Masuk
Die zerbrochene Verbindung
**Kiaras Perspektive** „Was glotzt du so, du Freak?", zischte Elena, während sie so heftig an den Korsettbändern ihres Kleides zerrte, dass die zarte Seide unter dem Druck ächzte. Ich keuchte auf, meine Hände flogen zu meiner Kehle, während meine Lungen nach Luft brannten. In den Standspiegel in Elenas Schlafzimmer starrend, sah ich nicht mein eigenes Spiegelbild. Ich sah ein Phantom. Elena wurde gerade in ein atemberaubendes, silbern perlenbesetztes Kleid gezogen – das heilige Zeremonienkleid, das einst meiner verstorbenen Mutter gehört hatte. „Nimm deine schmutzigen Hände von der Seide, Kiara", höhnte meine Stiefmutter Beatrice von der Türschwelle. „Heute Nacht wird Ronan zum Alpha des Silver-Moon-Rudels. Und heute Nacht wird meine Elena seine Luna und besteigt den Thron, der uns schon immer gehört hätte." Die Worte waren schlimmer als jede Ohrfeige oder jeder Schlag, doch ich ließ mein Gesicht völlig ausdruckslos. Dieses Rudelhaus, der Thron und dieses Kleid gehörten meiner Blutlinie – doch alles war mir gestohlen worden. Mein Vater Elias war der angesehene, rechtmäßige Alpha des Silver Moon gewesen, und meine Mutter seine furchtlose Luna. Doch vor zwei Jahren hatte ein brutaler Angriff von Schurken-Wölfen die nördlichen Gebiete verwüstet. Mein Vater war an vorderster Front gefallen und hatte sein Leben geopfert, um das Rudel zu schützen. Meine Mutter hingegen war viel früher gestorben – auf mysteriöse Weise. Mit dem Zerbrechen der Alpha-Blutlinie hatte der Beta meines Vaters die Führung des Rudels an sich gerissen. Da ich biologisch gebrochen geboren worden war – eine seltene Anomalie ohne inneren Wolf – vergaß das Rudel rasch das höchste Opfer meines Vaters. Von einem Tag auf den anderen wurde die wahre Tochter des Alphas ihres Titels beraubt, in den Keller verbannt und auf ein wolfsloses Dienstmädchen aus Rauch und Nichts reduziert. „Ein nutzloser menschlicher Fehler wie du sollte es nicht einmal verdienen, dieselbe Luft wie unser Fest zu atmen", warnte Elena, während sie ihr eigenes Spiegelbild mit einem grausamen, triumphierenden Lächeln bewunderte. „Wenn ich dich heute Nacht aus dem Haus schleichen sehe, werde ich die Vollstrecker deine Beine brechen lassen." Ich zuckte nicht zusammen. Ich hatte zwei Jahre damit verbracht, ihr Gift in mich aufzusaugen, bis ich vollkommen taub war. Doch heute hatte ein seltsames, schweres Ziehen tief in meiner Brust vibriert – ein magnetischer, quälender Sog, der mit jeder Minute stärker wurde. Getrieben von einem Aufschrei in meinem Blut, den ich nicht länger ignorieren konnte, wartete ich, bis sie gegangen waren, und schlüpfte dann durch den Dienstboteneingang in den dunklen Wald hinaus. Meine nackten Füße bewegten sich lautlos über das feuchte Moos und die spitzen Äste, völlig unbeeindruckt von der beißenden Mitternachtskälte. Als ich den Rand der heiligen Lichtung erreichte, traf mich der Duft des Festes – gebratenes Wildfleisch, Kiefernnadeln und der erdrückende, raubtierhafte Moschusgeruch von Hunderten von Wölfen. Ich versteckte mich hinter der rauen Rinde einer mächtigen Eiche und blickte an mir herunter. Ich trug ein schlichtes, ausgeblichenes weißes Baumwollhemd, am Saum ausgefranst. Im Vergleich zu den prächtigen Seiden der Rudelwölfe sah ich aus wie ein Geist, der in einen Königshof eindringt. Im Zentrum der Lichtung, getaucht in das lebhafte, tanzende Licht des Großen Feuers, stand Ronan. Sein Anblick ließ mich den Atem anhalten. Er sah seinem Vater jetzt so ähnlich – groß, breitschultrig und eine mühelos raubtierhafte Dominanz ausstrahlend. Er war der Kronprinz des Silver Moon – der Junge, den alle in seiner Nähe haben wollten. Ich klammerte mich so fest an die Baumrinde, dass mir ein Splitter in die Handfläche drang. Meine Gedanken schweiften zurück zu jenem bitteren Winternachmittag kurz nach der Beerdigung meiner Eltern. Ich hatte zitternd auf der Veranda gestanden und den anderen Kindern zugeschaut, wie sie sich in flauschige Welpen verwandelten – erdrückt vom hohlen Schmerz meines fehlenden Wolfes. Da hatte der fünfzehnjährige Ronan seinen eigenen dicken Fellumhang abgestreift und ihn mir um die Schultern gelegt. „Ignoriere sie, Kiara", hatte er geflüstert, während er sich neben mir in den Schnee setzte. „Ein Wolf zu sein bedeutet nur Zähne. Du hast ein Herz. Das ist viel wichtiger." Zwei Jahre der Hölle hindurch war Ronan meine geheime Sonne gewesen. Wenn Beatrice mich schlug, suchte Ronan mich im Garten auf und drückte mir eine Blume in die Hand. Wenn Elena mich einen Freak nannte, fing Ronan meinen Blick quer durch einen vollen Raum auf und zwinkerte mir heimlich zu – ein Zwinkern, das sagte: *Ich sehe dich. Du bist wichtig.* Er war der Einzige, der mich noch immer wie die wahre Tochter des Alphas behandelte. Plötzlich loderte ein heftiger Funke in meiner Brust auf. Der Mond erreichte seinen absoluten Höhepunkt am Nachthimmel, und der Funke explodierte in einer kosmischen Welle aus Energie. Es fühlte sich an, als wäre ein goldener Faden aus reinem Licht durch mein Herz gezogen und mit einem Ruck straff gespannt worden – meine Seele direkt mit dem Jungen am Feuer verbindend. Meine Knie gaben nach. Mein Atem stockte. Das sanfte Ziehen steigerte sich zu einem betäubenden Donnern, das mein tiefstes Mark erschütterte. *Gefährte.* Die Erkenntnis kam nicht von einem inneren Wolf. Sie kam aus meinem Blut. Sie kam aus meiner Seele. Von einer verzweifelten Welle der Erleichterung getrieben, taumelte ich aus den dunklen Schatten in den bernsteinfarbenen Schein der Festlaternen. *Er gehört mir*, dachte ich, während Tränen meinen Blick endlich verschleierten. *Der einzige Mensch, der mich liebt – er ist derjenige, den mir die Mondgöttin geschenkt hat.* In genau diesem Moment erstarrte Ronan. Er schnappte nach Luft, sein Kopf fuhr heftig herum, während seine Nasenlöcher sich weiteten und meinen Duft auffingen. Seine Augen durchsuchten die Menge – wild und gehetzt – bis sie sich direkt auf mir festigten. Über die Lichtung hinweg trafen sich unsere Blicke. Für einen einzigen Herzschlag verstummten die Musik, das Lachen und das Knistern des Feuers vollständig. Ich sah den tiefen Schock in seinen Augen, dem sofort ein Aufflackern jener alten, wunderschönen Wärme folgte. Seine Lippen öffneten sich, und er machte einen halben Schritt auf mich zu. Doch dann holte die Wirklichkeit uns wieder ein. Ronans Vater trat vor und legte Ronan eine schwere, beherrschende Hand auf die Schulter. Er flüsterte ihm etwas Leises ins Ohr, seine schmalen Augen huschten zu mir herüber – mit unverhülltem Ekel. Ronans Blick glitt zu den Rudelältesten, die mit kalten, richtenden Blicken zusahen. Er sah die Krieger an, die eine starke, fruchtbare Luna forderten. Schließlich fiel sein Blick auf Elena, die neben den Flammen stand wie eine Königin in dem Kleid meiner Mutter. Ich machte einen weiteren qualvollen Schritt vorwärts, meine Hand streckte sich über die Distanz aus. „Ronan?", flüsterte ich. Die Wärme in Ronans Augen verblasste nicht nur – sie erlosch. Sie erstarrte zu etwas Kaltem, Scharfem und zutiefst Hässlichem. Er betrachtete mein zerschlagenes Gesicht und mein ausgefranstes Kleid. Er sah mich an, als wäre ich ein Fleck auf seinem makellosen Aufstiegsfest. Er schritt auf mich zu, und die Menge teilte sich wie Wasser vor einem Raubtier. Die Stille, die über die Lichtung fiel, war so schwer, dass das Atmen unmöglich schien. Hunderte von Augen beobachteten uns. „Kiara", sagte er. Seine Stimme war nicht mehr die Stimme des Jungen, der seinen Umhang im Schnee geteilt hatte. Es war die Stimme eines Politikers – eines Mannes, der Macht begehrte, weit mehr als er eine Seelengefährtin schätzte. „Ronan, ich habe es gespürt", sagte ich, meine Stimme zitterte so heftig, dass ich kaum die Silben formen konnte. „Die Verbindung. Es sind wir. Die Mondgöttin hat uns füreinander auserwählt." Ronan lächelte nicht. Er streckte keine Hand aus, um meine zitternden Hände zu beruhigen. Er stand aufrecht, zog seine breiten Schultern zurück, während sein hübsches Gesicht zu einer makellosen Maske aus Stein erstarrte. „Die Verbindung ist ein Irrtum", erklärte Ronan. Er sprach laut, seine von Alpha-Blut geborene Stimme trug mühelos in jeden Winkel der Lichtung. Es fühlte sich an, als hätte man mir mitten in den Magen getreten. Die Luft entwich heftig aus meinen Lungen. „Was?"Die riesigen Tore im hinteren Bereich öffneten sich und schlugen mit solcher Wucht wieder zu, dass die gesamte Schule erzitterte. Nur wenige Augenblicke später hörten wir, wie Riegelschlösser einrasteten, gefolgt vom beunruhigenden Klirren schwerer Ketten, die sich fest um die Griffe wickelten. Wir waren gefangen. Diese Wahnsinnigen sperrten uns hier ein.Panik durchraste die Menge, als Schüler in der Nähe der Tore rückwärts taumelten und gegeneinanderprallten. Gerade als die Verwirrung einsetzte, erschütterte eine tiefe, grollende Vibration den Boden unter uns, und überall wirbelte Staub auf.Langsam begannen eiserne Käfige aus der Dunkelheit unter dem Hof emporzusteigen, hoben sich, bis sie über uns aufragten und die doppelte Höhe eines erwachsenen Mannes erreichten. Aus dem Inneren dieser Käfige hallten leise Knurrlaute durch die Schatten. Die Käfige rasteten mit schweren, dumpfen Schlägen ein, als wäre das, was darin steckte, stark genug, den Käfig zu bewegen.Es waren gewaltige,
Der Schulleiter stand auf dem Balkon, beugte sich vor, seine schweren Arme auf dem geschnitzten Marmor abgestützt. Ein leichter Windhauch zerzauste sein Haar, doch er selbst blieb reglos. Je länger er uns ansah, desto furchteinflößender wurde er.„Fünf Regeln bestimmen dieses Leben hier", rief er hinunter, seine Stimme sanft und dennoch scharf. „Lernt sie gut, und ihr überlebt vielleicht einen weiteren Winter. Missachtet sie, und noch vor Einbruch der Nacht wird jemand anderes euren Platz einnehmen. Und ihr werdet … nun, sagen wir einfach: verschwunden sein."Eine Welle der Nervosität erfasste mich und die Menge. Tim, neben mir, presste seinen Arm fest an die Seite und atmete schnell und flach. Ich blieb still, hielt das Kinn gesenkt und die Augen auf den Schulleiter oben gerichtet.„Regel Nummer eins", sagte er und hob einen behandschuhten Finger. „Eure Lehrer sind hier, um euch zu beurteilen, nicht um euch zu retten. Während der Prüfungen wird niemand eingreifen, wenn ihr in Gefahr
Ein lauter Sirenenton riss mich aus dem Schlaf. Er schrillte so laut, dass sich mein Kopf drehte. Ich fuhr hoch, das Herz raste vor Schreck über den ohrenbetäubenden Lärm. Tim war schon aus dem Bett und zog sich mit zitternden Händen hastig seine schweren Stiefel an. Sein Gesicht war blass, während er sich eine grobe Tunika über den Kopf zog.„Steh auf, Kiara! Beeil dich! Schnell!", drängte er, seine Stimme war heiser vor Angst. Er sah mich nicht einmal an, seine Augen waren auf die eiserne Tür gerichtet. „Wenn wir nicht vor dem letzten Signal im Hof sind, bestrafen sie dich. Das willst du nicht sehen. Glaub mir."Ich stellte keine Fragen. Die Panik in seinen Augen sagte mir alles, was ich wissen musste. Ich stand auf, noch benommen, weil ich schlecht geschlafen hatte. Das Bett war hart wie Stein. Vorhin hatte ich mir Zeit genommen, den Ort zu studieren, um zu sehen, ob eine Flucht möglich wäre. Ich schwang die Beine über die Bettkante und zwängte meine Zehen in meine abgetragenen Sti
Der Alpha-FriedhofDie Fahrt im Van fühlte sich an wie Jahre. Jedes Mal, wenn die Reifen ein Schlagloch trafen, schrien Kiaras geprellte Rippen vor Protest auf. Sie saß in der stockfinsteren Ladefläche und zählte ihre Herzschläge, um bei Verstand zu bleiben. Sie wusste nicht, wie weit sie schon gefahren waren, doch die dünner und kälter werdende Luft verriet ihr, dass sie hoch in den Bergen waren.Als der Van endlich anhielt, wurden die Hecktüren mit einem gewaltsamen Knall aufgerissen. Das Licht war so grell, dass es sich wie Nadeln in Kiaras Augen anfühlte. Eine grobe Hand packte sie am Kragen und zerrte sie hinaus, warf sie auf den harten, gefrorenen Boden.Kiara keuchte, als die kalte Bergluft ihre Lungen traf. Sie schmeckte nach Eisen und Schnee. Sie stemmte sich mit zitternden Händen hoch und sah sich um.Die Alpha-Akademie sah nicht aus wie eine Schule. Sie sah aus wie ein für Riesen gebautes Gefängnis. Gewaltige Mauern aus schwarzem Stein ragten in den Himmel, gekrönt von zack
Das TodesurteilDie Welt kehrte zu Kiara in Wellen pochenden Schmerzes zurück. Das Erste, was sie spürte, war die Kälte des Bodens an ihrer Wange. Das Zweite war der metallische Geschmack von Blut, das sich in ihrem Mundwinkel getrocknet hatte. Bei jedem Herzschlag schien eine scharfe, weißglühende Nadel in ihren Schädel zu stechen.Sie versuchte, ihren Arm zu bewegen, doch stattdessen entkam ihr nur ein Stöhnen. Ihre Rippen fühlten sich an, als wären sie unter einem schweren Stein zerquetscht worden, und ihre Haut spannte gespenstisch und war voller blauer Flecken.„Na endlich. Ich hatte schon befürchtet, ich hätte zu fest zugeschlagen und mich selbst um den Abschied gebracht."Kiaras Augen flogen auf, doch das Licht in der Küche ließ ihre Sicht verschwimmen. Beatrice saß direkt vor ihr auf einem Stuhl und nippte aus einer Porzellantasse. Sie wirkte vollkommen ruhig, als hätte sie nicht gerade die ganze Nacht damit verbracht, ihre Stieftochter zu Boden zu prügeln.Kiara stemmte sich
**Der Friedhof der Alphas****Kiaras Perspektive**Die Fahrt im Transporter fühlte sich an, als würde sie Jahre dauern. Jedes Mal, wenn die Reifen in ein Schlagloch gerieten, schrien meine blauen Rippen protestierend auf. Ich saß in dem pechschwarzen Raum und zählte meine Herzschläge, um den Verstand zu behalten. Ich wusste nicht, wie weit wir gefahren waren, aber die dünner und kälter werdende Luft verriet mir, dass wir hoch in den Bergen waren.Als der Transporter endlich anhielt, wurden die hinteren Türen mit einem heftigen Knall aufgerissen. Das Licht war so grell, dass es sich wie Nadeln in meinen Augen anfühlte. Eine grobe Hand packte mich am Rücken meines Hemdes und zerrte mich heraus, warf mich auf den harten, gefrorenen Boden.Ich keuchte, als die kalte Bergluft meine Lungen traf. Sie schmeckte nach Eisen und Schnee. Ich stemmte mich auf zitternden Händen hoch und sah mich um.Die Alpha-Akademie sah nicht aus wie eine Schule. Sie sah aus wie ein Gefängnis, gebaut für Riesen.







