Masuk„Willkommen, junger Herr“, grüßte der alte Butler Jason mit seinem gewohnten britischen Akzent. „Das ist ja schon eine Ewigkeit her.“
Jason lächelte ihn leicht an. Er nannte ihn immer noch „junger Herr“? Nach all den Jahren? „Ja! Danke.“ Er war überrascht, dass der alte Mann noch lebte. Er war schon alt gewesen, solange Jason sich erinnern konnte. Sein Vater hatte dem alten Mann nie irgendeine Form von Respekt entgegengebracht, und doch war dieser ihm treu geblieben. Die Tatsache, dass er nach all den Jahren immer noch für seinen Vater arbeitete, verblüffte ihn. „Wo ist Vater?“ „In seinem Arbeitszimmer und wartet auf Sie“, antwortete er höflich. Er machte eine Handbewegung. „Hier entlang.“ Jason folgte ihm in das Arbeitszimmer seines Vaters. Sein Vater saß hinter einem Computer, tippte darauf herum und rauchte eine Zigarre. Er drückte die Zigarre in einem Aschenbecher neben sich aus, sobald der Butler ihm mitteilte, dass sein Sohn angekommen war. Er stand von seinem Computerplatz auf, ging zum Sofa und machte eine Geste, wobei er auf die Couch neben sich zeigte. „Nimm Platz.“ Jason ignorierte ihn, blieb stehen und sagte mit fester Stimme: „Was willst du denn diesmal?“ „Ich glaube, du hast die ganze Situation falsch verstanden. Du bist derjenige, der meine Hilfe braucht.“ „Um die ich, soweit ich mich erinnere, nicht gebeten habe.“ Case Lyndon seufzte leise. „Können wir uns nicht jedes Mal streiten, wenn wir uns treffen?“ „Und du glaubst, das ist meine Schuld?!“ erwiderte Jason mit hochgezogener Augenbraue. Case, genervt von der Haltung seines Sohnes, geriet in Rage. „Das habe ich nie gesagt …“ Er atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Dann fügte er in sanfterem Ton hinzu: „Können wir bitte nicht streiten? Nicht heute?“ Jason setzte sich langsam auf den Stuhl, der ihm zuvor angeboten worden war. Er war verblüfft über die Zurückhaltung seines Vaters. So war er noch nie gewesen. Niemals. Normalerweise hätten sie sich etwa eine Stunde lang gestritten. War er etwa bei einem Therapeuten oder so? Was hatte es mit dieser plötzlichen Verhaltensänderung auf sich? Jason wollte ihn all das fragen, schluckte jedoch seine Neugier herunter und konzentrierte sich auf das Wesentliche. „Warum hast du mich hergerufen? Du hast gesagt, du hättest eine Lösung für meine Probleme. Also, lass mal hören.“ „Tee?“, fragte Case ihn mit einem Lächeln. Jason verzog das Gesicht. „Im Ernst?“ „Okay. Na gut. Kommen wir gleich zur Sache.“ Er warf resigniert die Hände hoch. „Ich werde die skandalösen Gerüchte über dich und die jugendliche Schauspielerin aus der Welt schaffen. Sie werden verschwinden, als wären sie nie passiert. Du bist mein Sohn und wahrscheinlich mein Nachfolger – auf keinen Fall würde ich zulassen, dass du so untergehst.“ „Okay? Und wo ist der Haken? Was springt für dich dabei raus?“ „Warum glaubst du, dass es einen gibt?“ Jason glaubte ihm kein bisschen. „Vater. Ich bin 33, nicht 13. Ich kenne dich schon sehr lange. Ich weiß, dass du immer etwas dafür willst. Was ist es? Ich bin ein sehr beschäftigter Mann.“ „Na gut. Ich will nur, dass du die Tochter der Smithsons, Diane, heiratest. Das ist alles.“ Er zuckte mit den Schultern. „Ich meine, das wird doch nicht so schwer sein, oder? Ihr seid schon seit eurer Jugend befreundet und hattet wahrscheinlich sogar mal Gefühle füreinander. Und so wie es aussieht, glaube ich, dass sie auf dich steht.“ Jason schüttelte den Kopf. Er war nicht im Geringsten überrascht. Er wäre sogar noch überraschter gewesen, wenn sein Vater Rücksicht auf ihn genommen hätte. Aber für einen Moment, einen ganz kurzen Moment, hätte er sich fast davon überzeugen können, dass sich sein Vater geändert hatte. Jason setzte sich aufrecht hin und verschränkte die Finger. „Du willst, dass ich Diana heirate, und du wirst mir dabei helfen?“ Sein Vater nickte zustimmend. Jason löste seine Finger voneinander und breitete sie aus. „Warum? Ich bin mir sicher, dass dir mein Liebesleben völlig egal ist, also warum genau willst du, dass ich Diana heirate? Ich habe zumindest das Recht zu wissen, warum ich diese Ehe eingehe.“ „Na ja … Nicht großartig.“ Als Jason ihn mit einem „Das kaufe ich dir nicht ab“-Blick ansah, räusperte er sich und fügte hinzu: „Okay, ich erspare dir den ganzen langweiligen Geschäftskram. Unterm Strich hat Jared Smithson endlich meinem Vorschlag für einen Fusionsvertrag zugestimmt, aber seine einzige Bedingung ist eine Heirat zwischen dir und seiner einzigen Tochter Diane. Die Smithsons sind die Einzigen, die stark genug sind, um mir in dieser Branche Paroli zu bieten, und du weißt ja, was man sagt … Halte deine Freunde nah bei dir und deine Feinde noch näher. Wenn alles glatt läuft, mein Sohn, wird die L. Corporation noch größer werden, als sie ohnehin schon ist.“ „Du willst also, dass ich eine Vernunftehe eingehe, nur um deine Gier und dein Ego zu befriedigen?“ Case runzelte die Stirn. „Ich tue das nicht nur für mich, mein Sohn. Ich tue das auch für dich. Ich versuche, unser Unternehmen zu vergrößern und ein Vermächtnis für dich und deine zukünftigen Kinder zu hinterlassen, das sie weiterführen können. Wenn du dann endlich erkennst, dass du deine Zeit mit diesem albernen Hobby verschwendet hast, und beschließt, dein Leben sinnvoll zu gestalten, hast du etwas, auf das du zurückgreifen kannst. Wie kannst du nur nicht sehen, dass ich das alles für dich tue?“ Jason kicherte. „Du bist so verdreht, das weißt du doch, oder? Du tust das nicht für mich, Vater. Du tust das für dich selbst. Ich habe mich von Anfang an nie für deine blöde Firma interessiert und werde es auch nie tun. Also hör auf, so zu tun, als würdest du dich um mich oder meine zukünftigen Kinder kümmern. Wir beide wissen, dass das nicht stimmt.“ Er stand von seinem Stuhl auf und sprach mit Entschlossenheit. „Ich werde Diane Smithson nicht heiraten. Und was meinen Skandal angeht: Den werde ich selbst regeln.“ Damit ging er davon. Als er gerade die Tür hinter sich schließen wollte, spuckte sein Vater wütend hinter ihm her: „Du bist genau wie deine Mutter. Ihr seid beide undankbar.“ Jason schlug die Tür hinter sich zu und stürmte wütend davon, ohne den Abschiedsgruß des Butlers zu bemerken.„Und der Grammy Award für die Aufnahme des Jahres geht an … Jason Lyndon für seinen Hit ‚Hello, Lover!‘“, dröhnte der Moderator ins Mikrofon, während lauter Jubel aus dem Publikum aufstieg. Doch von Jason war auf der Bühne nichts zu sehen. Für einen Moment herrschte Verwirrung im Publikum, während alle darauf warteten, dass der Gewinner den Preis entgegennahm. Der Moderator, ebenso verwirrt, versuchte es noch einmal, ihn aufzurufen. Doch es kam immer noch keine Antwort. Wo war Jason Lyndon? Er hatte doch gerade noch mit seiner Frau zwischen den anderen Prominenten gesessen? Schließlich trat Jasons derzeitiger persönlicher Assistent, James Clarkson, der in seinem Smoking sehr elegant aussah, ans Mikrofon und räusperte sich. „Es tut mir leid, euch alle enttäuschen zu müssen“, sagte er. „Jason Lyndon kann im Moment nicht auf die Bühne kommen. Bei seiner Frau haben gerade die Wehen eingesetzt!“ Die Menge brach
Evelyns Herz schlug ihr schmerzhaft gegen die Brust, als die Lichter gedimmt wurden und das erste Model den Laufsteg entlangschritt. JETZT WAR ES SOWEIT! Das war der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben lang gewartet hatte – der Höhepunkt monatelanger harter Arbeit und endloser Nächte voller Mühen, um die beste Kollektion zu entwerfen. Nun war sie hier auf der Paris Fashion Week, und ihre Entwürfe waren bereit, der ganzen Welt präsentiert zu werden. Und sie war nicht allein hier. Ihre Liebsten, die ihr während der ganzen Zeit zur Seite gestanden hatten, waren hier, um diesen großen Erfolg gemeinsam mit ihr zu erleben. Jedes Mal, wenn ein Model in ihren Kreationen die Bühne betrat, stockte Evelyn der Atem und ihr Herz schlug schneller. Sie beobachtete, wie das Publikum nach Luft schnappte und leise murmelte, während ihre Blicke von den Stoffen und den Silhouetten angezogen wurden, die ihre Entwürfe schufen. Es war, als würde ein Tra
Der Tag verging so schnell, wie er gekommen war, und es kostete viel Kraft, Livvie und ihren Großvater voneinander zu trennen. Sie hatten Stunde um Stunde damit verbracht, in der Arbeitsstube des alten Mannes über Probleme und Theorien zu brüten. So nerdig hatte Jason seinen Vater noch nie gesehen. Jason klopfte an die Tür des Zimmers, das sie eigens für Livvie eingerichtet hatten, falls sie einmal in der Villa übernachten wollte. Als er keine Antwort erhielt, trat er ein, doch sie war nicht da. Er ging ins Wohnzimmer, in der Hoffnung, sie dort zu finden. Und da war sie und strahlte über ein silbernes Armband mit Anhängern, das sie um ihr Handgelenk trug. Sie warf ihm einen Blick zu. „Hey, Daddy.“ „Hey, Prinzessin.“ Er setzte sich zu ihr auf die Couch. „Wow, das sieht hübsch aus.“ Livvie streckte ihre Hand aus, damit er es besser sehen konnte. „Ist es doch, oder? Opa hat es mir geschenkt.“ „Wirklich?“ „Ja! Und er hat
ES WAR WIEDER DER 20. NOVEMBER. Der Tag, den die Familie Rodriguez niemals vergessen würde. Der Tag, an dem sie Clarissa verloren hatten. Evelyn und ihre Familie hatten keine Gedenkfeier für Clarissa abhalten können, weil sie das Gefühl hatten, es wäre eine Verhöhnung, sie zu ehren, während ihr Mörder auf freiem Fuß war. Es war zu schmerzhaft, ihres Lebens zu gedenken, solange noch so vieles ungeklärt war. Für sie fühlte es sich an, als würden sie eine Niederlage eingestehen und die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgeben. Doch obwohl sie ihr kein angemessenes Gedenken hatten widmen können, hatten sie sie nie vergessen. Sie trugen die Erinnerung an sie weiterhin in ihren Herzen und wussten, dass sie eines Tages stolz darauf sein würden, ihr das Gedenken zu widmen, das sie verdiente. Glücklicherweise war dieser Tag heute gekommen. Als sie auf die Menschenmenge blickte, die sich versammelt hatte, um das Leben ihrer Schwester zu e
[Eine Woche später…] „WUAAH!!!“, rief Livvie aus, als sie sich im Wohnzimmer von Lyndons Manor umsah. „Ich komme mir vor, als wäre ich gerade gestorben und im Erfinderhimmel gelandet.“ Auch Evelyn war voller Ehrfurcht. Lyndons Manor war wirklich ein beeindruckender Anblick. Es vermittelte das Gefühl eines futuristischen Zuhauses. So eines, wie man es aus Filmen kennt. In einer Ecke des Wohnzimmers stand ein riesiger Hologrammprojektor, der alles von einem gemütlichen Kamin bis hin zu einer Kinoleinwand darstellen konnte. Die Beleuchtung ließ sich an jede Stimmung anpassen – von gemütlich bis energiegeladen. Ein Sofa, das die Muskeln massieren und sich sogar aufheizen konnte, um zusätzlichen Komfort zu bieten. Und das Beste daran…? Das gesamte Haus war hochmodern und smart, sodass es per Sprachbefehl gesteuert werden konnte. Ehrlich gesagt mussten die Bewohner dieses Hauses für fast alles keinen Finger rü
Vier Stunden später ging Evelyn zügig zurück zum Krankenhaus, nachdem Jason sie buchstäblich aus der Tür geschoben hatte, damit sie erst wieder zurückkehren würde, wenn sie sich ausreichend ausgeruht, ein belebendes Bad genommen und etwas gegessen hätte. In dem Moment, als sich die Aufzugstür mit einem Signalton öffnete, stand sie Jasons Vater und einer Handvoll seiner Sicherheitsleute, die hinter ihm standen, gegenüber. Evelyn war bis vor kurzem nie bewusst gewesen, wie sehr dieser Mann sich um seinen Sohn sorgte. Er war jeden einzelnen Tag vorbeigekommen, um seinem bewusstlosen Sohn beruhigende Worte zuzuflüstern. Sie hatte sogar bemerkt, wie er einen Pakt nach dem anderen mit Gott schloss, damit dieser seinen Sohn am Leben ließ und stattdessen ihn selbst nahm. Ungeachtet seines schrecklichen Charakters und wie sehr er auch versuchte, diesen zu verbergen, hatte das Wohlergehen seines Sohnes Vorrang vor allem anderen in seinem Leben.







