Masuk10„Gegen Sie liegt eine Anzeige wegen Diebstahls vor. Der Wert der gestohlenen Gegenstände beläuft sich auf mehrere Hunderttausend Euro. Sie kommen jetzt mit uns.“Die plötzliche Wendung traf alle völlig unvorbereitet.„Das ist gelogen! Ich habe nichts gestohlen! Ich habe nichts genommen!“Ich trat vor und riss Lisa die Halskette vom Hals. Sie stammte aus meinem Schmuckschrank.Anfangs war es mir gleichgültig gewesen, dass Lisa meine Rolle als Tochter des reichsten Mannes des Landes für sich beanspruchte. Schließlich hatte sie damit noch nicht unmittelbar meine Interessen verletzt. Misstrauisch wurde ich erst, als sie eines Tages mit den Diamantohrringen, die meine Mutter mir geschenkt hatte, in der Schule auftauchte und vor allen damit prahlte.Damals waren in meinem Schlafzimmer noch keine Überwachungskameras installiert. Außerdem hatte Lisa die Ohrringe nach dem Tragen heimlich zurückgelegt. Da mir die Beweise fehlten, hatte ich sie nicht angezeigt.Diesmal war die Beweislage jedoc
9Auf dem Handy lief ein Livestream aus unserem Klassenzimmer. Meine Mitschüler hatten tatsächlich die Vorhänge angezündet und drohten damit, sich selbst zu verbrennen.„Bitte gebt uns noch eine Chance! Wir wollen wirklich studieren. Bitte!“„Genau! Wenn ich nicht studieren kann, kann ich genauso gut sterben!“„Gebt uns noch eine Chance! Wir wissen, dass wir einen Fehler gemacht haben!“Der Vorfall sorgte sofort für gewaltiges Aufsehen im Internet. Innerhalb kürzester Zeit strömten mehrere Tausend Zuschauer in den Livestream.Aus den Kommentaren ging hervor, dass die meisten Zuschauer inzwischen verstanden hatten, was passiert war. Viele reagierten durchaus vernünftig: Wer sogar vergaß, seine Hochschulbewerbung einzureichen, und sich selbst nicht um seine Zukunft kümmerte, konnte dafür schließlich niemand anderem die Schuld geben.Doch ihre nächsten Worte ließen einem das Blut in den Adern gefrieren.„Wir haben nur auf Clara Stein aus unserer Klasse gehört – die Tochter des reichsten M
8Lisa hielt sich die Wange und starrte mich fassungslos an. „S-Sie sind die Tochter von Herrn Stein?“Ich schnaubte verächtlich. „Die anderen kannst du vielleicht täuschen, aber glaub bloß nicht irgendwann selbst an deine eigenen Lügen.“Alle waren von der plötzlichen Wendung völlig überrumpelt. Sie verstanden nicht, warum der Mann, den sie eben noch für den reichsten Mann des Landes gehalten hatten, sich im nächsten Augenblick einem anderen gegenüber so unterwürfig verhielt.„Lisa, was ist hier los? Ist dein Vater etwa nicht der reichste Mann des Landes?“, fragte jemand.„Der reichste Mann des Landes? Ich hatte ja keine Ahnung, dass mein Chauffeur so bescheiden ist und trotzdem noch für mich arbeitet. Was für eine Verschwendung seines Talents.“Mit diesem einen Satz hatte mein Vater die ganze Wahrheit aufgedeckt.„Es tut mir leid, Herr Stein. Ich war einen Moment lang völlig verblendet und habe Ihre Tochter beleidigt. Bitte verzeihen Sie mir.“Nun begriff Lisa endlich, dass sie sich
7Einer meiner Mitschüler holte sein Handy hervor und suchte im Internet nach dem Kennzeichen des Wagens. Da es sich um eine auffällige Zahlenfolge mit mehreren gleichen Ziffern handelte, wurde er schnell fündig.„Das ist tatsächlich der Wagen des reichsten Mannes des Landes. Auch das Kennzeichen stimmt überein. Clara, hör endlich auf, es abzustreiten.“Damit waren sie endgültig davon überzeugt, dass Karl wirklich der reichste Mann des Landes war. Alle redeten durcheinander und baten ihn, die Sache mit ihren Studienplätzen zu regeln.„Keine Sorge, Leute. Ich spreche gleich mit dem Rektor. Ich garantiere euch, dass jeder von euch einen Studienplatz bekommt.“Lukas blickte Lisa und ihren Vater voller Dankbarkeit an, vergaß dabei jedoch nicht, mir noch einen Seitenhieb zu versetzen.„Herr Braun, das ist alles Claras Schuld. Hätte sie nicht heimlich als Einzige ihre Bewerbung eingereicht, müssten wir Sie jetzt gar nicht damit belästigen.“„Meiner Meinung nach hat ein so egoistischer und mo
6Die Sicherheitsleute standen dicht um mich herum. Selbst wenn meine Mitschüler mich weiter angreifen wollten, kamen sie nicht mehr an mich heran. Außerdem hatten sie ihre Wut gerade erst an mir ausgelassen. Jetzt war für sie am wichtigsten, doch noch an einer Universität studieren zu können.„Genau, Lisa! Ruf sofort deinen Vater her. Du musst uns eine Erklärung geben!“„Meine Mutter bringt mich um, wenn sie erfährt, dass ich keinen Studienplatz habe!“Auf Lisas Stirn traten kalte Schweißperlen. „M-Mein Vater ist sehr beschäftigt. Wahrscheinlich hat er keine Zeit, hierherzukommen.“„Dann ruf ihn an und frag! Woher willst du das wissen, ohne ihn zu fragen?“Vor den Augen aller zog Lisa ihr Handy hervor und wählte betont langsam eine Nummer.„Hallo, Papa. Du hast keine Zeit? Na gut.“Lisa tippte auf dem Bildschirm herum. „Ihr habt es doch gehört. Mein Vater hat keine Zeit. Er arbeitet gerade an einem Großprojekt im Wert von über hundert Millionen Euro. Wenn es sich wegen euch verzögert,
5Plötzlich war es so still, dass man eine Stecknadel fallen hören konnte. Alle standen wie erstarrt da.Erst nach einigen Sekunden brach jemand das Schweigen. „Das kann nicht sein. Herr Berger, haben Sie sich vielleicht geirrt? Lisa hat uns doch versprochen, uns alle an der Kronberg-Universität unterzubringen.“„Genau, Herr Berger. Sie wissen wohl nicht, welchen Einfluss Lisa hat. Ihr Vater ist schließlich der reichste Mann des Landes.“Herr Berger lief vor Wut rot an. „Ich habe euch im Klassenchat immer wieder eingeschärft, die Bewerbungsfrist nicht zu verpassen! Habt ihr meine Warnungen alle einfach zum einen Ohr hinein- und zum anderen wieder hinausgelassen?“Inzwischen hatten sie alle ihren Abschluss gemacht. Aus Respekt sprachen sie ihren ehemaligen Klassenlehrer zwar noch immer mit „Herr Berger“ an, doch auf seine Ermahnungen hörten sie längst nicht mehr.„Herr Berger, Sie sind doch bloß ein einfacher Lehrer. Sie haben bestimmt keine Ahnung, wie solche Dinge in den oberen Kreise