Short
Deine Augen waren mein Licht

Deine Augen waren mein Licht

By:  Schnee in SichtUpdated just now
Language: Deutsch
goodnovel4goodnovel
9Chapters
126views
Read
Add to library

Share:  

Report
Overview
Catalog
SCAN CODE TO READ ON APP

An dem Tag, an dem wir kurz vor dem Abitur unser Abschlussfoto machten, stellte ich mich wie gewohnt neben meine Kindheitsfreundin Lena Lorenz. Sofort fingen einige Mitschüler an, uns aufzuziehen. „Hey, lasst das junge Ehepaar doch nebeneinander stehen!“ Obwohl ich solche Sprüche schon unzählige Male gehört hatte, wurde ich wegen meiner heimlichen Gefühle für sie trotzdem rot. Lena sagte nichts. Doch dann drückte der Fotograf auf den Auslöser, und meine Mitschüler riefen „Spaghetti!“. Direkt neben mir ertönte eine gedämpfte, gereizte Stimme. „Das nervt so! Kannst du nicht endlich etwas Abstand von mir halten?“ Es war ihre Stimme. Vielleicht war mein Gehör wegen meiner angeborenen Sehschwäche besonders gut. Ich konnte mich jedenfalls nicht verhört haben. Als ich später an der Wunschwand vor unserem Klassenzimmer vorbeikam, streckte ich die Hand aus und nahm den Zettel ab, auf den ich selbst geschrieben hatte, dass ich an derselben Universität studieren wollte wie sie.

View More

Chapter 1

Kapitel 1

Als ich an meinen Platz zurückkam, unterhielt sich Lena Lorenz gerade mit jemandem aus unserer Klasse, der neben ihr saß.

Als sie mich sah, sprach sie mich wie gewohnt an.

„Wo ist deine Brille?“

Ich rieb mir die von der grellen Sonne gereizten, trockenen Augen.

„Verloren.“

Sie seufzte und zog den Vorhang neben uns ganz zu.

„Heute Abend begleite ich dich nach Hause.“

Fast kam es mir so vor, als hätte ich mir ihre Worte beim Fotografieren nur eingebildet.

Nach Schulschluss wurde sie von jemandem weggerufen.

Sie bat mich, im Klassenzimmer auf sie zu warten.

Und daraus wurden ...

zwei ganze Stunden.

Ich wollte sie anrufen.

Aber der Akku meines Handys war leer, und es hatte sich bereits ausgeschaltet.

Schließlich entdeckte mich eine Lehrerin, die am Klassenzimmer vorbeikam.

„Jonas Sommer, warum bist du noch nicht nach Hause gegangen?“

Sie wusste von meiner Sehschwäche und bot an, mich nach Hause zu bringen.

Ich lehnte ab.

Ich wollte nicht riskieren, dass Lena zurückkam und mich nicht vorfand.

Als die Lehrerin bemerkte, dass mein Handy keinen Strom mehr hatte, rief sie für mich bei Lena an.

Zwanzig Minuten später.

Lena erschien völlig außer Atem in der Tür.

„Ich habe dir doch per SMS geschrieben, dass du schon mal gehen sollst.“

„Ich habe sie nicht gesehen.“

Hilflos hielt ich mein Handy hoch.

„Mein Akku war leer.“

Sie sah mich eine Weile mit einem schwer zu deutenden Blick an.

Doch schließlich sagte sie nichts dazu.

„Komm, gehen wir.“

Auf dem ganzen Heimweg sagte sie kein Wort.

Stattdessen beantwortete sie ständig Nachrichten auf ihrem Handy.

Ich nahm an ihr einen leicht herben Duft nach Kräutern und Holz wahr.

Dabei hatte sie tagsüber noch nicht so gerochen.

Wo war sie vorhin gewesen?

Als wir den Eingang meiner Wohnanlage erreichten, rief plötzlich jemand nach ihr.

Ein paar Leute standen am Eingang, doch ich konnte sie nicht richtig erkennen.

Aber von ihnen ging derselbe Duft aus, den ich auch an Lena wahrgenommen hatte.

Lena ging ein paar Schritte schneller, während ich stehen blieb.

„Was macht ihr denn hier?“

„Das Restaurant, in das wir gehen wollen, ist gleich in der Nähe. Wir sind gekommen, um dich mitzunehmen.“

Die klare, tiefe Stimme kannte ich aus den Durchsagen über die Schullautsprecher.

Adrian Graf, der Mädchenschwarm unserer Schule.

„Na gut, wartet kurz. Ich bringe ihn noch rein.“

„Echt jetzt? Wir sind doch schon am Eingang seiner Wohnanlage. Musst du wirklich noch mit ihm reingehen?“

Einer der Jungen sagte das ziemlich genervt.

Jemand aus Lenas Freundeskreis erklärte hastig:

„Jonas hat eine Sehschwäche. Im Dunkeln kann er kaum etwas erkennen.“

Der Junge schnalzte missbilligend mit der Zunge.

„Sonst sieht er doch immer ganz normal aus. Wer weiß, ob das überhaupt stimmt?“

„Heute hat Adrian Geburtstag, und wegen ihm musste Lena extra noch diesen Umweg machen. Ich wette, er macht das mit Absicht. Echt ein Stimmungskiller!“

Ich stand hilflos da und ballte die Hände zu Fäusten.

Als Lena näher kam, sagte ich leise:

„Geh ruhig mit den anderen feiern. Ich komme allein nach Hause.“

Sie zögerte.

„Schaffst du das ... wirklich?“

„Ja, das schaffe ich.“

Ich drehte mich um und betrat die Wohnanlage.

Hinter mir hörte ich, wie sie sich weiter unterhielten.

„Hey, Lena! Was ist denn los? Bringst du deinen kränklichen kleinen Ehemann etwa nicht bis nach Hause?“

„Wir sind nur befreundet! Red keinen Unsinn!“

Ich stockte mitten im Schritt.

In all den Jahren hatte sie zum ersten Mal so scharf widersprochen.

Die Straßenlaternen in der Wohnanlage leuchteten hell.

Doch selbst bei diesem Licht konnte ich nur grob erkennen, in welche Richtung ich gehen musste.

Vorsichtig tastete ich mich vorwärts. Es fühlte sich an, als würde mir jemand das Herz zusammendrücken.

Früher hatte sie solche Bemerkungen nie richtiggestellt, weil es ihr egal gewesen war, was die anderen über uns dachten.

Warum stellte sie es jetzt plötzlich richtig?

Wegen Adrian?

Ich stieß mit dem Bein gegen irgendetwas und stürzte heftig zu Boden.

Ein stechender Schmerz fuhr durch meine Handfläche, und ich blieb einen Moment lang benommen liegen.

Früher war sie nicht so gewesen.

Damals hatten unsere Familien direkt gegenüber gewohnt.

Sie hatte mich auf dem Schulweg immer an die Hand genommen, morgens wie nachmittags.

Von sich aus hatte sie unsere Lehrer gebeten, neben mir sitzen zu dürfen.

Wenn unsere Mitschüler mich verspotteten, hatte sie sich immer schützend vor mich gestellt.

Wann hatte sie nur ...

... angefangen, mich lästig zu finden?

„Jonas!“

Hinter mir ertönten hastige Schritte.

Lena zog mich vom Boden hoch.

„Und das nennst du, allein zurechtzukommen?“

Ihr Tonfall war alles andere als freundlich.

Trotzdem sah sie sorgfältig nach, ob ich mich verletzt hatte.

Dann nahm sie mich an die Hand und brachte mich wie früher nach Hause.

Das kleine Flämmchen in meinem Herzen flackerte wieder auf.

Lena lag also doch etwas an mir.

Expand
Next Chapter
Download

Latest chapter

More Chapters
No Comments
9 Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status