LOGINDie Stimme der Nachrichtensprecherin erklang in ihrem gewohnt sanften Ton aus dem Fernseher. „Der 33-jährige Sensational-Musiker Jason Lyndon, bekannt als der ‚ewig alleinstehende Promi‘, der noch nie eine ernsthafte Beziehung hatte, wurde in der Lobby des Royal Hotels bei einem offenbar romantischen Date mit der 17-jährigen Schauspielerin Kelly Davis gesichtet, die erst letztes Jahr in dem preisgekrönten Film ‚Marianne‘ ihr Schauspieldebüt gab ...“
Der Nachrichtensendung waren einige Bilder von Jason und Kelly beigefügt, auf denen die beiden – mit Mützen und Sonnenbrillen – lächelnd in den Armen des anderen in der Hotellobby zu sehen waren. „Was?“, kreischte Livvie entsetzt. „Das kann doch nicht wahr sein.“ Evelyn hätte beinahe gelacht, schluckte es aber herunter. „Ich habe dir doch gesagt, dass er nicht so perfekt ist.“ „Das ist er doch!“, widersprach Livvie aufdringlich. „Jemand versucht, ihm etwas in die Schuhe zu schieben. Und jedes treue Mitglied unserer Fangemeinde wird das beweisen. Wartet es nur ab!“ Völlig bestürzt sah sie zu, wie ihre Nichte davonstürmte und wild auf ihr Handy tippte. **** Unterdessen, meilenweit entfernt in seinem Millionen-Dollar-Haus, schrie Jason seine Assistentin Julia Anderson an, deren Blick auf den Marmorboden geheftet war. „Was genau ist eigentlich dein Job?! Bezahle ich dich dafür, dass du faul herumhängst, während ein blöder Skandal viral geht?!“ „Beruhige dich, Jason“, sagte Brad Bruce, Jasons bester Freund, und legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Ich bin mir sicher, dass sie versucht, eine Lösung für dieses Problem zu finden. Entspann dich, okay? Du machst ihr Angst.“ Jason holte tief Luft. Dann wandte er sich Julia zu und zeigte mit einem langen Finger auf ihr Gesicht. „Es ist mir egal, wie du das anstellst, aber bring das in Ordnung!“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. Dann holte er tief Luft und fügte ruhig hinzu: „Bitte.“ „Ja! Chef“, sagte Julia nervös. Gerade als sie gehen wollte, klingelte ihr Handy. Sie entschuldigte sich und nahm den Anruf entgegen. Einen Moment später kam sie mit dem Handy zurück. „Es ist dein Vater, Chef. Er möchte mit dir im Lyndon’s Manor sprechen.“ „Sag ihm, ich bin beschäftigt.“ „Er sagte, er habe eine Lösung für Ihre Probleme.“ Jasons Stirn runzelte sich, während er sie wütend anstarrte. Julia senkte unterwürfig den Blick wie ein Chihuahua, der einem aggressiven Pitbull gegenüberstand. „Na gut! Sag ihm, ich werde mich mit ihm treffen!“, schnaubte Jason, während er an ihr vorbeiging, dicht gefolgt von seinem Freund, und Julia zurückließ, die nun so gefasst wie möglich mit Jasons Vater am anderen Ende der Leitung sprach. „Willst du dich wirklich mit ihm treffen?!“, fragte Brad. „Ist es nicht schon etwa vier Jahre her, seit du ihn das letzte Mal gesehen hast?“ „Ich will ihn gar nicht treffen, aber er scheint eine Lösung für meine Probleme zu haben, also muss ich wohl meinen Stolz herunterschlucken und mich einfach mit ihm treffen.“ Er zuckte abweisend mit den Schultern. „Auch wenn ich ihn abgrundtief hasse.“ „Ich bin mir zu hundert Prozent sicher, dass da ein Haken ist“, sagte Brad mit Bestimmtheit. „Dein Vater gibt niemals etwas umsonst. Das solltest du im Hinterkopf behalten.“ Beide gingen mit großen Schritten auf ihre Autos zu, die in der kreisförmigen Auffahrt von Jasons Villa parkten. Jason verabscheute alles an seinem Vater. Er war schon immer ein Kontrollfreak gewesen, der versucht hatte, über alle zu herrschen und Entscheidungen für sie zu treffen, die nur ihm selbst zugutekamen. Er war ein abscheulicher Diktator. Kurz bevor sie sich jeweils auf den Fahrersitz ihres Autos setzten, machte Brad eine Geste mit den Händen. „Hey! Vergiss nicht, dass wir morgen zu Jeffs Verlobungsfeier gehen.“ Jason runzelte verwirrt die Stirn. „Wer ist Jeff?“ „Jeff. Mein Cousin.“ Er seufzte und warf einen finsteren Blick auf das immer noch verwirrte Gesicht seines Freundes. „Der, der mit deiner steinreichen, eingefleischten Fanin zusammen ist. Der, dem du versprochen hast, auf ihrer Verlobungsfeier zu singen, falls es jemals so weit kommen sollte.“ „Oh!“, antwortete Jason beiläufig. Jason erinnerte sich daran, die Tochter des milliardenschweren Hoteliers, Ashley Shawn, vor einigen Monaten bei einem Treffen mit seinen engen Freunden kennengelernt zu haben, als Jeff sie allen als seine Freundin vorgestellt hatte. Die meisten Jungs waren neidisch auf seine „Trophäenfreundin“, aber er war es nicht im Geringsten. Er wusste, dass sie nur ein weiteres reiches, verwöhntes Gör war. Sie hatte sich an ihn geklammert, mit den Wimpern geklimpert und ihm gesagt, dass sie ihn liebte und sein größter Fan sei. Und leicht beschwipst hatte er darauf angestoßen, bei ihrer Verlobung zu singen, falls es jemals so weit kommen sollte. „Im Ernst, dein Gedächtnis ist wie ein Sieb.“ „Wie spät ist es?“ „So gegen elf.“ „Ich komme vorbei.“ „Bis dann …“, rief Brad, als er in sein Auto stieg. Er klappte das Verdeck seines Cabrios herunter und fuhr ein kleines Stück näher an das Auto seines Freundes heran, der bereits auf dem Fahrersitz saß. Aufrichtig fügte er hinzu: „Viel Glück mit deinem Vater.“ Damit fuhr er los. Jason sah zu, wie sein Auto in der Ferne verschwand, während er den Motor startete. Brad war ein Freund, wie man ihn sich nur wünschen konnte. Er war der Einzige, der seinen Traum gefördert und unterstützt hatte. Er hatte ihn sogar jahrelang bei sich wohnen lassen, als er von zu Hause weggegangen war, bevor er sich eine eigene Wohnung leisten konnte. Er war für ihn da gewesen, als sonst niemand da war. Er war nicht nur ein Freund für ihn. Er war sein Bruder. Jason bog in die andere Richtung ab, die zur Villa seiner Familie führte. Er war schon seit Ewigkeiten nicht mehr dort gewesen. Er hatte in diesem Haus viele Albträume gehabt und trug immer noch schmerzhafte Erinnerungen mit sich, die er am liebsten auslöschen würde. Und vor allem wollte er absolut nichts mit seinem Vater zu tun haben. NIEMALS! Doch hier war er nun, fuhr zu dem einzigen Ort, an den er geschworen hatte, niemals zurückzukehren, und stand kurz davor, Hilfe von dem einen Mann anzunehmen, den er verabscheute. Er überlegte, einfach wieder abzuhauen und seine Probleme ganz allein zu bewältigen, doch sein Fall war weitaus ernster, als er ihn bewältigen konnte. Und bei der Geschwindigkeit, mit der sich das Gerücht verbreitete, könnte er jeden Moment strafrechtlich verfolgt werden und würde seine hart erkämpfte Karriere und seinen Ruhm verlieren. Jason war sich der Verbindungen seines Vaters sehr wohl bewusst; dieser war in der Lage, seine Situation einfach verschwinden zu lassen, als hätte es sie nie gegeben, indem er nur ein oder zwei Fäden zog. Doch wie Brad zuvor gesagt hatte: Er gibt niemals etwas umsonst. Niemandem. Nicht einmal seinem Sohn.„Und der Grammy Award für die Aufnahme des Jahres geht an … Jason Lyndon für seinen Hit ‚Hello, Lover!‘“, dröhnte der Moderator ins Mikrofon, während lauter Jubel aus dem Publikum aufstieg. Doch von Jason war auf der Bühne nichts zu sehen. Für einen Moment herrschte Verwirrung im Publikum, während alle darauf warteten, dass der Gewinner den Preis entgegennahm. Der Moderator, ebenso verwirrt, versuchte es noch einmal, ihn aufzurufen. Doch es kam immer noch keine Antwort. Wo war Jason Lyndon? Er hatte doch gerade noch mit seiner Frau zwischen den anderen Prominenten gesessen? Schließlich trat Jasons derzeitiger persönlicher Assistent, James Clarkson, der in seinem Smoking sehr elegant aussah, ans Mikrofon und räusperte sich. „Es tut mir leid, euch alle enttäuschen zu müssen“, sagte er. „Jason Lyndon kann im Moment nicht auf die Bühne kommen. Bei seiner Frau haben gerade die Wehen eingesetzt!“ Die Menge brach
Evelyns Herz schlug ihr schmerzhaft gegen die Brust, als die Lichter gedimmt wurden und das erste Model den Laufsteg entlangschritt. JETZT WAR ES SOWEIT! Das war der Moment, auf den sie ihr ganzes Leben lang gewartet hatte – der Höhepunkt monatelanger harter Arbeit und endloser Nächte voller Mühen, um die beste Kollektion zu entwerfen. Nun war sie hier auf der Paris Fashion Week, und ihre Entwürfe waren bereit, der ganzen Welt präsentiert zu werden. Und sie war nicht allein hier. Ihre Liebsten, die ihr während der ganzen Zeit zur Seite gestanden hatten, waren hier, um diesen großen Erfolg gemeinsam mit ihr zu erleben. Jedes Mal, wenn ein Model in ihren Kreationen die Bühne betrat, stockte Evelyn der Atem und ihr Herz schlug schneller. Sie beobachtete, wie das Publikum nach Luft schnappte und leise murmelte, während ihre Blicke von den Stoffen und den Silhouetten angezogen wurden, die ihre Entwürfe schufen. Es war, als würde ein Tra
Der Tag verging so schnell, wie er gekommen war, und es kostete viel Kraft, Livvie und ihren Großvater voneinander zu trennen. Sie hatten Stunde um Stunde damit verbracht, in der Arbeitsstube des alten Mannes über Probleme und Theorien zu brüten. So nerdig hatte Jason seinen Vater noch nie gesehen. Jason klopfte an die Tür des Zimmers, das sie eigens für Livvie eingerichtet hatten, falls sie einmal in der Villa übernachten wollte. Als er keine Antwort erhielt, trat er ein, doch sie war nicht da. Er ging ins Wohnzimmer, in der Hoffnung, sie dort zu finden. Und da war sie und strahlte über ein silbernes Armband mit Anhängern, das sie um ihr Handgelenk trug. Sie warf ihm einen Blick zu. „Hey, Daddy.“ „Hey, Prinzessin.“ Er setzte sich zu ihr auf die Couch. „Wow, das sieht hübsch aus.“ Livvie streckte ihre Hand aus, damit er es besser sehen konnte. „Ist es doch, oder? Opa hat es mir geschenkt.“ „Wirklich?“ „Ja! Und er hat
ES WAR WIEDER DER 20. NOVEMBER. Der Tag, den die Familie Rodriguez niemals vergessen würde. Der Tag, an dem sie Clarissa verloren hatten. Evelyn und ihre Familie hatten keine Gedenkfeier für Clarissa abhalten können, weil sie das Gefühl hatten, es wäre eine Verhöhnung, sie zu ehren, während ihr Mörder auf freiem Fuß war. Es war zu schmerzhaft, ihres Lebens zu gedenken, solange noch so vieles ungeklärt war. Für sie fühlte es sich an, als würden sie eine Niederlage eingestehen und die Hoffnung auf Gerechtigkeit aufgeben. Doch obwohl sie ihr kein angemessenes Gedenken hatten widmen können, hatten sie sie nie vergessen. Sie trugen die Erinnerung an sie weiterhin in ihren Herzen und wussten, dass sie eines Tages stolz darauf sein würden, ihr das Gedenken zu widmen, das sie verdiente. Glücklicherweise war dieser Tag heute gekommen. Als sie auf die Menschenmenge blickte, die sich versammelt hatte, um das Leben ihrer Schwester zu e
[Eine Woche später…] „WUAAH!!!“, rief Livvie aus, als sie sich im Wohnzimmer von Lyndons Manor umsah. „Ich komme mir vor, als wäre ich gerade gestorben und im Erfinderhimmel gelandet.“ Auch Evelyn war voller Ehrfurcht. Lyndons Manor war wirklich ein beeindruckender Anblick. Es vermittelte das Gefühl eines futuristischen Zuhauses. So eines, wie man es aus Filmen kennt. In einer Ecke des Wohnzimmers stand ein riesiger Hologrammprojektor, der alles von einem gemütlichen Kamin bis hin zu einer Kinoleinwand darstellen konnte. Die Beleuchtung ließ sich an jede Stimmung anpassen – von gemütlich bis energiegeladen. Ein Sofa, das die Muskeln massieren und sich sogar aufheizen konnte, um zusätzlichen Komfort zu bieten. Und das Beste daran…? Das gesamte Haus war hochmodern und smart, sodass es per Sprachbefehl gesteuert werden konnte. Ehrlich gesagt mussten die Bewohner dieses Hauses für fast alles keinen Finger rü
Vier Stunden später ging Evelyn zügig zurück zum Krankenhaus, nachdem Jason sie buchstäblich aus der Tür geschoben hatte, damit sie erst wieder zurückkehren würde, wenn sie sich ausreichend ausgeruht, ein belebendes Bad genommen und etwas gegessen hätte. In dem Moment, als sich die Aufzugstür mit einem Signalton öffnete, stand sie Jasons Vater und einer Handvoll seiner Sicherheitsleute, die hinter ihm standen, gegenüber. Evelyn war bis vor kurzem nie bewusst gewesen, wie sehr dieser Mann sich um seinen Sohn sorgte. Er war jeden einzelnen Tag vorbeigekommen, um seinem bewusstlosen Sohn beruhigende Worte zuzuflüstern. Sie hatte sogar bemerkt, wie er einen Pakt nach dem anderen mit Gott schloss, damit dieser seinen Sohn am Leben ließ und stattdessen ihn selbst nahm. Ungeachtet seines schrecklichen Charakters und wie sehr er auch versuchte, diesen zu verbergen, hatte das Wohlergehen seines Sohnes Vorrang vor allem anderen in seinem Leben.







