die kleine Wachstafel. Severus nahm sie entgegen. Nur drei Worte. Sie erinnern sich. Sein Blick verharrte darauf. Dann lächelte er. Nicht triumphierend. Eher erleichtert. „Also war ich all die Jahre nicht verrückt.“ Der Spion hob vorsichtig den Kopf. „Herr?“ Severus legte die Tafel auf den Tisch. „Ihr größter Fehler war, dass sie geglaubt haben, Zeit würde die Vergangenheit auslöschen.“ Er ging langsam durch den Raum. „Doch Erinnerungen sterben nicht.“ E
Rom, 42 v. Chr. – Die Kalenden des MärzDie Nacht lag schwer über dem Palatin, als hätte Venus selbst ihren Schleier aus purpurner Seide über die Stadt geworfen. Fackeln flackerten in goldenen Haltern, ihr Licht brach sich in den Marmorsäulen der Villa des Senators Lucius Cornelius und verwandelte
Der Frühling kam sanft in das versteckte Tal.Die Olivenbäume trieben zarte silbergrüne Blätter aus, wilde Blumen blühten in leuchtendem Gelb und Violett auf den Wiesen, und der Bach führte mehr Wasser als im Winter. Die alte Villa hatte sich in den letzten Monaten verwandelt – sie war kein verlass
Die Wochen im verborgenen Tal der Efeu wurden zu einer kostbaren, goldenen Zeit. Es fühlte sich an, als hätte das Tal selbst beschlossen, sie eine Weile zu beschützen. Die Sonne schien milder, der Wind war sanfter, und selbst die wilden Tiere hielten respektvollen Abstand. Valeria Aurelia Luna blü
Die Stille im Senat war erdrückend.Hunderte Augenpaare ruhten auf Livia und Marcus, die noch immer in der Mitte des großen Saals standen. Das purpurne Licht ihrer Bindung pulsierte langsam und gleichmäßig, als hätte es einen eigenen Herzschlag. Livias Hand lag schützend auf ihrem Bauch, wo das zar







