Mag-log inJennifer fand in dieser Nacht keinen Schlaf.
Fast zwei Stunden lang starrte sie auf den weißen Umschlag, der reglos vor der Tür des Ostflügels lag. Immer wieder lauschte sie auf jedes Geräusch im Flur. Sie wartete darauf, dass David zurückkehrte. Wartete auf Schritte, auf das Summen des Aufzugs, auf irgendein Zeichen.
Doch nichts geschah.
Erst gegen drei Uhr morgens gab sie auf.
Langsam trat sie näher, hob den Umschlag auf und betrachtete ihn im fahlen Licht der Flurlampen.
Kein Absender.
Kein Wasserzeichen.
Keine Handschrift.
Nur ein einziger, sauber getippter Satz.
„Wenn Sie erfahren wollen, wie Ihre Eltern wirklich gestorben sind, dann öffnen Sie mich.“
Jennifer spürte, wie ihr Herz schneller schlug.
Mit zitternden Fingern riss sie den Umschlag auf.
Darin befand sich nur ein einziges Foto.
Es war unscharf und offensichtlich aus großer Entfernung aufgenommen worden.
Zu sehen war der völlig zerstörte Wagen ihrer Eltern, der gegen eine Leitplanke geprallt war. Regen lief über die zerbrochene Windschutzscheibe, während sich im Hintergrund ein schwarzer Geländewagen von der Unfallstelle entfernte.
Das Nummernschild war nicht zu erkennen.
Jennifer drehte das Foto langsam um.
Auf der Rückseite stand nur ein einziger Satz.
„Es war kein Unfall.“
Ihr entglitt das Bild.
Es fiel lautlos auf den Marmorboden.
Sie starrte darauf hinunter, unfähig, sich zu bewegen.
Es war kein Unfall.
Tief in ihrem Inneren hatte sie diesen Gedanken immer verdrängt, doch nie ganz verloren.
Jetzt hielt sie den Beweis in den Händen.
Es fühlte sich an, als würde jemand ihr die Luft aus den Lungen pressen.
Der Flur blieb still.
Keine Schritte.
Keine Stimmen.
Keine Erklärung.
Nach einer langen Minute hob Jennifer das Foto wieder auf, steckte es sorgfältig in ihre Handtasche und kehrte in ihr Gästezimmer zurück.
Sie wusste, dass sie in dieser Nacht kein Auge mehr schließen würde.
Pünktlich um sieben Uhr morgens klopfte es an ihrer Tür.
Jennifer öffnete verschlafen.
Vor ihr stand Elise, geschniegelt wie immer. Über einem Arm trug sie einen eleganten Kleidersack, in der anderen Hand balancierte sie einen dampfenden Kaffeebecher.
„Guten Morgen“, sagte sie mit einem freundlichen Lächeln und trat ein, noch bevor Jennifer etwas erwidern konnte.
„Mr. Loriss lässt Ihnen ausrichten, dass Sie heute einziehen.“
Jennifer blinzelte.
„Einziehen?“
„Natürlich.“
Elise stellte den Kaffee in ihre Hand.
„Wir holen Ihre Sachen aus diesem Dachzimmer, bevor Carmilla auf die Idee kommt, noch ein weiteres demütigendes Foto von Ihnen zu veröffentlichen.“
Jennifer trug noch immer dieselbe Kleidung wie am Vortag.
Sie fuhr sich müde durchs Haar.
„Ich habe nie zugestimmt, hier einzuziehen.“
Elise zog gelassen eine Kopie des Vertrags hervor und schlug eine markierte Seite auf.
„Doch.“
Mit dem Finger tippte sie auf eine Passage.
Klausel 4 – Zusammenleben ist zur Wahrung der Glaubwürdigkeit der öffentlichen Ehe verpflichtend.
Jennifer schloss für einen Moment die Augen.
Natürlich.
Sie hatte den Vertrag unterschrieben, ohne jede Klausel bis ins Detail zu lesen.
„Trinken Sie zuerst Ihren Kaffee“, sagte Elise sanft.
„Sie sehen aus, als hätten Sie seit Tagen nicht geschlafen.“
Jennifer nahm einen vorsichtigen Schluck.
Die Wärme tat gut.
Erst jetzt merkte sie, wie erschöpft sie war.
„Warum hat David es plötzlich so eilig?“, fragte sie schließlich.
Elise schwieg einen Moment.
Erst dann antwortete sie leise:
„In drei Wochen findet die Vorstandssitzung statt.“
Jennifer hob den Blick.
„Und wenn David bis dahin nicht verheiratet ist, fällt die Kontrolle über die Loriss Corporation wieder an seine Eltern.“
Jennifer nickte langsam.
Jetzt verstand sie.
Es ging nie um Liebe.
Nicht einmal um Bequemlichkeit.
Es ging ums Überleben.
Zwei Stunden später stand Jennifer mit zwei Koffern und einem Karton voller Bücher im Flur des Penthouses.
Es wirkte beinahe lächerlich.
Ihr gesamtes bisheriges Leben passte in das, was vermutlich nicht einmal die Hälfte von Davids Ankleidezimmer füllte.
Das Penthouse war riesig.
Glas.
Stahl.
Perfektion.
Die bodentiefen Fenster eröffneten einen spektakulären Blick über London. Die Küche glänzte makellos, als wäre dort noch nie gekocht worden. Jeder Gegenstand hatte seinen Platz.
Und doch fehlte etwas.
Persönlichkeit.
Wärme.
Leben.
Es fühlte sich nicht wie ein Zuhause an.
Es fühlte sich an wie ein luxuriöses Hotelzimmer, in dem niemand jemals länger blieb.
„Ihr Zimmer ist das blaue Zimmer dort hinten“, erklärte Elise und deutete den Flur entlang.
„Das Hauptschlafzimmer gehört David.“
Sie machte eine kurze Pause.
„Und der Ostflügel bleibt tabu.“
Jennifer begegnete ihrem Blick.
„Ich habe verstanden.“
„Gut.“
Elise lächelte zufrieden.
„David ist noch in einer Besprechung.“
Sie griff nach ihrer Handtasche.
„Er hat mich außerdem gebeten, Ihnen drei Dinge auszurichten.“
Jennifer wartete.
„Erstens: Sprechen Sie mit keiner Zeitung.“
„Zweitens: Halten Sie sich von Harry Argent fern.“
„Und drittens: Öffnen Sie keine Briefe oder Pakete, bevor sie nicht von seiner Sicherheitsabteilung überprüft wurden.“
Jennifer runzelte die Stirn.
„Erwartet er irgendetwas Bestimmtes?“
Elises Lächeln wirkte plötzlich angespannt.
„Nein.“
Sie schüttelte leicht den Kopf.
„Er erwartet nur Ärger.“
Kapitel 35: Das MedaillonPOV: JenniferDie Explosion hallte weiter in meinem Kopf wider.Selbst nachdem die Flammen das Archiv verschlungen hatten.Selbst nachdem die Fenster zerborsten waren.Selbst nachdem der Rauch die halbe Straße bedeckt hatte.Ich konnte Gabriels Stimme noch immer hören.Deine Familie.Meine Familie.Davids Familie.Die vier Familien.Nichts davon ergab Sinn.„Jennifer!“Davids Hände lagen auf meinen Schultern.„Sieh mich an.“Ich zwang mich, aufzusehen.„Bist du verletzt?“Ich schüttelte den Kopf.„Elena?“„Sie ist okay.“Er drehte sich um.Elena saß im SUV, zitterte, war aber bei Bewusstsein.David ließ mich los und stieg in das Fahrzeug.Ich folgte ihm.Victor setzte sich hinter das Steuer.„Fahr.“Der SUV entfernte sich von dem brennenden Archiv.Niemand sprach.Elena saß zwischen uns.David hielt sie fest an seine Brust gedrückt.Sein Gesicht war blass.Sein Ärmel war noch immer von der Schusswunde zuvor mit Blut befleckt.Ich starrte ihn an.„Du hast gesa
Kapitel 34: Der Mann hinter der TürPOV: JenniferDer Stahlgriff der Tür drehte sich.Langsam.David trat vor mich.Eine Hand hielt er hinter seinem Rücken.In der anderen hielt er die Waffe.Ich konnte seinen Atem hören.Kontrolliert.Gleichmäßig.Aber ich kannte ihn inzwischen gut genug, um die Anspannung in seinen Schultern zu erkennen.Er hatte Angst.Nicht um sich selbst.Um mich.Um Elena.Um die Wahrheit, die auf der anderen Seite dieser Tür wartete.Der Griff blieb stehen.Eine Stimme drang durch den Stahl.„Jennifer Kline.“Ich hielt den Atem an.„Dein Ehemann hat elf Jahre damit verbracht, dich vor der Wahrheit zu beschützen.“Die Stimme war ruhig.Fast amüsiert.„Und heute Nacht werde ich dir zeigen, warum.“David hob die Waffe.„Öffne die Tür.“Stille.Dann ein leises Lachen.„Du glaubst immer noch, dass dir eine Waffe Kontrolle gibt.“Davids Augen verengten sich.„Wer bist du?“„Jemand, der deinen Vater besser kannte, als du es jemals getan hast.“Mein Magen verkrampfte s
Kapitel 33: Box 77POV: JenniferDie Stadt sah nach Mitternacht anders aus.Zürich lag still unter den Sternen, und die Straßen glänzten noch von dem Regen, der endlich aufgehört hatte.Doch im Wagen sprach niemand.Elena schlief an Davids Brust.Ihre kleinen Finger waren noch immer in seinen Jackenstoff gekrallt.David starrte aus dem Fenster.Ich starrte auf den Messingschlüssel in meiner Hand.Box 77.Elise hatte ihn mir vor weniger als einer Stunde gegeben.Meine Schwiegermutter.Die Frau, um die David elf Jahre lang getrauert hatte.Die Frau, von der alle glaubten, sie sei tot.Lebendig.Beobachtend.Wartend.Und irgendwie hatte sie von mir gewusst.Nicht von Clara.Nicht von der Frau, die David der Welt gegenüber öffentlich dargestellt hatte.Von mir.Jennifer Kline.Ich sah David an.„Glaubst du ihr?“Sein Kiefer spannte sich an.„Ich will es.“„Das habe ich nicht gefragt.“Endlich sah er mich an.Seine Augen waren erschöpft.Nicht körperlich.Emotional.„Ja“, sagte er leise. „
POV: JenniferDie Einladung kam um 18:00 Uhr. Schweres Papier. Goldene Prägung. Kein Name. Nur eine Adresse.Zürich Grand Ballroom. 20:00 Uhr. Black Tie. Jährliche Gala von Benz Holdings.Ravenna hielt sie zwischen zwei Fingern, als wäre sie verseucht. „Harry sitzt in Haft. Der Vorstand hat ihn abgesetzt. Das Unternehmen gehört durch Elena dir. Warum sollten sie das schicken?“David nahm sie ihr ab. Er fuhr mit dem Daumen über die Prägung. Sein Blick wurde kalt. „Weil Benz nicht stirbt, wenn der CEO fällt. Es stirbt, wenn die Welt vergisst, dass es jemals existiert hat. Jemand will eine letzte Nacht. Eine letzte Lüge.“Elena blickte vom Boden auf, wo sie gerade zeichnete. Das Medaillon hing um ihren Hals und fing das Licht ein.„Ist das eine Party, Papa? Kann Mama mitkommen? Ich möchte, dass alle sie sehen.“David kniete sich vor sie. „Du möchtest, dass sie sie sehen, Schatz?“Elena nickte. „Oma Elise hat gesagt: ‚Eines Tages werden sie alle Mama sehen und wissen, dass sie nie gestorb
POV: JenniferDas Auto raste über die Autobahn nach Zürich.Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, genau wie in jener Nacht, als die Brücke explodiert war. In jener Nacht, in der alle glaubten, ich sei gestorben. David fuhr mit einer Hand. Mit der anderen hielt er meine so fest, dass mir die Knochen schmerzten.Die Babydecke aus Zimmer 4B lag zwischen uns auf dem Sitz. Der versengte Buchstabe J zeigte nach oben.Der Beweis, dass ich überlebt hatte.Der Beweis, dass er mich niemals aufgegeben hatte.Ravenna saß hinten und hielt ihr Handy ans Ohr.„Die Schweizer Polizei ist in zwanzig Minuten hier. Harrys Scharfschütze hat freie Sicht auf den östlichen Spielplatz. Elenas Klasse ist gerade draußen.“„Dann werden wir keine zwanzig Minuten brauchen“, sagte David.Er trat aufs Gas.Der Motor heulte auf.Zum ersten Mal seit Kapitel 1 hatte ich keine Angst vor Davids Fahrweise.Ich hatte Angst vor dem, worauf wir zufuhren.Mein Handy vibrierte.Wieder Harry.Diesmal keine Nachricht.
POV: JenniferDavids Rücken verschwand um 21:47 Uhr am Ende von Harrys Flur.Um 21:48 Uhr rannte ich.Um 21:49 Uhr schrie ich seinen Namen in den Marmor, der den Klang wie eine Anklage zurückwarf.„David! Warte!“Die Schusswunde in meiner Schulter aus Kapitel 20 brannte bei jedem Schritt. Elf Jahre lang war ich davongerannt, und trotzdem jagte ich ihn noch immer durch Korridore.Der Aufzug klingelte. Er stieg ein, ohne sich umzudrehen.„David, ich habe nicht unterschrieben“, sagte ich. Mein Atem ging stoßweise, meine Hände zitterten. „Ich habe Harry Nein gesagt. Ich habe Nein zur Firma gesagt. Nein zu meinem Vater. Nein zu allem, was nichts mit dir zu tun hat.“Die Türen begannen sich zu schließen.Für einen Moment trafen sich unsere Blicke.Nicht wütend.Schlimmer.Leer.Dieselbe Leere wie in Kapitel 27, als er zugesehen hatte, wie ich Clause Sieben paraphiert hatte.„Ich habe den Stift in deiner Hand gesehen“, sagte er leise. Endgültig. „Ich habe gesehen, wie du ihn genommen hast.“







