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Kapitel 2

Penulis: Selina
Ohne Zuhause floh ich mit meinem Hund Balu tief in die Berge.

Die Dorfbewohner fanden uns trotzdem. Vor meinen Augen häuteten sie Balu, der mir als Einziger geblieben war, bei lebendigem Leib und kochten aus ihm Suppe.

Ich umklammerte Balus Beinknochen und weinte, bis mir die Stimme brach.

In jenem Jahr war ich sechzehn Jahre alt. Ohne Vater, ohne Mutter, ganz allein.

Sophie starrte auf mein tränenüberströmtes Gesicht auf der großen Leinwand und lachte kalt auf.

„Clara Weber, hast du dieses Ende nicht genau verdient?“

„Hättest du den Täter nicht gedeckt, hätten die Leute dich dann so behandelt? Fühlst du dich etwa noch ungerecht behandelt?“

„Auf dieser Welt hast ausgerechnet du am wenigsten das Recht, dich zu beklagen! Du Komplizin. Das alles hast du dir selbst zuzuschreiben!“

Die anderen stimmten sofort mit ein:

„Was für eine verdammte Dreistigkeit! Sie wagt es tatsächlich, sich als Opfer aufzuspielen?“

„Will sie mit diesen tragischen Erinnerungen Mitleid erregen? Lächerlich! Wer einen Verbrecher deckt, ist selbst eine Komplizin! Sie soll zur Hölle fahren!“

„Wie dreist muss man sein, sich hier als Opfer aufzuspielen? Lenas Familie ist völlig zerstört. Das Kind ist tot, die Mutter wahnsinnig geworden. Jeder hier ist bemitleidenswerter als sie!“

In diesem Moment erklang aus den Lautsprechern das helle Lachen eines Mädchens.

„Lena! Lauf nicht so schnell!“

Lenas junges, unschuldiges Gesicht erschien auf der großen Leinwand.

Mitten in einer tief verschneiten Berglandschaft rannte Lena mit strahlendem Lächeln auf mich zu.

„Pass auf!“

Sie warf einen Schneeball nach mir.

„Meine Tochter!“, heulte Lenas Vater auf und stürzte zur Leinwand.

Als er Lena sah, wie sie auf dem Bildschirm so hell und unbeschwert lächelte, verlor er endgültig die Fassung und brach in hemmungsloses Schluchzen aus.

Seit Lenas Selbstmord vor zehn Jahren waren die Haare dieses einst so fröhlichen und gesprächigen Mannes über Nacht weiß geworden.

All die Jahre war er jeden Tag zur Polizeiwache gegangen und hatte die Beamten gefragt: „Habt ihr den Täter gefasst?“

Aber jedes Mal hatten die Polizisten nur hilflos den Kopf geschüttelt.

Damals gab es im Dorf keine Überwachungskameras, und mein Haus stand abgelegen, ganz für sich allein.

Niemand wusste, wer Lena in jener Nacht gefolgt war.

Die Einzige, die die Wahrheit kannte, war ich.

Nachdem wir eine Weile durch den Schnee getobt waren, kniete ich mich andächtig vor einer kleinen Heiligenfigur am Weg nieder und sprach einen Wunsch aus:

„Lieber Gott, bitte beschütze meine Freundinnen. Schenk ihnen Gesundheit und Freude. Lass unsere Freundschaft für immer halten …“

Als Sophie auf der Leinwand meine andächtige Haltung sah, konnte sie ihre Wut nicht länger zurückhalten.

„Clara Weber, du verlogene Heuchlerin! Du falsches, undankbares Miststück!“

Sie stürmte vor, zeigte wutentbrannt auf mich und schrie:

„Wie kannst du es überhaupt wagen, an unsere Kindheit zurückzudenken? Wen willst du damit noch anwidern?“

„Zehn Jahre lang hast du kein einziges Mal die Wahrheit gesagt! Jemand wie du verdient es nicht, unsere Freundin gewesen zu sein!“

Wie erwartet zeigte die nächste Szene, wie ich heimlich die Mango wegwarf, die Lena mir geschenkt hatte.

Die Menge explodierte förmlich vor Wut.

„Verdammt noch mal! Sie bekommt etwas von ihr geschenkt und spielt vorne herum die Dankbare, während sie hintenrum so etwas abzieht!“

„Frau Bergmann und Lena waren so gut zu ihr. Und wie behandelt sie ihre eigenen Freundinnen? Sie ist nichts weiter als eine egoistische, herzlose Verräterin!“

Sophie wusste genau, dass ich schwer allergisch gegen Mangos war.

Aber sie erklärte es der Menge nicht. Stattdessen hörte sie weiter zu, wie die Leute mich verhöhnten.

„Sie hätte sicher nie gedacht, dass Frau Bergmann eines Tages als reichste Person des Landes zurückkehrt, um mit ihr abzurechnen!“

„Frau Bergmann, machen Sie weiter! Wir können es kaum erwarten, das Gesicht des Täters zu sehen!“

Unter den Beschimpfungen und dem Drängen der Menge wechselte die Erinnerung auf der großen Leinwand erneut die Szene.

Sophies herzzerreißender Schrei drang aus den Lautsprechern.

„Lena! Du darfst nicht sterben!“

Das war der Tag, an dem Lenas Leiche aus dem Fluss geborgen wurde.

Es war ein düsterer, verregneter Tag. Sophie und ich warfen uns vor Lenas Leiche zu Boden und weinten, bis uns das Herz zerriss.

Ihr Körper war vom Wasser völlig aufgedunsen, eiskalt und starr.

Sie hatte nichts mehr mit dem schönen, lebensfrohen Mädchen aus meiner Erinnerung gemein, das so gern lachte und sich hübsch machte.

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