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Ratsschatten

Author: Kashimasu
last update Last Updated: 2026-01-28 18:22:27

Kapitel 4: Ratsschatten

(Dilan D‘Arcy)

Der Morgen kam ohne Licht. Graue Wolken lagen schwer über Ravencroft, als wollten sie die Festung erdrücken. Selbst der Wind schwieg. Ein schlechtes Zeichen. Immer, wenn der Himmel sich so verhielt, folgte etwas Unumkehrbares. Skylar schlief noch, als ich das Gemach verließ oder besser, ihr Körper ruhte. Schlaf war für sie ein brüchiger Zustand geworden, ein Schwebezustand zwischen Erinnern und Vergessen. Ich sah sie nicht an, als ich ging. Hätte ich es getan, wäre ich geblieben. Und Könige dürfen nicht bleiben. Der Ratssaal lag tief im Herzen der Festung. Stein auf Stein, errichtet in einer Zeit, als Ravencroft noch keine Krone trug, sondern Narben. Die hohen Säulen waren mit Runen versehen. Alte Gesetze, eingraviert mit Blut, nicht mit Tinte. Jeder Schritt hallte, als würde die Vergangenheit selbst mitzählen. Nyxara wartete bereits. Sie stand aufrecht neben dem langen Tisch aus schwarzem Obsidian. Ihre Hände lagen ruhig vor ihr, ihr Gesicht war eine Maske aus Kontrolle. Nur ihre Augen verrieten, dass sie die Nacht nicht geschlafen hatte.

„Sie verlieren Zeit“, sagte sie ohne Begrüßung.

Ich blieb stehen. „Wie viel?“

„Ein Tag“, antwortete sie. Dann leiser: „Vielleicht mehr. Sie kaschiert es gut.“

Natürlich tat sie das. Ich ließ mich auf den hohen Stuhl am Kopf des Tisches sinken. Der Thron der Ravencroft war kein Prunkstück. Er war unbequem. Absichtlich. Ein König sollte nie vergessen, dass Macht Gewicht hatte.

„Der Hohe Rat weiß es“, sagte ich.

Nyxaras Kiefer spannte sich kaum merklich an. „Noch nicht alles.“

„Aber genug.“

Sie nickte. „Die Sensoren in den Grenzgebieten haben angeschlagen. Alte Magie. Nicht vampirisch. Nicht rein hexisch.“

Verboten, beendete ich den Satz in Gedanken. Die Türen des Saales öffneten sich mit einem tiefen Grollen. Sie kamen nicht zahlreich. Das mussten sie nicht. Drei reichten. Hohe Ratsvampire. Ihre Präsenz war, war anders. Älter. Schwerer. Die Luft schien sich zu verdichten, als sie eintraten. Schwarze Gewänder, schlicht, ohne Wappen. Ihre Augen waren blass, fast farblos. Zeichen eines Alters, das selbst mir Respekt abverlangte. Der Erste sprach. Seine Stimme klang wie kalter Stein.

„Dilan D’Arcy. König von Ravencroft.“

Ich erhob mich nicht. „Ihr steht in meinem Haus.“

„Nicht als Gäste“, erwiderte er ruhig. „Als Gesetz.“

Nyxara trat einen Schritt vor. „Der Hohe Rat kündigt sich an.“

„Der Hohe Rat kündigt sich nicht an“, sagte der Zweite. Eine Frau, ihre Stimme scharf wie Glas. „Er erscheint.“

Ich verschränkte die Hände hinter dem Rücken. „Dann sprecht.“

Der Dritte trat näher. Sein Blick war durchdringend, als würde er Schichten abtragen. „Es gibt Berichte“, begann er, „über eine Gefährtenbindung, die gegen Artikel VII des Blutkodex verstößt.“

Ich spürte nichts. Das war meine größte Stärke.

„Präzisiert“, sagte ich.

„Die Gefährtin“, fuhr er fort, „trägt Hexenmagie. Angeboren. Nicht vertraglich gebunden. Nicht gereinigt.“

Nyxara hob den Kopf. „Die Magie ist stabil.“

Die Frau vom Rat lächelte dünn. „Magie ist niemals stabil.“

Ein Murmeln ging durch den Raum. Alte Runen an den Wänden begannen schwach zu glühen. Der Saal erinnerte sich.

„Sie altert“, sagte der Erste. „Das bedeutet, sie ist nicht vollständig unsterblich.“

Ich sah ihm direkt in die Augen. „Sie lebt.“

„Vorläufig“, entgegnete er.

Ein falsches Wort, und sie hätten es ausgesprochen. Das Urteil.

„Und weiter?“ fragte ich ruhig.

Der Dritte öffnete eine Schriftrolle. Altes Pergament. Blutflecken. „Es gibt Hinweise auf eine zweite Blutbindung.“

Die Welt hielt den Atem an. Nyxaras Blick schnellte zu mir. Ich ließ mir nichts anmerken.

„Unmöglich“, sagte sie. „Eine Gefährtin kann…“

„…kann gebunden werden“, unterbrach die Frau, „wenn die erste Bindung instabil ist.“

Meine Finger krallten sich leicht in den Stein.

Draven.

„Der Name des Zweiten“, sagte der Erste, „ist Draven D’Arcy.“

Stille. Ich spürte es wie einen Schlag. Nicht den Verrat, den hatte ich gerochen. Sondern die Bestätigung.

„Ihr Bruder“, fuhr der Rat fort, „führt Kontakt zu den Wölfen. Er nutzt ein Rudelritual, um eine Blutbrücke zu schlagen. Keine Gefährtenbindung. Eine… Anbindung.“

Nyxara flüsterte: „Ein Parasit.“

„Ein Gesetzesbruch“, korrigierte der Erste.

Ich atmete langsam aus. Kontrolle. Immer Kontrolle.

„Und euer Anliegen?“ fragte ich.

Der Rat sah mich an, als hätte ich die falsche Frage gestellt.

„Beobachtung“, sagte die Frau. „Vorläufig.“

Vorläufig. Das gefährlichste Wort von allen.

„Sollte die Gefährtin weiter altern“, fügte der Dritte hinzu, „oder sollte ihre Existenz den Krieg verschärfen, wird der Hohe Rat ein Urteil fällen.“

Ich wusste, wie dieses Urteil lautete. Jeder König wusste es. Auslöschung. Die Ratsvampire wandten sich zum Gehen. Der Erste blieb stehen. Drehte sich noch einmal um.

„Liebe“, sagte er leise, „ist kein mildernder Umstand.“

Dann waren sie fort. Die Türen schlossen sich. Das Licht kehrte nicht zurück.

Nyxara stand reglos da. „Sie werden sie töten“, sagte sie schließlich.

„Nicht heute“, erwiderte ich.

Sie sah mich an. In ihren Augen lag etwas Ungesagtes. Etwas, das sie nie äußern würde.

„Und wenn morgen?“ fragte sie.

Ich wandte mich zum Ausgang. „Dann brennt Ravencroft.“

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