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KAPITEL 3

Author: NEON ON LIGHT
last update publish date: 2026-10-10 22:18:29

Die Treppenhaustüren über mir wurden aufgerissen. Ich kannte diese Schritte, noch bevor ich ihn sah. Schwer. Beherrscht. Derselbe bedächtige Schritt, der mir früher immer Sicherheit gegeben hatte, wenn ich Angst hatte. Jetzt ließ er mein Herz nur noch heftiger rasen.

Der Sheriff erschien auf dem Treppenabsatz. Für einen kurzen Moment keimte Hoffnung in mir auf. Er war da. Vielleicht würde er endlich zuhören. Vielleicht würde er das Blut sehen. Vielleicht würde er mich sehen. Dann sah ich Marie an. Sie schluchzte bereits in den Armen einer Krankenschwester, ihr verletztes Handgelenk an die Brust gepresst, als wäre es das Wichtigste im Raum. Es war kaum noch ein roter Fleck zu sehen. Nichts im Vergleich zu dem, was mit mir geschah.

Ich lag da, wo ich gestürzt war, mein Kleid durchnässt, beide Hände auf meinen Bauch gepresst. Jeder Atemzug schmerzte. Der Schmerz war in mir lebendig geworden, wand sich und zog sich zusammen, bis ich kaum noch denken konnte. „Sheriff –“

Maries Stimme brach. „Sie hat mich gestoßen.“ Sie deutete auf den gelben Umschlag, der auf dem Beton verstreut lag. „Sie hat herausgefunden, dass ich von dem anderen Mann wusste. Sehen Sie – sehen Sie sich die Akte an!“

Der Blick des Sheriffs senkte sich auf die Papiere. Nur einen Augenblick lang. Doch ich sah, wie sich sein Gesichtsausdruck veränderte. Die Wärme verschwand aus seinem Gesicht. Sein Kiefer verkrampfte sich. Seine Augen wurden kalt. Ich hatte den Sheriff schon wütend erlebt. Ich hatte ihn distanziert erlebt. Ich hatte ihn in Geschäftstreffen rücksichtslos erlebt. Aber ich hatte ihn mich noch nie so ansehen sehen. Als wäre ich jemand, den er bereits für schuldig befunden hatte.

Ich versuchte mich zu bewegen. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Unterleib. Ein erstickter Laut entfuhr mir. „Sheriff …“

Endlich wandte er mir den Blick zu. Ich streckte eine blutverschmierte Hand aus. „Das Baby …“ Meine Stimme versagte. „Es ist Ihres.“

Sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. „Bitte …“ Ich schluckte den metallischen Geschmack in meinem Mund hinunter. „Helfen Sie mir.“

Für einen Herzschlag trafen sich unsere Blicke. Ich wartete darauf, dass er zu mir kam. Dass er sich hinkniete. Dass er fragte, was passiert war. Irgendetwas. Stattdessen stieg er über mein Handgelenk. Er nahm meine Hand nicht. Fragte nicht nach dem Baby. Sah nicht einmal das Blut unter mir an. Er beugte sich hinunter und hob Marie in seine Arme. Sofort vergrub sie ihr Gesicht an seinem Hals. Das silberne Armband an ihrem Handgelenk funkelte im Neonlicht. Das Armband, das ich einst in der Dunkelheit in die Handfläche eines verängstigten Jungen gedrückt hatte. Das Armband, das meiner Erinnerung hätte gehören sollen. Nicht ihrer.

Der Sheriff drückte Marie fester an sich. „Bitte“, schluchzte sie an seiner Brust. Seine Stimme war leise und bestimmt. „Behalten Sie sie hier, bis die Polizei ihre Aussage aufgenommen hat. Marie braucht dringend Hilfe.“

Sicherheitskräfte kamen hinzu. Zwei Männer in schwarzen Anzügen traten zwischen uns. Einer hockte sich neben mich, doch selbst er schien zu zögern, als wäre er sich nicht sicher, ob eine Berührung alles nur noch schlimmer machen würde. Ich starrte an ihm vorbei. Auf den Sheriff. Auf den Mann, der eine andere Frau wegtrug, während sein eigenes Kind vielleicht in mir starb.

„Sheriff …“

Meine Stimme war kaum zu hören. Er drehte sich nicht um. Er trug Marie zu den Flügeltüren am Fuße des Treppenhauses. Dann verschwand er dahinter. Die Türen fielen leise ins Schloss. Fast höflich. Und dieses Geräusch schmerzte mehr als der Sturz selbst.

Ich versuchte, mich aufzurichten. Meine Ellbogen rutschten auf dem Boden ab. Ein heftiger Schmerz durchfuhr meinen Bauch, sodass mir schwarz vor Augen wurde. Ich brach erneut zusammen. Meine Finger schabten über den Beton und hinterließen dünne rote Streifen.

Drei Jahre lang hatte ich mich davon überzeugt, dass Sheriff mich irgendwo unter all seinem Schweigen liebte. Drei Jahre lang hatte ich Ausreden für ihn gefunden. Die späten Nächte. Die Distanz. Marie. Die leere Seite unseres Bettes. Jedes Mal, wenn er sich für sie entschied, redete ich mir ein, es müsse einen Grund geben. Vielleicht würde er mich eines Tages sehen. Vielleicht würde er mich eines Tages verstehen. Vielleicht würde er mich eines Tages so lieben, wie ich ihn liebte. Doch als ich da in meinem eigenen Blut lag, begriff ich endlich etwas. Er hatte mich gesehen. Er hatte sich nur nicht für mich entschieden.

Die Tränen in meinen Augen versiegten. Nicht, weil der Schmerz weg war. Sondern weil etwas in mir endlich verstummt war. Die Liebe, die ich drei Jahre lang beschützt hatte, fühlte sich plötzlich so klein an. So zerbrechlich. Und so fern.

Ich legte eine zitternde Hand auf meinen Bauch. „Es tut mir leid“, flüsterte ich. Ich wusste nicht, ob ich zu meinen Kindern sprach oder zu der Frau, die ich einmal gewesen war.

Das Neonlicht summte über mir. Krankenschwestern wuselten um mich herum. Jemand rief nach einer Trage. Jemand anderes schrie nach dem Notarzt. Aber alles, was ich hörte, war das Geräusch der Treppenhaustüren, die sich hinter Sheriff schlossen. Er hatte Marie gewählt. Und während sich das Blut unter mir weiter ausbreitete, zerfiel das letzte warme Stück meines Herzens endgültig zu Asche.

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