Share

KAPITEL 4

Author: NEON ON LIGHT
last update publish date: 2026-10-10 22:26:13

Sie schoben mich in den OP. Helle Scheinwerfer huschten über mir hinweg, während das Bett den Flur entlanggeschoben wurde. Jemand stellte mir Fragen. Jemand überprüfte meinen Zugang. Ich beantwortete keine der Fragen. Ich fragte nicht nach dem Sheriff. Ich fragte nach niemandem.

Der Anästhesist forderte mich auf, rückwärts zu zählen. „Zehn.“ Ich schloss die Augen. „Neun.“ Alles verschwand.

Als ich aufwachte, schmerzte mein Magen. Aber der Schmerz war nicht das Schlimmste. Es war die Leere.

Eine Krankenschwester überprüfte meinen Zugang und rückte meine Decke zurecht. „Wo sind meine Babys?“, flüsterte ich.

Sie erstarrte. Dann senkte sie den Blick. Ich wusste es bereits.

Einige Minuten später kam ein Arzt mit einer dünnen Mappe herein. „Ms. Monroe, es tut mir leid.“ Ich starrte ihn an. „Sie haben die Schwangerschaft verloren.“

Meine Finger umklammerten die Decke fester. „Beide?“

Er nickte. „Beide Zwillinge.“

Ich wandte den Blick ab. Er legte ein Blatt Papier auf den Tisch neben mich. „Das sind die Originalergebnisse von heute Morgen. Sie wurden vor dem Unfall erstellt. Die Schwangerschaft wurde bestätigt, und der Vaterschaftstest ergab, dass Sheriff Vance der Vater ist.“

Mein Blick wanderte zu dem Blatt. Sein Name stand da. Sheriff Vance. Der Vater. Es gab keine Verwirrung mehr. Keine Anschuldigung. Keine Falschmeldung. Nur die Wahrheit. Und sie war zu spät gekommen.

„Die frühere Akte war gefälscht“, fuhr der Arzt fort. „Wir haben die Diskrepanz bei der Überprüfung der Originalakten entdeckt.“

Ich starrte auf das Papier. „Danke.“ Meine Stimme klang kaum wiederzuerkennen.

Der Arzt nickte und ging. Ich weinte nicht. Ich konnte nicht.

Stunden später öffnete sich die Tür erneut. Sheriff kam herein. Er blieb neben meinem Bett stehen. Einen Moment lang sprachen wir nicht. Dann legte er zwei Ordner auf den Tisch. „Eine Geheimhaltungsvereinbarung“, sagte er. „Und die Scheidungspapiere.“

Ich sah sie mir an. „Das Krankenhaus wurde angewiesen, dies vertraulich zu behandeln. Sie erhalten eine Entschädigung.“

Ich sagte nichts. „Die Behandlung Ihres Bruders wird sechs Monate dauern.“

Ich hob den Blick. „Und nach sechs Monaten?“

„Dann erlischt die Treuhand.“

Natürlich. Er hatte an alles gedacht. Ich nahm den Stift. Sheriff beobachtete mich. „Sie sollten sie lesen.“

„Ist mir egal.“

Ich unterschrieb. Eine Seite. Dann noch eine. Und noch eine. Rosalie Monroe. Meine Unterschrift war das Einzige, was ich noch kontrollieren konnte.

Als ich fertig war, legte ich den Stift hin. Sheriff schwieg. Ich griff nach meinem Ehering. Es kostete mich etwas Mühe, ihn von meinem geschwollenen Finger zu ziehen. Ich hielt ihn zwischen uns. „Dieser gehörte Ihrer Frau.“

Sein Kiefer verkrampfte sich. Ich ließ den Ring in den Pappbecher neben meinem Bett fallen. Er schlug mit einem leisen Klicken auf dem Boden auf. „Ich habe keine Frau mehr, Sheriff“, sagte ich.

Etwas veränderte sich in seinem Gesichtsausdruck. „Rosalie –“

Ich sah ihn direkt an. „Sie schulden mir nichts, Sheriff.“

Er verstummte. „Und ich schulde Ihnen noch weniger.“

Seine Lippen öffneten sich, aber er brachte kein Wort heraus. Ich drückte den Rufknopf. Eine Krankenschwester kam herein. „Ich möchte gehen.“

„Madam, Sie müssen zur Beobachtung hierbleiben.“

„Nein.“

„Ihr Blutdruck –“

„Ich unterschreibe alles, was Sie brauchen.“

Die Krankenschwester sah Sheriff an. Er sagte nichts. Ich unterschrieb die Entlassungspapiere. Meine Kleidung war ruiniert, also zog ich die graue Jogginghose und das Krankenhaushemd an, die mir jemand dagelassen hatte.

Bevor ich ging, hielt ich am Schwesternzimmer an. Ich legte die Sachen, die mir Sheriff gegeben hatte, auf den Tresen. Seine Kreditkarten. Den Autoschlüssel. Das Telefon. Alles, was mich mit ihm verband. „Bitte geben Sie ihm das zurück.“

Dann ging ich. Ich wartete nicht auf Sheriff.

Draußen lieh ich mir das Telefon eines Fremden. Eine Nummer hatte ich noch im Kopf. Ich wählte sie. Es klingelte zweimal. „Vanguard Atelier.“

Mir schnürte es die Kehle zu. „Hier ist Rosalie Monroe.“

Stille. Dann – „Rosalie?“

„Ja.“

„Geht es Ihnen gut?“

„Nein.“ Ich blickte zurück zu den Krankenhaustüren. „Aber ich bin fertig.“

Wieder Stille. „Das Projekt“, sagte ich. „Ich nehme es an.“

„Sind Sie sicher?“

„Ja.“

„Wann können Sie anfangen?“

„Morgen. Um acht Uhr morgens.“

„Rosalie, du musst nicht –“

„Wir sehen uns morgen.“

Ich beendete das Gespräch. Ich gab den Hörer zurück. Dann ging ich los.

Ich wusste nicht, was morgen passieren würde. Ich wusste nicht, wie ich die nächste Woche überstehen sollte. Ich wusste nicht einmal, wie ich meinem Bruder erzählen sollte, was geschehen war. Aber eines wusste ich. Ich würde nicht zurückgehen. Nicht zum Sheriff. Nicht in dieses Haus. Nicht zu der Frau, die alles zerstört hatte und erwartete, dass ich einfach verschwinden würde.

Ich ging weiter. Zum ersten Mal seit drei Jahren ging ich nicht auf meinen Mann zu. Ich ging auf mein eigenes Leben zu.

Continue to read this book for free
Scan code to download App

Latest chapter

  • Blutende Liebe: Seine fatale Entscheidung   KAPITEL 5

    DRITTE PERSPEKTIVEDer Sheriff wusste sofort, dass etwas nicht stimmte, als er die Ostsuite betrat. Rosalie sollte dort sein. Sie war immer da. Selbst wenn sie wütend war. Selbst wenn sie weinte. Selbst wenn er ihr Gründe gab, ihn zu hassen. Sie blieb.Heute Abend war das Zimmer leer. Der Sheriff schob die Tür weiter auf. Das Bett war abgezogen. Der Kleiderschrank war leer. Langsam trat er ein. Keine Koffer. Keine Kleidung. Keine Fotos. Keine Spur von der Frau, die drei Jahre lang dort gelebt hatte.Sein Blick schweifte durch den Raum. Alles, was er Rosalie geschenkt hatte, war noch da. Die Schmuckschatulle. Die Designerhandtaschen. Die teure Uhr, die er ihr nach ihrem zweiten Jahrestag gekauft hatte. Sogar das Gemälde, von dem sie ihm einmal gesagt hatte, dass sie es liebte. Sie hatte nichts davon mitgenommen. Nur ihre eigenen Sachen fehlten.Der Sheriff spannte die Kiefermuskeln an. „Sie ist weg?“Sein Sicherheitschef, der hinter ihm stand, nickte. „Anscheinend.“„Anscheinend?“„Sie

  • Blutende Liebe: Seine fatale Entscheidung   KAPITEL 4

    Sie schoben mich in den OP. Helle Scheinwerfer huschten über mir hinweg, während das Bett den Flur entlanggeschoben wurde. Jemand stellte mir Fragen. Jemand überprüfte meinen Zugang. Ich beantwortete keine der Fragen. Ich fragte nicht nach dem Sheriff. Ich fragte nach niemandem.Der Anästhesist forderte mich auf, rückwärts zu zählen. „Zehn.“ Ich schloss die Augen. „Neun.“ Alles verschwand.Als ich aufwachte, schmerzte mein Magen. Aber der Schmerz war nicht das Schlimmste. Es war die Leere.Eine Krankenschwester überprüfte meinen Zugang und rückte meine Decke zurecht. „Wo sind meine Babys?“, flüsterte ich.Sie erstarrte. Dann senkte sie den Blick. Ich wusste es bereits.Einige Minuten später kam ein Arzt mit einer dünnen Mappe herein. „Ms. Monroe, es tut mir leid.“ Ich starrte ihn an. „Sie haben die Schwangerschaft verloren.“Meine Finger umklammerten die Decke fester. „Beide?“Er nickte. „Beide Zwillinge.“Ich wandte den Blick ab. Er legte ein Blatt Papier auf den Tisch neben mich. „

  • Blutende Liebe: Seine fatale Entscheidung   KAPITEL 3

    Die Treppenhaustüren über mir wurden aufgerissen. Ich kannte diese Schritte, noch bevor ich ihn sah. Schwer. Beherrscht. Derselbe bedächtige Schritt, der mir früher immer Sicherheit gegeben hatte, wenn ich Angst hatte. Jetzt ließ er mein Herz nur noch heftiger rasen.Der Sheriff erschien auf dem Treppenabsatz. Für einen kurzen Moment keimte Hoffnung in mir auf. Er war da. Vielleicht würde er endlich zuhören. Vielleicht würde er das Blut sehen. Vielleicht würde er mich sehen. Dann sah ich Marie an. Sie schluchzte bereits in den Armen einer Krankenschwester, ihr verletztes Handgelenk an die Brust gepresst, als wäre es das Wichtigste im Raum. Es war kaum noch ein roter Fleck zu sehen. Nichts im Vergleich zu dem, was mit mir geschah.Ich lag da, wo ich gestürzt war, mein Kleid durchnässt, beide Hände auf meinen Bauch gepresst. Jeder Atemzug schmerzte. Der Schmerz war in mir lebendig geworden, wand sich und zog sich zusammen, bis ich kaum noch denken konnte. „Sheriff –“Maries Stimme brach

  • Blutende Liebe: Seine fatale Entscheidung   KAPITEL 2

    Um 1:26 Uhr öffneten sich endlich die Eingangstüren. Sheriff trat ein. Er warf keinen Blick auf das Abendessen. Seine Schritte waren fest, als er über den Marmorboden schritt. Dann roch ich es. Jasmin. Marie. Der Duft hing an seinem Hemd. Mir wurde übel.Er blieb einige Schritte von mir entfernt stehen. Einen Augenblick lang dachte ich, er würde sich entschuldigen. Stattdessen zog er einen dicken Umschlag aus seinem Mantel und warf ihn auf den Tisch. „Marie geht es nicht gut.“ Seine Stimme klang emotionslos.Ich starrte ihn an. „Sie bleibt heute Nacht hier?“„Ein paar Tage.“Meine Finger krallten sich unter den Tisch. „Natürlich.“Sheriff blickte zur Treppe. „Packen Sie Ihre Sachen.“Ich blinzelte. „Wie bitte?“„Ihre Sachen.“ Endlich trafen sich unsere Blicke. „Ziehen Sie bis morgen früh in die Ostsuite.“Ich hätte beinahe gelacht. Der Raum wirkte plötzlich unwirklich. „Sie wollen mich umziehen lassen?“ „Mach es mir nicht so schwer.“Meine Augen brannten. „Ich habe hier auf dich gewa

  • Blutende Liebe: Seine fatale Entscheidung   KAPITEL 1

    ROSALIE Ich starrte auf die Live-Übertragung. Auf ihn. Der Sheriff stand unter einem Blitzlichtgewitter aus Kameras, eine Hand ruhte beschützend auf Maries nackter Schulter. Sein schwarzer Anzug war makellos, sein Gesichtsausdruck ruhig und selbstsicher. Dann zog er seinen Mantel aus. Er legte ihn ihr um die Schultern. Die Menge applaudierte. Marie lächelte. Nicht das höfliche Lächeln, das sie Fremden schenkte. Sondern ein sanftes. Mir schnürte es die Kehle zu. Heute Abend sollte unser dritter Hochzeitstag sein. Wir sollten im Kreise unserer Familien essen. Stattdessen stand mein Mann im nationalen Fernsehen neben einer anderen Frau, als wäre sie diejenige, der er sein Leben versprochen hatte. Die Stimme des Reporters drang aus dem Telefon. „Mr. Sheriff, stimmt es, dass Miss Marie nach der heutigen Wohltätigkeitsgala auf dem Anwesen bleiben wird?“ Der Sheriff lächelte. „Wir sind Familie.“ Zwei Worte. Sie hätten nicht so weh tun sollen. Aber sie taten es. Denn ich wusste, was Fa

More Chapters
Explore and read good novels for free
Free access to a vast number of good novels on GoodNovel app. Download the books you like and read anywhere & anytime.
Read books for free on the app
SCAN CODE TO READ ON APP
DMCA.com Protection Status