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Kapitel 1
Die Nacht hatte Ravencroft längst verschluckt, als ich begriff, dass etwas nicht stimmte. Nicht das übliche Unheil, das wie ein leiser Atemzug über die Mauern kroch. Nicht die ferne Unruhe der Wälder, in denen die Wölfe ihre Kreise zogen. Nein. Es war näher. Intimer und es trug ihren Geruch. Blut, vermischt mit etwas Fremdem. Bitter. Kalt. Magisch. Ich stand auf dem Balkon meines Gemachs, hoch über den schwarzen Zinnen der Festung. Unter mir lag Ravencroft wie ein schlafendes Tier, alt und treu, gebaut aus Stein, Knochen und Schwüren. Seit über tausend Jahren war es mein Reich. Seit über tausend Jahren trug ich die Krone. Nicht aus Gold, sondern aus Angst und Respekt. Der Wind zerrte an meinem Mantel. Er trug Stimmen mit sich. Flüstern. Und ein Name, den ich mir selbst verboten hatte zu fürchten - Skylar. Ich schloss die Augen. Ein Fehler. Sofort war sie da. Nicht als Bild, sondern als Gefühl. Wie ein Messer zwischen den Rippen. Wie ein Versprechen, das ich nie hätte geben dürfen - Gefährtin. Ein Wort, das Könige schwächt. Ich wandte mich um und trat zurück in den Saal. Kerzen warfen flackernde Schatten über die Wände, über Banner mit dem Zeichen der Ravencroft – der schwarze Rabe, die Schwingen ausgebreitet, als wollte er alles unter sich begraben. Blutrote Gläser funkelten in der Dunkelheit. Mein Clan wartete. Still. Gehorsam. Und sie stand am Ende des Saales. Skylar Vespera. Sie trug Schwarz, doch nicht das Schwarz meines Hauses. Ihres schimmerte violett im Kerzenlicht, als läge etwas darunter, das nicht ganz in diese Welt gehörte. Ihr Haar fiel offen über ihre Schultern, dunkel mit silbrigen Strähnen, als hätte der Mond selbst seine Finger darin verloren. Ihre Hände waren ruhig gefaltet, zu ruhig. Als sich unsere Blicke trafen, geschah es wieder. Die Welt zog sich zusammen. Ihr Atem stockte. Meiner ebenfalls. Eine nutzlose Reaktion für ein Wesen wie mich, und doch unausweichlich. Ihre Augen, grau mit einem Hauch von Blau, hielten meine fest. Kein Unterwerfen. Kein Trotz. Nur dieses gefährliche Dazwischen. Etwas an ihr war falsch. Nicht schwach. Nicht zerbrechlich. Verboten. „Du hast mich gerufen, mein König“, sagte sie leise. Mein König. Nicht Dilan. Nie, wenn andere zuhören konnten. Ich ging langsam auf sie zu. Jeder Schritt hallte durch den Saal. Ich spürte die Blicke meines Clans, spürte ihre Fragen, ihre Zweifel. Eine Gefährtin mit Hexenmagie war kein Segen. Sie war ein Urteil, das noch nicht gesprochen worden war. Ich blieb vor ihr stehen. So nah, dass ich die feine Spannung unter ihrer Haut wahrnahm. So nah, dass ihr Puls mir antwortete. „Du hast geblutet“, sagte ich. Ihre Finger zuckten. Ein Fehler. Ein kleiner, menschlicher Fehler. „Es war… nichts“, erwiderte sie. Lüge. Ich hob die Hand. Nicht, um sie zu berühren. Das wäre vor den Augen des Clans ein Zeichen gewesen, das ich mir nicht erlauben durfte. Stattdessen ließ ich meine Macht in die Luft sinken, unsichtbar, prüfend. Die Kerzen flackerten stärker. Ein paar der Jüngeren wichen unwillkürlich zurück. Ihre Magie antwortete. Wie ein verletztes Tier. Meine Kiefer mahlten. Hexenmagie hatte ihren Preis. Immer und niemand zahlte ihn so still wie Skylar. „Du hast wieder eine Erinnerung gegeben“, sagte ich tonlos. Sie senkte den Blick. Nicht aus Scham. Aus Erschöpfung. „Nur eine“, flüsterte sie. „Eine kleine.“ Ich wusste, dass sie log. Und ich wusste, dass ich sie dafür nicht bestrafen würde. Ein König, der liebt, ist angreifbar. Ein König, der es leugnet, ist verloren. Bevor ich etwas erwidern konnte, veränderte sich die Luft. Der Raum spannte sich an. Ich spürte ihn, noch bevor ich ihn sah - Draven. Mein Bruder trat aus dem Schatten zwischen den Säulen. Sein Gang war vertraut, zu vertraut. Gleiche Haltung, gleicher Stolz und doch trug er etwas anderes in sich. Etwas, das ich in letzter Zeit immer häufiger roch. Verrat, noch ungeboren, aber wachsend. Seine Augen ruhten nicht auf mir. Sie ruhten auf Skylar. Zu lange. „Bruder“, sagte er. Seine Stimme war ruhig. Respektvoll. Perfekt. Ich drehte mich halb zu ihm, ohne den Blick von Skylar zu lösen. „Du störst.“ Ein kurzes Lächeln zuckte über sein Gesicht. „Ich bringe Nachrichten.“ Natürlich tat er das. „Die Wölfe bewegen sich“, fuhr Draven fort. „Nähern sich unseren Grenzen. Geführt von jemandem, der… überzeugt ist.“ Ich spürte, wie Skylar erstarrte. Ihr Atem verriet sie. „Und?“ fragte ich. Draven sah mich endlich an. In seinen Augen lag etwas Dunkles, etwas Begehrliches. Nicht nach Macht, nach Chaos. „Sie sprechen deinen Namen“, sagte er leise. „Und den ihrer Gefährtin.“ Stille. Der Clan hielt den Atem an. Und irgendwo tief in Ravencroft knarrte der Stein, als hätte die Festung selbst verstanden, was das bedeutete. Die Wölfe wussten von Skylar. Von ihrer Magie. Von ihrer Herkunft. Von ihrer Schuld oder ihrer Bestimmung. Ich trat einen Schritt näher an sie heran. Nicht beschützend. Besitzergreifend. Ein Signal an alle. „Niemand“, sagte ich kalt, „spricht ihren Namen außer mir.“ Draven senkte den Kopf. Doch sein Blick glitt ein letztes Mal zu ihr. Und ich wusste es. In dieser Nacht hatte der Krieg begonnen. Nicht mit einem Angriff. Sondern mit einem Blick. Und mit einem Blutpakt, den keiner von uns überleben würde.Kapitel 33 Es geschah nicht heimlich. Nicht in dunklen Gängen. Nicht in geflüsterten Protokollen. Der Rat wählte die Öffentlichkeit. Noch am selben Abend wurden die Glocken der Stadt geschlagen – dreimal lang, einmal kurz. Das alte Zeichen für eine außerordentliche Verkündung. Menschen strömten auf die Plätze, Händler ließen ihre Stände zurück, Fenster wurden geöffnet, Kinder auf Schultern gehoben. Die große Treppe vor der Halle des Rates war in kaltes Fackellicht getaucht. Skylar und Dilan standen nicht dort. Sie standen unten im Hof, nebeneinander, als die Tore sich öffneten. Der Älteste trat hinaus, begleitet von mehreren Ratsmitgliedern. Draven stand ein Stück dahinter – nicht im Schatten, aber auch nicht im Zentrum. „Bürger dieser Stadt“, begann der Älteste mit fester Stimme, „wir stehen vor einer Gefahr, die aus unseren eigenen Reihen erwachsen ist.“ Ein Murmeln ging durch die Menge. „Das Gefährtenband, das als Symbol des Gleichgewichts galt, ist instabil geworden. Die Träge
Kapitel 32 Skylar hatte aufgehört, gegen die Stille anzukämpfen. Die ersten Stunden der Isolation waren gefüllt gewesen mit Widerstand, mit dem verzweifelten Versuch, das Band bewusst zu stabilisieren, sich auf Atem, Erinnerung, Nähe zu konzentrieren. Doch das Band reagierte nicht mehr auf Disziplin. Es reagierte auf Wahrheit. Und die Wahrheit war unbequem. Sie saß auf dem Boden der Zelle, die Runen an den Wänden schwach pulsierend wie ein fremder Herzschlag. Ihr eigenes Herz schlug langsamer jetzt. Kontrollierter. Nicht aus Ruhe, sondern aus Entschluss. Sie spürte Dilan. Nicht klar. Nicht konstant. Aber anders. Seine Emotionen kamen nicht mehr wie einzelne Impulse. Sie kamen wie Wellen. Dunkler. Tiefer. Als würde er sich nicht mehr dagegen wehren, was in ihm lag. Und genau das war der Punkt. Sie hatten das Band nicht destabilisiert, indem sie es schwächten. Sie hatten es destabilisiert, weil sie beide versuchten, es in eine Form zu pressen, die nicht mehr stimmte. Skylar hob langsa
Kapitel 31Skylar fühlte den Schmerz, bevor sie verstand, was geschah. Es war kein einzelner Stich. Kein klarer Schnitt. Es war ein Ziehen tief in der Brust, als würde etwas Unsichtbares auseinandergezogen werden. Als würde eine Verbindung reißen. Dilan wurde aus der Arena getragen. Seine Augen suchten sie. Doch als sie seine Hand greifen wollte, zog er sie reflexartig zurück. Nicht aus Ablehnung. Aus Instinkt. Aus Schutz. Und dieser kleine Abstand tat mehr weh als jede Wunde. Später, in den dunklen Korridoren der Heiler, saß sie allein. Ihre Hände zitterten. Ihre Haut fühlte sich fremd und kalt an. Als wäre die Verbindung zwischen ihnen nicht mehr stabil. Dilan kam Stunden später zu ihr. Verbunden. Erschöpft. Seine Bewegungen langsamer als sonst.„Du hättest nicht allein warten sollen,“ sagte er leise.„Du hast mich nicht mehr gespürt,“ antwortete sie.Stille. Er setzte sich neben sie. Nah – aber nicht nah genug. Ein Raum zwischen ihren Körpern, der vorher nie existiert hatte. Sie gr
Kapitel 30Der Moment, in dem Dilan Draven gegen die Wand hob, zerriss die Stille wie ein Blitz. Stein splitterte unter der Wucht seines Aufpralls. Staub regnete über die Menge, und mehrere Zuschauer wichen zurück. Doch keiner verließ den Platz. Niemand wollte den Augenblick verpassen, in dem einer der Brüder fallen würde. Dravens Hände krallten sich um Dilans Unterarm. Kein panisches Strampeln, nur kalkulierte Kraft. Er ließ sich hängen, täuschte Schwäche vor und stieß dann plötzlich sein Knie mit brutaler Präzision in Dilans Rippen. Ein dumpfes Knacken. Dilan keuchte kaum hörbar. Sein Griff lockerte sich einen Herzschlag zu lang. Draven nutzte ihn sofort. Er drehte sich aus der Umklammerung, riss Dilans Arm mit und schleuderte ihn über die Schulter. Der König schlug hart auf dem Stein auf, rutschte mehrere Meter, bevor er zum Stehen kam. Die Menge schrie auf. Skylar spürte, wie sich das Band zusammenzog — Schmerz, Wut, etwas Dunkleres. Nicht nur Verletzung. Veränderung. Dilan stand
Kapitel 29Der Trainingshof war still. Keine Zuschauer. Keine Schreie. Nur das leise Kratzen von Stahl auf Stein. Dilan trainierte allein. Seine Bewegungen waren langsamer als früher — aber präziser. Kalkulierter. Jeder Schlag wirkte wie eine Entscheidung, nicht wie Wut. Draven beobachtete ihn aus der Ferne. Nicht heimlich. Offen. Sie sahen sich. Sagte nichts. Stunden später standen sie sich gegenüber.„Du trainierst anders,“ bemerkte Draven.„Ich kämpfe anders,“ antwortete Dilan ruhig.Sie begannen ohne Worte. Kein echtes Duell — nur Bewegungen. Testen. Messen. Klinge gegen Klinge. Schritt gegen Schritt. Draven griff präzise an — analytisch, sauber. Dilan reagierte kaum sichtbar, als würde er bereits wissen, was kam. Nach wenigen Minuten trennten sie sich wieder.„Du bist ruhiger geworden,“ sagte Draven.„Du gefährlicher,“ erwiderte Dilan.Sie setzten sich gegenüber auf den kalten Boden. Zwei Brüder. Zwei Männer, die wussten, dass einer verlieren würde — egal wie das Duell endete. „
Kapitel 28 Der Ratssaal war größer, als Skylar ihn in Erinnerung hatte. Oder vielleicht lag es daran, dass sie diesmal allein hineinging. Keine Schatten neben ihr. Kein Dilan, dessen Präsenz wie eine scharfe Klinge im Rücken der Ratsmitglieder lag. Keine Nyxara, die zwischen den Worten lesen konnte. Und kein Draven. Nur sie. Und das Band, das leise, schmerzhaft pulsierte — eine Erinnerung daran, dass sie log. Dass sie schon begonnen hatte zu lügen. Die schweren Türen schlossen sich hinter ihr mit einem dumpfen Schlag. Der Klang hallte über den schwarzen Steinboden, wie ein Urteil, das bereits gesprochen war. „Du erscheinst allein,“ sagte Ratsherr Vaelor. Seine Stimme war trocken, fast gelangweilt. „Das ist… überraschend.“ Skylar blieb stehen. Sie zwang sich, nicht an die Art zu denken, wie Dilan sie am Morgen angesehen hatte — prüfend, wachsam, als würde er spüren, dass etwas zwischen ihnen verrutscht war. „Ich bin nicht hier als Gefährtin,“ sagte sie ruhig. „Ich bin hie