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KAPITEL 2

Author: NEON ON LIGHT
last update publish date: 2026-10-10 22:15:51

Um 1:26 Uhr öffneten sich endlich die Eingangstüren. Sheriff trat ein. Er warf keinen Blick auf das Abendessen. Seine Schritte waren fest, als er über den Marmorboden schritt. Dann roch ich es. Jasmin. Marie. Der Duft hing an seinem Hemd. Mir wurde übel.

Er blieb einige Schritte von mir entfernt stehen. Einen Augenblick lang dachte ich, er würde sich entschuldigen. Stattdessen zog er einen dicken Umschlag aus seinem Mantel und warf ihn auf den Tisch. „Marie geht es nicht gut.“ Seine Stimme klang emotionslos.

Ich starrte ihn an. „Sie bleibt heute Nacht hier?“

„Ein paar Tage.“

Meine Finger krallten sich unter den Tisch. „Natürlich.“

Sheriff blickte zur Treppe. „Packen Sie Ihre Sachen.“

Ich blinzelte. „Wie bitte?“

„Ihre Sachen.“ Endlich trafen sich unsere Blicke. „Ziehen Sie bis morgen früh in die Ostsuite.“

Ich hätte beinahe gelacht. Der Raum wirkte plötzlich unwirklich. „Sie wollen mich umziehen lassen?“

„Mach es mir nicht so schwer.“

Meine Augen brannten. „Ich habe hier auf dich gewartet.“

„Ich weiß.“

„Du wusstest es?“

Sein Kiefer verkrampfte sich. „Es gibt eine Gala. Reporter. Marie ist nicht wohlauf. Ich habe heute Abend keine Zeit dafür.“

Das. Er nannte unser Jubiläumsessen das. Instinktiv wanderten meine Finger zu meinem Magen. Ich wollte es ihm sagen. Sofort. Ich wollte das Ultraschallbild aus der Tasche ziehen und es auf den Tisch werfen. Stattdessen fragte ich leise: „Ist sie dir so wichtig?“

Er erstarrte. Zum ersten Mal huschte etwas über sein Gesicht. Dann verschwand es wieder. „Sie ist mir wichtig.“

Vier Worte. Sie genügten. Ich schluckte den Schmerz in meinem Hals hinunter. „Und was bin ich?“

Der Sheriff antwortete nicht. Er wandte sich einfach ab. „Die Ostsuite wird vor dem Morgen geräumt sein. Ihr Arzt kommt um neun.“

Er ging zu den Türen. Ich starrte ihm nach. „Sheriff.“

Er blieb stehen. Mein Herz hämmerte. Das Ultraschallbild drückte gegen meine Haut. Ich öffnete den Mund. Aber ich brachte kein Wort heraus. Er wartete nur einen Augenblick, bevor er ging. Die Türen schlossen sich hinter ihm. Stille breitete sich im Raum aus.

Ich blickte auf das unberührte Abendessen. Drei Jahre. Drei Jahre, in denen ich versucht hatte, diese Ehe zu retten. Und heute Abend hatte mein Mann sich für eine andere Frau entschieden, ohne auch nur zu wissen, dass ich sein Kind erwartete.

Langsam zog ich das Ultraschallbild aus meiner Tasche. Meine Finger zitterten, als ich das winzige Bild betrachtete. „Es tut mir leid“, flüsterte ich. Ich wusste nicht, ob ich mich bei dem Baby, bei mir selbst oder bei dem Mann entschuldigte, der gerade gegangen war.

Dann fiel mein Blick auf den Umschlag, den Sheriff zurückgelassen hatte. Irgendetwas daran fühlte sich falsch an. Ich griff danach. Meine Finger hatten das Siegel kaum berührt, als ich den Namen auf der Vorderseite bemerkte. Nicht meiner. Marie Laurent.

Ich erstarrte. Warum hatte mein Mann Maries Unterlagen auf unserem Hochzeitstisch liegen lassen? Ich öffnete den Umschlag. Und die erste Seite ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Es war kein Arztbericht. Es war kein Arzttermin. Es war ein juristisches Dokument. Ein Ehevertrag. Mit Sheriffs Unterschrift unten. Und Maries Namen daneben.

Mir stockte der Atem. Das Datum oben war drei Wochen später. Sheriff hatte Marie nicht einfach nur nach Hause gebracht. Er hatte bereits geplant, was als Nächstes kommen würde.

Langsam senkte ich das Papier. Meine Hand wanderte zu meinem Bauch. Zum ersten Mal in dieser Nacht hatte ich keine Angst, meine Ehe zu verlieren. Ich hatte Angst davor, was mein Mann hinter meinem Rücken geplant hatte. Und plötzlich fühlte es sich nicht mehr sicher an, ihm von meiner Schwangerschaft zu erzählen. Es fühlte sich gefährlich an.

Am nächsten Morgen ging ich ins Krankenhaus. Ich hatte kein Auge zugetan. Der Ehevertrag, den Sheriff dort gelassen hatte, war noch immer zusammengefaltet in meiner Handtasche, aber ich weigerte mich, mich davon abbringen zu lassen. Bevor ich ihn zur Rede stellte, brauchte ich Gewissheit. Ich brauchte die Bestätigung des Arztes. Ich brauchte den Beweis, dass die zwei kleinen Leben in mir wirklich seine waren.

Die Aufzugtüren öffneten sich im dritten Stock. Ich trat hinaus, eine Hand fest umklammert meine Handtasche, die andere hielt den Terminzettel, den mir die Rezeptionistin unten gegeben hatte. Dann blieb ich stehen. Marie wartete. Sie stand im grellen Licht des Krankenhauses und hielt einen gelben Umschlag in der Hand. Ihre Haare waren perfekt frisiert. Ihr Make-up makellos.

Mir wurde mulmig zumute. „Rosalie“, sagte sie fast sanft. „Ich hatte gehofft, dich zu erwischen.“

Ich starrte sie an. „Was machst du hier?“

Sie antwortete nicht. Stattdessen hob sie den gelben Umschlag ein wenig an. Mein Blick fiel darauf. Mein Name stand oben drauf. Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. „Woher wusstest du, dass ich komme?“

Ihre Lippen formten ein kleines Lächeln. „Ich weiß mehr über dich, als du denkst.“

Instinktiv umklammerte ich meine Handtasche fester. Die wahren Ergebnisse waren noch darin – die Ultraschalluntersuchung, die Blutabnahme, der Beweis, dass die Zwillinge in mir von Sheriff waren. Marie trat langsam einen Schritt näher. „Ich weiß“, flüsterte sie.

Zwei Worte. Mir wurde schwindlig. Ich starrte sie an. „Weißt du was?“

„Du bist schwanger.“

Mir stockte der Atem. Sie wusste es. Ich hatte es Sheriff nicht gesagt. Ich hatte es meiner Familie nicht gesagt. Ich hatte es niemandem gesagt. Wie sollte ich es ihm also sagen?

„Und du wirst es ihm heute sagen, nicht wahr?“, fuhr sie fort. Ihre Stimme war sanft, fast mitfühlend. „Du wirst ihm die Bilder zeigen. Ihm sagen, dass du seine Kinder trägst. Vielleicht wirst du ihn sogar anflehen, dich zu behalten.“

Mein Gesicht glühte. „Halt dich von mir fern.“

Marie lächelte. „Er wird sich niemals für dich entscheiden.“

Ich erstarrte. „Nicht solange er noch glaubt, ich hätte ihn aus dem Wrack gezogen.“

Ihre Finger berührten sanft das Armband an ihrem Handgelenk. Die silberne Lotusblume. Mir wurde ganz flau im Magen. „Nicht solange ich das Armband trage, das er mir geschenkt hat.“

Drei Jahre lang hatte ich beobachtet, wie Sheriff dieses Armband hütete. Drei Jahre lang hatte er Marie angesehen, als wäre sie die Frau, die ihm das Leben gerettet hatte. Er hatte nie gewusst, dass ich es war. Und Marie hatte ihn nie korrigiert.

Ich ging an ihr vorbei. „Ich habe einen Arzttermin.“

„Natürlich.“

Ihr Lächeln verschwand nicht. Das war es, was mir Angst machte. Ich drängte mich durch die Tür des Sprechzimmers.

Der Arzt wartete. Ich brauchte die offizielle Bestätigung schwarz auf weiß, bevor ich Sheriff die Wahrheit sagen konnte. Marie folgte mir nicht hinein. Die nächsten zehn Minuten beantwortete ich Fragen, ließ mich untersuchen und gab die Blutprobe ab, die die Krankenschwester verlangte. Als der Arzt die Schwangerschaft – und die Zwillinge – bestätigte, hätten mich diese Worte mit Freude erfüllen sollen. Stattdessen lastete die Angst schwerer auf meiner Brust.

Ich hatte jetzt zwei Babys zu beschützen. Und einen Ehemann, der bereits geplant hatte, eine andere Frau zu heiraten.

Ich trat zurück in den Flur. Marie war weg. Auch die Krankenschwester, die mir Blut abgenommen hatte. Ich sah mich um. Der Flur war seltsam still. Dann bemerkte ich es. Ein dickerer gelber Umschlag lag auf dem Tresen des Schwesternzimmers. Mein Name stand darauf. Mein Herz raste.

Langsam ging ich darauf zu. Ich hatte niemanden gesehen, der ihn dort hingelegt hatte. Ich hob ihn auf. Dann riss ich ihn auf. Die erste Seite ließ mir das Blut in den Adern gefrieren.

Ein Abtreibungsbericht, datiert drei Wochen. Ich starrte die Worte an. „Nein …“

Die zweite Seite war schlimmer. Ein Vaterschaftstest, der die Schwangerschaft mit Elias Crowe in Verbindung brachte, einem Architekten, mit dem ich seit Jahren kaum gesprochen hatte. Meine Finger begannen zu zittern. Das war unmöglich. Ich war nie mit Elias zusammen gewesen. Niemals.

Dann sah ich die dritte Seite. Maries Handschrift. Ordentlich. Absichtlich. Grausam.

Er weiß es schon. Ich hab's ihm heute Morgen gesagt. Gästetrakt bis Ende des Monats. Danach bist du auf dich allein gestellt.

Mir drehte sich der Korridor. Der Sheriff wusste Bescheid? Nein. Das konnte nicht sein. Ich hatte die Schwangerschaft erst gestern entdeckt. Es sei denn –

Mein Blick schnellte zum Treppenhaus. Marie. Ich rannte los.

Ich fand sie auf dem Treppenabsatz zwischen dem dritten und zweiten Stock. Sie lehnte am Geländer, als hätte sie die ganze Zeit auf mich gewartet. „Gib sie zurück“, sagte ich. Meine Stimme klang rau. „Die echten Ergebnisse. Sofort.“

Marie sah mich an. Zum ersten Mal fiel ihre sanfte Maske. Die Freundlichkeit wich aus ihrem Gesicht. „Es gibt keine wirklichen Ergebnisse mehr“, sagte sie leise. Sie hob den gelben Umschlag hoch. „Nur die, die zählen.“

Ich stürzte mich darauf. Sie riss ihn mir weg. Dann packte sie meine Handgelenke. Fest. Ich hatte kaum Zeit zu reagieren. Marie warf sich rückwärts die Treppe hinunter und riss mich mit sich.

Wir stürzten. Der erste Aufprall presste mir die Luft aus den Lungen. Der zweite jagte mir einen heftigen Schmerz durch den Unterleib. Ein stechender, glühender Schmerz durchfuhr mich. Ich schlug seitlich auf dem Treppenabsatz auf. Die Welt schwankte. Dann spürte ich Wärme. Sie breitete sich zwischen meinen Beinen aus und durchdrang den Stoff meines Kleides. Blut. Mein Blut.

Meine Hände fuhren zu meinem Bauch. „Nein …“

Marie landete einige Stufen unter mir. Sie rollte sich auf die Seite, umklammerte ihr Handgelenk und schrie. Der Schrei hallte von den Betonwänden wider. „Hilfe!“

Schritte hallten von oben und unten. Krankenschwestern. Pfleger. Stimmen. Rufe. Ich versuchte, mich aufzurichten. Meine Arme gaben nicht nach. Der Schmerz in meinem Bauch pulsierte in widerlichen, erdrückenden Wellen, und das Blut hörte nicht auf zu fließen. Ich presste beide Hände auf die sich ausbreitende Wunde und sah zu Marie auf.

Zwei Pfleger halfen ihr bereits auf die Beine. Tränen rannen ihr über die Wangen. Perfekte Tränen. Sie umklammerte ihr Handgelenk und zeigte auf mich. „Sie hat mich gestoßen!“

Mein Herz setzte aus. „Nein.“

Meine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Sie hat versucht, mich umzubringen!“

„Das stimmt nicht“, keuchte ich. Aber niemand hörte zu.

Marie schluchzte noch heftiger. „Sie hat herausgefunden, dass ich von der Affäre wusste. Sie ist durchgedreht.“

Ein Pfleger betrachtete ihr Handgelenk. Ein anderer kniete sich neben mich. „Ma’am, bewegen Sie sich nicht.“

Ich presste beide Hände auf meinen Bauch. Die Hitze wollte nicht nachlassen. Auch der Schmerz nicht. Und als irgendwo im Flur der Notfallalarm losging, wurde mir die schreckliche Wahrheit bewusst.

Marie war nicht zufällig ins Krankenhaus gekommen. Sie hatte genau gewusst, wo ich sein würde. Sie wusste von meiner Schwangerschaft. Und sie hatte alles vorbereitet, noch bevor ich durch die Aufzugtüren getreten war.

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