„Antikörper: Die Wächter der Quelle“

„Antikörper: Die Wächter der Quelle“

last updateLast Updated : 2026-05-07
By:  AzillaUpdated just now
Language: Deutsch
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Die Geschichte beginnt in einer Welt, die urplötzlich von einer kosmischen Anomalie zerrissen wird. Schattenwesen fallen wie ein dimensionaler Virus über die Erde her. Als natürliche Reaktion des Universums erwachen in einigen Menschen außergewöhnliche Fähigkeiten, um das Gleichgewicht wiederherzustellen – sie werden zu den „Antikörpern“. Der Protagonist, ein unzerstörbarer Mann mit unendlicher Dichte, verschanzt sich mit seiner schwangeren Verlobten Julia und den ersten Verbündeten: dem Gravitations-Physiker Leo und der hitzigen Feuermagierin Lina. Geleitet durch Aufzeichnungen seines Großvaters zieht die Gruppe zum Brocken, um ein uraltes Artefakt, die „Quelle“, vor den Monstern zu beschützen. Nach einem gewaltigen Kampf und dem Bündnis mit einem gigantischen Stein-Leviathan öffnet sich die Quelle. Sie offenbart keine Waffe, sondern das reine Licht der Schöpfung, das Julia und ihr ungeborenes Kind als Gefäß erwählt. Julia heilt die Umgebung und wird zu einem strahlenden Leuchtturm, der weltweit weitere Antikörper anzieht. Mit der telepathischen Gabe des Teenagers Mika, den Raumportalen des Kurierfahrers Kian und Samiras Stürmen baut das Team die alte Waldhütte zu einer verborgenen Festung aus: der Akademie der Wächter. Sogar der zynische Silas, Meister der Entropie und des Zerfalls, schließt sich ihnen an. Doch die Sicherheit trügt. Eine neue, gnadenlose Feindesfraktion – die „Erneuerer“ – studiert die Helden im Geheimen. Um nicht als statische Zielscheibe zu enden, nutzt das Team Kians Portale für globale Einsätze. In Norwegen retten sie Elias, der die Zeit anhalten kann. Durch ihn erfahren sie die erschütternde Wahrheit: Die Anführer der Erneuerer können sich völlig frei zwischen den Sekunden bewegen. Nun stehen die acht Wächter vor ihrer ultimativen Herausforderung: Sie müssen lernen, einen Feind zu besiegen, für den die Regeln der Zeit keine Gültigkeit mehr haben.

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Chapter 1

Kapitel 1: Die Schwerkraft des Alltags

Das Schlimmste an meinem Leben war nicht die Tatsache, dass ich mit bloßen Händen einen voll beladenen LKW anheben konnte. Das Schlimmste war, jeden Tag acht Stunden lang so zu tun, als könnte ich es nicht.

„Könntest du da mal kurz mit anpacken? Der Hubwagen klemmt schon wieder.“

Markus, mein Schichtleiter, wischte sich den Schweiß von der Stirn und deutete auf eine massiv beladene Palette mit gehackten Tomaten in Konservendosen. Sie wog gut und gerne eine dreiviertel Tonne.

„Klar, Chef“, sagte ich und drängte das genervte Seufzen tief in meine Brust zurück. Ich trat an den gelben Wagen, umfasste den kalten Metallgriff und tat genau das, was ich seit Jahren perfektioniert hatte: Ich schauspielerte. Ich spannte meine Gesichtsmuskeln an, stieß ein gepresstes Stöhnen aus und tat so, als würde ich mein gesamtes Körpergewicht gegen den Widerstand stemmen. In Wahrheit hätte ich die Palette mit zwei Fingern durch den halben Markt schieben können. Aber in einer Welt aus Pappe und Glas durfte man kein Vorschlaghammer sein.

Während ich die Tomaten langsam in Gang 4 manövrierte, wanderte meine freie Hand wie von selbst zu meiner rechten Hosentasche. Die kleine, quadratische Samtschatulle drückte beruhigend gegen meinen Oberschenkel. Heute Abend. Ein Tisch im Da Enzo, hinten in der Ecke, wo das Licht etwas wärmer war. Ich würde sie fragen. Und wenn ich an das winzige Herz dachte, das bereits in ihr schlug und auf unseren Ultraschallbildern wie eine kleine Bohne aussah, musste ich unwillkürlich lächeln. Dafür lohnte sich das alles. Das Versteckspiel. Der kaputte Hubwagen. Die Rückenschmerzen, die ich nur vortäuschte.

Das monotone Piep ... Piep ... Piep der Kassen war der Soundtrack meines friedlichen, langweiligen Lebens. Bis zu dem Moment, als die automatische Schiebetür am Eingang mit einem lauten Zischen aufglitt.

Ich spürte es, bevor ich es sah. Ein Druckabfall in der Luft, wie der Moment kurz vor einem schweren Gewitter. Ich ließ den Hubwagen stehen und blickte in Richtung der Kassen.

Ein Mann war hereingekommen. Er trug einen völlig normalen, grauen Anzug, aber wie er sich bewegte, war falsch. Sein Kopf ruckte unnatürlich zur Seite. Er schwitzte nicht nur, dunkle, fast schwarze Adern pulsierten an seinem Hals und fraßen sich wie ein Spinnennetz über seine Wangen. Er atmete in rauen, rasselnden Zügen, als würde er unter Wasser ertrinken – oder als wäre er gerade aus einem jahrhundertelangen Schlaf gerissen worden.

„Entschuldigung, geht es Ihnen nicht gut?“, fragte Sabine, unsere Kassiererin an Kasse 2, und beugte sich über das Kassenband.

Der Mann hob den Kopf. Seine Augen waren vollständig schwarz. Keine Iris, kein Weiß. Nur eine endlose, leere Dunkelheit.

Er stieß einen Schrei aus, der nicht menschlich klang – ein metallisches, ohrenbetäubendes Kratzen, das die Glasfront der Kühltruhen erzittern ließ. Bevor Sabine auch nur zurückweichen konnte, packte der Mann die massive Registrierkasse. Er riss das schwere Gerät samt der Metallverankerung mit einer beiläufigen Handbewegung aus dem Tresen und schleuderte es quer durch den Raum.

Direkt auf Sabine zu.

In diesem Sekundenbruchteil zersplitterte mein normales Leben. Ich dachte nicht nach. Ich dachte nicht an die Überwachungskameras an der Decke und auch nicht an meinen Verlobungsring.

Die Welt um mich herum schien in Zeitlupe zu versinken. Ich stieß mich ab. Der Linoleumboden unter meinen Arbeitsschuhen riss mit einem lauten Knall auf, als ich meine Kraft entfesselte. Ich überwand die fünfzehn Meter bis zur Kasse in einem Wimpernschlag, schob Sabine grob zur Seite und rammte meine Füße in den Boden. Ich machte mich schwer. Dicht. Unaufhaltsam.

Die fliegende Kasse traf mich genau in der Brust.

Für einen normalen Menschen wäre der Aufprall tödlich gewesen. Für mich fühlte es sich an, als hätte mir jemand einen Tennisball zugeworfen. Das Metall zerknirschte mit einem hässlichen Geräusch an meinem Körper, Plastiksplitter regneten auf den Boden, und das Gerät fiel als nutzloser Schrott vor meine Füße.

Totenstille legte sich über den Supermarkt. Das Piepsen hatte aufgehört. Die Kunden erstarrten. Sabine saß zitternd auf dem Boden und starrte mich mit weit aufgerissenen Augen an.

Ich hob langsam den Blick und fixierte den Mann mit den schwarzen Augen. Die Maske war gefallen. Das Versteckspiel war vorbei.

Der Mann im grauen Anzug legte den Kopf schief. Für den Bruchteil einer Sekunde schien die dunkle Entität in ihm zu begreifen, dass sie hier auf echten Widerstand stieß. Dann stürzte er sich mit einem animalischen Brüllen auf mich.

Er war unfassbar schnell, angetrieben von dieser fremden, unheilvollen Energie. Er holte aus und seine Faust traf mich genau an der Schläfe. Der Schlag war stark genug, um eine massive Ziegelmauer einzureißen. Mein Kopf ruckte nicht einmal zur Seite. Es fühlte sich an, als hätte mich ein eifriger Türsteher mit der flachen Hand weggeschoben.

Ich wollte ihn nicht töten. Wer oder was auch immer in ihm steckte – dieser Mann war wahrscheinlich nur ein ahnungsloses Opfer. Ich brauchte etwas, um ihn festzunageln.

Mein Blick fiel auf die große Eistruhe zu meiner Rechten. Ich packte den dicken Plastikrand und zog. Mit dem ohrenbetäubenden Kreischen reißender Stromkabel und splitternder Fliesen hob ich das drei Meter lange und hunderte Kilo schwere Ungetüm an, als wäre es ein Umzugskarton voller Kissen. Ich rammte die Truhe gegen den Angreifer und drückte ihn damit fest gegen die Betonwand des Marktes.

Er tobte, kratzte und schlug gegen das Metall, doch ich lehnte mich einfach mit meinem verdichteten Körpergewicht dagegen. Ich war der Gletscher. Unverrückbar. Nach wenigen quälenden Sekunden verdrehte der Mann die Augen, sein Körper erschlaffte, und er rutschte ohnmächtig an der Wand zu Boden.

Der Staub legte sich wie ein feiner Nebel über das Chaos in Gang 4. Abgesehen von dem leisen Zischen einer geplatzten Kühlmittelleitung war es totenstill.

Ich drehte mich langsam um. Dutzende Augenpaare starrten mich an. Niemand rannte schreiend davon. Niemand zückte sein Handy. Sabine rappelte sich langsam auf, strich sich zitternd eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah mich an. In ihrem Blick lag keine Angst vor dem Monster, das ich hätte sein können. Da war nur pure, fassungslose Dankbarkeit.

„Danke“, flüsterte sie und ihre Stimme brach.

Ich nickte stumm. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Das hier war mein Revier gewesen. Mein kleines, perfektes Versteck. Ich blickte an mir herab, griff an das Revers meiner roten Arbeitsweste und zog mein Namensschild ab. Mit einer langsamen Bewegung legte ich das kleine Plastikschild auf das noch funktionierende, leere Kassenband.

Draußen in der Ferne hörte ich bereits das erste, schrille Aufheulen von Polizeisirenen. Mein altes Leben war soeben zu Ende gegangen. Ich drehte mich um, trat durch die zerbrochene automatische Glasschiebetür und machte mich auf den Weg nach Hause zu meiner Familie.

Ich schloss die Wohnungstür leise hinter mir. Der vertraute Geruch von gebratenen Zwiebeln und Knoblauch schlug mir entgegen, untermalt von leiser, entspannter Radiomusik. Sie stand am Herd, summte vor sich hin und rührte in einer Pfanne. Die Welt da draußen fing gerade an aus den Fugen zu geraten, aber hier drinnen war alles noch genau so, wie ich es heute Morgen verlassen hatte. Mein sicherer Hafen.

Ich stützte mich kurz gegen den Türrahmen und atmete tief durch. Der Staub des Supermarktes klebte noch an meiner Kleidung, und meine Knöchel waren leicht aufgeschürft – nicht vom Kampf, sondern von den zersplitterten Bodenfliesen.

„Du bist früh dran“, sagte sie, ohne sich umzudrehen, und tippte mit dem Holzlöffel gegen den Pfannenrand. „Ich dachte, wir gehen ins Da Enzo, also mache ich uns nur einen kleinen Snack vorab...“

Dann drehte sie sich um. Ihr Lächeln gefror, als sie mich sah. Den Staub auf meinen Schultern, den zerrissenen Ärmel meiner Arbeitsweste, meinen ernsten Blick.

„Was ist passiert?“, flüsterte sie und legte den Löffel sofort ab. In ihrer Stimme lag keine Hysterie, nur diese tiefe, ruhige Sorge, die ich so an ihr liebte.

Ich ging zu ihr, nahm ihre Hände und zog sie sanft vom Herd weg zum Küchentisch. „Ich muss dir etwas erzählen. Etwas, das ich schon viel zu lange vor dir verstecke.“

Ich griff in meine Tasche und holte die kleine Samtschatulle heraus. Sie war von dem Aufprall der Kasse leicht verbeult, aber das Innere war unversehrt. Ich klappte sie auf. Der Ring funkelte im warmen Licht der Dunstabzugshaube.

„Ich wollte dich das heute Abend im Restaurant fragen, bei Kerzenschein und gutem Wein“, begann ich, und meine Stimme zitterte mehr, als sie es vor dem Ungetüm im Supermarkt getan hatte. „Aber die Welt da draußen... sie hat sich heute verändert. Ich habe mich verändert. Nein, das stimmt nicht. Ich zeige nur endlich, wer ich wirklich bin.“

Ich erzählte ihr alles. Von dem Mann mit den schwarzen Augen. Von der fliegenden Kasse. Davon, dass ich eine massive Gefriertruhe gehoben hatte, als wäre es ein Sofakissen. Ich sprach schnell, wartete jeden Moment darauf, dass sie zurückweichen oder mich für verrückt erklären würde.

Doch sie tat es nicht. Sie sah auf den Ring, dann tief in meine Augen. Ein sanftes Lächeln stahl sich auf ihre Lippen.

„Ich wusste immer, dass du anders bist“, sagte sie leise und strich mir liebevoll den Staub von der Wange. „Ich habe gespürt, wie du dich zurückhältst, wenn du mich umarmst. Wie du beim Einzug die schweren Eichenmöbel getragen hast, ohne auch nur einmal schwer zu atmen. Du bist mein Fels. Und das wirst du immer sein, egal was da draußen passiert.“

Sie warf sich in meine Arme. Ich fing sie auf, und zum allerersten Mal in unserer gemeinsamen Zeit hielt ich mich nicht zurück. Ich drückte sie fest an mich, hob sie mühelos in die Luft und vergrub mein Gesicht in ihrem Haar. Sie hatte Ja gesagt. Die tonnenschwere Last fiel von mir ab.

Wir ließen uns auf die Küchenstühle sinken. Das Radio dudelte fröhlich weiter, während draußen gedämpft die ersten Nachrichten-Helikopter über die Stadt flogen.

„Und jetzt?“, fragte sie, während sie den Ring an ihrem Finger bewunderte und eine Träne der Freude wegwischte.

„Jetzt?“, entgegnete ich, wischte mir ein paar Staubkörner von der Hose und stand auf. „Jetzt ziehe ich mir ein sauberes Hemd an, wir schalten unsere Handys aus und ignorieren den Weltuntergang für genau drei Stunden. Ich habe uns einen Tisch im Da Enzo reserviert. Und den lassen wir uns von ein paar verrückt gewordenen Monstern ganz sicher nicht verderben.“

Sie lachte – ein helles, klares Geräusch, das die letzten Reste meiner Anspannung vertrieb. „Na dann. Zieh dich um, Superheld. Ich habe Hunger.“

Das Da Enzo war genau so, wie wir es liebten: klein, etwas zu eng bestuhlt, aber erfüllt vom Duft nach geröstetem Knoblauch, frischem Basilikum und gebackenem Pizzateig. Als wir eintraten, hängten wir unsere Sorgen zusammen mit den Jacken an der Garderobe ab.

Wir saßen an unserem Lieblingstisch in der hintersten Ecke. Die rot-weiß karierte Tischdecke bildete den perfekten Kontrast zu dem funkelnden Ring an ihrem Finger. Ich hob mein Glas Rotwein, sie stieß mit ihrem Traubensaft dagegen. Das leise Kling war wie ein Versprechen auf eine Zukunft, die wir uns von nichts und niemandem nehmen lassen würden.

Doch die Realität ließ sich nicht einfach aussperren.

Durch das große Schaufenster zur Straße sahen wir immer wieder die flackernden Reflexionen von Blaulicht. Unser Kellner, ein älterer Herr namens Giuseppe, blickte nervös auf sein Smartphone, das ununterbrochen in seiner Schürzentasche vibrierte. An den Nachbartischen wurde leise, aber aufgeregt getuschelt. Worte wie „Ausnahmezustand“, „Besessene“ und „Militär“ fetzten durch den Raum.

Aber wir hielten uns an den Händen und blendeten es aus. Für die Dauer einer Pizza Margherita und einer großen Portion Spaghetti Carbonara war unsere Welt in Ordnung. Wir planten das Kinderzimmer, lachten über Namensvorschläge und genossen unsere eigene kleine Blase.

Bis es plötzlich heiß wurde. Unnatürlich heiß.

Es war kein langsamer Temperaturanstieg. Es war, als hätte jemand die Tür zu einem Hochofen aufgerissen.

Ich sah auf. Zwei Tische weiter saß eine junge Frau. Sie war vielleicht Anfang zwanzig, trug eine dunkle Kapuzenjacke und umklammerte eine leere Kaffeetasse, als hinge ihr Leben davon ab. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihr Gesicht war schweißgebadet, und sie schnappte panisch nach Luft.

Das Kerzenlicht auf den Tischen in ihrer Umgebung begann wild zu flackern. Dann schossen die kleinen Flammen plötzlich wie grelle Fontänen einen halben Meter in die Höhe.

„Hey, alles in Ordnung bei Ihnen?“, fragte Giuseppe und trat besorgt an ihren Tisch.

„Nicht... nicht anfassen!“, presste die junge Frau hervor. Sie klang nicht böse, sondern verzweifelt. Voller Panik. „Ich... ich kann es nicht anhalten!“

Giuseppe streckte instinktiv die Hand aus, um ihre Schulter zu berühren. In dem Moment verlor sie die Kontrolle.

Mit einem ohrenbetäubenden Fauchen entlud sich eine gewaltige Druckwelle aus purer Hitze aus ihrem Körper. Giuseppe wurde wie eine Stoffpuppe nach hinten geschleudert und krachte gegen einen leeren Tisch. Die Tischdecke vor der jungen Frau ging augenblicklich in Flammen auf. Die Fenster des Restaurants rissen mit einem lauten Klirren, als die Hitze das Glas sprengte.

Panik brach aus. Stühle kippten um, Menschen schrien und drängten in Todesangst zum Ausgang. Die junge Frau saß inmitten eines wachsenden Flammenmeeres, schluchzte und hielt sich die Hände vors Gesicht. Sie war kein Monster. Sie war einfach nur ein verängstigter Mensch, dessen Körper sich gerade in eine Waffe verwandelte.

„Komm mit!“, rief ich über das Tosen des Feuers hinweg und zog meine Verlobte hoch. Ich führte sie schnell, aber sicher hinter die massive Steinmauer des großen Holzofen-Grills. Dort war sie vor der direkten Hitze und den fliegenden Splittern geschützt.

Sie griff nach meinem Arm, ihre Augen weit aufgerissen, aber sie nickte mir entschlossen zu. Geh, sagte ihr Blick. Hilf ihr.

Ich drehte mich um und atmete tief ein. Ich spannte jeden Muskel in meinem Körper an, verdichtete meine Zellen, bis ich mich schwer und unaufhaltsam fühlte wie ein Amboss. Dann ging ich los.

Die Hitze war mörderisch. Normale Kleidung hätte längst Feuer gefangen, aber ich ignorierte die sengende Luft, die mir entgegenwehte. Um mich herum zerfielen Holzstühle zu Asche, Flaschen auf der Theke platzten durch den Druck. In der Mitte dieses feurigen Tornados saß die junge Frau und weinte bitterlich, während sich die Flammen wie eine Kuppel über ihr schlossen.

Ich trat durch die Wand aus Feuer.

Als ich vor ihr stand, riss sie den Kopf hoch. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck, als sie sah, dass ich nicht brannte. Ich sagte kein Wort. Ich hockte mich einfach neben sie in das Inferno, legte meine schweren, unverwundbaren Arme um sie und zog sie fest an meine Brust.

„Schhh“, machte ich leise und drückte ihren Kopf gegen meine Schulter. „Ich hab dich. Alles ist gut. Du bist sicher.“

Sie wehrte sich nicht. Die Panik wich der Erschöpfung. Sie vergrub ihr Gesicht in meinem Hemd und atmete zitternd aus. In dem Moment, in dem sie sich in meiner Umarmung entspannte, fiel die Temperatur im Raum schlagartig ab. Die lodernde Kuppel um uns herum fiel in sich zusammen, die Flammen erstickten, als hätte ihnen jemand den Sauerstoff entzogen.

Zurück blieben nur qualmende Tische, der Geruch nach Asche und eine erschöpfte junge Frau in den Armen eines Mannes, der eigentlich nur Pizza essen wollte.

Der dichte Qualm biss in meinen Augen, doch das Rauschen in meinen Ohren kam von draußen. Die Sirenen waren jetzt ohrenbetäubend laut. Blaulicht zerschnitt die Nacht und tanzte flackernd über die verrußten Wände des Da Enzo.

Ich spürte eine sanfte Hand auf meiner Schulter. Meine Verlobte stand neben mir. Sie hustete leicht, ihr Blick glitt über die zerstörten Tische, den stöhnenden Giuseppe am Boden, der sich glücklicherweise bereits wieder aufrappelte, und blieb schließlich an der jungen Frau in meinen Armen hängen.

„Sie werden sie mitnehmen“, flüsterte meine Verlobte, und in ihrer Stimme schwang ein hartes, beschützendes Timbre mit. „Die Polizei. Oder schlimmer noch – die Leute, von denen in den Nachrichten gesprochen wird. Die, die Jagd auf die Besessenen machen.“

Ich sah auf das zitternde Mädchen hinab. Ihre Kapuzenjacke war an den Rändern angesengt, ihr Gesicht rußverschmiert. Sie klammerte sich an mein Hemd wie eine Ertrinkende. Sie hier zu lassen, um von Behörden wie eine tickende Zeitbombe oder ein Versuchskaninchen behandelt zu werden, war absolut keine Option.

„Wir nehmen sie mit“, entschied ich.

Ich griff in meine Hosentasche, zog meine restlichen Geldscheine heraus – weit mehr, als unsere Pizza gekostet hätte – und legte sie unter einen unversehrten Salzstreuer auf dem Nachbartisch. Ein schwacher Trost für Giuseppe, aber es war das Einzige, was ich gerade tun konnte.

Mit einer fließenden Bewegung hob ich die junge Frau hoch. Sie wog in meinen Armen nicht mehr als ein leichtes Handtuch. Meine Verlobte griff nach meiner freien Hand und zog mich in Richtung der Küchentür. Wir huschten durch die Vorratskammer und traten durch den Hinterausgang in die kühle, dunkle Gasse, just in dem Moment, als die schweren Reifen der Feuerwehrwagen kreischend vor dem Haupteingang zum Stehen kamen.

Der Weg zurück zu unserer Wohnung verlief im Schweigen. Wir wählten die dunklen Seitenstraßen, mieden die Hauptstraßen, auf denen Polizeikolonnen patrouillierten. Die Stadt atmete nervös, wie ein Tier kurz vor dem Sprung.

Als sich unsere Wohnungstür endlich hinter uns schloss, fiel die Anspannung der letzten halben Stunde von uns ab. Der schwache Geruch nach den gebratenen Zwiebeln von vorhin schien aus einer anderen Lebenszeit zu stammen.

Ich legte die junge Frau behutsam auf unsere Couch. Sie zog sofort die Beine an und machte sich ganz klein. Meine Verlobte war bereits ins Schlafzimmer verschwunden und kam mit einer dicken Wolldecke und einem Glas Wasser zurück. Sie wickelte die Decke eng um die zitternden Schultern unseres Gastes und drückte ihr das Glas in die Hände.

„Trink einen Schluck“, sagte sie mit jener beruhigenden, mütterlichen Wärme, die mir jeden Tag aufs Neue bewies, dass sie die beste Mutter der Welt sein würde. „Du bist hier sicher. Niemand wird dir wehtun.“

Die junge Frau nahm einen zittrigen Schluck. Das Glas klapperte gegen ihre Zähne. Sie hob den Blick, sah erst meine Verlobte an und fixierte dann mich.

„Ich wollte das nicht“, brach es mit rauer Stimme aus ihr heraus. Tränen bahnten sich ihren Weg durch den Ruß auf ihren Wangen. „Ich saß nur da. Und plötzlich brannte mein Inneres. Es war, als würde ich von innen heraus ersticken, wenn ich es nicht... rauslasse. Ich bin ein Monster.“

„Du bist kein Monster.“ Ich trat vor und kniete mich vor die Couch, sodass ich mit ihr auf Augenhöhe war. Ich nahm einen der massiven, eisernen Kerzenständer, der auf unserem Couchtisch stand. Er war dick wie ein Handgelenk und für einen normalen Menschen unmöglich zu verbiegen. Ohne jede sichtbare Anstrengung schloss ich meine Hand darum. Das Metall knirschte und faltete sich zwischen meinen Fingern zusammen wie weiche Knetmasse, bis nur noch ein kompakter Eisenklumpen übrig war. Ich legte ihn leise auf den Tisch.

„Die Welt da draußen verändert sich gerade drastisch“, sagte ich ruhig. „Manche Menschen wachen auf und verlieren den Verstand. Aber andere... andere bekommen Gaben, die sie erst noch verstehen müssen. Du gehörst zu den Guten. Und du bist damit nicht allein.“

Sie starrte auf den zerknüllten Kerzenständer, dann wieder zu mir. Ein schwaches, ungläubiges Staunen trat an die Stelle ihrer nackten Panik.

„Ich bin Lina“, flüsterte sie schließlich und zog die Decke etwas enger um sich.

Meine Verlobte setzte sich neben Lina auf die Couch und legte ihr sanft einen Arm um die Schulter. „Freut mich, dich kennenzulernen, Lina. Wir finden gemeinsam heraus, wie das alles funktioniert. Aber für heute Nacht ruhst du dich erst einmal aus.“

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