Aus den persönlichen Aufzeichnungen von Vivienne Moreau
"Nicht jede Geschichte beginnt mit einer Geburt.
Manche beginnen mit einem Versprechen.
Und manche Versprechen fordern Generationen später ihren Preis."
Die Bibliothek war still.
So still, dass ich mein eigenes Herz schlagen hören konnte.
Rosalie.
Zum ersten Mal hatte das namenlose Kind einen Namen.
Ich kniete mich langsam neben das aufgeschlagene Buch.
Die Zeichnung wirkte erstaunlich lebendig.
Das kleine Mädchen lächelte.
In ihren Händen hielt sie dieselbe Stoffpuppe, die ich bereits zweimal gesehen hatte.
„Rosalie...“
flüsterte ich.
„Wer bist du?“
Lucien blieb hinter mir stehen.
„Ich kenne diesen Namen.“
Ich hob den Blick.
„Woher?“
Er schwieg einen Moment.
„Als Kind.“
„Hat dir jemand von ihr erzählt?“
Er nickte langsam.
„Aber immer nur einen einzigen Satz.“
„Welchen?“
Sein Blick ruhte auf der Zeichnung.
„Wenn Rosalie weint, stirbt eine Rose.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Was soll das bedeuten?“
„Ich weiß es nicht.“
Zum ersten Mal glaubte ich ihm jedes Wort.
Er wirkte genauso ratlos wie ich.
Ich blätterte vorsichtig um.
Die nächste Seite war kein Tagebucheintrag.
Sondern ein vergilbter Zeitungsausschnitt.
Windecker Anzeiger
12. Oktober 1998
Vermisstes Mädchen weiterhin ohne Spur
Seit mittlerweile sechs Tagen fehlt jede Spur der siebenjährigen Rosalie Moreau.
Die Polizei setzt die Suche rund um Blackwood Manor fort.
Die Familie bittet die Bevölkerung, Hinweise umgehend zu melden.
Ich hielt den Atem an.
„Moreau?“
Langsam sah ich zu Lucien.
„Rosalie war...“
Er nickte kaum sichtbar.
„Meine Schwester.“
Die Worte trafen mich wie ein Schlag.
„Du hast nie von ihr erzählt.“
„Weil niemand über sie spricht.“
Er drehte sich zur Seite.
„Nach ihrem Verschwinden wurde jedes Bild von ihr entfernt.“
„Bis auf das in der Schwarzen Bibliothek.“
„Ja.“
Ich blickte wieder auf den Zeitungsausschnitt.
Am unteren Rand hatte jemand mit roter Tinte einen Satz geschrieben.
Nicht gedruckt.
Mit der Hand.
„Sie wurde niemals vermisst. Sie wurde zurückgeholt.“
Ich spürte, wie mein Herz schneller schlug.
„Wer hat das geschrieben?“
Martha trat langsam näher.
Ihre Stimme war kaum hörbar.
„Diese Handschrift...“
Sie schloss für einen Moment die Augen.
„...gehört nicht zu Vivienne.“
„Wem dann?“
Martha sah mich an.
Mit einem Blick, in dem mehr Angst lag, als ich je zuvor bei ihr gesehen hatte.
„Der Hüterin.“
Die Worte ließen niemanden mehr sprechen.
„Sie wurde niemals vermisst. Sie wurde zurückgeholt.“
Ich strich vorsichtig mit den Fingerspitzen über die rote Handschrift.
Die Tinte fühlte sich rau an.
Fast so...
als wäre sie noch nicht vollständig getrocknet.
„Das ist unmöglich.“
Martha trat sofort einen Schritt zurück.
„Nicht berühren.“
Ich zog meine Hand erschrocken zurück.
„Warum?“
„Weil diese Notizen niemals dort waren.“
Ich runzelte die Stirn.
„Du hast das Buch schon einmal gesehen?“
„Unzählige Male.“
Sie nickte langsam.
„Aber diese Schrift...“
Ihre Stimme wurde leiser.
„...erscheint erst jetzt.“
Lucien griff vorsichtig nach dem Zeitungsausschnitt.
Er betrachtete jede Zeile.
Jedes Datum.
Dann blieb sein Blick an einem kleinen Detail hängen.
„Elena.“
Er zeigte auf den unteren Rand.
„Siehst du das?“
Zwischen zwei vergilbten Knicken befand sich ein kaum sichtbarer Stempel.
Polizeiakten – Fall geschlossen
„Geschlossen?“
Ich schüttelte ungläubig den Kopf.
„Aber Rosalie wurde doch nie gefunden.“
„Offiziell nicht.“
Lucien fuhr mit dem Daumen über den Stempel.
„Trotzdem wurde die Suche eingestellt.“
„Warum?“
Er antwortete nicht.
Stattdessen schlug er vorsichtig die nächste Seite auf.
Dahinter befand sich kein weiterer Zeitungsausschnitt.
Sondern...
eine Landkarte.
Alt.
Von Hand gezeichnet.
Blackwood Manor war darauf nur als kleines Rechteck eingezeichnet.
Ringsherum verliefen mehrere rote Linien.
Sie endeten alle an derselben Stelle.
Mitten im Rosengarten.
Genau dort...
wo ich Lucien zum ersten Mal mit der Pistole gesehen hatte.
Mein Herz begann schneller zu schlagen.
„Das kann kein Zufall sein.“
Lucien nickte.
„Ist es auch nicht.“
Ich beugte mich weiter über die Karte.
Neben einer der roten Linien stand in verblasster Schrift:
Erster Zugang
Eine zweite war mit den Worten versehen:
Versiegelt
Die dritte...
war nie beschriftet worden.
Stattdessen hatte jemand später einen Satz daneben geschrieben.
Mit derselben roten Handschrift wie zuvor.
„Sie hat den falschen Weg gewählt.“
Ich sah zu Lucien.
„Wer ist mit sie gemeint?“
Er antwortete diesmal nicht sofort.
Sein Blick lag lange auf der Karte.
„Ich hoffe...“
Er sprach den Satz kaum hörbar.
„...dass wir das nie herausfinden müssen.“
In diesem Moment löste sich etwas zwischen den Seiten.
Ein kleines, gefaltetes Stück Pergament.
Es segelte lautlos auf den Boden.
Ich hob es auf.
Darauf war keine Schrift.
Nur...
ein Kinderbild.
Mit Wachsmalstiften gemalt.
Drei Strichmännchen standen vor Blackwood Manor.
Über ihnen schien eine gelbe Sonne.
Doch ganz rechts...
stand eine vierte Gestalt.
Vollständig in Schwarz.
Sie hatte kein Gesicht.
Nur zwei silberne Augen.
Unter der Zeichnung stand in krakeliger Kinderschrift:
„Mama sagt, ich darf ihr niemals meinen Namen verraten.“
Ich hielt die Kinderzeichnung noch immer in den Händen.
Die Wachsmalstifte waren mit den Jahren verblasst.
Doch die Farben waren deutlich zu erkennen.
Gelb.
Grün.
Rot.
Und...
Schwarz.
Nur die vierte Gestalt war vollständig in Schwarz gemalt.
„Rosalie hat das gezeichnet.“
Martha sprach so leise, dass ich sie beinahe überhört hätte.
Ich hob den Blick.
„Woher weißt du das?“
Sie lächelte traurig.
„Ich habe ihr diese Wachsmalstifte geschenkt.“
Für einen kurzen Moment wirkte Martha nicht mehr wie die verschlossene Haushälterin.
Sondern wie eine Frau, die jemanden verloren hatte.
„Sie hat ständig gemalt“, fuhr Martha fort.
„Blumen. Tiere. Das Haus.“
Sie strich vorsichtig über den Rand der Zeichnung.
„Aber irgendwann... tauchte sie immer häufiger auf.“
„Die Frau in Schwarz?“
Martha nickte.
„Anfangs hielten wir sie für eine Fantasie.“
Lucien stand schweigend am Fenster.
Sein Blick ruhte auf dem dunklen Glas.
„Bis Rosalie begann, Dinge zu wissen, die sie nicht wissen konnte.“
Ich legte die Zeichnung vorsichtig auf den Tisch.
„Was für Dinge?“
Lucien drehte sich langsam zu mir um.
„Sie sprach von Räumen, die niemand kannte.“
„Von Türen, die zugemauert waren.“
„Und von Stimmen...“
Seine Stimme wurde leiser.
„...die nur sie hören konnte.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.
„Genau wie ich.“
Lucien antwortete nicht.
Doch sein Schweigen genügte.
Ich war mit Rosalie verbunden.
Auf irgendeine Weise.
Mein Blick fiel erneut auf die Zeichnung.
Erst jetzt bemerkte ich etwas Merkwürdiges.
Die Sonne.
Sie war nicht vollständig gelb.
Mitten hindurch verlief ein dünner schwarzer Strich.
„Lucien.“
Ich zeigte darauf.
„Ist dir das aufgefallen?“
Er trat neben mich.
„Nein.“
Ich drehte die Zeichnung leicht ins Licht.
Der schwarze Strich war kein Schatten.
Er war absichtlich gemalt worden.
Genau darunter hatte Rosalie in krakeliger Schrift geschrieben:
„Wenn die Sonne zerbricht, darf niemand mehr nach Hause gehen.“
Niemand sagte etwas.
Selbst Martha schien den Satz zum ersten Mal zu lesen.
„Das stand vorher nicht dort.“
flüsterte sie.
Ich sah sie erstaunt an.
„Du meinst...“
„Die Zeichnung verändert sich.“
Ein eisiges Schweigen breitete sich aus.
Dann bemerkte ich auf der Rückseite der Zeichnung eine weitere Notiz.
So klein, dass man sie leicht übersehen konnte.
Mit Bleistift.
Fast verwischt.
Ich drehte das Blatt vorsichtig um.
Dort stand nur ein einziger Name.
Elias.
Ich runzelte die Stirn.
„Wer ist Elias?“
Lucien hob langsam den Kopf.
Zum ersten Mal, seit wir die Schwarze Bibliothek betreten hatten...
sah ich echten Schrecken in seinen Augen.
„Von allen Namen...“
hauchte er.
„...hatte ich gehofft, diesen niemals wiederzusehen.“