LOGINDie Stille in David Loriss' Büro dauerte einen Moment zu lange.
Jennifer starrte auf das Foto unter seiner Hand.
Es gab keinen Zweifel.
Das schiefe Lächeln ihres Vaters. Der Arm ihrer Mutter, der liebevoll auf seinen Schultern lag. Die Geburtstagstorte mit der blau verschmierten Aufschrift „Alles Gute zum 10. Geburtstag, Jenny!“
Dieses Foto hatte sie seit der Beerdigung nicht mehr gesehen.
Ihre Tante hatte behauptet, es sei bei einem Brand zerstört worden.
Doch es hatte nie einen Brand gegeben.
David bewegte seine Hand.
Nicht weit genug, damit sie das Bild nehmen konnte.
Nur weit genug, um ihr zu zeigen, dass er wusste, dass sie es erkannt hatte.
„Erklären Sie mir das“, sagte Jennifer.
Zu ihrer eigenen Überraschung klang ihre Stimme ruhig.
„Eine private Angelegenheit“, erwiderte David kühl. „Für den Vertrag ohne Bedeutung.“
Jennifer starrte ihn ungläubig an.
„Ohne Bedeutung?“
Sie legte den Füller auf den Tisch.
„Sie bezahlen mich dafür, Ihre Ehefrau zu spielen. Ich finde, dass ein Foto meiner verstorbenen Eltern auf Ihrem Schreibtisch durchaus von Bedeutung ist.“
David lehnte sich langsam in seinem Stuhl zurück.
Zum ersten Mal betrachtete er sie wirklich.
Nicht, als würde er durch sie hindurchsehen.
Sondern direkt in ihre Augen.
„Sie sehen ihr sehr ähnlich“, sagte er schließlich leise.
Jennifer blinzelte.
„Wem?“
„Ihrer Mutter.“
Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen.
Seit Jahren hatte niemand mehr das gesagt.
Der Letzte war ihr Vater gewesen.
Kurz bevor er sie auf den Rücksitz des Autos gesetzt hatte.
„Unterschreiben Sie den Vertrag, Ms. Benz“, sagte David und schob ihr die Unterlagen erneut hinüber.
„Dafür haben wir jetzt keine Zeit.“
Jennifer verschränkte die Arme.
„Und wenn ich nicht unterschreibe?“
David antwortete ohne jede Regung.
„Dann kehren Sie zu Ihrem bisherigen Leben zurück. Sie schrubben weiterhin Hunde und sehen zu, wie Ravenna den letzten Rest Ihres Erbes verkauft.“
Jennifer stockte der Atem.
Er wusste alles.
Von Ravenna.
Vom Unternehmen.
Von ihrem Erbe.
Von allem.
„Woher wissen Sie das?“
„Meine Rechtsabteilung führt über jeden Bewerber Hintergrundprüfungen durch“, antwortete David sachlich.
„Standardverfahren.“
Er stand auf.
Damit war das Gespräch für ihn offensichtlich beendet.
„Sie haben fünf Minuten Zeit, sich zu entscheiden. Danach erhält die nächste Bewerberin das Angebot.“
Jennifer blickte auf den Vertrag.
500.000 Pfund.
Zwei Jahre.
Ein Ausweg.
Eine Chance, sich ihr Leben zurückzuholen.
Und ein Mann, der Dinge über ihre Familie wusste, die er unmöglich wissen dürfte.
Langsam hob sie den Füller auf.
„Ich möchte, dass schriftlich festgehalten wird, dass Sie mir nach der Bekanntgabe unserer Verlobung genau eine Frage über meine Eltern beantworten.“
Davids Kiefer spannte sich an.
„Es wird nicht verhandelt.“
Jennifer schob den Vertrag langsam zu ihm zurück.
„Dann gibt es auch keine Unterschrift.“
Für einen kurzen Augenblick flackerte etwas in seinen grauen Augen auf.
Vielleicht Ärger.
Vielleicht Respekt.
Schließlich nickte er kaum merklich.
„Eine Frage.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Schriftlich festgehalten. Nach der Pressekonferenz. Nicht früher.“
Jennifer nickte.
Sie setzte ihre Unterschrift unter den Vertrag.
Der Füller fühlte sich plötzlich schwerer an, als er sein sollte.
Mit diesem einen Strich hatte sich ihr Leben unwiderruflich verändert.
Eine Stunde später setzte Davids Chauffeur Jennifer vor einer exklusiven Boutique in Mayfair ab.
Er stieg aus, öffnete ihr die Tür und sagte höflich:
„Mr. Loriss hat angeordnet, dass Sie für die Pressekonferenz eingekleidet werden.“
Jennifer zog eine Augenbraue hoch.
„Und wenn ich ablehne?“
Der Chauffeur lächelte kaum merklich.
„Dann würden Sie Mr. Loriss warten lassen. Und das hasst er.“
Jennifer seufzte und betrat das Geschäft.
Schon beim Eintreten wurde ihr bewusst, dass ein einziges Kleid in diesem Laden mehr kostete als ihre Monatsmiete.
Noch bevor sie sich umsehen konnte, kamen drei Frauen in schwarzen Blazern auf sie zu.
„Ms. Benz?“, fragte die Älteste freundlich.
„Ich bin Elise. Uns bleiben neunzig Minuten.“
Jennifer wurde vermessen, ihre Haare wurden frisiert und sie schlüpfte in mehrere Kleider, bis Elise schließlich zufrieden nickte.
Das marineblaue Kleid schmiegte sich perfekt an ihren Körper.
Der feine Seidenstoff fühlte sich auf ihrer Haut beinahe schwerelos an.
Während Elise den Saum absteckte, musterte sie Jennifer aufmerksam.
„Sie haben eine außergewöhnlich gute Haltung.“
Jennifer sah sie fragend an.
„Die meisten jungen Frauen stehen mit hängenden Schultern hier“, erklärte Elise. „Sie dagegen wirken, als hätten Sie Ihr Leben lang schwere Lasten getragen.“
Jennifer antwortete nicht.
Sie wusste nicht, was sie darauf hätte sagen sollen.
Als sie schließlich aus der Umkleide trat, betrachtete Elise sie einen Moment lang und lächelte zufrieden.
„Perfekt.“
Sie strich eine letzte Falte am Kleid glatt.
„David wird zufrieden sein.“
Jennifer runzelte die Stirn.
„David? Ich dachte, für Sie ist er Mr. Loriss.“
Ein amüsiertes Lächeln huschte über Elises Gesicht.
„Nicht für mich.“
Sie legte die Stecknadeln beiseite.
„Ich kleide ihn ein, seit er zweiundzwanzig Jahre alt ist.“
Jennifer stellte keine weiteren Fragen.
Sie war sich nicht sicher, ob sie die Antworten überhaupt hören wollte.
---
Die Pressekonferenz fand in der großen Empfangshalle der Loriss Corporation statt.
Kameras.
Reporter.
Mikrofone.
David stand bereits am Rednerpult.
In seinem perfekt sitzenden Anzug wirkte er zugleich gelangweilt und gefährlich.
Als Jennifer an seiner Seite den Saal betrat, verstummte der gesamte Raum.
Alle Blicke richteten sich auf sie.
Das marineblaue Kleid betonte ihre schlanke Figur.
Ihr offenes Haar fiel in weichen Wellen über ihre Schultern.
Elise hatte ihr Make-up dezent gehalten, doch ihre bernsteinfarbenen Augen wirkten dadurch größer und ausdrucksstärker.
David legte eine Hand an ihren unteren Rücken.
Die Berührung war warm.
Professionell.
Nicht intim.
Er trat an das Mikrofon.
„Meine Damen und Herren“, begann er ruhig.
„Darf ich Ihnen Jennifer Benz vorstellen.“
Er machte eine kurze Pause.
„Meine Verlobte.“
Ein grelles Blitzlichtgewitter brach los.
„Mr. Loriss! Ist das eine Liebesheirat?“
„Ms. Benz! Wie haben Sie den CEO kennengelernt?“
„Stimmt es, dass die Verlobung mit der Fusion der Argent Industries zusammenhängt?“
Fragen flogen von allen Seiten durch den Raum.
David beantwortete keine einzige davon.
Er setzte lediglich sein geübtes, kühles Lächeln auf.
„Vielen Dank.“
Seine Stimme blieb ruhig.
„Keine weiteren Fragen.“
Noch bevor Jennifer Zeit hatte, nervös zu werden, führte er sie von der Bühne.
---
Die Türen des privaten Aufzugs schlossen sich.
Sobald sie allein waren, nahm David seine Hand von ihrem Rücken.
„Sie haben das gut gemacht“, sagte er.
Jennifer atmete tief aus.
„Das war furchteinflößend.“
David warf ihr einen kurzen Blick zu.
„Sie sind nicht erstarrt.“
Seine Stimme klang beinahe anerkennend.
„Die meisten hätten das getan.“
Jennifer lächelte schwach.
„Soll ich mich jetzt geschmeichelt fühlen?“
David ignorierte die Bemerkung.
„Seien Sie auf Angriffe vorbereitet.“
Jennifer sah ihn fragend an.
„Carmilla Darko hat gerade ein Foto von Ihnen auf I*******m veröffentlicht.“
Er hielt ihr sein Handy hin.
Auf dem Bild kniete Jennifer neben einem schmutzigen Hund und schrubbte dessen Fell.
Darunter stand:
„Manche Menschen ändern sich eben nie.“
Jennifer spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog.
„Carmilla ...“
Natürlich.
Wer sonst?
David beobachtete aufmerksam ihre Reaktion.
„Können Sie damit umgehen?“
Jennifer hob langsam den Kopf.
„Mit Carmilla schon.“
Ihre Stimme war fest.
„Sie ist berechenbar.“
David nickte.
„Gut.“
Sein Blick wurde ernst.
„Denn sie wird nicht die Einzige sein, die Sie von jetzt an angreifen wird.“
---
Am Abend kehrten sie in Davids Penthouse zurück.
Er legte ein Tablet vor Jennifer auf den Wohnzimmertisch.
„Ihre neue Identität.“
Jennifer nahm das Gerät in die Hand.
Darauf befanden sich ihre neuen Ausweisdokumente, mehrere Bankkonten, Kreditkarten und sämtliche offiziellen Unterlagen.
Alles lautete auf den Namen:
Jennifer Loriss.
Ungläubig scrollte sie durch die Unterlagen.
Die Kontostände wirkten absurd.
„Sie vertrauen mir also nicht mit den echten Konten?“, fragte sie.
David schüttelte den Kopf.
„Dafür sind Sie noch nicht bereit.“
Jennifer blickte auf.
„Was soll das heißen?“
Doch David antwortete nicht.
Stattdessen ging er zu seinem Schreibtisch, öffnete eine Schublade und holte eine dicke braune Akte hervor.
Er legte sie vor Jennifer auf den Tisch.
„Ihre eine Frage.“
Jennifer öffnete die Akte.
Darin befanden sich Kopien mehrerer E-Mails.
Sie waren zwei Wochen vor dem Tod ihrer Eltern geschrieben worden.
Absender:
R. Benz
Empfänger:
Edward Loriss.
Betreff:
Endgültige Bedingungen – Partnerschaft Benz–Loriss
Die ersten Nachrichten wirkten höflich und sachlich.
Bis zur letzten E-Mail.
«Wir müssen uns persönlich treffen. Per E-Mail ist das nicht sicher. Wenn sie davon erfahren, sind wir beide verloren.
– R. Benz»
Jennifer spürte, wie ihre Hände zu zittern begannen.
„Wer sind sie?“
David nahm ihr die Akte langsam wieder aus der Hand und schloss sie.
„Das war Ihre eine Frage.“
„Das ist keine Antwort!“
David begegnete ihrem Blick regungslos.
„Mehr bekommen Sie im Moment nicht.
David stand auf.
„Das Penthouse steht Ihnen zur Verfügung, solange wir verlobt sind.“
Er sah Jennifer direkt an.
„Gehen Sie nicht in den Ostflügel.“
Eine kurze Pause.
„Berühren Sie meinen Tresor nicht.“
Sein Blick wurde noch ernster.
„Und verlieben Sie sich nicht in mich, Ms. Benz. Klausel 7 gilt weiterhin.“
Damit verließ er den Raum.
Jennifer blieb allein zurück.
Vor ihr lag die verschlossene Akte.
In ihren Händen hielt sie einen Vertrag, der sich plötzlich nicht mehr wie eine Rettung anfühlte, sondern wie eine Schlinge, die sich langsam um ihren Hals zuzog.
---
In dieser Nacht fand Jennifer keinen Schlaf.
Sie lag im Gästezimmer und starrte an die Decke.
Das schwache Licht des Tablets beleuchtete ihr Gesicht.
500.000 Pfund.
Eine Chance, Ravenna vor Gericht zu bringen.
Eine Chance herauszufinden, was wirklich mit ihren Eltern geschehen war.
Doch David verschwieg ihr etwas.
Etwas Großes.
Schließlich schlug sie die Bettdecke zurück und stand auf.
Leise öffnete sie die Schlafzimmertür.
Der Flur lag still und verlassen da.
Das Penthouse war riesig.
Zu riesig.
Und viel zu leer.
David hatte ihr ausdrücklich verboten, den Ostflügel zu betreten.
Natürlich ging sie trotzdem dorthin.
---
Im Ostflügel war es deutlich dunkler.
Die Luft wirkte kühler.
Kein Laut war zu hören.
Am Ende des langen Flurs befand sich eine massive Tür aus dunklem Eichenholz.
Sie besaß keinen Türgriff.
Nur ein elektronisches Zahlenfeld.
Jennifer trat näher.
Langsam streckte sie die Hand danach aus.
Doch bevor ihre Finger das Tastenfeld berührten, hörte sie Schritte.
Sie fuhr herum.
David stand hinter ihr.
Er trug lediglich ein schwarzes T-Shirt und eine graue Jogginghose.
Sein dunkles Haar war noch feucht, als wäre er gerade erst aus der Dusche gekommen.
Ohne Anzug wirkte er jünger.
Und zugleich gefährlicher.
„Was machen Sie hier?“, fragte er ruhig.
Jennifer verschränkte die Arme.
„Das könnte ich Sie genauso fragen.“
David machte einen Schritt auf sie zu.
„Sie sollten nicht hier sein.“
Jennifer wich keinen Zentimeter zurück.
„Sie doch auch nicht.“
Für einen langen Moment sagte keiner von beiden etwas.
Zwischen ihnen lag eine Spannung, die sich beinahe greifbar anfühlte.
Wie die drückende Stille unmittelbar vor einem Gewitter.
Plötzlich vibrierte Davids Handy.
Er warf einen kurzen Blick auf das Display.
Seine Miene verhärtete sich sofort.
„Gehen Sie zurück in Ihr Zimmer.“
Seine Stimme war scharf.
„Sofort.“
Jennifer runzelte die Stirn.
„Warum?“
David steckte das Handy bereits wieder ein.
„Harry Argent hat soeben Ihre Adresse im Internet veröffentlicht.“
Jennifer wurde schlagartig blass.
Ihr Blut schien in den Adern zu gefrieren.
David hatte bereits sein Telefon am Ohr.
„Verdoppeln Sie sofort die Sicherheitskräfte im Gebäude.“
Seine Stimme duldete keinen Widerspruch.
„Und finden Sie heraus, wie er an die Adresse gekommen ist.“
Jennifer trat einen Schritt zurück.
Ihre Hände zitterten.
„Warum sollte er so etwas tun?“, fragte sie kaum hörbar.
David sah sie an.
Zum ersten Mal wirkte sein Gesicht nicht kalt oder unnahbar.
Er wirkte aufrichtig besorgt.
„Weil er Sie haben will“, sagte er leise.
„Und weil er weiß, dass ich ihn niemals an Sie heranlassen werde.“
Er griff nach ihrem Arm und führte sie entschlossen zurück in Richtung Gästezimmer.
„Bleiben Sie im Zimmer.“
Er öffnete die Tür.
„Schließen Sie ab.“
Sein Blick blieb fest auf ihr.
„Öffnen Sie niemandem die Tür.“
Jennifer schluckte.
„Nicht einmal Ihnen?“
„Niemandem.“
Dann fügte er hinzu:
„Außer mir.“
„Und was machen Sie?“
David ließ ihre Hand los.
„Ich kümmere mich darum.“
Er wollte sich bereits umdrehen, blieb jedoch noch einmal stehen.
„Jennifer …“
Sie blickte ihn fragend an.
„Was?“
Er sah kurz zum Ende des Flurs, wo sich die verschlossene Tür des Ostflügels befand.
„Öffnen Sie diese Tür nicht.“
Eine kurze Pause.
„Noch nicht.“
Dann ging er.
Seine Schritte hallten langsam durch den leeren Flur, bis schließlich wieder völlige Stille herrschte.
Jennifer blieb allein zurück.
Ihr Herz schlug bis zum Hals.
Als sie sich noch einmal zur Tür des Ostflügels umsah, entdeckte sie etwas.
Unter der Tür war ein weißer Briefumschlag hindurchgeschoben worden.
Kein Absender.
Kein Empfänger.
Nur eine einzige Zeile, sauber in schwarzer Schrift getippt:
„Wenn Sie erfahren wollen, wie Ihre Eltern wirklich gestorben sind, dann öffnen Sie mich.“
Kapitel 35: Das MedaillonPOV: JenniferDie Explosion hallte weiter in meinem Kopf wider.Selbst nachdem die Flammen das Archiv verschlungen hatten.Selbst nachdem die Fenster zerborsten waren.Selbst nachdem der Rauch die halbe Straße bedeckt hatte.Ich konnte Gabriels Stimme noch immer hören.Deine Familie.Meine Familie.Davids Familie.Die vier Familien.Nichts davon ergab Sinn.„Jennifer!“Davids Hände lagen auf meinen Schultern.„Sieh mich an.“Ich zwang mich, aufzusehen.„Bist du verletzt?“Ich schüttelte den Kopf.„Elena?“„Sie ist okay.“Er drehte sich um.Elena saß im SUV, zitterte, war aber bei Bewusstsein.David ließ mich los und stieg in das Fahrzeug.Ich folgte ihm.Victor setzte sich hinter das Steuer.„Fahr.“Der SUV entfernte sich von dem brennenden Archiv.Niemand sprach.Elena saß zwischen uns.David hielt sie fest an seine Brust gedrückt.Sein Gesicht war blass.Sein Ärmel war noch immer von der Schusswunde zuvor mit Blut befleckt.Ich starrte ihn an.„Du hast gesa
Kapitel 34: Der Mann hinter der TürPOV: JenniferDer Stahlgriff der Tür drehte sich.Langsam.David trat vor mich.Eine Hand hielt er hinter seinem Rücken.In der anderen hielt er die Waffe.Ich konnte seinen Atem hören.Kontrolliert.Gleichmäßig.Aber ich kannte ihn inzwischen gut genug, um die Anspannung in seinen Schultern zu erkennen.Er hatte Angst.Nicht um sich selbst.Um mich.Um Elena.Um die Wahrheit, die auf der anderen Seite dieser Tür wartete.Der Griff blieb stehen.Eine Stimme drang durch den Stahl.„Jennifer Kline.“Ich hielt den Atem an.„Dein Ehemann hat elf Jahre damit verbracht, dich vor der Wahrheit zu beschützen.“Die Stimme war ruhig.Fast amüsiert.„Und heute Nacht werde ich dir zeigen, warum.“David hob die Waffe.„Öffne die Tür.“Stille.Dann ein leises Lachen.„Du glaubst immer noch, dass dir eine Waffe Kontrolle gibt.“Davids Augen verengten sich.„Wer bist du?“„Jemand, der deinen Vater besser kannte, als du es jemals getan hast.“Mein Magen verkrampfte s
Kapitel 33: Box 77POV: JenniferDie Stadt sah nach Mitternacht anders aus.Zürich lag still unter den Sternen, und die Straßen glänzten noch von dem Regen, der endlich aufgehört hatte.Doch im Wagen sprach niemand.Elena schlief an Davids Brust.Ihre kleinen Finger waren noch immer in seinen Jackenstoff gekrallt.David starrte aus dem Fenster.Ich starrte auf den Messingschlüssel in meiner Hand.Box 77.Elise hatte ihn mir vor weniger als einer Stunde gegeben.Meine Schwiegermutter.Die Frau, um die David elf Jahre lang getrauert hatte.Die Frau, von der alle glaubten, sie sei tot.Lebendig.Beobachtend.Wartend.Und irgendwie hatte sie von mir gewusst.Nicht von Clara.Nicht von der Frau, die David der Welt gegenüber öffentlich dargestellt hatte.Von mir.Jennifer Kline.Ich sah David an.„Glaubst du ihr?“Sein Kiefer spannte sich an.„Ich will es.“„Das habe ich nicht gefragt.“Endlich sah er mich an.Seine Augen waren erschöpft.Nicht körperlich.Emotional.„Ja“, sagte er leise. „
POV: JenniferDie Einladung kam um 18:00 Uhr. Schweres Papier. Goldene Prägung. Kein Name. Nur eine Adresse.Zürich Grand Ballroom. 20:00 Uhr. Black Tie. Jährliche Gala von Benz Holdings.Ravenna hielt sie zwischen zwei Fingern, als wäre sie verseucht. „Harry sitzt in Haft. Der Vorstand hat ihn abgesetzt. Das Unternehmen gehört durch Elena dir. Warum sollten sie das schicken?“David nahm sie ihr ab. Er fuhr mit dem Daumen über die Prägung. Sein Blick wurde kalt. „Weil Benz nicht stirbt, wenn der CEO fällt. Es stirbt, wenn die Welt vergisst, dass es jemals existiert hat. Jemand will eine letzte Nacht. Eine letzte Lüge.“Elena blickte vom Boden auf, wo sie gerade zeichnete. Das Medaillon hing um ihren Hals und fing das Licht ein.„Ist das eine Party, Papa? Kann Mama mitkommen? Ich möchte, dass alle sie sehen.“David kniete sich vor sie. „Du möchtest, dass sie sie sehen, Schatz?“Elena nickte. „Oma Elise hat gesagt: ‚Eines Tages werden sie alle Mama sehen und wissen, dass sie nie gestorb
POV: JenniferDas Auto raste über die Autobahn nach Zürich.Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, genau wie in jener Nacht, als die Brücke explodiert war. In jener Nacht, in der alle glaubten, ich sei gestorben. David fuhr mit einer Hand. Mit der anderen hielt er meine so fest, dass mir die Knochen schmerzten.Die Babydecke aus Zimmer 4B lag zwischen uns auf dem Sitz. Der versengte Buchstabe J zeigte nach oben.Der Beweis, dass ich überlebt hatte.Der Beweis, dass er mich niemals aufgegeben hatte.Ravenna saß hinten und hielt ihr Handy ans Ohr.„Die Schweizer Polizei ist in zwanzig Minuten hier. Harrys Scharfschütze hat freie Sicht auf den östlichen Spielplatz. Elenas Klasse ist gerade draußen.“„Dann werden wir keine zwanzig Minuten brauchen“, sagte David.Er trat aufs Gas.Der Motor heulte auf.Zum ersten Mal seit Kapitel 1 hatte ich keine Angst vor Davids Fahrweise.Ich hatte Angst vor dem, worauf wir zufuhren.Mein Handy vibrierte.Wieder Harry.Diesmal keine Nachricht.
POV: JenniferDavids Rücken verschwand um 21:47 Uhr am Ende von Harrys Flur.Um 21:48 Uhr rannte ich.Um 21:49 Uhr schrie ich seinen Namen in den Marmor, der den Klang wie eine Anklage zurückwarf.„David! Warte!“Die Schusswunde in meiner Schulter aus Kapitel 20 brannte bei jedem Schritt. Elf Jahre lang war ich davongerannt, und trotzdem jagte ich ihn noch immer durch Korridore.Der Aufzug klingelte. Er stieg ein, ohne sich umzudrehen.„David, ich habe nicht unterschrieben“, sagte ich. Mein Atem ging stoßweise, meine Hände zitterten. „Ich habe Harry Nein gesagt. Ich habe Nein zur Firma gesagt. Nein zu meinem Vater. Nein zu allem, was nichts mit dir zu tun hat.“Die Türen begannen sich zu schließen.Für einen Moment trafen sich unsere Blicke.Nicht wütend.Schlimmer.Leer.Dieselbe Leere wie in Kapitel 27, als er zugesehen hatte, wie ich Clause Sieben paraphiert hatte.„Ich habe den Stift in deiner Hand gesehen“, sagte er leise. Endgültig. „Ich habe gesehen, wie du ihn genommen hast.“







