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Unter dem Blutmond

last update Last Updated: 28.01.2026 18:09:43

Kapitel 2

(Perspektive der Wölfe)

Der Wald roch nach Angst. Nicht nach der eigenen, die kannten wir nicht. Es war die Angst der Beute. Alt. Metallisch. Süß. Ich hob die Schnauze und sog die Nacht in mich hinein. Feuchte Erde, morsches Laub, der ferne Rauch menschlicher Siedlungen. Und darunter - Vampir. Der Geruch hing noch schwach in der Luft, wie ein Schatten, der sich nicht entscheiden konnte, ob er gehen oder bleiben wollte.

„Sie waren hier“, knurrte ich.

Mein Rudel bewegte sich lautlos zwischen den Stämmen. Sechs Körper, tief am Boden, Muskeln gespannt. Augen glühend im fahlen Licht des Blutmondes. Wir waren Alphas, geboren im Kampf, gezeichnet von alten Kriegen. Ravencroft war kein neues Wort für uns. Es war ein Fluch, den unsere Vorfahren mit gebrochenen Zähnen ausgespuckt hatten.

„Der König“, murmelte einer der Jüngeren. „Man sagt, er ist unsterblich.“

Ich fletschte die Zähne.

„Alles stirbt.“

Ein Geräusch ließ mich erstarren. Kein Tier. Kein Mensch. Schritte. Nicht hastig. Nicht vorsichtig.

Selbstsicher. Er trat aus dem Schatten, als gehöre der Wald ihm. Groß, aufrecht, zu ruhig für Beute. Der Geruch traf mich wie ein Schlag - Vampir, aber anders. Nicht kalt. Nicht tot. Verdorben. Draven D’Arcy. Er trug keinen Mantel, keine Rüstung. Nur dunkle Kleidung, die den Wald verschluckte. Seine Augen leuchteten schwach, bernsteinfarben im Mondlicht. Er blieb stehen, genau außerhalb unseres Kreises. Respektlos oder mutig.

„Ihr habt lange gebraucht“, sagte er ruhig.

Einige meiner Krieger knurrten. Einer machte einen Schritt nach vorn. Ich hob den Schwanz. Stopp.

„Du bist Feind“, knurrte ich. „Sprich schnell.“

Draven lächelte. Kein Vampirlächeln.

Ein Wolfsgrinsen.

„Ich bin das Ende eurer Ketten.“

Stille. Der Wald lauschte.

„Ravencroft herrscht seit Jahrhunderten“, fuhr er fort. „Sie nehmen euch Land, Beute, Freiheit. Und ihr nennt es Ordnung.“ Sein Blick glitt über uns. Prüfend. Berechnend. „Mein Bruder sitzt auf einem Thron aus Knochen. Und er wird fallen.“

Einige von uns wichen zurück. Nicht aus Angst. Aus Instinkt. Verrat roch man.

„Warum solltest du uns helfen?“ fragte ich.

Draven trat näher. Zu nah. Ich spürte seine Macht, wie sie an meiner Haut kratzte. „Weil ich weiß, wie man einen König tötet.“

Ein Raunen ging durch das Rudel.

„Und weil“, fügte er leise hinzu, „er etwas besitzt, das nicht existieren dürfte.“

Die Luft veränderte sich. Magie.

„Eine Gefährtin“, sagte Draven. „Halb Hexe. Halb Vampir. Ein Fehler im Gefüge der Welt.“

Meine Krallen gruben sich in den Boden. Hexenmagie. Alte Feinde. Alte Wunden.

„Sie ist der Schlüssel“, sagte er. „Zu Ravencrofts Fall. Und zu eurer Freiheit.“

Ein junger Alpha sprang vor. Zu schnell. Zu wütend. Draven bewegte sich nicht. Der Wolf erreichte ihn. Und dann explodierte die Nacht. Draven packte ihn am Hals, schneller als ein Schlag, stärker als ein Bär. Knochen krachten. Blut spritzte warm auf meine Schnauze. Der Schrei wurde mitten im Laut erstickt, als Draven ihn zu Boden riss. Seine Hand bohrte sich in die Brust des Wolfs, riss Fleisch auf, als wäre es nasser Stoff.

„Genug“, knurrte ich.

Draven ließ los. Der Körper zuckte noch einmal, dann lag er still. Der Wald schwieg.

„Ich opfere, was nötig ist“, sagte Draven ruhig und wischte sich das Blut von den Fingern. „So wie ihr.“

Ich trat vor ihn. Unsere Blicke trafen sich. Wolf und Vampir. Feind und etwas anderes.

„Du benutzt uns“, sagte ich.

Er nickte. Ohne Scham. „Ja.“

Ehrlichkeit. Gefährlich.

„Aber ich führe euch zum Blutmond über Ravencroft“, fuhr er fort. „Und ich verspreche euch eines: Wenn mein Bruder fällt, wird kein Vampirkönig mehr über euch herrschen.“

Ich sah zu dem toten Alpha. Zu meinem Rudel. Zu dem Blut, das langsam in den Boden sickerte. Der Wald nahm es an.

„Und wenn du lügst?“ fragte ich.

Draven beugte sich leicht vor. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Dann zerreißt ihr mich.“

Ein fairer Pakt. Ich hob den Kopf und ließ mein Heulen in den Himmel steigen. Lang, tief, kriegerisch. Einer nach dem anderen stimmten sie ein. Der Wald antwortete. Alte Mächte regten sich. Draven lächelte wieder. In diesem Moment wusste ich. Egal, wer diesen Krieg gewann, das Rudel würde nicht unversehrt daraus hervorgehen. Und irgendwo jenseits der Bäume, hinter Stein und Blut, ahnte ich, dass ein König gerade nicht wusste, dass sein Bruder ihn bereits verkauft hatte.

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