ログインDer Apfelbaum hatte angefangen.Mara sah es, als sie am ersten Abend nach der Rückkehr in den Garten des Solis-Hauses trat — noch bevor sie die Taschen ausgepackt hatte, noch bevor sie Wasser trinken gegangen war, noch bevor irgendetwas anderes. Sie hatte die Haustür geöffnet, die Taschen abgestellt, und war direkt durch den Flur in die Küche und durch die Küchentür in den Garten, weil das der erste Impuls gewesen war, der erste Gedanke nach der langen Zugfahrt.Der Apfelbaum.Er stand in der Dämmerung, kleiner als er im Sommer war, noch nicht in vollem Laub, aber — da. Kleine, zögerliche Knospen an den Ästen, das erste Grün, das noch nicht sicher war, ob es sich entfalten durfte, aber sich entfaltete, weil Frühling sich entfaltete, ohne zu fragen.Mara holte die Kamera.Nicht sofort — sie ließ einen Moment vergehen, stand im Garten, in der Aprilabenddämmerung, und sah den Baum an, nur so, ohne das Objektiv dazwischen. Dann holte sie die Kamera, die große diesmal, die mit dem richtige
Sie wachte früh auf, noch bevor die Stadt vollständig begonnen hatte.Das war eine Gewohnheit, die sich über die Jahre ergeben hatte, nicht durch Disziplin, sondern weil die beste Zeit für Fotografen die war, in der das Licht noch nicht wusste, was es sein wollte — das Licht vor dem Licht, das Blaue, das dem Goldenen vorausging und das man nicht festhalten konnte, ohne schnell zu sein.Mara zog sich an, leise, ohne Damian zu wecken, nahm die Kamera, die kleine, die leichte, die für solche Morgen war, und verließ das Hotel.Wien in der Frühe war ein anderes Wien.Nicht leer — Wien war nie leer, die Stadt hatte zu viele Schichten für Leerheit — aber stiller, in einer Art, die Raum ließ. Die Straßen der inneren Bezirke, die normalerweise voll waren mit dem Geräusch von Touristen und Arbeitenden und der üblichen Stadtgeschäftigkeit, hatten jetzt eine andere Qualität. Man hörte die eigenen Schritte. Man hörte die Tauben, die sich irgendwo auf einem Gesims unterhielten. Man hörte das ferne
Die Ausstellung in Wien eröffnete am dritten April.Mara war zwei Tage früher angereist, allein, mit einem Koffer, der kleiner war als der, den sie vor sieben Jahren gepackt hatte, als sie Ravenmoor verlassen hatte. Das war keine Symbolik, die sie geplant hatte — es war einfach, dass sie weniger brauchte jetzt, oder anders gesagt, besser wusste, was sie brauchte.Wien empfing sie so, wie Wien immer empfing — mit der gelassenen Überlegenheit einer Stadt, die sehr lange sehr viel gewesen ist und das nicht mehr beweisen muss. Die Ringstraße, die Kaffeehäuser, der spezifische Geruch der U-Bahn, der überall auf der Welt anders war und nirgends schön und trotzdem vertraut, wenn man ihn kannte.Mara kannte ihn. Sie hatte sechs Monate hier gewohnt, nach dem Abend am Bahnhof in Ravenmoor, vor sieben Jahren. Sie war in einer kleinen Wohnung im siebten Bezirk gewesen, mit einem Fenster, das auf einen Innenhof zeigte, und einer Dunkelkammer, die sie sich eingerichtet hatte mit dem, was erschwingl
Das Vorabexemplar kam an einem Donnerstagmorgen.Ein Paket, mittelgroß, braunes Papier, Lenas Handschrift auf dem Absender, die Mara sofort erkannte — nach rechts geneigt wie die ihrer Mutter, was Mara nie aufgefallen war, bis es ihr aufgefallen war, und seitdem nicht mehr aus dem Kopf ging. Lena wusste das nicht, und Mara hatte es ihr nie gesagt, weil manche Beobachtungen nur für einen selbst waren.Sie öffnete das Paket am Küchentisch des Solis-Hauses, langsam, weil die Art, wie man etwas öffnete, etwas darüber sagte, wie man sich darauf vorbereitete.Das Buch lag darin, in Seidenpapier gewickelt, was Lena nicht ähnlich sah und deshalb auffiel — die Geste von jemandem, der verstanden hatte, dass das hier kein gewöhnliches Paket war.*Was aufgeschrieben wurde.*Das Cover war so, wie Vogel es beschrieben hatte — das Foto des leeren Stuhls bei *Da Enzo*, die Kerze, das Fenster mit der Lindenstraße dahinter. Im Druck sah es anders aus als auf dem Bildschirm, wie Fotos immer anders aussa
Das neue Jahr begann mit Regen.Nicht Schnee — Regen, der warme, falsche Regen des frühen Januars, der aussah wie ein Versehen, als hätte der Winter kurz vergessen, was seine Aufgabe war, und dann, nach drei Tagen, wieder aufgehört und den Frost zurückgebracht, als wäre nichts gewesen. Ravenmoor kannte dieses Muster und ignorierte es, wie die Stadt alle Muster ignorierte, die sich nicht in ihre eigene Logik einfügten.Mara fotografierte den Regen.Nicht die Pfützen, nicht die nassen Straßen — die Tropfen auf dem Fensterglas des Arbeitszimmers, die Linien, die sie zogen, das Verschwimmen der Stadt dahinter, die durch das nasse Glas zu etwas Unschärferem wurde, das trotzdem erkennbar blieb. Ravenmoor, durch Wasser gesehen. Dasselbe und anders.Das war das sechzehnte Foto nicht. Aber es war nah.Wien hatte ja bekommen.Mara hatte Vogel am zweiten Januar angerufen, früh, bevor die Unentschlossenheit des Morgens sich in etwas festigen konnte, und gesagt: *Ja, die Ausstellung nach Wien. Unt
Weihnachten kam in diesem Jahr ohne Ankündigung.Das war nicht wörtlich — die Lichter in der Innenstadt hingen seit Wochen, die Märkte hatten Ende November geöffnet, Glühwein und Lebkuchen und das übliche festliche Durcheinander, das Ravenmoor jedes Jahr produzierte und das Mara als Kind geliebt hatte und als Erwachsene mit einer milden, affektiven Gleichgültigkeit betrachtete. Nicht Ablehnung, nicht Begeisterung. Einfach da.Was sie meinte, war anders.Sie meinte, dass das Weihnachten dieses Jahres sich schleichend angekündigt hatte, ohne dass sie es gemerkt hatte — durch kleine Dinge, die sich in den Wochen angesammelt hatten: Hildegards Paket, das Mitte Dezember ankam mit zwei Gläsern Marmelade und einer Karte, auf der stand *Frohe Weihnachten, ich denke an Sie*, und das Mara auf den Küchentisch des Solis-Hauses gestellt hatte, weil es dort hingehörte. Rafaels Nachricht, kurz, mit einem Foto: die Kinder seiner Klasse bei einer Weihnachtsfeier, Henrik in der Mitte, die Hand zur Faus
Am nächsten Morgen regnete es wieder. Ravenmoor schien nicht zu wissen, wie man aufhörte zu trauern.Lena saß bereits am Küchentisch, als Mara herunterkam. Der Laptop stand offen, daneben ein leeres Kaffeebecher und drei Seiten handgeschriebene Notizen, die in der chaotischen Handschrift verfasst w
Am neunten Tag zog Lena Brauer mit einem Koffer voller Unterlagen, einem Laptop, der aussah, als hätte er an drei Feldzügen teilgenommen, und zwei Schachteln Schokolade ins Solis-Haus ein.„Ich bin deine Hausgästin", erklärte sie beim Eintreten, ohne gefragt worden zu sein, und umarmte Mara mit der
Ravenmoor schlief nicht gut im Oktober. Das war Maras erste Erkenntnis nach einer Woche, in der sie versucht hatte, die Stadt neu zu lernen wie eine Sprache, die man einmal gesprochen und dann vergessen hatte. Die Wörter kamen zurück, aber die Grammatik stimmte nicht mehr.Am Donnerstag frühmorgens
Zwei Tage nach dem Notartermin kam der Strom zurück ins Solis-Haus, und mit ihm eine Stille, die lauter war als das Dunkel. Mara begann damit, Räume zu inventarisieren. Das war sachlich, praktisch, und ließ keinen Raum für Gefühle, was genau die Intention war.Sie arbeitete von oben nach unten. Das







