LOGINFREYA
Ich saß auf dem Boden für … ich weiß nicht einmal, wie lange. Der einzige Unterschied zwischen mir und jemandem, der bewusstlos war, bestand darin, dass ich noch wusste, dass ich saß. Ich nahm wahr, wie mein Körper die Fliesen berührte, aber sonst nichts. Meine Augen waren geöffnet, aber sie sahen nichts. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand Watte in die Ohren gestopft. Alles um mich herum war gedämpft und weit weg, als wäre ich unter Wasser gefangen. Ich hörte nicht einmal Schritte. Ich spürte nur eine Hand auf meiner Schulter, und ich schrak so heftig zusammen, dass mir der Atem im Hals stockte. Als ich aufblickte, war es Rebecca. Lunas Nanny. Sie hatte diesen Blick drauf. Den Blick, den Menschen haben, wenn sie bereits wissen, dass etwas schiefgelaufen ist, sich aber nicht zu fragen trauen. „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte sie leise. „Alles bestens“, sagte ich, obwohl meine Stimme sich gar nicht wie meine eigene anhörte. Ich drückte mich vom Boden hoch. Meine Beine waren steif, als hätten sie vergessen, wie man Beine war. Rebecca hielt mir mein Telefon entgegen. „Es klingt schon seit einer ganzen Weile. Deshalb wollte ich es Ihnen bringen.“ „Danke.“ Ich nahm es ihr ab und sah auf das Display. Fünfzehn Anrufe in Abwesenheit. Alle von meiner Filialleiterin. Natürlich. Probleme halten sich nie an ein gutes Timing; ich schätze, im Laden stimmt etwas nicht. Gerade als ich weggehen wollte, hielt ich inne und zwang mich zu fragen: „Was ist mit meinem Ehe—…“ Ich schloss die Augen, weil schon das Aussprechen dieses Wortes sich anfühlte, als müsste ich etwas Zentnerschweres anheben. „Mein Mann und Luna.“ „Sie sind schon weg“, sagte Rebecca sanft. „Ich habe Lunas Mittagessen eingepackt. Ihre Ersatzflasche. Und ihre Strickjacke, Snacks. Sie war allerdings sehr ruhig heute Morgen.“ Ruhig. Wegen mir. Weil ich sie angefahren hatte. Ich nickte. „Alles klar. Danke dir.“ Ich ging davon und überprüfte beim Gehen mein Handy. Eine lange Nachricht von Gladys leuchtete auf dem Bildschirm auf. Lieferantenprobleme. Sie bat um Erlaubnis, Geld abzuheben und die Sache zu regeln. Ich tippte zurück: „Gladys, bitte kümmere dich darum. Du hast meine Erlaubnis.“ Mein Hals war trocken, als hätte ich Staub geschluckt. Es war noch früh, aber mein Körper fühlte sich an, als hätte er bereits den ganzen Tag durchgestanden. Ich machte mich auf den Weg nach unten in die Küche. Rebecca folgte mir still. „Du kannst gehen“, sagte ich, ohne mich umzudrehen. „Mir geht es gut.“ Sie zögerte. „Sind Sie sicher?“ „Geh ruhig, Rebecca. Bitte.“ Sie zögerte kurz, nickte dann aber. Rebecca wohnte nicht im Haupthaus. Sie schlief in der kleinen Wohnung hinter dem Innenhof und kam nur rüber, wenn Luna da war. Aber im Moment konnte ich es sehen … sie wollte mich nicht allein lassen. Ich zwang mir ein kurzes Lächeln ab. „Es ist alles in Ordnung.“ In dem Moment, als sie weg ging, knickten meine Knie beinahe ein, aber ich hielt mich am Geländer fest und ging weiter. Ich ging direkt zum Waschbecken und goss mir ein Glas Wasser ein. Meine Hand zitterte leicht, aber ich ignorierte es und trank alles auf einen Zug aus. Als ich das Glas abstellte, hallte das Geräusch durch die Küche. Ich bewegte mich nicht von der Küchenzeile weg. Ich schloss einfach die Augen und atmete langsam aus. Dann blickte ich nach oben, direkt an die Decke. „Papa … der Sohn deines Freundes behandelt deine Tochter nicht mehr gut“, flüsterte ich. Es laut auszusprechen, brannte wie Feuer. Nicht wegen Mark. Sondern weil mein Vater nicht hier war, um es zu hören. Ich trat aus der Küche und steuerte auf das Wohnzimmer zu. Ich wollte gerade in den Flur einbiegen, der zu meinem Zimmer führte, als ich Rebeccas Gestalt noch immer am Eingang stehen sah. „Rebecca“, rief ich, überrascht, dass sie noch da war. Ich ging langsam auf sie zu. Und erst da bemerkte ich, dass noch jemand anderes dort stand. Ich trat näher, nur um zu sehen, mit wem Rebecca sprach – und in dem Moment, als ich nah genug war, um sein Gesicht und seinen Körper richtig zu erkennen, stockte mir fast der Atem. Oder vielleicht bildete ich mir das nur ein. Aber ganz ehrlich … wer zur Hölle war das? Ich kannte diesen Fremden nicht, aber allein sein Aussehen wirkte schon illegal. Nicht nur das Aussehen, der gesamte Körperbau. Hatte der Typ sein ganzes Leben im Fitnessstudio verbracht? Seine Schultern waren breit, die Arme dick von der Art von Muskeln, die nicht vom So-tun-als-ob kommen. Sein Shirt schmiegte sich an seine Brust, als würde es sich krampfhaft festklammern. Adern zeichneten sich auf seinen Unterarmen ab. Seine Kieferpartie war scharf und markant, und der dreitägige Stoppelbart machte es nur noch schlimmer. Dunkles Haar. Kurzer Übergang. Eine Tätowierung lugte unter seinem Ärmel hervor. Der Typ Mann, den Frauen online beschreiben und von dem die Leute behaupten, dass er im echten Leben gar nicht existiert und reine Fiktion ist. Wenn mich früher jemand nach meinem Typ gefragt hätte, wäre dieser Fremde, der hier stand, genau das gewesen, was ich beschrieben hätte. Mein absoluter Traummann in Menschengestalt. Oh Gott … ich weiß, die Frage ist: Warum war ich dann bei Mark gelandet? Mark war gutaussehend, ja, auf diese Business-Typ-Art. Aber nicht einmal ansatzweise vergleichbar mit dem hier. Und ich hatte mich in Mark verliebt, weil er eben Mark war. Der Mann, den ich damals zu kennen glaubte, nicht das Biest, das er heute ist. Mark war hochintelligent, klug, ein Mathematiker und hatte eine völlig andere Ausstrahlung. Aber dieser Kerl … dieser Kerl sah aus, als hätte er mühelos einen umwerfenden Style, ohne es überhaupt zu versuchen. Er trug einfach Freizeitkleidung und ließ sie trotzdem teuer aussehen. Wer zur Hölle war das? Plötzlich wurde mir klar, dass ich ihn schon viel zu lange anstarrte. Ich sah zu Rebecca und nickte ihr zu, dass sie gehen könne. Sie ging leise davon. „Hallo“, sagte ich, aber meine Stimme klang unsicher. „Hallo“, antwortete er und lächelte. Was zum Teufel. Er lächelte. „Ich war vorhin schon einmal hier“, sagte er, immer noch mit diesem leichten Lächeln im Gesicht. „Aber es schien niemand zu Hause zu sein.“ Er hielt mir einen Flyer entgegen und redete weiter, seine Stimme angenehm sonor und ruhig. „Wir haben gerade die Straße runter ein neues Fitnessstudio eröffnet. Ausstattung auf dem neuesten Stand, Personal Trainer, Kurse, das volle Programm. Und wir verteilen Rabattgutscheine an die Leute aus der Nachbarschaft. Der erste Monat ist zum halben Preis, und—“ Fitnessstudio. In der Sekunde, in der dieses Wort meine Ohren traf, krampfte sich in meinem Inneren alles schmerzhaft zusammen. Mein Gehirn verarbeitete den Rest gar nicht mehr. Alles in mir schoss zurück zu Mark im Schlafzimmer, wie er auf meinen Bauch und meine Taille zeigte und mir sagte, ich solle mich reparieren. An mir arbeiten. Als wäre mein Körper irgendein Problem, das er gelöst haben wollte. Und dann, in einer einzigen übelkeitserregenden, schwindelerregenden Sekunde, reimte sich mein Verstand alles zusammen: Ein durchtrainierter Fremder tauchte genau an diesem Morgen auf und drückte mir einen Gym-Flyer in die Hand. Hatte Mark das wirklich getan? … Ich glaubte tatsächlich, dass er diesen Mann geschickt hatte. Meine Brust zog sich zusammen. Mein Atem zitterte. Die Demütigung traf mich so schnell, dass es sich anfühlte wie eine Ohrfeige. Natürlich würde er das tun. Natürlich wollte Mark mich noch weiter demütigen, indem er veranlasste, dass ein muskelbepackter Fitness-Typ an meiner Tür auftauchte. Das war genau die Art von Beleidigung, die er für „hilfreich“ hielt. Die Scham brannte sich erneut durch mich hindurch. „Und übrigens, mein Name ist Steve“, fügte er hinzu. Ich blinzelte, schreckte aus meiner Benommenheit auf, und ehe ich mich versah, platzten die Worte aus meinem Mund. „Hat Mark Sie geschickt?“ Steve hielt inne, verwirrt. „Wer ist Mark?“ Eine einzelne Träne tropfte aus meinem linken Auge, bevor ich sie zurückhalten konnte. Ich verstand nicht einmal, warum sie so schnell kam, aber ich wusste genau, was sie ausgelöst hatte. Marks Stimme, die sich in meinem Kopf wiederholte. Seine Worte, die immer wieder auf mich einstachen. Mein Hals zog sich zu. „Bitte … gehen Sie“, flüsterte ich. Ich drehte mich rasch um und wollte weggehen, bevor ich mich noch weiter blamierte. Aber seine Hand griff sanft nach vorne und hielt mich am Arm fest. Ich erstarrte. Nicht, weil es wehtat. Sondern weil die Berührung warm, fest und bewusst war. Sie ließ jeden Nerv in meinem Körper augenblicklich aufsprühen. Ich spürte seinen Griff – nicht grob, kein Zupacken, nur gerade fest genug, um mich aufzuhalten. Ich drehte mich langsam um. Seine Augen verengten sich leicht, fokussiert auf mein Gesicht. Und dann sagte er leise, seine Stimme tief und intensiv, ganz anders als zuvor: „Du weinst?“ Die Art, wie er es sagte …FREYASeine Finger lagen noch immer auf meinem Arm, als die Frage erneut seinen Mund verließ – diesmal rauer und dunkler.„Du weinst?“Die Art, wie er es knurrte, als würde ihn der Anblick meiner Tränen persönlich kränken, jagte mir einen heftigen Schauer über den Rücken.Ich versuchte, mich loszureißen. „Bitte. Gehen Sie einfach.“Er tat es nicht.Sein Griff festigte sich – nicht grausam, sondern absolut. Wie Eisen, das in Samt gehüllt war. Sein Daumen drückte auf den rasenden Puls an meinem Handgelenk und blieb dort, während er mich las und den Schlag meines Herzens für sich beanspruchte … Ich hasste es, wie er mich anstarrte.„Sieh mich an“, sagte er.Nur drei Worte. Ein Befehl, den ich zwischen meinen Beinen spürte, noch bevor mein Gehirn ihn verarbeiten konnte.Ich zwang meinen Blick zu seinem.Aber das war mein Fehler.Aus der Nähe war er noch schlimmer. Sturmgraue Augen, geweitet und dunkel von etwas Raubtierhaftem. Die Art von Gesicht, die Frauen verstandlos machte und Gräber
FREYAIch saß auf dem Boden für … ich weiß nicht einmal, wie lange. Der einzige Unterschied zwischen mir und jemandem, der bewusstlos war, bestand darin, dass ich noch wusste, dass ich saß.Ich nahm wahr, wie mein Körper die Fliesen berührte, aber sonst nichts. Meine Augen waren geöffnet, aber sie sahen nichts. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand Watte in die Ohren gestopft. Alles um mich herum war gedämpft und weit weg, als wäre ich unter Wasser gefangen.Ich hörte nicht einmal Schritte. Ich spürte nur eine Hand auf meiner Schulter, und ich schrak so heftig zusammen, dass mir der Atem im Hals stockte.Als ich aufblickte, war es Rebecca. Lunas Nanny.Sie hatte diesen Blick drauf. Den Blick, den Menschen haben, wenn sie bereits wissen, dass etwas schiefgelaufen ist, sich aber nicht zu fragen trauen.„Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, fragte sie leise.„Alles bestens“, sagte ich, obwohl meine Stimme sich gar nicht wie meine eigene anhörte. Ich drückte mich vom Boden hoch. Meine Bein
FREYAMark blieb mitten in der Tür stehen, als wüsste er bereits, dass etwas im Anmarsch war. Er drehte sich langsam um, die Augenbrauen zusammengezogen, und wartete darauf, dass ich etwas sagte.Mein Hals fühlte sich wie zugeschnürt an. All die Worte, die ich mir letzte Nacht zurechtgelegt hatte, schossen auf einmal hervor und überschlugen sich. Ich schluckte schwer und sprach es schließlich aus.„Kannst du heute früher nach Hause kommen?“ Meine Stimme brach leicht. „Ich möchte, dass wir reden.“Er stirredrückend verzieht das Gesicht, als hätte ich etwas Ungeheuerliches von ihm verlangt. „Worüber reden?“Bevor ich es erklären konnte, stürzte Luna herein, außer Atem und voller Vorfreude. Sie schnappte sich ihren Schulranzen und noch ein paar andere Sachen aus der Ecke.Ich sah sie für einen Moment an. Sie war beschäftigt damit, ihre Schulschuhe hervorzuholen, also senkte ich meine Stimme.„Es ist wichtig, Mark.“Er seufzte – dieses Seufzen, das mir bereits die Schuld für jede Unannehm
FREYAIch ging in Lunas Zimmer und kroch zu ihr ins kleine Bett, bedacht darauf, sie nicht zu wecken. Sie lag unter ihrer Decke eingekuschelt, ihren rosa Teddybär im Arm, und atmete sanft und gleichmäßig.Ich saß im Dunkeln da, starrte auf ihr schlafendes Gesicht und fragte mich, ob sie wohl die leiseste Ahnung von ihrem Vater und der Frau hatte, die ihr so viel bedeutete. Spürte sie es irgendwie? Oder war sie einfach nur glückselig ahnungslos? Ich drückte mein Gesicht in das Kissen neben ihr und versuchte, die Tränen zurückzuhalten und leise zu bleiben, damit sie nicht aufwachte, aber mein Herz hörte einfach nicht auf zu rasen.Ich kann mit Bestimmtheit sagen, dass dies eine der beschissensten Nächte meines gesamten Lebens war. Früher dachte ich, die Nacht, in der ich meinen Vater verlor, wäre die schlimmste gewesen. Oder jene Nächte, in denen ich mir mit neuer Reizwäsche extra Mühe gab, mich bereit fühlte, geil war und hoffte, mein Mann würde mich endlich berühren … nur damit er mir
FREYAIch saß um Mitternacht auf dem kalten Küchenboden, Marks iPad auf dem Schoß, und starrte auf ein Video, das ich niemals hätte sehen dürfen.Meine Tochter Luna war mit ihrem Einhorn-Becher in der Hand auf der Couch eingeschlafen. Ich trug sie nach oben, deckte sie zu und kam wieder herunter, um zu Ende aufzuräumen. In diesem Moment bemerkte ich Marks iPad, das offen auf der Küchenzeile lag.Ich fragte mich, was ihn dazu gebracht hatte, es hier zu vergessen. Er hütete es sonst wie die Nuklearcodes des Landes. Er nahm es sogar mit ins Badezimmer. Nun … er behauptete, er müsse die Live-Verkäufe der Firma oder so etwas überwachen.Ich hob es auf, um es für ihn ins Schlafzimmer zu bringen, aber der Bildschirm leuchtete auf, sobald meine Finger ihn berührten. Das Erste, was ich sah, ließ meinen gesamten Körper erstarren.Das Hintergrundbild war nicht das Familienfoto von Lunas erstem Geburtstag. Es zeigte Mark, Luna und Lila Monroe in einem Café im Freien. Überall Sonnenschein. Lila ha







