MasukÉlianor ist eine junge Frau, deren Existenz nur aus langem Leiden bestand. Wegen ihres Gewichts war sie ihr ganzes Leben lang Ziel von Spott, sowohl im Familienkreis als auch in der gesamten Stadt. Die Wände der Schule wurden für sie zur Bühne eines täglichen und gnadenlosen Mobbings. Ihr Martyrium erreichte seinen Höhepunkt während einer öffentlichen Erniedrigung, so grausam und so gewalttätig inszeniert, dass sie mit einem unauslöschlichen Schandmal in den Augen aller bedeckt war. Zerbrochen und von Scham zerfressen, blieb ihr nichts anderes übrig, als aus dieser Stadt zu fliehen, die zu einer Hölle geworden war. Ihr Exil war von einem weiteren Drama geprägt: Sie ging fort, mit einem Kind in sich, dessen Vaterschaft sie nicht kannte, möglicherweise das Ergebnis einer letzten Gewaltsamkeit oder einer verzweifelten Beziehung. Fünf Jahre später kehrt Élianor zurück. Das schüchterne und verletzte Mädchen ist verschwunden. An ihrer Stelle steht eine Frau von atemberaubender Schönheit, schlank und strahlend, ausgestattet mit einer Kraft und Autorität, die nicht angefochten werden können. Sie kehrt zurück auf das Land ihres ehemaligen Albtraums mit einer einzigen obsessiven Idee: sich mit kalter Methodik an all jenen zu rächen, die sie gebrochen haben, und der gesamten Stadt den Preis für ihre Gleichgültigkeit und Grausamkeit zu berechnen.
Lihat lebih banyakÉlianorDie Nacht hat mich verschlungen. Nachdem ich den Festsaal verlassen hatte, die Lacher an meiner Haut klebend wie eine Verbrennung, hatte ich nicht die Kraft, nach Hause zu gehen. Liora ins Gesicht sehen, die gedämpften Fragen meiner Eltern? Unmöglich. Mein Körper war nur noch eine leere Hülle, vibrierend vor Scham.Ich fand mich vor einer heruntergekommenen Bar am Stadtrand wieder, einem Ort, an dem das Licht schwach und die Blicke gleichgültig waren. Ich drückte die Tür auf. Der Geruch von abgestandenem Bier und kaltem Tabak empfing mich. Es war perfekt.Ich setzte mich an die Theke und bestellte ein Glas. Dann noch eines. Der Alkohol brannte in meiner Kehle, aber es war ein einfacher, klarer Schmerz, der den anderen ertränkte, den, der zerreißend war, durch Raphaëls Verrat. Jeder Schluck war ein vergifteter Balsam, der ein wenig mehr die Erinnerung an sein Lächeln, seine sanften Worte, seine Lügen auslöschte.Die Lichter der Bar wurden verschwommen. Die Stimmen verwandelten
ÉlianorHeute werde ich achtzehn. Ein Geburtstag, der unter anderen Umständen unbemerkt geblieben wäre, ertränkt in Spott und allgemeiner Gleichgültigkeit. Aber in diesem Jahr ist alles anders. In diesem Jahr gibt es Raphaël.Die letzten zwei Wochen waren ein perverses Märchen. Sein unermüdlicher Hofstaat hat nicht nachgelassen; er hat sich intensiviert. Jeder Blick, jedes geflüsterte Wort, jede flüchtige Berührung hat um mich herum einen Kokon der Hoffnung gewoben. Der Kuss an der alten Mühle hat alles verändert. Seitdem vibriert eine spürbare Erwartung zwischen uns. Er spricht von einer „Überraschung“ zu meinem Geburtstag, etwas „Besonderem“, das allen zeigen wird, was ich wirklich wert bin. Seine Augen leuchten vor geheimnisvoller Aufregung, die mich verrückt macht vor Ungeduld.— Vertrau mir, Élianor. Heute wird sich alles ändern.Den ganzen Tag über bin ich in der Schule auf glühenden Kohlen. Ich erwische heimliche, spöttische Blicke, Flüstern, das ich nicht mehr als Boshaftigkei
ÉlianorDie zwei Wochen, die folgen, sind ein Wachtraum, ein goldener und unrealistischer Traum, aus dem ich fürchte, jederzeit aufzuwachen. Raphaël gibt sich nicht nur mit seinem Versprechen zufrieden. Er verkörpert es.Er ist überall.Am Tag nach unserem Treffen im Park gehe ich wieder zur Schule, mit Angst im Bauch, in Erwartung eines neuen Martyrium. Doch an meinem Spind ist eine Wildblume, ein Kornblume, in den Schlitz gesteckt. Kein Wort. Nur dieser Farbklecks gegen das graue Metall. Mein Herz macht einen Sprung.Im Flur geht er an meiner Seite. Er nimmt mir nicht den Arm, umarmt nicht meine Hand, allein seine Anwesenheit ist eine Erklärung. Er spricht, seine ruhige Stimme übertönt die Flüstereien.— Hast du das Buch, von dem ich dir erzählt habe, Élianor, zu Ende gelesen?Die Blicke sind anders. Weniger Verachtung, mehr Erstaunen. Neugier. Sogar Eifersucht in den Augen mancher Mädchen.Die Tage vergehen. Die Kornblume wird durch eine Gänseblümchen ersetzt, dann durch einen klei
ÉlianorIch renne, blind von den Tränen. Das Gelächter aus der Mensa verfolgt mich, vermischt sich mit dem panischen Schlag meines Herzens und dem Geräusch meiner schweren Schritte auf dem Bürgersteig. Ich weiß nicht, wohin ich gehe. Weit weg. Einfach weit weg von diesen grinsenden Gesichtern, von dieser institutionalisierten Grausamkeit. Endlich stürze ich in den kleinen öffentlichen Park am Rande der Stadt, ein verlassenes Plätzchen zur Unterrichtszeit. Ich kuschle mich auf eine Bank, ganz hinten, versteckt hinter einem Strauch aus Lorbeeren. Mein Körper wird von stummen Schluchzern erschüttert, von Hustenstößen, die mir die Brust zerreißen. Die Scham ist eine Säure, die alles im Inneren frisst.— Élianor?Die Stimme ist sanft, männlich. Ich hebe den Kopf, erschrocken, in Erwartung eines neuen Spottes. Aber es ist kein Belästiger. Es ist Raphaël.Raphaël de Saint-Clair. Der Junge, dessen bloßer Gang durch einen Flur alle Herzen schneller schlagen lässt, einschließlich meinem, heimli





