LOGINAn dem Tag, an dem wir kurz vor dem Abitur unser Abschlussfoto machten, stellte ich mich wie gewohnt neben meine Kindheitsfreundin Lena Lorenz. Sofort fingen einige Mitschüler an, uns aufzuziehen. „Hey, lasst das junge Ehepaar doch nebeneinander stehen!“ Obwohl ich solche Sprüche schon unzählige Male gehört hatte, wurde ich wegen meiner heimlichen Gefühle für sie trotzdem rot. Lena sagte nichts. Doch dann drückte der Fotograf auf den Auslöser, und meine Mitschüler riefen „Spaghetti!“. Direkt neben mir ertönte eine gedämpfte, gereizte Stimme. „Das nervt so! Kannst du nicht endlich etwas Abstand von mir halten?“ Es war ihre Stimme. Vielleicht war mein Gehör wegen meiner angeborenen Sehschwäche besonders gut. Ich konnte mich jedenfalls nicht verhört haben. Als ich später an der Wunschwand vor unserem Klassenzimmer vorbeikam, streckte ich die Hand aus und nahm den Zettel ab, auf den ich selbst geschrieben hatte, dass ich an derselben Universität studieren wollte wie sie.
View More„Jonas, lange nicht gesehen.“Ich war etwas überrascht, dass Adrian ausgerechnet mich ansprach.Er kam auch gleich zur Sache.„Ich war mal in Lena verliebt. Das weißt du doch, oder?“Ich nickte.Das hatte ich damals beim ersten Klassentreffen von einer Freundin Lenas erfahren.„Aber später habe ich aufgegeben. Weißt du, warum?“Ohne meine Antwort abzuwarten, sprach er einfach weiter.„Weil ich gemerkt habe, dass sich ihre ganze Gefühlswelt nur um dich dreht.“„Freude, Unsicherheit, Gereiztheit, Angst und all die anderen Gefühle. Schon damals war mir klar, dass ich keinen Platz in ihrem Herzen finden würde.“„Und ich war mir zu schade, mich da hineinzudrängen. Also habe ich aufgegeben.“Ich verstand nicht, warum er mir das alles erzählte.Doch gleich darauf erfuhr ich den Grund.„Ich habe von unseren ehemaligen Mitschülern gehört, dass es zwischen dir und Lena nicht mehr so ist wie früher.“„Ich weiß nicht, was zwischen euch passiert ist. Aber ich hatte Sorge, dass ich vielleicht etwas
Ich dachte an unsere Kindheit zurück.Damals war ich noch klein.Meine Eltern hatten mich zwar immer wieder ermahnt, nicht zu lange in der Sonne zu bleiben.Trotzdem konnte ich einfach nicht anders, als mit den anderen Kindern zu spielen.Erst wenn mich das grelle Licht so sehr blendete, dass ich die Augen kaum noch öffnen konnte, bekam ich Angst.Dann nahm Lena meine Hand.Und blieb die ganze Zeit an meiner Seite.Damals hatte ich zu ihr gesagt:„Willst du später mein zweites Paar Augen sein?“Und tatsächlich kümmerte sie sich danach viele Jahre lang um mich.In meiner Erinnerung verschmolz die Gestalt des kleinen Mädchens von damals allmählich mit der Lena, die jetzt vor mir stand.Ich wollte etwas sagen, wusste aber nicht, was.Ich konnte ihre Sichtweise verstehen, doch über die Verletzungen, die sie mir zugefügt hatte, kam ich nicht einfach hinweg.Nach langem Schweigen sah ich sie an.„Lena, was geschehen ist, lässt sich nicht mehr ändern. Auch Reue macht es nicht ungeschehen. Sch
Es war dunkel, doch selbst bei dem schwachen Licht sah ich, dass ihre Augen gerötet waren.Trotzdem verstand ich ihr Verhalten nicht.Was damals beim Klassentreffen passiert war,hatte ich bis heute nicht vergessen.Warum verhielt sie sich jetzt auf einmal so?„Lena, du hast mich doch selbst gebeten, dich in Ruhe zu lassen.“„Ich habe darüber nachgedacht. Du hattest recht. Ich sollte dich wirklich nicht länger aufhalten.“Sie trat zwei Schritte näher und versuchte hastig, sich zu erklären.„Nein, so ist das nicht! Ich bereue es bis heute, dass ich damals so verletzende Dinge zu dir gesagt habe. Aber ich habe das nicht so gemeint.“„Ich wollte mich schon lange bei dir entschuldigen, aber ... du hast mich blockiert.“„Ich dachte, ich könnte mich bei dir entschuldigen, sobald wir uns zu Semesterbeginn wiedersehen.“„Aber als ich zu dir nach Hause kam, sagte mir deine Mutter, dass du an die Universität Lindenstadt gegangen warst.“Ihre Stimme klang zugleich gekränkt und flehend.„Jonas, ka
Die Universität Lindenstadt lag nicht weit von meinem Zuhause entfernt, etwa drei Stunden mit dem Auto.Für Notfälle wohnte meine Tante ganz in der Nähe.Normalerweise wohnte ich im Studentenwohnheim. An manchen Wochenenden besuchte ich meine Tante, und an verlängerten Wochenenden fuhr ich nach Hause.Neben den Vorlesungen nahm ich auch an Aktivitäten verschiedener Hochschulgruppen teil.So lernte ich einige Gleichgesinnte kennen und freundete mich mit ihnen an.Ich machte kein Geheimnis aus meiner Sehschwäche, versuchte aber auch nicht, um jeden Preis alles allein zu schaffen.Nachdem ich vieles ausprobiert hatte, stellte ich fest:Es gab eine Menge Dinge, die ich auch ganz allein gut bewältigen konnte.In den Semesterferien nahm ich gelegentlich einen Nebenjob an.Noch häufiger verreiste ich allerdings mit meinen Eltern.Wenn ich nachrechnete, wurde mir klar:Seit meinem Studienbeginn hatte ich Lena bereits zwei Jahre lang nicht mehr gesehen.Mein Studienabschluss rückte allmählich n