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Kapitel 5: Die erste Drohung

Author: Dialily
last update publish date: 2026-07-01 07:26:00

Die Handschellen waren eiskalt.

Jennifer saß auf der Rückbank eines unauffälligen Wagens, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Durch die Trennscheibe beobachtete sie, wie David mit den Beamten diskutierte.

Seine Stimme blieb ruhig und kontrolliert.

Doch an seinem Hals pochte eine Ader.

„Sie haben keinerlei hinreichenden Tatverdacht“, sagte er scharf. „Sie haben sie nicht einmal über ihre Rechte belehrt. Lassen Sie sie sofort frei.“

Der Beamte schüttelte den Kopf.

„Erst auf der Wache, Mr. Loriss.“

Seine Stimme blieb ungerührt.

„Anweisung von ganz oben.“

Davids Kiefer spannte sich an.

Er beugte sich zum Fenster hinunter.

„Jennifer.“

Seine Stimme wurde leiser.

„Sagen Sie kein einziges Wort, bis meine Anwältin eingetroffen ist.“

Jennifer nickte.

Ihre Kehle war trocken.

Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Durch die Heckscheibe sah sie Harry Argent noch auf dem Bürgersteig stehen.

Er telefonierte.

Und lächelte.

---

Die Polizeiwache war hell.

Steril.

Laut.

Sie behandelten Jennifer wie jede andere Verdächtige.

Ein Polizeifoto.

Fingerabdrücke.

Fragen.

„Haben Sie sich am 12. März Zugang zu den Servern der Loriss Corporation verschafft?“

Jennifer schwieg.

„Haben Sie vertrauliche Dokumente an Harry Argent weitergegeben?“

Keine Antwort.

„Warum befanden Sie sich gestern Abend um 23 Uhr im Ostflügel des Penthouses von David Loriss?“

Jennifer sagte kein einziges Wort.

Vierzig Minuten später erschien Davids Anwältin.

Ms. Okoro.

Sie war elegant gekleidet, sprach präzise und wirkte vollkommen unbeeindruckt.

Nach dem Verhör setzte sie sich Jennifer gegenüber.

„Sie haben nichts gegen Sie in der Hand.“

Jennifer hob den Blick.

„Wirklich?“

„Jemand versucht, Ihnen die Tat anzuhängen.“

Ms. Okoro schob ihr eine Wasserflasche zu.

„Trotzdem werden sie Sie bis morgen früh festhalten. Die Anhörung zur Freilassung gegen Kaution findet erst morgen statt.“

Jennifer ließ den Kopf sinken.

„Warum ich?“, flüsterte sie.

Ms. Okoro antwortete ohne zu zögern.

„Weil Sie das leichteste Ziel sind.“

Sie zählte an den Fingern ab.

„Sie sind neu.“

„Sie haben angeblich ein Motiv.“

„Und laut den Überwachungskameras wurden Sie in der Nähe der Serverräume gesehen.“

Jennifer hob erschrocken den Kopf.

„Das stimmt nicht.“

„Ich war niemals dort.“

Ms. Okoro nickte langsam.

„Die Videoaufnahmen behaupten etwas anderes.“

Jennifer wurde eiskalt.

---

Am nächsten Morgen wurde Jennifer gegen Kaution freigelassen.

David wartete bereits vor dem Polizeigebäude.

Er sagte kein Wort.

Sie stiegen in den Wagen.

Er fuhr jedoch nicht zurück ins Penthouse.

Stattdessen brachte er sie in die Loriss Corporation.

Am Samstagmorgen war die gesamte Rechtsabteilung nahezu menschenleer.

David öffnete einen Konferenzraum.

Er legte den Ordner aus dem Ostflügel mit einem dumpfen Schlag auf den Tisch.

„Jemand hat die Überwachungsaufnahmen manipuliert“, sagte er.

„Und dafür Ihre Zugangskarte benutzt.“

Jennifer runzelte die Stirn.

„Ich besitze gar keine Zugangskarte.“

David schob ihr eine Plastikkarte über den Tisch.

„Doch.“

Jennifer nahm sie in die Hand.

Darauf befanden sich ihr Name.

Ihr Foto.

Das Logo der Loriss Corporation.

Sie schüttelte sofort den Kopf.

„Das ist nicht meine.“

„Nein.“

David nickte.

„Aber für die Polizei reicht sie aus.“

Jennifer sprang auf und begann unruhig im Raum auf und ab zu gehen.

„Also will mich jemand im Gefängnis sehen.“

Sie blieb stehen.

„Jemand, der vom Vertrag weiß.“

„Von der Partnerschaft.“

„Vom Tresor.“

David nickte langsam.

„Jemand weiß, dass Sie nach Antworten suchen.“

Jennifer dachte an den Umschlag.

An das Foto des Unfalls.

Plötzlich blieb sie stehen.

„Es war nicht Harry.“

David hob den Blick.

„Warum glauben Sie das?“

„Weil dieselbe Person mir das Foto geschickt hat.“

Sie sah ihn ernst an.

„Jemand wollte unbedingt, dass ich den Ostflügel betrete.“

Eine kurze Pause.

„Vielleicht wollte diese Person, dass ich Ihnen vertraue.“

Sie schluckte.

„Oder dass ich in Panik gerate und direkt in eine Falle laufe.“

David widersprach ihr nicht.

Stattdessen öffnete er seinen Laptop.

Er rief die Sicherheitsprotokolle des Penthouses auf.

Nach wenigen Sekunden drehte er den Bildschirm zu Jennifer.

„Jemand hat letzte Nacht um zwei Uhr morgens aus der Ferne auf das Türschloss des Ostflügels zugegriffen.“

Jennifer starrte auf den Bildschirm.

„Aber...“

Sie sah David an.

„Sie hatten die Tür doch abgeschlossen.“

„Das hatte ich.“

Seine Stimme blieb ruhig.

„Und jemand hat sie nach meinem Weggang wieder entriegelt.“

Jennifer ließ sich schwer auf einen Stuhl sinken.

„Also wollte man, dass ich den Vertrag finde.“

Sie schloss kurz die Augen.

„Dann wollte man, dass ich verhaftet werde.“

Sie öffnete sie wieder.

„Und jetzt will man, dass ich Angst bekomme.“

David klappte den Laptop zu.

„Dann werden wir genau das nicht zulassen.“

Jennifer sah ihn fragend an.

„Was schlagen Sie vor?“

„Wir gehen an die Öffentlichkeit.“

„Heute Abend.“

„Wir geben eine Pressekonferenz.“

„Wir weisen sämtliche Vorwürfe zurück.“

Er machte eine kurze Pause.

„Und wir verkünden, dass Sie ab sofort dauerhaft im Penthouse wohnen und rund um die Uhr unter Personenschutz stehen.“

Jennifer blinzelte überrascht.

„Das soll alles sein?“

David schüttelte den Kopf.

„Nein.“

Seine Stimme klang entschlossen.

„Damit zwingen wir unseren Gegner aus der Deckung.“

„Wenn man Sie isolieren will, machen wir Sie sichtbar.“

„Wenn man Sie einschüchtern will, beschützen wir Sie.“

„Und wenn man unseren Vertrag zerstören will, machen wir ihn stärker.“

Jennifer zögerte.

„Und was ist mit meiner Festnahme?“

„Meine Anwälte beantragen noch heute die Einstellung des Verfahrens.“

David verschränkte die Arme.

„Die Videoaufnahmen wurden manipuliert.“

„Außerdem können wir beweisen, dass Sie zum fraglichen Zeitpunkt bei mir waren.“

Jennifer runzelte die Stirn.

„Waren wir das?“

Zum ersten Mal huschte ein kaum sichtbares Lächeln über Davids Gesicht.

„Wir standen um 22:58 Uhr gemeinsam auf dem Balkon.“

„Dort gibt es keine Überwachungskameras.“

Jennifer atmete langsam aus.

David stand auf.

„Ruhen Sie sich aus.“

„Die Pressekonferenz beginnt um neunzehn Uhr.“

---

Jennifer konnte dennoch nicht schlafen.

Sie saß allein im Konferenzraum.

Vor ihr lag die gefälschte Zugangskarte.

Jemand spielte ein Spiel.

Und sie war lediglich eine Spielfigur.

---

Die Pressekonferenz fand in derselben Empfangshalle statt wie ihre Verlobungsbekanntgabe.

Diesmal betrat Jennifer den Saal allein.

Dreißig Sekunden später folgte David.

Genug Zeit, damit die Kameras den Abstand zwischen ihnen festhalten konnten.

Es wirkte wie professionelle Krisenbewältigung.

„Ms. Benz!“

Ein Reporter erhob sofort die Stimme.

„Sind Sie der Wirtschaftsspionage schuldig?“

Jennifer blieb am Rednerpult stehen.

Ihre Hände zitterten.

Ihre Stimme nicht.

„Nein.“

Sie blickte direkt in die Kameras.

„Ich bin unschuldig.“

„Die Überwachungsaufnahmen wurden manipuliert.“

„Meine Zugangskarte wurde gefälscht.“

„Und ich werde herausfinden, wer dafür verantwortlich ist.“

Unruhe ging durch den Saal.

Ein anderer Journalist wandte sich an David.

„Mr. Loriss, stehen Sie weiterhin hinter Ihrer Verlobten?“

David trat an Jennifers Seite.

Seine Stimme war ruhig.

„Jennifer Benz ist meine Verlobte.“

„Sie lebt mit mir.“

„Sie steht unter meinem persönlichen Schutz.“

Er ließ den Blick durch den Saal schweifen.

„Wer sie angreift, greift auch mich an.“

Schlagartig wurde es still.

David trat noch näher ans Mikrofon.

„Mit sofortiger Wirkung erhält Jennifer Benz uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen Einrichtungen der Loriss Corporation.“

„Jeder Versuch, ihr diesen Zugang zu verwehren, wird als Angriff auf das Unternehmen betrachtet.“

Jennifer sah ihn überrascht an.

Das war nie Teil ihres Plans gewesen.

David begegnete ihrem Blick.

Für den Bruchteil einer Sekunde sagte sein Gesicht nur eines:

Vertrauen Sie mir.

---

Die Pressekonferenz endete im völligen Chaos.

Als sie gemeinsam zur Limousine gingen, vibrierte Jennifers Handy.

Wieder eine unbekannte Nummer.

Sie öffnete die Nachricht.

„Sie haben einen Fehler gemacht, Jennifer.

Jetzt kann selbst David Sie nicht mehr vor dem schützen, was kommt.“

Sie zeigte David die Nachricht.

Er las sie.

Löschte sie.

Und sagte ruhig:

„Wir wechseln Ihre Telefonnummer.“

Jennifer sah ihn ungläubig an.

„Das ist alles?“

David nickte.

„So gewinnt man.“

Er öffnete die Wagentür.

„Man reagiert nicht.“

„Man kontrolliert die Geschichte.“

Jennifer war sich nicht sicher, ob sie ihm glaubte.

---

Als sie ins Penthouse zurückkehrten, hatte sich alles verändert.

Vor dem Eingang standen bewaffnete Sicherheitskräfte.

Neue Kameras überwachten jeden Flur.

An der Tür zum Ostflügel war ein modernes Zahlenschloss installiert worden.

David reichte Jennifer ein neues Handy.

„Verschlüsselt“, erklärte er.

„Nur ich kenne diese Nummer.“

Jennifer nahm es entgegen.

„Danke.“

David nickte nur.

„Versuchen Sie zu schlafen.“

Er wandte sich zum Gehen.

„Morgen beginnen wir mit der Suche nach der Wahrheit.“

---

Jennifer ging in ihr Zimmer.

Doch Schlaf fand sie erneut nicht.

Kurz nach ein Uhr morgens vibrierte ihr neues Handy.

Sie runzelte die Stirn.

Niemand außer David konnte diese Nummer kennen.

Langsam öffnete sie die Nachricht.

Ein Foto.

Es zeigte sie selbst.

Schlafend in ihrem Bett.

Aufgenommen durch das Fenster ihres Schlafzimmers.

Unter dem Bild stand nur ein einziger Satz.

„Ich bin näher, als Sie glauben.“

Jennifer schoss sofort hoch.

Ihr Herz raste.

Draußen, dreißig Stockwerke über dem Boden, glitt plötzlich ein roter Laserpunkt langsam über die Fensterscheibe.

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