LOGINIch rannte praktisch durch mein Wohnzimmer, riss achtlos die Sofakissen herunter und suchte jede einzelne Ecke nach meinem Autoschlüssel ab. Ich hätte schwören können, dass ich ihn gestern Abend auf der Küchentheke liegen gelassen hatte, doch er schien sich einfach in Luft aufgelöst zu haben.
Ausgerechnet jetzt war das der denkbar schlechteste Zeitpunkt für eine verschwundene-Schlüssel-Katastrophe. Mein Stresslevel war ohnehin schon am Anschlag. Zwischen der schockierenden Enthüllung, dass mein Vater mich an einen völlig unbekannten Mann verheiraten wollte, und den verzweifelten Überlegungen, wo ich im Notfall einen neuen Job mit einem vergleichbaren Gehalt finden könnte, hatte ich kaum ein Auge zugemacht. Und jetzt kam ich auch noch zu spät zur Arbeit. Wenn Mr. Black nach mir suchen und meinen leeren Schreibtisch sehen würde, würde auch der letzte Funke Hoffnung, meinen Job behalten zu können, in Rauch aufgehen. Ich durfte mir diesen Fehler einfach nicht leisten. „Da bist du ja“, murmelte ich, als ich unter dem Sofa ein metallisches Glitzern entdeckte. Der Himmel allein wusste, wie mein Schlüssel dort hingelangt war. Ich streckte den Arm aus, schürfte mir die Fingerknöchel an der Unterseite des Sofas auf und zog ihn schließlich triumphierend hervor. Ich stürmte zur Haustür und riss sie auf. Im nächsten Augenblick blieb ich wie angewurzelt stehen. Mein Herz machte beinahe einen Sprung bis in den Hals. Direkt vor meiner Tür stand ausgerechnet die letzte Person, mit der ich heute sprechen wollte. „Was machst du hier?“, fragte ich kühl und ließ meine ganze Abneigung deutlich erkennen. „Annie, ich versuche schon die ganze Zeit, dich zu erreichen“, sagte Josh mit hörbarer Frustration. Gut. Genau so hatte ich mich schließlich die ganze letzte Woche gefühlt, bevor wir uns getrennt hatten. „Tja... ich habe deine Nummer blockiert.“ Ich schob mich einfach an ihm vorbei und marschierte entschlossen zu meinem Auto. „Bitte, hör mir wenigstens kurz zu, bevor du gehst“, flehte er und lief hastig neben mir her. „Jetzt ist wirklich kein guter Zeitpunkt, Josh.“ „Annie, bitte. Nur fünf Minuten.“ „Nein. Darauf verzichte ich dankend.“ „Bitte.“ Ich drehte mich zu ihm um und hob genervt die Hände. „Mein Gott, Josh! Es gibt überhaupt nichts mehr zu besprechen! Wie du sehen kannst, komme ich bereits zu spät zur Arbeit.“ „Ich fasse mich kurz. Versprochen.“ „Wenn du es wirklich ernst meinen würdest, hättest du dein Herz ausgeschüttet, sobald du mich gesehen hast“, fuhr ich ihn an. Ich stieg ins Auto und startete den Motor. Das Seitenfenster ließ ich jedoch einen kleinen Spalt offen. Nicht weil ich Mitleid hatte... sondern weil seine Worte bei unserer Trennung immer noch schmerzten. „Es tut mir leid, okay?“, stammelte er und trat näher. „Ich weiß selbst nicht, was damals in mich gefahren ist. Kannst du mir bitte vergeben? Lass uns wieder zusammen sein.“ „Dafür ist es längst zu spät.“ Meine Stimme klang eiskalt. Was für eine billige Entschuldigung war das bitte? Josh runzelte die Stirn. „Willst du wirklich alles wegwerfen, was wir gemeinsam aufgebaut haben... nur wegen eines einzigen Streits?“ Diese Frage machte mich nur noch wütender. „Nein, mein Lieber“, rief ich und umklammerte das Lenkrad. „Dieses manipulative Spiel funktioniert bei mir nicht.“ „Du hättest an das denken sollen, was wir aufgebaut haben, bevor du beschlossen hast, mich zum Bösewicht deines Lebens zu erklären!“ „Annie, ich habe doch gesagt, dass es mir leid tut. Lass uns einfach alles vergessen.“ Sein Blick fiel plötzlich auf meine linke Hand. „Siehst du? Du trägst den Ring immer noch. Das muss doch etwas bedeuten.“ Ich sah langsam auf meinen Finger hinunter. Dann blickte ich ihm direkt in die Augen. Ganz langsam drückte ich den Knopf des elektrischen Fensterhebers. Das Fenster schloss sich Zentimeter für Zentimeter... bis sein Gesicht vollständig dahinter verschwand. Die Dreistigkeit dieses Mannes. Der Ring gehörte mir. Natürlich trug ich ihn noch. Ich hatte ihn schließlich selbst bezahlt. Als Josh mir damals „den Antrag gemacht“ hatte, war er mit leeren Händen erschienen und hatte mir eine traurige Geschichte erzählt, dass er sich keinen Verlobungsring leisten könne. Also hatte ich meine Kreditkarte gezückt und den Ring selbst gekauft. Und jetzt glaubte er tatsächlich, mir vorschreiben zu dürfen, was ich mit meinem eigenen Schmuck machte? Er musste wohl den Verstand verloren haben. Ich legte den Rückwärtsgang ein und fuhr so schnell zur Firma, wie es die Geschwindigkeitsbegrenzung zuließ. Als ich endlich parkte und zum Aufzug eilte, war ich bereits fast dreißig Minuten zu spät. Lillian wartete unruhig in meinem Büro und lief auf und ab. „Mein Gott, ich dachte schon, du würdest gar nicht mehr auftauchen“, sagte sie erleichtert. „Ich hatte eine verdammt lange Nacht.“ Ich ließ meine Handtasche auf den Schreibtisch fallen. „Rate mal!“ Ich musterte sie aufmerksam. Ihre Schultern waren angespannt. Außerdem versuchte sie offensichtlich, etwas Großes hinter ihrem Rücken zu verstecken. „Was ist los, Lil?“ „Tada!“ Strahlend sprang sie zur Seite. In ihren Händen hielt sie einen riesigen, prachtvollen Blumenstrauß. Pfingstrosen. Schon wieder. Ein schweres Seufzen entwich mir. Josh glaubte also ernsthaft, er könnte mich zurückgewinnen, nur weil er sich endlich gemerkt hatte, welche Blumen ich mochte, anstatt mir immer diese langweiligen Rosen zu schenken. Er hielt mich wohl wirklich für einen Witz. „Wirf sie in den Mülleimer.“ Ich schaltete meinen Computer ein. „Ich will sie nicht einmal ansehen.“ „Bist du sicher?“, fragte Lillian leise. „Auf der Karte steht wieder nur 'X'.“ Ich rieb mir erschöpft den Nasenrücken. „Lillian... je früher du akzeptierst, dass es keinen geheimnisvollen Verehrer gibt und dass Josh nur versucht, besonders clever zu sein, desto besser ist es für uns beide.“ „Aber sie sind wirklich wunderschön“, murmelte sie traurig und betrachtete die makellosen Blüten. Ich verdrehte die Augen. „Gib sie her.“ Ich nahm ihr den Strauß aus den Händen. In genau dem Moment, als ich ihn in den Papierkorb warf, öffnete sich die Bürotür. Und dort stand... mein schlimmster Albtraum. Mein Herz setzte beinahe aus. Vor lauter Ärger über Josh hatte ich völlig vergessen, mich innerlich auf das Wiedersehen mit Mr. Black vorzubereiten. Er stand regungslos in der Tür. Sein Blick glitt sofort an mir vorbei und blieb auf dem Blumenstrauß im Papierkorb hängen. Für den Bruchteil einer Sekunde huschte unverkennbarer Schmerz über sein sonst ausdrucksloses Gesicht. Dann verschwand jede Regung wieder hinter seiner gewohnten Maske. „Guten Morgen, Mr. Black“, begrüßten Lillian und ich ihn gleichzeitig. Er machte Lillian lediglich eine knappe Handbewegung. Seine sturmgrauen Augen ruhten ausschließlich auf mir. Meine Knie wurden augenblicklich weich. „Fühlen Sie sich besser, Miss Lin?“, fragte er mit seiner tiefen Stimme. Ich schluckte schwer und nickte nervös. Wahrscheinlich wollte er jetzt endlich seine Rache. Ich hatte allerdings nicht erwartet, dass er persönlich in meinem Büro auftauchen würde. „Kommen Sie mit.“ Ruhig trat er wieder hinaus auf den Flur, hielt die Tür auf und bedeutete mir, vorauszugehen. Ich warf Lillian einen verzweifelten Blick zu. Sie riss nur die Augen auf und formte lautlos mit den Lippen: Viel Glück. Ich trat hinaus. Mr. Black schloss die Tür sanft hinter uns. Das leise Klicken klang wie ein endgültiges Urteil. Während wir den Flur entlanggingen, bemerkte ich, dass wir weder zu den Aufzügen noch zu seinem Büro im obersten Stockwerk unterwegs waren. Ganz im Gegenteil. Wir gingen direkt auf den Ausgang des Firmengebäudes zu. Ich nahm all meinen Mut zusammen. „Mr. Black... wohin bringen Sie mich eigentlich?“ Ohne Vorwarnung blieb er stehen. Ich lief viel zu dicht hinter ihm. Deshalb konnte ich nicht mehr rechtzeitig bremsen. Ich prallte direkt gegen seinen Rücken. Selbst durch unsere Kleidung hindurch spürte ich für den kurzen Augenblick die unglaublich festen Muskeln unter seinem Hemd. Plötzlich schoss mir ein völlig unangebrachter Gedanke durch den Kopf. Wie würde es sich wohl anfühlen, diesen Mann auszuziehen? Ich blinzelte heftig. Mein Gesicht lief knallrot an. Moment mal... was war das denn bitte? Gehirn, hör sofort damit auf! Mr. Black drehte langsam den Kopf zu mir. „Haben Sie heute schon gefrühstückt, Miss Lin?“ „Nein“, stammelte ich und zupfte nervös an meinem Blazer. „Ich ebenfalls nicht.“ Mehr sagte er nicht. Er drehte sich wieder um und setzte seinen ruhigen Gang zum Ausgang fort. Na schön. Offenbar würde ich heute keine vernünftige Antwort aus ihm herausbekommen. Mr. Black war eindeutig ein Mann weniger Worte. Das komplette Gegenteil von mir. Wenn ich ein Krafttier hätte... dann wäre es wahrscheinlich ein Papagei. Ich redete einfach viel zu viel. Gemeinsam verließen wir das Gebäude und traten auf den nahezu leeren Firmenparkplatz hinaus. Mr. Black zog einen eleganten Autoschlüssel aus der Tasche. Einige Reihen weiter blinkte ein luxuriöser Sportwagen auf. Je näher wir dem Wagen kamen... desto größer wurden meine Augen vor Entsetzen. Direkt daneben... so dicht, dass ich mir plötzlich sicher war, irgendwo müsse ein Kratzer sein... stand ein völlig gewöhnliches Mittelklasseauto. Und wem gehörte dieses Auto? Ganz genau. Mir. Annie.„Wie kannst du es wagen, mich jetzt anzulügen?! Du musst deine Gesundheit viel ernst nehmen! Ich habe schon angerufen...“„Miss Lin?“ Ein Kopf steckte durch den Türrahmen und schnitt meiner ängstlichen Standpauke das Wort ab.„Susan! Gosh, ich dachte, du tauchst nie auf!“ Ich versuchte, vom Bett zu rutschen, um sie hereinzubitten, aber Xanders Hand schoss vor und packte meinen Unterarm mit schwachem Griff, um mich aufzuhalten.„Geh nicht“, flüsterte er kaum hörbar, und seine grauen Augen wirkten völlig leblos, als hinge er nur noch an einem seidenen Faden am Bewusstsein.„Ich bin ja hier“, wurde meine Stimme sanfter. Ich rückte näher an ihn heran und manövrierte seinen Kopf vorsichtig so, dass er auf meinem Schoß ruhte. Ich flüsterte Susan zu, sie solle eintreten, und direkt hinter ihr folgte ein streng aussehender Mann, der einen schweren metallenen Medizinukoffer trug. Er war eindeutig ein Arzt.Er verneigte sich höflich vor mir, was ich sofort erwiderte.Er stellte seinen Koffer au
„Es ist schon gut, Annie. Ich muss nicht gehen. Mir ist überhaupt nicht peinlich“, versuchte Xander mich zu beruhigen, und seine Stimme klang angestrengt.,Klar!‘ Ich verdrehte die Augen so heftig, dass ich fast meinen eigenen Hinterkopf sah.Er behauptete, es sei ihm nicht peinlich, und doch waren sein ganzes Gesicht, sein Hals und seine Brust röter angelaufen als meine. Er schwitzte in Strömen und schluckte wiederholt schwer, sah aus wie ein Gestrandeter, der nach einem Glas Wasser lechzte.Und wen kümmerte es schon, ob ihm das peinlich war oder nicht?! Ich war diejenige, die vor Scham starb! Ich brauchte ihn dringend aus dem Raum, damit ich meine Scham in Ruhe ausleben konnte.„Du glaubst mir nicht? Hier, ich helfe dir sofort beim Wegräumen, um es zu beweisen“, sagte er und griff nach der winzigen Tasche.Eine Welle der Panik durchzuckte mein gesamtes Nervensystem.„Nein!“, schrie ich auf und stürzte nach vorn, um ihm die Tasche aus seinem festen Griff zu reißen.Es war ein fataler
Er zitterte. Seine grauen Augen wichen ängstlich von den meinen ab, während er sich ungeschickt auf seinem Sitz zurechtrückte und unwohl wirkte.Er räusperte sich und versuchte, so etwas wie Kontrolle zurückzugewinnen.„Das... das ist nicht wichtig, Annie“, murmelte er leise und hinterließ bei mir ein tiefes Stirnrunzeln.„Warum ist das nicht wichtig? Ich wüsste es wirklich gerne“, drängte ich und beugte mich nach vorn, um den Druck aufrechtzuerhalten.Xander fing plötzlich wie aus dem Nichts an zu schwitzen. Der Raum war nicht einmal ansatzweise warm.„Annie... ich möchte wirklich nicht darüber reden“, versuchte er kalt zu klingen, scheiterte damit aber kläglich. Seinem Tonfall fehlte jeder Tropfen seiner gewohnten, einschüchternden Schärfe.Meine Augenbrauen zogen sich fest zusammen, während ich sein Gesicht musterte und versuchte, den Wandel in seinem Auftreten zu entschlüsseln. „Xander, verheimlichst du mir etwas? Etwas, das ich nicht wissen soll?“, fragte ich, aber er vermied wei
Ich war mir nicht sicher, was mein nächster Schritt sein sollte. Sollte ich tatsächlich einen Schluck nehmen oder standhaft bleiben? Xander würde mir ganz sicher nichts zuleide tun, oder?Zögernd öffnete ich die Lippen, und er fütterte mich behutsam mit der warmen Suppe.,Oh, Gott!‘ Sie war irgendwie noch besser als das letzte Mal, als er sie gekocht hatte! Der Mann hatte sein geheimes Rezept offensichtlich perfektioniert.In dem Moment, in dem die herzhafte Brühe meine Geschmacksnerven traf, gab mein Magen ein lautes Knurren von sich und bettelte aggressiv nach einem weiteren Löffel. Aber Xander machte keine Anstalten, mir einen zweiten Bissen anzubieten. Er saß einfach da, hielt das Besteck als Geisel fest und beobachtete mich wie ein Luchs.„Worauf wartest du denn noch?!“, fragte ich ihn ernst, während meine Augen zwischen seinem Gesicht und der Schüssel hin und her wanderten. Wenn ich diesen Löffel selbst in der Hand hätte, schwöre ich, hätte ich inzwischen schon drei ganze Portio
„Aber zuerst muss ich dich füttern“, sagte Xander zu mir, und sein Tonfall ließ absolut keinen Spielraum für Verhandlungen. Er setzte mich sanft zurück auf den Hocker und beugte sich vor, um mir einen warmen Kuss auf die Wange zu drücken. „Ich bin gleich fertig, Frauchen“, fügte er hinzu und warf mir ein tödliches Zwinkern zu.Ich war so schockiert, dass mir vor lauter Sprachlosigkeit buchstäblich die Kinnlade herunterfiel. Mit ihm stimmte heute unbestreitbar etwas nicht. Hatte er sich etwa heimlich mit neuen Leuten herumgetrieben?Wie gebannt sah ich zu, wie Xander gekonnt frisches Gemüse zerkleinerte und das Hühnerfleisch wusch, bevor er seine Magie wirken ließ, um ein Meisterwerk zu erschaffen.Mir lief sofort das Wasser im Munde zusammen, als er die dampfende Schüssel direkt vor mich stellte. Das Aroma von kräftigen Kräutern und heißer Brühe traf mich voll und ganz, und ich wollte nicht einmal eine einzige Sekunde oder einen Funken Energie damit verschwenden, mich bei ihm zu bedan
„Hast du schon zu Abend gegessen?“, fragte mich Xander, und sein Tonfall war von jener vertrauten, intensiven Sorge durchdrungen.Ich nickte schnell in der Hoffnung, die Lüge würde ihn endlich überzeugen, mich herunterzulassen. Der Mann hatte mich in den letzten dreißig Minuten wie einen Rucksack herumgetragen und mir meine gottgegebene Freiheit verwehrt.Ich war kein Säugling! Ich hatte versucht, ihm das wiederholt zu erklären, aber er beharrte einfach darauf, dass ich „sein“ Baby sei. Was ich zwar nicht bestreiten wollte... aber trotzdem! Selbst echte Babys mussten manchmal in Ruhe gelassen werden, um auf eigenen Beinen zu stehen!Xander schien von meinem hastigen Nicken jedoch nicht überzeugt zu sein. Er trug mich in die Küche und setzte mich schließlich auf einen hohen Marmorhocker.„Ich koche dir etwas Leckeres“, sagte er, während ein aufgeregtes Lächeln über sein gut aussehendes Gesicht huschte.„Ist ‚etwas Leckeres‘ der Code für Hühnersuppe?“, fragte ich, und meine Laune hellte







