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Kapitel 3

Author: Moore
Jonas zerrte an meinen Haaren und riss mich von der Treppe herunter.

„Marie ist jetzt volljährig! Du kannst ihre Gefühle nicht mehr einfach ignorieren wie früher!“

Ich schlug hart auf dem Boden auf. Ein stechender Schmerz durchfuhr meine Knie.

Lukas stand daneben und runzelte die Stirn.

„Sophie, die Verschiebung war meine Idee. Marie kann nichts dafür. Wenn du wütend bist, lass es an mir aus, aber mach Marie nicht unglücklich.“

Zusammengekauert am Boden konnte ich nicht sagen, ob der Schmerz aus meinen Knien oder meinem Herzen kam.

„Schimpft nicht mehr mit Sophie. Es ist alles meine Schuld. Ich hätte später volljährig werden sollen, dann hätte sich das nicht mit Sophies und Lukas’ Hochzeit überschnitten.“

Marie wischte sich die Augen, doch das triumphierende Lächeln um ihre Mundwinkel war unverkennbar.

„Was redest du da für einen Unsinn? Kannst du etwa entscheiden, wann du volljährig wirst? Die Hochzeit war einfach schlecht geplant, das hat überhaupt nichts mit dir zu tun!“

Sein Blick fiel auf mich, voller Verachtung.

„Wenn du so gern schmollst, dann kannst du ja in der Ecke versauern!“

Jonas zerrte mich hoch und schubste mich in die Abstellkammer neben der Treppe.

Panik erfasste mich. Verzweifelt rüttelte ich an der Türklinke, doch draußen klickte das Schloss. Jonas hatte abgeschlossen.

„Bleib da drin und denk über dich nach. Wenn du zu Verstand gekommen bist, darfst du wieder raus.“

„Nein! Bitte lass mich raus! Ich habe eine allergische Reaktion! Ich muss sofort mein Medikament nehmen!“

Panisch schrie ich um Hilfe, doch Jonas schob bereits Marie zur Tür hinaus. Undeutlich hörte ich ihre Stimmen.

„Ich habe im Meeresfrüchte-Restaurant reserviert. Es wird Zeit, wir sollten los!“

„Aber Sophie...“

„Keine Sorge, ein paar Stunden schaden nicht. Soll sie drinnen mal über ihr Verhalten nachdenken.“

„Stimmt, Sophies Temperament ist wirklich zu hitzig. Ein bisschen Nachdenken wird ihr guttun. Ich bringe ihr ihre Lieblingsgarnelen mit.“

„Lukas, komm doch auch mit. Sophie ist nicht in Gefahr, ein paar Stunden eingesperrt zu sein.“

Nackte Angst stieg in mir auf. Ich hämmerte gegen die Tür und schrie.

„Ich bin nicht mehr böse! Ich entschuldige mich bei Marie! Ihr könnt mich auch auf die Knie zwingen! Bitte lasst mich raus! Ich habe wirklich eine Allergie! Ohne das Medikament sterbe ich! Bitte!“

Meine Stimme überschlug sich, doch draußen blieb es still.

Verzweifelt sank ich zu Boden. Das Jucken breitete sich von meinem Rücken auf mein Gesicht aus. Vielleicht durch die Aufregung begann auch meine Kehle zu jucken.

Mama und Papa hatten doch gesehen, wie ich den Mangosaft trank. Sie wussten, dass ich allergisch bin. Und trotzdem hatten sie mich bereits vergessen.

Sie erinnerten sich an das Restaurant, das Marie vor Ewigkeiten erwähnt hatte. Aber sie vergaßen den Mangosaft, den ich vor fünf Minuten getrunken hatte.

Der verzweifelte Überlebenswille ließ mich wieder aufstehen. Ich zerrte an der Türklinke.

Aber die Tür war von außen verriegelt. Sie ließ sich nicht öffnen.

Ich tastete hektisch meinen Körper ab. Mein Handy, das ich gerade noch in der Hand gehalten hatte, war beim Sturz irgendwohin geflogen.

Der Ausschlag hatte sich längst über meinen ganzen Körper ausgebreitet. Mein Gesicht war durch die Allergie so angeschwollen wie ein Ballon. Selbst meine Augen waren nur noch schmale Schlitze.

Das Atmen fiel mir immer schwerer. Wenn mich niemand befreite, würde ich in dieser Abstellkammer sterben!

Bei der verzweifelten Suche nach einem Werkzeug, um das Schloss aufzubrechen, entdeckte ich endlich mein Handy, das in einer Ecke lag.

Erleichtert griff ich mit zitternden Händen danach.

Doch weder meine Eltern noch mein Bruder oder mein Verlobter gingen ans Telefon.

Schließlich schickte mir Jonas noch eine Nachricht:

„An der Frostheim-Reise solltest du lieber nicht teilnehmen. Marie wäre traurig, dich zu sehen.“

Tränen quollen aus meinen geschwollenen Augen. Ich hatte es ja gewusst. Sie waren meine Hoffnung nicht wert.

Ich wählte direkt den Notruf.

Das Warten auf Hilfe zog sich endlos hin. Die Allergie ließ meinen Rachen anschwellen, das Atmen wurde zur Qual. Nur mit Mühe konnte ich dem Rettungsteam den Weg beschreiben, wobei ich mehrmals wegen Sauerstoffmangels kurz davor war, das Bewusstsein zu verlieren.

Als die Tür endlich mit Gewalt aufgebrochen wurde, verschwamm alles vor meinen Augen. Ich verlor das Bewusstsein.
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