Share

Als ich ihn nicht mehr brauchte
Als ich ihn nicht mehr brauchte
Author: Isle of Moon

Kapitel 1

Author: Isle of Moon
Ich verließ mich nicht mehr auf Brett Carver. Stattdessen besprach ich in den nächsten Tagen alles zuerst mit der KI.

Doch irgendetwas an der KI war anders als bei anderen Chatbots. In ihren Antworten lag etwas Beunruhigendes, beinahe Menschliches.

Am Tag vor meiner Abreise nach Briar Island beschloss ich, sie auf die Probe zu stellen.

„Wenn ich allein aufs Meer schaue, fühle ich mich bestimmt ein bisschen einsam. Kommst du mit?“

„Bist du dir da sicher?“

Meine Finger erstarrten über der Tastatur. Seit wann stellte eine KI Gegenfragen?

Doch gleich darauf wechselte die KI den Ton.

„Ich bin bei dir. Ich verstecke mich nicht, weiche nicht zurück und laufe nicht davon. Ich fange dich auf.“

Ich atmete tief aus, gab den Versuch auf, daraus schlau zu werden, und packte meine Sachen.

Am nächsten Tag traf ich am Flughafen völlig unerwartet auf Brett. Wir wohnten in derselben Gegend, doch ich hatte ihn seit zehn Tagen nicht mehr gesehen.

Ich hatte mir seine Worte zu Herzen genommen und hing nicht mehr so an ihm wie früher. Schließlich wollte ich Rücksicht auf seine Gefühle nehmen. Auch begrüßen wollte ich ihn nicht.

Da kam unsere frühere Mitschülerin Tiana Griffin hinter Brett hervorgesprungen.

„Mara!“

Ich erstarrte und drehte mich steif zu ihr um. Als mein Blick Bretts traf, flackerte unverkennbar Verärgerung in seinen Augen auf.

Brett trug Tianas Gepäck. Offenbar wollten die beiden gemeinsam auf Abschlussreise gehen.

Etwas Bitteres zog sich in mir zusammen, doch ich ließ mir nichts anmerken und sah weg.

Tiana zog Brett zu mir herüber. „Was für ein Zufall! Was machst du denn am Flughafen?“

Dann wandte Tiana sich mit einem spielerisch vorwurfsvollen Blick an Brett. „Mara fliegt am selben Tag wie ich, und du bist nicht einmal gekommen, um sie zu verabschieden? Was bist du denn für ein Freund aus Kindertagen? Ganz schön herzlos.“

Je länger ich zuhörte, desto unbehaglicher wurde mir. Doch Tiana war nun einmal so: direkt und unbekümmert. Deshalb ließ ich es gut sein. Ich wollte dieser peinlichen Situation nur möglichst schnell entkommen.

Da runzelte Brett die Stirn. „Mara, du hättest mir wirklich nicht bis hierher folgen müssen.“

In seiner Stimme lag eine Ungeduld, die ich von ihm nicht kannte. Er ließ mich nicht einmal zu Wort kommen.

„Wie lange ist es her? Ein paar Tage? Und schon fängst du wieder damit an? Ich habe deiner Mutter versprochen, auf dich aufzupassen, aber ich brauche auch meinen Freiraum.“

Ich schloss für einen Moment die Augen und hob die Hand, um ihn zu unterbrechen. „Du glaubst, ich bin deinetwegen hier?“

Meine Frage brachte Brett aus dem Konzept. Er blinzelte. „Warum denn sonst?“

Ungläubig stieß ich ein leises Lachen aus. „Ich fliege heute nach Briar Island.“

Dann tippte ich auf meine Uhr. „Ich habe einen Zeitplan. War sonst noch etwas?“

Eine Weile schwieg Brett und musterte mich mit undurchdringlicher Miene. Erst jetzt schien ihm etwas aufzufallen.

Ich hatte meine Haare in einer neuen Farbe gefärbt und war völlig anders gekleidet. Außerdem hatte ich eine ganze Abschlussreise nach Briar Island geplant, ohne Brett auch nur ein einziges Mal damit zu bedrängen, wie ich es früher getan hätte.

Als Brett wieder sprach, klang seine Stimme seltsam. „Warum hast du mir nichts davon erzählt?“

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Als ich ihn nicht mehr brauchte   Kapitel 12

    Von diesem Tag an versuchte Brett auf jede erdenkliche Weise, sich zu entschuldigen. Er schickte mir lange Nachrichten und bat Sally, vor meiner Tür für ihn zu sprechen. Dabei ließ er sie immer wieder unsere Versprechen aus Kindertagen und früheren Pläne erwähnen.Unablässig beteuerte er, sein Wort zu halten und sich für den Rest seines Lebens um mich zu kümmern.Schließlich bat ich Sally, Brett eine einzige Nachricht auszurichten.„Ich bin erwachsen geworden. Ich brauche niemanden mehr, der auf mich aufpasst oder mich beschützt.“Danach meldete Brett sich nicht mehr.Zwei Wochen später erfuhr ich von einer früheren Mitschülerin, dass Brett Kingsley aufgegeben und sich stattdessen in Northgate beworben hatte. Es berührte mich nicht. Ich suchte weder nach ihm noch fragte ich nach dem Grund.Brett war erwachsen. Wir hatten beide unseren eigenen Weg gewählt. Mehr gab es dazu nicht zu sagen.Unerwartet erhielt ich am Abend vor Semesterbeginn eine Nachricht von Wes.„Morgen beginnt

  • Als ich ihn nicht mehr brauchte   Kapitel 11

    Doch früh am nächsten Morgen kam Sally zu mir.Sally saß auf dem Sofa. In ihrer Stimme lagen Hilflosigkeit und Sorge. „Mara, Brett ist seit gestern völlig neben sich. Er hat sich den ganzen Tag in seinem Zimmer eingeschlossen, isst nicht und schläft nicht. Nicht einmal seine Bewerbung hat er ausgefüllt. Sie ist noch vollkommen leer.“„Habt ihr euch gestritten? Ihr steht euch seit so vielen Jahren nahe. Ganz gleich, was passiert ist, sprecht miteinander. Lasst nicht zu, dass eure Sturheit euch im Weg steht.“Ruhig schüttelte ich den Kopf. „Wir haben uns nicht gestritten, Sally. Wir sind einfach erwachsen geworden. Ich habe jetzt meine eigenen Gedanken und Pläne für mein Leben. Ich will nicht länger an den Schatten eines anderen gebunden sein.“Sally sah mich an und seufzte. Offenbar verstand sie, was ich meinte.Nachdem sie gegangen war, nahm ich mein Handy und scrollte durch die sozialen Medien. Gleich als Erstes sah ich einen neuen Beitrag von Tiana. Das Foto zeigte einen Univers

  • Als ich ihn nicht mehr brauchte   Kapitel 10

    Einige Tage nach meiner Rückkehr wurden die Ergebnisse der Hochschulaufnahmeprüfung veröffentlicht. Am selben Abend trafen sich unsere beiden Familien bei uns zu Hause zum Essen. Der Tisch war reich gedeckt, und es herrschte eine warme, lebhafte Stimmung.Alle gingen von demselben Plan aus. Brett und ich waren zusammen aufgewachsen, hatten stets ähnlich gute Noten erzielt und uns als Kinder etwas versprochen: Wir würden uns beide an der Kingsley University bewerben, weiterhin aufeinander achtgeben und an derselben Universität studieren.Sally nahm am Tisch meine Hand und lächelte herzlich. „Mara, du und Brett habt doch immer gesagt, dass ihr zusammen erwachsen werdet und an dieselbe Universität geht. Bewirb dich einfach in Kingsley. Dann habt ihr einander auch auf dem Campus.“Brett saß in der Nähe und beobachtete mich schweigend. Während er auf meine Antwort wartete, lag eine kaum erkennbare Erwartung in seinem Blick.Da klingelte plötzlich Bretts Handy, das auf dem Tisch lag. Auf

  • Als ich ihn nicht mehr brauchte   Kapitel 9

    Wes verbrachte an diesem Tag den ganzen Nachmittag mit mir am Strand. Als wir uns verabschieden mussten, schlug ich vor, auch den Rest der Reise gemeinsam zu verbringen.Der Himmel verdunkelte sich, und die Sonne versank hinter dem Horizont. Wes brachte mich zu meinem Hotel zurück und machte sich allein auf den Weg.In meinem Zimmer streifte ich die Erschöpfung des Tages ab und scrollte auf dem Handy durch die sozialen Medien. Gleich der erste Beitrag in meinem Feed stammte von Tiana und war erst vor Kurzem veröffentlicht worden.Das Foto zeigte sie und Brett bei Sonnenuntergang nebeneinander am Strand. Der gewählte Winkel war vielsagend, die Stimmung vertraut, und das Ganze wirkte unübersehbar romantisch.Unsere früheren Mitschüler überhäuften die beiden in den Kommentaren mit Glückwünschen. Nicht wenige markierten mich – manche, um mich zu necken, andere nur, um Unruhe zu stiften.Ich betrachtete das Foto, doch es löste nichts in mir aus. Das Herz, das bei solchen Bildern früher

  • Als ich ihn nicht mehr brauchte   Kapitel 8

    „Brett.“„Erstens habe ich alle Beweise, die ich brauche. Wenn du sie jetzt decken willst, bitte. Sobald wir zu Hause sind, kümmere ich mich darum und fordere den Schadenersatz, der mir zusteht.“„Zweitens: Wer bist du, über die Vertrauenswürdigkeit anderer zu urteilen? Ein professioneller Reisebegleiter, der Recht von Unrecht unterscheiden kann, ist wesentlich zuverlässiger als jemand, der blind für eine Außenstehende Partei ergreift, ohne überhaupt nachzufragen, was passiert ist.“„Drittens brauche ich dich nicht als Begleitung und schon gar nicht dein Mitleid. Geh mir aus dem Weg.“Nach diesen Worten beachtete ich Bretts wutverzerrtes Gesicht nicht weiter. Ich zupfte leicht an Wes’ Ärmel, drehte mich um und ging fort.Hinter mir rief Brett meinen Namen. Seine Stimme bebte vor mühsam unterdrückter Wut. Ich wurde weder langsamer noch sah ich zurück.Wes ließ mich seinen Ärmel festhalten, während wir langsam am Ufer entlanggingen. Die Meeresbrise strich über uns hinweg und löste

  • Als ich ihn nicht mehr brauchte   Kapitel 7

    Kaum hatte ich ausgesprochen, setzte Tiana die Miene einer zutiefst Gekränkten auf. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und sofort versteckte sie sich hinter Brett.„Brett, ich schwöre, ich wollte das nicht. Ich wollte mich nur bei Mara entschuldigen. Ich habe ihr Hörgerät kaum berührt. Woher sollte ich wissen, dass so etwas passiert?“Brett zögerte keine Sekunde. Er stellte sich schützend vor Tiana, zog die Brauen zusammen und sah mich unverhohlen gereizt und voreingenommen an.„Mara, musst du deswegen so aggressiv werden? Es ist bloß ein Hörgerät, keine große Sache. Tiana hat sich bereits entschuldigt. Warum ziehst du das immer weiter in die Länge? Sie hat es nicht mit Absicht getan. Kannst du es nicht einfach gut sein lassen?“Brett verteidigte sie, ohne überhaupt wissen zu wollen, was geschehen war. In meiner Brust breitete sich eine schmerzhafte Leere aus. Seit zwölf Jahren waren wir befreundet, doch in seinen Augen war meine Seite der Geschichte weniger wert als alles, was Ti

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status