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Kapitel 2

Author: Isle of Moon
Mein Gesichtsausdruck sagte alles. Meinte Brett das ernst?

Ausgerechnet er hatte mir an jenem Tag unvermittelt erklärt, dass es ihm nicht gefiel, wie ich ständig an ihm hing und mich bei allem auf ihn verließ. Und ausgerechnet er hatte mir ohne jede Erklärung irgendeine KI-App vor die Füße geworfen.

„Warum sollte ich dir davon erzählen?“, fragte ich.

Darauf wusste Brett nichts zu erwidern. Seine Miene verdüsterte sich. „Sind deine Eltern wirklich damit einverstanden, dass du allein reist?“

Aus irgendeinem Grund musste ich an die KI auf meinem Handy denken.

„Wer sagt denn, dass ich allein reise?“

Brett schnaubte. „Ich kenne dich besser als jeder andere. Du gehst nicht einmal allein in den Laden unten an der Ecke. Wer sollte sonst mit dir fahren? Selbst wenn deine Eltern einverstanden sind, meine Mutter würde trotzdem ...“

Bevor er ausreden konnte, klingelte sein Handy. Seine Mutter Sally Gilbert rief an.

Mein Gehör war schlecht, und selbst mit meinen Hörgeräten verstand ich nicht, worüber die beiden sprachen. Doch Brett wirkte mit jeder Sekunde gereizter. Vermutlich verlangte Sally von ihm, mich nach Briar Island zu begleiten.

Brett hätte ablehnen können. Nach dem Gespräch seufzte er jedoch schwer. „Ich kriege dich wohl wirklich nicht los, was?“

Wie erstarrt stand ich da.

Ich verstand, weshalb seine Mutter so handelte. Als Kind war meine Hörschwäche noch nicht so ausgeprägt gewesen. Eines Tages hatte Brett sich wie ein verzogener Bengel benommen, ein Spielzeughorn genommen und mir meinen Namen direkt ins Ohr gebrüllt.

Ich schlug die Hände über den Ohren zusammen und brach in Tränen aus. Meine Eltern brachten mich sofort ins Krankenhaus. Das Ergebnis war niederschmetternd: Vermutlich würde ich für den Rest meines Lebens Hörgeräte brauchen, um im Alltag normal zurechtzukommen.

Meine Eltern machten ihm kaum Vorwürfe, doch Sally war außer sich gewesen. Sie verprügelte Brett fast grün und blau, zwang ihn vor mir auf die Knie und ließ ihn einen Schwur ablegen.

„Brett Carver schwört, sich für immer um Mara Kessler zu kümmern, gut zu ihr zu sein und sie nie wieder zu ärgern.“

Der kleine Brett weinte so heftig, dass seine Schultern bebten. Er war zu jung gewesen, um überhaupt zu begreifen, was Verantwortung bedeutete. Doch zur Überraschung aller hielt er sein Versprechen tatsächlich.

Von unserem sechsten bis zu unserem achtzehnten Lebensjahr war er der Mensch, auf den ich mich stützte. Brett verstand mich, ohne dass ich ein Wort sagen musste.

Deshalb wusste ich längst, dass er vermutlich Gefühle für Tiana entwickelt hatte.

Es begann, glaube ich, etwa drei Monate vor dem Schulabschluss. Tiana, die faule Schülerin, die in der Rangliste stets den letzten Platz belegte, fing plötzlich an zu lernen.

Brett hatte nur verächtlich reagiert. Während er mir ein Ei schälte, murmelte er: „Jetzt hört sie endlich auf, alles auf die leichte Schulter zu nehmen, und bereut es. Glaubt sie wirklich, drei Monate könnten drei Jahre harter Arbeit wettmachen? Solche Leute kann ich nicht ausstehen.“

Damals mochte er Tiana wirklich nicht. Sie kam ständig zu spät, schwänzte den Unterricht und störte immer wieder. Doch das änderte sich, als er ihr eines Tages auf einem Treppenabsatz begegnete.

Die Übungsprüfungen in ihren Armen fielen zu Boden und verteilten sich über die Stufen. Da sah Brett, dass die Seiten bis an den Rand mit handschriftlichen Notizen bedeckt waren.

Von diesem Tag an kam er ihr immer näher. Einen Monat vor dem Abschluss holte er Tiana in unsere Lerngruppe, damit sie die Prüfung bestand. Und mich übersah er zunehmend.

Es war also nur logisch, dass Brett eine Grenze zwischen uns ziehen wollte.

Ich dachte kurz nach und holte tief Luft. „Du musst nicht mitkommen. Ich erkläre es deiner Mutter.“

Brett verzog den Mund zu einem bitteren Lächeln und zog ein Flugticket aus der Tasche. Dann wandte er sich an Tiana. „Ich war mir nicht sicher, ob ich dich begleiten soll. Aber jetzt habe ich offenbar keine Wahl mehr.“

Brett und Tiana sahen einander an und lächelten.

Schweigend öffnete ich die KI-App. „Ich glaube, ich bin gerade zur Statistin in ihrem kleinen Spiel geworden.“

„Das ist hart.“

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