LOGINJudiths Sicht
Nach drei Wochen hatte ich den Rhythmus des Hauses verinnerlicht – so wie man die Anordnung eines Zimmers im Dunkeln lernt: nicht durch Hinsehen, sondern indem man sich an den Kanten stößt.
Das Frühstück fand in der kleinen Küche neben dem Ostflügel statt. Als ich mich das erste Mal mit Lyra auf der Hüfte in den großen Speisesaal gewagt hatte, war es im Raum mit einem Schlag so still geworden, dass ich das Knistern des Kaminfeuers aus zehn Metern Entfernung hören konnte. Den Fehler hatte ich kein zweites Mal gemacht. Stattdessen brachte Lila uns fast jeden Morgen das Essen, summte leise vor sich hin und füllte das Schweigen, das ich selbst nicht zu füllen wusste.
»Du könntest mit dem Rudel essen, weißt du«, sagte sie eines Morgens und stellte einen Teller mit Rührei ab, um den ich nicht gebeten hatte. »Niemand würde etwas sagen.«
»Sie würden eine Menge sagen. Nur eben nicht in mein Gesicht.«
Lila widersprach nicht, denn wir wussten beide, dass ich recht hatte.
Selene hingegen machte sich gar nicht erst die Mühe, ihre Stimme zu senken.
Am selben Nachmittag lief ich ihr im Korridor des Ostflügels über den Weg – kaum zufällig, wie ich vermutete. Sie lehnte mit verschränkten Armen an der Wand nahe meiner Tür, als hätte sie gewartet. Perfekt gekleidet, als hätte sie einen wichtigen Termin, der definitiv nicht hier lag.
»Judith.« Sie sprach meinen Namen aus, als berühre sie etwas Unreines. »Wie lebst du dich ein?«
»Gut, danke der Nachfrage.«
»Hm.« Ihr Blick glitt zu Lyra auf meiner Hüfte, dann zurück zu mir. »Es ist wirklich rührend. Wie sie sich an Kael klammert. Babys sind ja so leicht zu beeindrucken. Sie hängen sich an jeden, der ihnen ein wenig Aufmerksamkeit schenkt.« Ein feines, berechnendes Lächeln trat auf ihre Lippen. »Für ihn bedeutet das natürlich nichts. Er ist einfach nur höflich. Es liegt nicht in seiner Natur, ein Kind abzuweisen – selbst eines, das nicht von ihm stammt.«
»Ich habe nicht gefragt, was es für ihn bedeutet.«
»Nein, das nehme ich auch nicht an.« Sie stieß sich gelassen von der Wand ab. »Ich erwähne es nur, weil ich nicht möchte, dass du es dir hier allzu gemütlich machst. Dieses Haus ist nicht für Außenstehende gebaut. Es hat eine Art, Menschen daran zu erinnern, wo ihr Platz ist.«
»Ist das eine Drohung?«
»Nur eine Feststellung.« Ihr Lächeln wurde breiter, erreichte aber ihre Augen nicht im Geringsten. »Genauso wie Griffins Feststellung neulich. Schon komisch, wie viel ihr zwei gemeinsam habt, wenn man so darüber nachdenkt. Fremde, die plötzlich auftauchen und Fragen aufwerfen, nach denen niemand verlangt hat.«
Sie ging, bevor ich etwas erwidern konnte. Das Klacken ihrer Absätze hallte den Gang hinab, und ich blieb einen Moment länger stehen, als ich wollte, während der Stich an einer Stelle traf, auf die ich nicht vorbereitet gewesen war.
Lyra patschte mir ahnungslos gegen die Wange und gab einen Laut von sich, der kein echtes Wort war.
»Ja«, murmelte ich ihr zu. »Die ist auch ein ganz besonderer Fall.«
Zwei Nächte später traf ich Kael erneut in der Bibliothek. Ich hatte ihn nicht gesucht – das redete ich mir zumindest ein und glaubte es fast –, aber Lyra hatte hohes Fieber, das einfach nicht sinken wollte. Der Fiebersaft, den Lila in unserer Küche deponiert hatte, war aufgebraucht, und jemand hatte erwähnt, dass im Arzneischrank im Arbeitszimmer noch Nachschub stehen könnte.
Er stand am selben Fenster, in derselben reglosen Haltung, als verbringe er mehr Nächte in diesem Raum als im eigenen Bett. Er fuhr herum, als die Tür knarrte, und sein Gesichtsausdruck, bevor er mich erkannte, wirkte erschöpft auf eine Weise, wie ich es an ihm noch nie gesehen hatte. Ausgemergelt.
»Sie ist krank«, sagte ich, ehe er fragen konnte. »Ich muss an den Arzneischrank.«
Er durchquerte den Raum, ohne ein Wort zu verlieren, schloss den Schrank auf und reichte mir die Flasche. Unsere Finger berührten sich nicht. Ich achtete penibel darauf.
»Geht es ihr gut?«, fragte er. Und etwas an der Art, wie er es aussprach – vorsichtig, als sei er sich nicht sicher, ob er überhaupt das Recht dazu hatte –, traf mich unvorbereitet.
»Nur Fieber. Sie bekommt das manchmal.« Ich zögerte an der Tür. »Du siehst aus, als hättest du tagelang nicht geschlafen.«
»Habe ich auch nicht. Kaum.« Er fuhr sich mit der Hand über den Kiefer, und für eine Sekunde verrutschte die Maske des Alphas weit genug, dass er wie ein übermüdeter Mann Ende zwanzig wirkte – nicht wie die Mauer aus Stein, die mich am Tor empfangen hatte. »Träume.«
Ich weiß nicht, warum ich stehen blieb, statt einfach zu gehen. »Worüber?«
Er sah mich lange an, als wäge er ab, ob ich eine Antwort verdient hatte. »Ein Mädchen. Von damals, als ich dreizehn war. Ich kann ihr Gesicht nicht sehen – konnte ich noch nie, schon bevor die Träume anfingen –, aber in letzter Zeit erinnere ich mich fast an etwas. Eine Hand. Eine Stimme. Und in der Sekunde, in der ich aufwache, ist alles wieder weg.« Er schüttelte den Kopf, sichtlich verärgert über sich selbst, weil er es laut ausgesprochen hatte. »Ist nicht wichtig. Vergiss, dass ich es erwähnt habe.«
»Es klingt aber wichtig.«
»Es ändert nichts.« Seine Stimme war wieder vollkommen tonlos, die Mauer schob sich an ihren alten Platz zurück. »Geh und kümmere dich um Lyra.«
Ich ging mit der Flasche, und erst als ich den halben Flur hinter mir hatte, bemerkte ich, dass das Mal an meinem Handgelenk die ganze Zeit über pulsiert hatte – dumpf und fordernd, als wolle es mir etwas sagen, das ich um keinen Preis hören wollte.
Gegen Mitternacht sank Lyras Fieber. Ich blieb trotzdem bei ihr sitzen und wiegte sie im Dunkeln, lange nachdem sie es nicht mehr brauchte, denn auch für mich war an Schlaf nicht zu denken.
Ein Mädchen, dessen Gesicht ich nicht sehen kann. Eine Stimme. Eine Hand.
Ich redete mir ein, dass es nichts zu bedeuten hatte. Viele Männer trugen Geister mit sich herum. Viele Männer lagen nachts wach und jagten Erinnerungen nach, die nicht gefunden werden wollten.
Doch mein Handgelenk brannte leise und stetig die ganze Nacht hindurch. Und tief unter dem Teil von mir, der alles als reinen Zufall abtun wollte, fragte sich ein anderer Teil – kleiner, aber viel schwerer zu ignorieren –, wovor genau ich eigentlich solche Angst hatte, es herauszufinden.
Kaels SichtIn jener Nacht kehrte der Traum wieder zu mir zurück.Ich war wieder ein Junge. Vielleicht zwölf Jahre alt. Ich stand in einem Baumhain, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das Licht war seltsam. Zu golden. Zu reglos. Wie ein Gemälde, das jemand unvollendet zurückgelassen hatte.Irgendwo vor mir lachten Kinder.Ich ging dem Geräusch entgegen. Meine Füße kannten den Pfad; sie waren schon einmal hier gewesen. Äste streiften meine Arme. Die Luft roch nach Kiefern, wilden Blumen und etwas Süßem, für das ich keinen Namen fand.Ein Mädchen stand zwischen zwei alten Eichen.Sie war klein. Barfuß. Ihr dunkelblondes Haar war ein unordentliches Durcheinander aus Knoten und Blättern. Sie drehte sich zu mir um, und ihr Gesicht war mir auf eine Art vertraut, die mir die Brust schmerzen ließ. Nicht, weil ich sie kannte – sondern weil ich sie vergessen hatte.»Du bist langsam«, sagte sie.»Ich bin nicht langsam.«»Bist du wohl.« Sie lächelte. Es war ein echtes Lächeln. Nicht vo
Judiths SichtDer Traum begann so, wie er immer begann. Bäume. Dunkel und dicht gedrängt. Der Geruch nach Kiefern und feuchter Erde. Meine nackten Füße, Äste, die mir ins Gesicht peitschten, und eine Hand in der meinen – klein, warm, mich vorwärtsziehend.»Schneller«, rief der Junge. »Sie kommen!«Ich wusste nicht, wer sie waren. Das wusste ich nie. Aber ich rannte trotzdem, während meine Brust keuchte, meine Beine brannten und das Lachen des Jungen durch die Finsternis schnitt, als wäre das alles nur ein Spiel.Dann verstummte das Lachen.Die Hand des Jungen wurde aus meiner gerissen. Ich hörte ihn schreien – meinen Namen oder etwas Ähnliches, ein Laut, der »Judy« hätte sein können oder vielleicht auch gar nichts. Die Bäume verschluckten ihn vollkommen.Ich war allein.Die Dunkelheit drängte auf mich ein. Etwas regte sich hinter mir. Etwas Riesiges. Ich versuchte zu rennen, doch meine Beine gehorchten mir nicht. Der Boden unter meinen Füßen war feucht, und als ich hinabsah, waren mei
Kaels SichtDex fand mich noch vor dem Morgengrauen im Arbeitszimmer. Ich hatte nicht geschlafen. Ich war an jenem Fenster stehen geblieben, bis der Himmel grau wurde, bis ihre Silhouette im Fenster verschwand und das Licht kalt und fahl über den Bäumen aufstieg. Mein Wolf war die ganze Nacht unruhig unter meiner Haut auf und ab gewandert – eine Rastlosigkeit, die rein gar nichts mit den Patrouillenberichten zu tun hatte, die sich auf meinem Schreibtisch stapelten.»Wir haben nichts«, sagte Dex und schloss die Tür hinter sich. »Keine Leiche. Keine Spur. Keine Lösegeldforderung. Petra ist einfach ... weg.«Ich wandte mich vom Fenster ab. »Was wissen wir über sie?«»Küchen-Omega. Neunzehn Jahre alt. Ruhig. Blieb für sich.« Er ließ sich in den Sessel gegenüber meinem Schreibtisch fallen und rieb sich über die Augen. »Niemand hat etwas gesehen. Niemand hat etwas gehört. Als hätte sie sich in Luft aufgelöst.«»Menschen lösen sich nicht in Luft auf.«»Ich weiß.« Er beugte sich vor, die Ellb
Judiths SichtIn der dritten Nacht kehrte der Wolf zurück. Ich hatte unwillkürlich angefangen mitzuzählen. In der ersten Nacht redete ich mir ein, es sei ein Streuner. In der zweiten Nacht redete ich mir ein, ich würde mir das nur einbilden. In der dritten Nacht stand ich mit der quengelnden Lyra an meiner Schulter am Fenster des Ostflügels und sah zu, wie er sich am Waldrand entlangbewegte, als hätte er jedes Recht dazu, dort zu sein.Er sah nicht aus wie die anderen. Die Wölfe von Stonecrest liefen in festen Mustern, in Schleifen und Runden, die ich allmählich zufällig verinnerlicht hatte – so wie man mit der Zeit das Knarren der Dielen in einem fremden Haus kennenlernt. Dieser Wolf hier stand still. Beobachtend. Wartend.Wahrscheinlich gar nichts, sagte ich mir. Wahrscheinlich nur eine Patrouille.Lyra kaute auf ihrer kleinen Faust und wimmerte leise. Ein weiterer Zahn, der sich durchschob. Sie plagte sich nun schon seit Tagen damit herum, und keine von uns beiden hatte mehr als zw
Kaels SichtDer Traum kehrte in jener Nacht zurück.Dieses Mal wachte ich mit einem Herzklopfen auf, das so laut hämmerte, dass ich es hören konnte.Ich war wieder im Wald. Es war dunkel, die Bäume standen dicht an dicht, Äste rissen an meiner Kleidung und zerkratzten meine Arme, während ich rannte. An meiner Flanke klebte Blut. Ich spürte, wie es mein Hemd durchtränkte, warm auf meiner Haut, doch ich hatte keine Ahnung, wie ich verletzt worden war.Etwas war hinter mir.Ich konnte es nicht sehen. Ich brauchte es auch nicht.Ich hörte seinen Atem. Das Brechen von Zweigen. Das Knurren, das alle paar Sekunden ertönte, jedes Mal näher als das zuvor.Ich versuchte, schneller zu rennen.Meine Beine gaben nach.Ich schlug hart auf dem Boden auf, mein Gesicht nur wenige Zentimeter vom nassen Laub entfernt, und aus irgendeinem Grund wusste ich, dass ich nicht mehr aufstehen würde.Dann packte mich jemand.Eine Hand legte sich über meinen Mund, noch bevor ich schreien konnte.»Leise«, flüstert
Judiths SichtNach drei Wochen hatte ich den Rhythmus des Hauses verinnerlicht – so wie man die Anordnung eines Zimmers im Dunkeln lernt: nicht durch Hinsehen, sondern indem man sich an den Kanten stößt.Das Frühstück fand in der kleinen Küche neben dem Ostflügel statt. Als ich mich das erste Mal mit Lyra auf der Hüfte in den großen Speisesaal gewagt hatte, war es im Raum mit einem Schlag so still geworden, dass ich das Knistern des Kaminfeuers aus zehn Metern Entfernung hören konnte. Den Fehler hatte ich kein zweites Mal gemacht. Stattdessen brachte Lila uns fast jeden Morgen das Essen, summte leise vor sich hin und füllte das Schweigen, das ich selbst nicht zu füllen wusste.»Du könntest mit dem Rudel essen, weißt du«, sagte sie eines Morgens und stellte einen Teller mit Rührei ab, um den ich nicht gebeten hatte. »Niemand würde etwas sagen.«»Sie würden eine Menge sagen. Nur eben nicht in mein Gesicht.«Lila widersprach nicht, denn wir wussten beide, dass ich recht hatte.Selene hin







